Kompetenzen für die Arbeitswelt von morgen

Zu dem folgenden Thema habe ich am 8.2.2007 im Rahmen des Trainingclubs einen Vortrag gehalten. Ein Interview dazu finden Sie hier.

„Sicherheit ist mir einfach extrem wichtig“, sagen mir Absolventen in Seminaren oft. „Ich will Karriere machen, Hauptsache weiter kommen“ – auch solche Sätze lese ich nicht selten. Sie machen mich nachdenklich. Denn immer wieder merke ich: Die Arbeitswelt verändert sich offenbar viel schneller als die Menschen. Niemand hat die Menschen darauf vorbereitet, was sie jetzt und in Zukunft zu erwarten haben. Sicherheit und eine vertikale Karriere nach dem Muster der Nachkriegsjahrzehnte? Alle Wissenschaftler sagen einmütig: Passé, auch wenn man natürlich nach wie vor Führung braucht. Nur: Weniger und anders. Die Vorhersagen der Wissenschaftler stimmen mit meinen Beobachtungen aus der Karriereberatung überein. Es gibt keine Sicherheit mehr, keine Dauerjobs, keinen steilen Karriereberg mehr, den man ein ganzes Berufsleben lang abschnittsweise erklimmt. Der goldene Kugelschreiber zum 20. Jubiläum der Betriebszugehörigkeit, er gehört in die Vergangenheit.

Längst zeichnet sich ab, wohin die Reise geht:

  • Lebensabschnittsjobs statt Dauerbeschäftigung
  • Horizontale Kompetenzerweiterung statt vertikaler Aufstieg
  • Globale Arbeit im virtuellen Team statt Job vor Ort
  • Lebenslanges Lernen statt einmal Ausbildung oder Studium
  • Selbstständig handeln statt Führen lassen
  • Mehr arbeiten, mehr wissen, mehr entscheiden

Als Teil der Wissensgesellschaft verdienen wir mit Wissen Geld. Handwerkliche Tätigkeiten und einfache Jobs gibt es immer weniger. Die Menschen werden aber auf überholte Art und Weise auf ein Berufsleben vorbereitet – von Lehrern, die die Privatwirtschaft da draußen gar nicht kennen und deshalb nicht wissen können, worauf es ankommt.

Unser dreigliederiges Schulsystem, immer noch da um auf handwerkliche (Hauptschule), kaufmännische (Realschule) und akademische Tätigkeiten (Gymnasium) vorzubereiten, präpariert schlecht. Dass unser schönes Hamburg nun versucht, mit den Regionalschulen Realschüler und Hauptschüler gemeinsam vom Rest der Wissensgesellschaft abzusondern, macht das eher schlechter als besser… Der Bedarf ist klar: Wir brauchen Wissensarbeiter. Jeder muss in die Lage versetzt werden, vernetzt zu denken. Dass Hauptschüler und auch viele Realschüler das nachweislich oft nicht können, liegt am System und nicht an der Intelligenz.

Bildung ist das eine – Ausbildung das andere. Wir sind immer noch gefangen in unseren gewohnten Verhaltensmustern und Glaubenssätzen wie „Lerne erst einmal etwas Richtiges.“ Junge Leute werden nach wie vor darauf getrimmt, den Arbeitgeber „fürs Leben“ zu finden. Auch die Arbeitsagenturen denken in klassischen Berufsbildern, neue Ausbildungsberufe versuchen, dem erkannten Trend hinterher zu hechten und sind dabei immer eine Nasenlänge zu spät. Wäre es nicht viel sinnvoller, kürzere und schnellere Aus- und Weiterbildungen zum normalen Bestandteil des Berufslebens zu machen. Und ich denke da nicht an einen Tag Bildungsurlaub….

Zu spät sind wir, zu langsam mahlen die Mühlen: Mir begegnen in meiner Karriereberatungs-Praxis selten Menschen, deren Tätigkeiten sich in einen Berufe-Katalog einordnen lassen. Wofür braucht man diese Schubladen überhaupt? Wäre bedarfsorientiertes Lernen nicht sinnvoller als das abschluss- und zertifikateorientierte Ausbildungssystem? Liegt die Grundverantwortung nicht darin, Kompetenzen zu vermitteln, mit denen Menschen Wissen bewältigen und sich immer wieder neu aneignen können, und zwar eigenverantwortlich?

Überhaupt, Eigenverantwortung: Die ist mehr als je zuvor gefordert. Immer mehr Angestellte, vor allem in der IT, arbeiten im Home Office zusammen mit der ganzen Welt in virtuellen Teams. Auf diese Arbeit bereiten normale Trainings nicht vor, die Anforderungen an die multimediale Kommunikation, an Führung per Skype und Videokonferenz und an das Selbstmanagement jeden einzelnen Teammitglieds sind andere, auch wenn letztendlich alte Kommunikationsregeln weiter gelten.

Die Personalabteilungen kommen der Entwicklung nicht mehr hinterher. Ich sehe immer mehr Lebensläufe mit immer kürzeren Stationen. Der Arbeitsmarkt verlangt nach beruflichen Wechseln und für die persönliche Entwicklung, das behaupte ich, sind diese ein Plus. Genauso wie berufliche Pausen, denn die Schnelllebigkeit der Arbeitswelt und den dauerhaft erhöhten Stresspegel hält niemand mehr über 30 Jahre auf gleichem Niveau durch.

