Der Marathonlauf und andere Karriereirrwege

Marathonläufer wollen besser sein als andere, haben Ellenbogen, sind Kämpfer. Deshalb liebt die Unternehmensberaterbranche den Marathonläufer genau wie den Triathleten und den Zehnkämpfer. Studien beweisen, dass Ausdauersportler beruflich erfolgreicher sind. Ehrgeiz, Biss und Durchhaltevermögen fusionieren in einem Langstreckenläufer. Wenn er seinen Ehrgeiz nicht auf die Straße legt, dann investiert er ihn in ein Unternehmen.

Die Mehrzahl der Absolventen und Berufseinsteiger ist weder je Marathon gelaufen noch übermäßig ehrgeizig gewesen. Doch wenn sich das Studium dem Ende zuneigt, bekommen sie es mit der Angst zu tun, gerade jetzt, wo es so wenig Stellen gibt. Hätte ich vielleicht doch noch einen Marathonlauf absolvieren sollen? Sollte ich zur Not einen erfinden, um den Lebenslauf auf zu hübschen?

Öfter mal werde ich das gefragt, gerade von Berufseinsteigern. Ich finde das genauso irritierend wie die Frage nach dem Ehrenamt und dem sozialen Engagement, das in Industrieunternehmen gern gesehen ist (aber bitte nicht zu viel davon). „Sollte ich mich kurzzeitig bei Greenpeace engagieren, damit im Lebenslauf irgendetwas gesellschaftlich Verwertbares drin steht?“ fragte mich mal jemand.

Spätestens im Vorstellungsgespräch oder Assessment Center brechen solche Lügengebilde. Man muss nicht mal ein guter Psychologe sein, um zu merken, wo etwas dahinter ist und wo nicht. Echte Marathonläufer betreiben ihren Sport nämlich nicht, weil sie Karriere machen wollen, sondern um der sportlichen Ziele und der körperlichen Aktivität willen. Deshalb fallen Leistungssportler nach ihrer aktiven Phase entweder in ein tiefes Loch oder sie arbeiten ohne finanzielle Notwendigkeit mit ähnlicher Energie in anderen Jobs weiter, siehe Oliver Bierhoff.

Niemand kann tun als sei er so wie ein Marathonläufer, wenn er nicht so ist. Neulich begegnete mir ein junger Manager, der nur einmal einen Marathon geschafft hatte – mit 5,5 Stunden, aber immerhin. Es hatte ihm gezeigt, dass man sich Dinge vornehmen und auch erreichen kann. Aber auch: Den Ehrgeiz jedes Jahr besser zu werden und dem Körper alles abzuverlangen, den kann man sich nicht für die Bewerbungsphase andenken. Der ist da oder nicht. Das gleiche gilt für soziales Engagement: Es wäre schön, wenn mehr Menschen sich engagieren würden. Aber bitte nicht für den Lebenslauf.

 

Zu diesem Beitrag passt: Das Karrieremacherbuch.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

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