Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Warum müssen Berufswechsel mit über 35 so schwierig sein?

By | 2010-05-08T18:13:04+00:00 8. Mai 2010|

Heute erschien ein Kommentar zu diesem Thema von mir im Hamburger Abendblatt, den ich hier erweitert veröffentliche:

 

Veränderungen jenseits der 35 werden einem sehr schwer gemacht. Meister-Bafög – eine reine Aufstiegsqualifizierung. Bafög mit über 30? Gibt es nur in Ausnahmen. Bildungskredite? Werden lediglich bis zum 36. Lebensjahr  ermöglicht. Jobcenter unterstützen keine Studien und verweisen auf die – durchaus nicht in allen Bereichen – niedrige Arbeitslosenzahl unter Akademikern. Es gibt außerdem kaum Töpfe für die (Kredit-)Finanzierung wirklich wichtiger Zertifizierungen, etwa in der IT. Es muss – und sollte! – ja nicht alles geschenkt sein. Wenn es aber leichter würde, sich Geld für teure Bildung zu leihen, wäre dies schon der wichtigste Schritt in eine schöne neue Arbeitswelt.

Schön, dass es trotz aller Schwierigkeiten immer wieder Menschen gibt, die mutige Sprünge wagen. Die Krankenschwester, die mit Mitte 30 aus den eigenen Ersparnissen ihr Medizinstudium finanzierte und schaffte. Die Archäologin, die mit 50 Physiotherapeutin wurde. Oder der Journalist, der sich entgegen aller „guten“ Ratschläge mit 40 noch für ein Informatikstudium einschrieb. Doch solche Schritte sind denen vorbehalten, die das Geld selbst oder durch Familienunterstützung aufbringen möchten. Die sich gegen die oft starken Widerstände und „Buhrufe“ der sicherheitsorientierten Umgebung und unserer Neid-Gesellschaft durchsetzen können. Und die leider mit ihren mutigen Schritten oft Schwierigkeiten haben im neuen Beruf "anzukommen". Während in den USA ein spätes Studium bewundert wird, herrscht bei uns immer noch das Denken in alten Karriere-Dimensionen vor. "Warum willst du mit 40 Architektur studieren, Du hast doch einen sicheren Job", ist eine sehr typische Aussage. Arbeitgeber sind nicht weniger charmant: "Da stimmt doch was nicht, wenn Sie als Akademikerin jetzt als Postbotin arbeiten wollen", bekam eine Leserin meines Abendblatt-Artikels zu hören, die wirklich gern in diesem "niedrigeren" Job arbeiten wollen. Denn bei beruflichen Wechseln geht es nicht nur um Aufstieg, sondern oft auch um einen vermeintlichen "Abstieg", der nicht selten  gewünscht wird. Wenn die akademische Tätigkeit dauernde 60-Stunden-Wochen und ständige Reisen bedeutet, kann eine Zukunft draußen auf dem gelben Fahrrad durchaus attraktiv sein.

Doch berufliche Wechsel werden kaum gefördert, sondern nur Weiter-Bildung. Doch wir brauchen staatliche Unterstützung für radikalere Berufswechsel, zum Beispiel einen Bildungskredit für  jedes Alter! Und zwar auch für die formal bereits gut Aus-Gebildeten und für Zweitstudien. Es muss egal sein, aus welchen persönlichen, gesundheitlichen oder arbeitsmarktpolitischen Gründen, ein Mensch mit 35, 40 oder 45 Jahren noch einmal ein Studium aufnimmt und einen ganz neuen Kurs einschlägt. Vielleicht, weil die Arbeitsbedingungen im erlernten Bereich zu schlecht geworden sind. Vielleicht auch nur, weil sich die Interessen verlagert haben. Vielleicht, weil man endlich für eine vernünftige Bezahlung arbeiten möchte und den Sinn des eigenen Engagements nicht mehr erkennen kann. Ganz oft auch im Gegenteil, weil zu einem späteren Zeitpunkt des Lebens etwas hinzu kommt, was am Anfang des Berufslebens noch wenig wichtig scheint: Sinn.

