Posts von — Juli 2007
Wie gelingt der Sprung aus der Technik?
Vom Entwickler zum Projektmanager
Wer mehr kann als nur Programmieren, z.B. Projekte leiten, ist gefragter als je zuvor. Die Frage „wie schaffe ich den Weg raus aus der Technik?“ begegnet mir in der Beratungspraxis deshalb immer häufiger.
Fast alle IT-Freiberufler haben in den letzten Jahren Höhen und Tiefen am Projektmarkt erlebt. Sie wissen, dass die Auftragslage nicht immer so stabil bleiben wird wie im Moment und dass der kluge Freelancer schon in guten Zeiten für die schlechten vorsorgt. Heute schon an morgen denken, lautet die sinnvolle Devise für jeden im Projektgeschäft. Oder anders ausgedrückt: Wie schütze ich mich schon jetzt vor dem´Projekt-Knick von morgen?
Denken Sie bei jedem Projekt darüber nach, welche Auswirkungen es auf Ihr Profil hat. Fragen Sie sich: Vertieft es Wissen? Knüpft es an Kompetenzen aus vergangenen Projekten an? Erweitert es ihr Skill-Set, also die ganz individuelle Kombination aus fachlichen
und persönlichen Kompetenzen? Und vor allem: Macht es Sie (noch) interessanter
für den Projektmarkt? Suchen Sie dabei nicht nur im Fachlichen. Technische Skills werden heute hoch und morgen tief gehandelt, Berater- und Managementqualitäten sowie das Wissen über Geschäftsprozesse oder Qualitätssicherung dagegen bleiben immer gefragt.
Deshalb liegen die größten Chancen im Bereich der persönlichen Weiterentwicklung von Entwicklern oder anderen Freelancern, die nahe an der Technik sind – etwa Datenbankadministratoren – oft darin, sich
Erfahrung und Know-how aus dem Reich der Soft Skills anzueignen. Das hat auch damit zu tun, dass eine fachliche Kompetenz, die heute wertvoll ist, morgen wertlos sein kann. Niemand kann seriös in die Zukunft schauen und mit Sicherheit sagen, welche technischen Skills in fünf Jahren gefragt sein werden.
Die Diskussion über Cobol ist ein Beispiel: Lange totdiskutiert, sind Cobol-Spezialisten
immer noch und wahrscheinlich sogar auf lange Sicht noch gefragt. Eine einzig wirklich sichere Prognose ist möglich: Es werden weiche Fähigkeiten sein, die niemals den Kurswert verlieren. Was nicht heißen
soll, dass Sie sich nicht mehr um Fachwissen bemühen sollten. Fachwissen ist die Pflicht, Soft-Know-how die Kür.
Der Blick in Ihre berufliche Zukunft beginnt mit einer fundierten Analyse der Ist-Situation:
Welches sind Ihre Kernkompetenzen? Um diese Kernkompetenzen zu ermitteln,
gehen Sie in drei Stufen vor:
Plus-Analyse: Zunächst fragen Sie sich (oder die Vermittler!), was genau diese an Ihrem Profil als wertvoll einschätzen.
Minus-Analyse: Nun ermitteln Sie, was immer wieder als „fehlend“ beklagt wird. Holen Sie sich wie beim Arzt bei „Diagnosen“ immer im Zweifel mindestens zwei Meinungen ein. Wettbewerbscheck: Welche Vorteile und Nachteile haben Sie gegenüber anderen ITlern mit ähnlichem Profil? Das bedeutet:
Reden Sie viel mit Kollegen, z.B. auf Seminaren, und fragen Sie Branchenkenner. Malen Sie Ihre Kernkompetenzen zum Beispiel mit einer Mind-Map auf. Machen Sie die wichtigsten Kompetenten groß und die weniger wichtigen mittel oder kleiner. Meine Erfahrung ist, dass nicht mehr als drei
bis sieben zusammen kommen sollten. Zeichnen Sie nun mit gestrichelten Linien mögliche Minus-Kompetenzen auf, also solche, die Sie sich noch aneignen müssen. Fragen Sie sich: Was ist eine sinnvolle Ergänzung und Erweiterung der Ist- Kompetenzen? Welches Know-how und welche
Erfahrung unterstützen die vorhandenen Kompetenzen? Oder: Welche Kompetenz ist ein ideales Vehikel, um langfristig aus der „Ecke“ zu kommen, in der Sie sich unwohl fühlen. Beispiel: der Lotus-Notes-Programmierer, der merkt, dass nur Notes sehr einseitig ist und schlecht bezahlt. Er eignet sich SAP an. Nach erster Praxiserfahrung und Weiterbildung bekommt er ein Projekt, in dem er Notes und SAP integriert und es z.B. ermöglicht, dass Rechnungen aus Notes in SAP gebucht werden. So wächst er näher an SAP heran und wird sich als Schnittstellen- Experte positionieren können oder auch ganz
zu SAP wechseln.
