Deutschland, Republik schützenden Vorschriften

Eigentlich fand ich es immer klasse, dass man sich darauf verlassen kann, dass in Deutschland immer alles gut geregelt ist. Ich brauche mir als Verbraucher keine Sorgen zu machen, ob die Lebensmittel, die ich einkaufe gut und frisch sind – es gibt für alles Vorschriften.

Dann lernte ich die Inhaber eines Ziegenhofes kennen. Sie stellen Rohmilchkäse her und erzählten mir von den Lebensmittelkontrollen. Es war eine Groteske. Die Käseproduzenten, Menschen mit Intelligenz, Leidenschaft für den Job und Respekt vor der Arbeit der Kontrolleure, waren oft mit den Nerven am Ende: es gibt s viele Vorschriften, die so vollkommen sinnlos sind.

Kurze Zeit später kam der „Gammelfleischskandal“. Aber was war da mit den Gesetzen? Es gab sie, kriminelle Energie hinterging sie und sorglose Verbraucher machten sich lange Zeit keine Gedanken, weil sie sich in der Sicherheit des deutschen Paragraphendschungels wähnten.

Ich bin mittlerweile der Meinung, dass eine Überreglementierung eine blinde Ordnungsgläubigkeit hervorruft und Eigenverantwortlichkeit erstickt.

Was hat das nun alles mit der Arbeitswelt zu tun? Auch hier herrscht nach wie vor das Vertrauen in Etiketten und Gesetze, klassische Ausbildungswege und zertifizierte Erfahrungen.

Ein Beispiel aus der Praxis: viele Menschen, die in Zeiten des IT-Booms einen eher ungewöhnlichen Lebenslauf entwickelt haben, bekommen Probleme, sobald sie irgendeine Unterbrechung im Lebenslauf aufweisen. Das war zu Zeiten des Dotcomsterbens ganz klassisch die Pleite des Arbeitgebers (von den Frauen in Elternzeit will ich hier gar nicht anfangen).

Danach haben viele ewig gesucht, sich mit halbherzigen Selbständigkeiten durchgeschlagen, Fortbildungen gemacht – nur, um Versicherungsagent oder Callcenteragent zu werden. Nichts gegen Versicherungen und Callcenter – sie sind in diesem Fall sogar ein besonders positives Beispiel, da sie eben bekannt dafür sind, dass auch Personen mit ungewöhnlichen Lebensläufen hier etwas werden können. Aber auf die bereits erworbenen Fähigkeiten bauen die Tätigkeiten dort meist nicht auf.

Ein Kollege aus meiner „Dotcom-Zeit“ ist z.B. mittlerweile als Arbeitsvermittler selbständig sehr erfolgreich. Aber ob er als Angestellter jemals diesen Job bekommen hätte, halte ich für fraglich.

Ein weiteres Beispiel: Der Marketing-Bereich. Hier können zwar durchaus auch „Reinrutscher“ Karriere machen. Aber versuchen Sie mal, sich mit einer Ausbildung als Grafiker und 10 Jahre Berufserfahrung im Marketing wieder auf eine Marketingstelle in mittlerer Ebene zu bewerben, wenn Sie aufgrund von Personalabbau mal ein Jahr arbeitslos waren! Dazu brauchen Sie wirklich Glück!

Früher wurde mir das amerikanische „Hire and Fire“ immer als Schreckensvision vom Arbeitsmarkt vorgebetet. Heute bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob das wirklich so schrecklich ist.

In den Breitengraden von „Hire and Fire“ sind weniger die exakt passenden Qualifikationen als die tatsächlichen Berufserfahrungen gefragt. Darüber hinaus wird eben auch wirklich gefeuert. Da zögert niemand bei der Kündigung, wenn es nicht passt. Aber dafür sind auch eben die Aussichten besser, eine Chance zu bekommen, um sich zu beweisen.

Immer wieder wird erklärt, dass man nicht einstelle, da man Mitarbeiter dank Kündigungsschutzgesetz nie wieder los werde. Das ist lächerlich, denn schließlich gibt es ja die Probezeit und die Möglichkeit, Mitarbeiter zunächst über eine Zeitarbeitsfirma einzustellen. In diesem Rahmen wäre es auch möglich, einmal Menschen mit ungewöhnlichem Lebenslauf einzustellen und einfach zu testen. Oft wäre das sicher auch eine Bereicherung für Arbeitgeber, da ja bekanntermaßen der Tunnelblick des Spezialisten nicht immer der Beste ist. Aber dazu gehört natürlich ein bischen Menschenkenntnis und der Mumm, jemandem in der Probezeit zu kündigen, der wirklich der Falsche war (das habe ich übrigens in knapp 20 Jahren Berufstätigkeit genau einmal erlebt).

Die Schere der Chancen derer mit dem klassischen Berufsweg und derjenigen mit dem plötzlichen Knick – weshalb auch immer – geht immer weiter auseinander.

Daher ist mein Wunsch fürs neue Jahr: weniger Regeln in allen Bereichen – mehr Zivilcourage!

Sabine Korndörfer

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Über Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

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