 

Dieser Beitrag bezieht sich auf eine meiner Thesen im Karrieremacherbuch.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

12 Kommentare

  1. Lars Hahn 9. Mai 2010 at 15:13 - Antwort

    Genau auf den Punkt getroffen:
    Lebenserfahrung steigert den Wunsch nach Sinn in der Arbeit.
    In der Tat tendiert unsere Leistungsgesellschaft immer noch dazu, dass Menschen eine geradlinige Karriere durchlaufen: Einmal Ingenieur – immer Ingenieur…
    Jobwechsel werden heute erwartet – auch jenseits der 45. Allerdings meistens nach der Devise: „Immer auf dem Teppich bleiben“. Anpassungsqualifizierung ja, Veränderung eher nein.
    Manchmal reicht ja auch das Ändern nur eines Aspektes im Koordinatensystem und der nächste Job macht glücklicher. So kann z.B. der Wechsel von großem zu kleinem Unternehmen in derselben Branche mit derselben Tätigkeit bereits Wunder wirken.
    Es gibt aber Menschen, die wollen oder müssen noch einmal komplett etwas Neues starten. Hier ist mit der klassischen Weiterbildung oft nichts erreichbar.
    Zuerst einmal ist dann auch zu klären: „Was will ich denn jetzt wirklich beruflich machen?“. Marktforschung in eigener Sache ist dann angesagt.
    Einen guten Weg dazu bietet die Methode Life/Work Planning. Hier kann ich mich systematisch mit dem befassen, was ich kann und was ich will. Aber noch viel wichtiger ist, Life/Work Planning bietet eine Strategie dann auch tatsächlich an mein Wunschziel zu kommen. Das beste: diese systematische Berufsplanung kann jetzt sogar durch die Arbeitsagenturen per Bildungsgutschein gefördert werden. Also mal was anderes, als die klassische Weiterbildung…
    Mehr unter: http://www.lifeworkplanning.de

  2. Nico 24. Mai 2013 at 14:59 - Antwort

    Noch viel schwieriger als der Neuanfang aus einem sicherem Job ist der Neuanfang aus der Arbeitslosigkeit. Liegt das vielleicht daran, daß die Arbeitslosigkeit der sicherste Job überhaupt ist, der einzige, bei dem jeder der diese Karrierestufe erreicht hat sicher weiß „was auch immer passiert, hier bleibe ich den Rest meines Berufsebens, ob ich will oder nicht“?

  3. Finetta 26. Mai 2013 at 13:49 - Antwort

    Zur Zeit stehe ich an diesem Punkt, noch einmal neu anfangen zu wollen. Aus dem Arbeitsverhältnis heraus. Doch egal, wie viele Fördermöglichkeiten, Netzwerke, Seminare… es gibt.Eins fehlt auf jeden Fall- Unterstützung für die Menschen die sich verändern möchten, jenseits der 40. Auf der einen Seite wird erwartet sich der digitalen Arbeitswelt anzupassen, auf der anderen Seite sind die Möglichkeiten gering flexibere Modelle zu entwickeln so gut wie nicht vorhanden. Trotz allem werde ich eine Möglichkeit finden meinen Weg zu gehen.

  4. Ich eben 2. Oktober 2013 at 13:10 - Antwort

    Ich bin so ein von Nico genannter auf Lebenszeit unkündbar angestellter des Jobcenters. Fast, denn ich habe nach 4 Jahren Krieg eine Umschulung zum Informatiker bekommen.
    Weil ich so schwer chronisch krank bin, daß der Sinn jedes Versuchs eines beruflichen Wiedereinstiegs sehr zweifelhaft ist.
    Deswegen gelang es, in die Zuständigkeit der Rentenversicherung zu wechseln.
    Ein Gesunder, der mit dieser Umschulung realistische Chanchen hätte, könnte den Trick mit dem Rentenantrag nicht anwenden. Der muß so lange arbeitslos bleiben, bis hartz4 ihn zum Krüppel macht, und kann erst dann meine Taktik nutzen.