Fragen Sie sich: Wunschtätigkeiten: Welche an Ihren derzeitigen Bereich angrenzenden Aufgaben und
Tätigkeiten reizen Sie? Vernunftentwicklung: Welche Entwicklung ist aufgrund Ihrer Ist-Analyse sinnvoll?
Fazit: Wie können Sie beides kombinieren? Definieren Sie nun die Schritte, die nötig
sind, um sich weiterzuentwickeln. Die besten Chancen, neue Dinge auszuprobieren, bietet
meist die Praxis. Möchten Sie in Richtung Projektmanagement? Dann schauen Sie, wo
Sie die dazu nötigen Skills lernen können. Haben Sie etwa in einem aktuellen Projekt
die Möglichkeit, weitere Aufgaben zu übernehmen, etwa eine Teilprojektleitung? Wollen Sie mehr Berater und Ansprechpartner für den Kunden sein? Wäre es dann nicht eine
spannende Herausforderung, einmal selbst die Ergebnisse zu präsentieren, vielleicht auf
Englisch? Flankieren Sie das Sammeln praktischer Erfahrung mit sinnvollen Weiterbildungen,
z.B. einer Qualifizierung im Bereich des Projektmanagements bei der Gesellschaft für Projektmanagement (GPM) oder im Project Management Institute (PMI) oder einer
ITIL-Zertifizierung, die Service- und Prozess-Know-how dokumentiert. „Eine der wichtigsten Qualifikationen ist das Qualitätsmanagement. Das Wissen über und die Einhaltung
von Standards bei Projektmanagement-Prozessen sowie insbesondere
die Dokumentation der Arbeiten und Ergebnisse gehören ebenfalls dazu. Weiterhin
ist das Kommunikationsmanagement wichtig und ein wesentlicher Faktor der Projektarbeit“, bestätigt Thomas Götzfried von der Goetzfried AG. Und er führt weiter aus: „Darüber hinaus spielen Kosten- und Zeitmanagement eine wichtige Rolle, denn sie dienen der Erfüllung von zwei maßgeblichen Zielen: Erstens die Budgeteinhaltung durch Erfassung des Kostenverlaufs und frühzeitige
Einleitung von Gegenmaßnahmen, wenn absehbar ist, dass der Kostenrahmen nicht eingehalten werden kann. Zweitens die Einhaltung des geplanten Zeitrahmens,
der durch den Projektplan vorgegeben ist.“ Also lautet die Devise: Kurse besuchen,
auch in Zeiten, in denen das Geschäft brummt! Viele IT-Freelancer machen dennoch
die Erfahrung, dass ihr neu erworbenes Zertifikat von den Vermittlern ignoriert wird. Sie hören immer wieder die Aussage, es fehle ja die praktische Erfahrung. „Die wichtigste Qualifikation läuft nach wie vor ‚on the job’“, räumt Frank Schabel von der
Hays AG dazu ein. Sie sollten also möglichst neu erworbenes Wissen direkt im Projekt anwenden. Dabei ist Vieles nicht so unmöglich, wie es scheint: Sprechen Sie mit vertrauten
Entscheidern im Projekt, die mit Ihnen Möglichkeiten erörtern, in welcher Form das Sammeln erster praktischer Erfahrung möglich ist.
Noch etwas anderes spricht für eine ständige Verbreiterung der Kenntnisse und Erfahrung.
Viele Entwickler haben es mit zunehmendem Alter in bestimmten Bereichen schwerer, Projekte zu akquirieren. Wie schwer – das wiederum hat entscheidend mit der Art des Skill-Sets zu tun. In der Cobol-Entwicklung etwa spielt das Alter derzeit kaum eine Rolle. „Erfahrung in der Entwicklung und
Programmierung von Software kann hier durchaus ein Vorteil sein, vor allem, wenn es
um Schnittstellen und die Integration geht“, sagt Frank Schabel. Das bedeutet auch: Die Entwicklung vom Entwickler zum (Projekt-, Qualitäts- oder Prozess-) Manager ist kein absolutes Dogma. Wer sich wohl fühlt in der Technik, der hat vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels
altersunabhängig sehr gute Chancen. Wichtig bleibt jedoch, neben den fachlichen auch die persönlichen Kompetenzen weiterzuentwickeln, etwa im Bereich der Teamfähigkeit, gerade auch bezogen auf den
interkulturellen Kontext. Weltfremde Programmierer, die das Tageslicht und fremde Menschen meiden, sucht schon lange niemand mehr.