Unverständlich, dass schnelle Wechsel und Pausen oft zum Aussortieren der Bewerbung führen. Alle wollen Spezialisten, Branchenexperten und Lücken im Lebenslauf werden nicht toleriert. Das passt nicht zu der logischen Entwicklung hin zur Kurvenkarriere, in der die Station OHNE Führungsverantwortung der MIT Führungsverantwortung nachfolgen kann. Das passt auch nicht zur Entwicklung Richtung Patchworkkarriere, die unterschiedliche Tätigkeiten auf eine bunte Kette reiht, in der das eine oder andere Glied auch mal fehlen darf.

Ich bin überzeugt, dass es in Zukunft viel mehr berufliche Auszeiten geben muss. Es muss Menschen möglich sein, drei Jahre etwas „anderes“ zu machen. Aus mehreren Gründen: Die hohe Drehzahl im Job – ein Angestellter arbeitet heute so viel wie früher drei – lässt sich nicht dauerhaft durchhalten. Warum sollten sich z.B. nicht auch Bildungs- und Arbeitsphasen abwechseln und berufliche Pausen zum Auftanken ganz normal werden?

Lange haben sich die Gehälter hochgeschaukelt, auch um gut qualifizierte Mitarbeiter zu halten. Doch deren Qualifikation ist in den Jahren der Tätigkeit für einen Arbeitgeber veraltet. Geschäftsprozesse sind oft firmenindividuell, nur ein Teil der in gewachsenen Strukturen erworbenen Erfahrungen sind übertragbar. Die Konsequenz: Jahrelang für einen Arbeitgeber tätige Mitarbeiter kommen nicht mehr besser ausgerüstet als die Wettbewerber auf den Markt. Im Gegenteil: Sie sind markttechnisch weniger wert als der mit aktuellen Kompetenzen ausgestattete Nachwuchs. Das „kostet“ Gehalt – so ist der Markt.

Und bringt mich zu der Frage, warum so viele Festanstellungen in einem sich schnell verändernden Umfeld wie etwa der IT überhaupt sein müssen. Wäre es nicht für Arbeitgeber und Mitarbeiter besser, wenn die Zeit der Zusammenarbeit beschränkt wäre? Dies würde das schnelle Veralten von Fähigkeiten oder das Entstehen von allzu firmenindividuellen und damit nicht mehr auf andere Positionen übertragbaren Profilen verhindern und böte den Arbeitgebern mehr Flexibilität. Um den Übergang zum nächsten Projekt zu erleichtern, könnte am Ende der Zusammenarbeit ja eine Art Karenzgeld stehen…

Das bringt mich um nächsten Stichwort: Marktfähigkeit. Jeder Angestellte muss wie sein selbstständiger Kollege künftig ein Arbeitsleben lang dafür sorgen, marktfähig zu bleiben. Das bedeutet, ständig zu schauen, wohin der Markt sich entwickelt, welches inhaltliche und methodische Wissen gefragt ist. Damit nähern sich Angestellte und Selbstständige immer mehr an – beide brauchen nicht nur Unsicherheitstoleranz, beide brauchen auch unternehmerisches Denken und die Bewusstheit, dass jeder selbst für die Verkaufsfähigkeit seines „Produkts“, seiner Arbeit, sorgen muss. Das ist, zugegeben, anstrengend. Ein Grundeinkommen, über das ich demnächst an dieser Stelle schreibe, würde diese Anstrengung aus meiner Sicht erheblich abmildern.

Die neue Arbeitswelt fordert eine andere Art von Flexibilität, auch was die Lebensumstände angeht. Ich denke, dass es künftig sein kann, dass ein und derselbe Angestellte drei Jahre mehrere hunderttausend Euro verdient, um dann zehn Jahre – in einem Job mit geringeren Anforderungen – nur noch 50.000 Euro zu bekommen. „Die Kunst des stilvollen Verarmens“, so ein Bestseller-Buchtitel aus dem Jahr 2005, wird jeder immer wieder mal lernen müssen. Ich glaube: Der Persönlichkeitsentwicklung tut das richtig gut.

Die Konsequenzen? Meine Gedanken im Überblick:

Die schnellen Änderungen in globalen Unternehmen verlangn

  • eine Aufgabe des Sicherheitsversprechens (so genannter „psychologischer Vertrag“)
  • eine höhere Unsicherheitstoleranz
  •  die Fähigkeit, sich selbst permanent marktfähig zu halten
  • die Fähigkeit, Wissen zu managen
  • das Bewusstsein, dass Mitarbeiter und Unternehmen Geschäftspartner auf Zeit sind
  • einen höheren Anteil von Freelancern, die projektweise arbeiten.

Virtuelle Teams fordern

  • Fähigkeit zum Selbstmanagement
  • Fähigkeit zur Selbstmotivation
  • Interkulturelles Wissen
  • Lebensmotive jenseits von Status und Macht
  • Kommunikationskompetenz per E-Mail, Chat etc.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Über Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

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