  5. Tobias 24. Oktober 2013 at 19:23 - Antwort

    Schön, dass ich doch immer wieder Beiträge in dieser Art finde und vielleicht kann ich zeitnah Positives berichten. Nachdem ich im IT-Service und im IT-Vertrieb tätig war, habe ich im Februar mein berufsbegleitendes Studium zum Mediendesigner erfolgreich abgeschlossen. Jetzt folgt der hoffentlich erfolgreiche Berufswechsel 😉

  6. Hui 15. April 2014 at 08:21 - Antwort

    Genau das würde ich mir wünschen, endlich eine rale chance auf dem Arbeitsmarkt zu bekommen, aber wenn man wie ich Generation Praktikum ist und nach dem Informatikstudium keine gescheite Arbeitsstelle gefunden hat, bleiben einem nur noch Handlangerjobs. Das Arbeistamt rät einem nur sinnlose Bewerbungen in Zeitarbeitsfirmen an, doch bekommt man da nach 8 Monaten ach nur Absagen.
    Ich würde gerne was anderes machen dürfen, nochmal die Schulbank drücken, wenn es nur in einen vernünftigen Job und ein vernünftiges Gehalt enden würde!!!
    Näheres über die Fachkräftzelüge kann man der Arbeigeberlobby ‚Bitcom‘ entnehmen.

  7. Tara 3. September 2014 at 21:05 - Antwort

    Ich habe auch gerade nochmal ein Studium mit 34 angefangen. Ja, ich habe schon ein abgeschlossenes Studium und habe gemerkt, dass es einfach nicht geht in dieser Richtung zu arbeiten. Über Jahre habe ich versucht mich da in etwas hineinzupressen, was nicht passte. Jetzt reicht es! Hätte ich nicht meine Familie im Rücken, könnte und würde ich das nicht durchziehen. Es ist mir egal was die anderen sagen, wieviel sie meine Entscheidung auch kritisieren. Manchmal ist da bestimmt auch einfach Neid mit dabei.

  8. Toni 13. September 2014 at 13:55 - Antwort

    Danke für diesen Beitrag, er spricht mir aus der Seele. Nach 10 Jahren internationaler Karriere im Personalwesen inkl. Personalverantwortung in einem großen Wirtschaftskonzern werde ich (w/34) demnächst ein Studium in Wirtschaft/Religion/Politik aufnehmen und möchte mittelfristig im NGO Bereich fussfassen. Die meisten halten mich für abgedreht und beinahe fahrlässig handelnd, meine sichere Stelle aufs Spiel zu setzen für solche „gutmenschlichen Luftschlösser“. Aber man muss eben das tun, wofür man Begeisterung entwickelt. Das heißt nicht, dass die letzten 10 Jahre meiner Karriere vertane Zeit waren. Aber man entwickelt sich eben weiter und sollte das auch wenn möglich ausleben.

    • Svenja Hofert 14. September 2014 at 14:55 - Antwort

      Viel Spaß und Erfolg dabei. Ist Ihr Leben, nicht das der anderen. LG SH

  9. Nicole 8. Oktober 2014 at 22:38 - Antwort

    Sehr interessanter Artikel. Ich stehe ebenfalls vor einem beruflichen Neuanfang. Ich bin Friseurin und möchte nächstes Jahr ein bwl Studium anfangen. Ich bin dann allerdings erst 27, habe also mit evtl Förderungen noch Glück, aber: ich werd genauso blöd angeguckt warum ich denn meinen job aufgeben will und etwas völlig anderes machen möchte.

  10. […] in der Mitte ihres Lebens einen Neuanfang wagen, zeigt auch dieser Artikel der Welt oder dieser Blogeintrag von Karriereberaterin Svenja Hofert. Das mit dem Neuanfang kenne ich aus meiner Arbeit im spirituellen Tourismus, zum Beispiel von den […]

  11. Stephanie 5. Februar 2016 at 20:11 - Antwort

    Ja, ich kann ein Lied davon singen. Sowohl vom downshifting als auch von den komischen pikierten Blicken der anderen und von potentiellen Arbeitgeber. Als Arbeitnehmer soll man immer innovativ, flexibel sein und um die Ecke denken können. Wenn man dann aber mit einem Lebenslauf daherkommt, der alles andere als linear ist, dann ist es schnell vorbei mit der Offenheit in unserer ach so modernen Gesellschaft. Die Welt ist voller Widersprüche.

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