Svenja Hofert
23. Juli 2007 Keine Kommentare - Allgemein - Permalink
Ignoranz als Entscheidungsgrundlage?
Dass vieles bei der Arbeitsagentur nicht so ganz rund läuft ist hinlänglich bekannt. Dass die Mitarbeiter der Arbeitsagentur oft überfordert sind, mag in vielen Fällen als Entschuldigung dienen. Eine ganz neue Dimension der Unzulänglichkeit der Institution „Arbeitsagentur“ entdeckte ich vergangene Woche: die schlichte Ignoranz, wenn es um WiederkehrerInnen geht.
Eine Kundin in der Karriereberatung – nennen wir sie Frau Müller – erzählte so nebenbei von ihrer Enttäuschung über ihren Arbeitslosengeld-Bescheid. Nur 811 Euro sollte es geben. Frau Müller hatte mit Antritt der Elternzeit wie so viele andere ihren Job verloren. Während der Elternzeit bekam sie Erziehungsgeld. Nach Ende der Elternzeit sucht Frau Müller nun einen Job und hat zunächst einmal einen Antrag auf Arbeitslosengeld gestellt. Dieser fiel eben entsprechend bescheiden aus. Bei einem vorherigen Verdienst weit über der Bemessungsgrenze erstaunlich wenig.
Die Grundlage für diese Vorgehen – Bemessung von Arbeitslosengeld aufgrund einer Einstufung und NICHT nach der sonst gültigen Regel 60 oder 67 Prozent des letzten Gehalts – bildet § 133 Absatz 4 SGB III. Danach darf die Arbeitsagentur ArbeitslosengeldemfängerInnen gemäß Ihrer Qualifikation einstufen: Mit Hochschulstudium gibt es am meisten Geld, als ungelernte Kraft am wenigsten. Nun war Frau Müller viele Jahre Führungskraft, hatte weit überdurchschnittlich verdient – aber nur die Fachhochschulreife. Kann man sie wirklich auf das Niveau eines Ungelernten stellen? Ist es überhaupt zulässig, Menschen nach der Elternzeit/Erziehungszeit auf so einer Basis einzuschätzen? Müsste nicht vielmehr der Lebenslauf und die letzte Stelle Entscheidungs- und Bemessungsgrundlage sein?
Begründet wurde die Einstufung überhaupt nicht. Die Arbeitsagentur hatte auch keine Qualifikationen abgefragt, sie kannte den Lebenslauf von Frau Müller gar nicht. Dies legt die Vermutung nahe, dass oft einfach so und aufs Blaue hinein eingestuft wird. Nach der Recherche weiß ich: Dieser Fall ist kein Einzelfall und fast immer sind die "Opfer" Frauen, denn noch sind es nur eine Handvoll Männer, die zeitweise aus dem Job aussteigen und dann wiederkehren – um gar nicht so selten danach erst einmal arbeitslos zu sein.
Nun ist gegen dieses Vorgehen von einer Dame in Berlin geklagt wurden – und sie bekam Recht (Az.: Sozialgericht Berlin S 77 AL 961/06 ). Darüber hinaus liegt ein Urteil der Bundesverfassungsgerichtes (BVerfG, 1 BvL 10/01 vom 28.3.2006, Absatz-Nr. (1 – 65)) vor, das diese Praxis verbietet. Was die Arbeitsagentur im Falle von Frau Müller beschieden hat, ist damit offenbar rechtswidrig.
Es bleibt Frau Müllers Entscheidung, Widerspruch gegen den Bescheid einzulegen. Man darf sehr gespannt sein, was daraus wird. Gibt es keine Einigung mit der örtlichen Arbeitsagentur kann sie das Ganze vor das – bekanntermaßen stark beanspruchte und terminlich schwer ausgelastete – Sozialgericht zu bringen. Wann Frau Müller dann das ihr zustehende Geld sehen würde, ist ungewiß.
Frauen und Männer sollten ihren Arbeitslosengeldbescheid nach der Erziehungszeit also ganz genau prüfen und nicht akzeptieren, wenn dieser zu niedrig ausfällt (weniger als 60 bzw. 67 Prozent des Einkommens) und sie gegenüber einem Arbeitslosen benachteiligt, der keine Erziehungs-/Elternzeit wahrgenommen hat.
Sabine Korndörfer
18. Juli 2007 Keine Kommentare - Aktuelles - Permalink


