Ausland? Ach, bleiben Sie doch besser zu Hause

Heute Nacht bekam ich die Mail eines Kunden, der derzeit im Ausland lebt, in einem aufstrebenden Land in Südostasien.  Er bat mich, in meinem Blog doch einmal das Thema „Bewerben aus dem Ausland, um zurück nach Deutschland zu kommen“ aufzunehmen, weil er sich über die Hürden geärgert hat, die deutsche Unternehmen für deutsche Bewerber im Ausland aufstellen. Das mache ich gern, denn der Fall, den er schildert, wundert mich nicht – seine Geschichte ist alles andere als ein Märchen.

Mein Kunde hat das gemacht, was man so machen sollte, wenn man Management studiert hat und eine internationale Karriere lockt.  Er hat sich für einen längeren Arbeitsaufenthalt in einem aufstrebenden Land entschieden, in das nicht jeder geht (wie z.B. im Moment nach Vietnam oder in ein afrikanisches Land). Nicht etwa im Rahmen eines Erasmus-Programms oder ähnlicher organisierter Rahmen, sondern eigeninitiativ, mit Strategie dahinter, zwei Jahren in einem Handelsunternehmen und abgeschlossenem Studium in der Tasche.

Doch anstatt mit offenen Armen aufgenommen zu werden,  stellen die Unternehmen Hürden auf. Vor Ort, in dem Land, in dem er derzeit lebt, hatte er sich bei der lokalen Gesellschaft der Firma vorgestellt. Die waren sehr angetan und vermittelten den Kontakt nach Deutschland. Um die Hürden möglichst niedrig zu legen, bat der junge Mann an, ein erstes Vorstellungsgespräch mit der deutschen Mutter über Skype oder Telefon zu führen. Für den Flug nach Deutschland wollte er sogar anteilig die Kosten übernehmen.

Die Reaktion: So etwas ginge ja gar nicht. Es gäbe nur ein einziges Assessment Center und erst recht keine Sondertermine für jemand, der sich im Ausland aufhält. Er solle sich doch nächstes Jahr wieder bewerben.Der Bewerber hat all das, was Firmen wünschen. Zumindest das, was sie so in ihre Anforderungsprofile schreiben.

Manchmal beschleicht mich die Vermutung, dass zu viel Flexibilität und „Köpfchen“ gar nicht so gern gesehen sind. Sie erinnern sich an meine Uschi aus Herne? Je größer Unternehmen sind, desto formalistischer denken und handeln sie. Wie passt das zusammen mit unserer Arbeitswelt der Zukunft?

Eine ähnliche Geschichte passierte einem Geschäftsführer, der drei Jahre in den USA arbeitete. Als er wieder nach Deutschland wollte, scheiterte auch er an der Flexibilität. Skype? Kennen wir nicht! (das war vor rund einem Jahr) Extra einfliegen? Selbst für Geschäftsführer offenbar kein Weg zum Vorstellungsgespräch! Sich auf einem Flughafen treffen, die Welt ist groß? Dieser Gedanke, den er vorgeschlagen hatte, wurde als geradezu verrückt aufgefasst. Ich könnte die Liste weiterschreiben: Die Bewerberin, die aus der Schweiz nicht eingeladen wurde, weil man  niemand von so weit her wollte. Der Bewerber aus London, der sich „doch lieber vor Ort“ nach einem neuen Job umschauen sollte…

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Über Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

3 Kommentare zu “Ausland? Ach, bleiben Sie doch besser zu Hause

  1. Hallo,
    gerade fand ich den Link auf Twitter.
    Nach 40 Jahren Leben in Frankreich, könnte ich einiges zu der Liste hinzufügen.
    Als ich in Toulouse für deutsche Zeitarbeitsunternehen aktiv wurde, erkannte ich auch den Unterschied zur französischen Zeitarbeit. Dieser findet seinen Ursprung erst einmal in der Arbeitskultur und den juristischen Aspekten.
    In Frankreich werden die Agenturen für Zeitarbeit zum Beispiel wie primitive Boutiquen geführt, in denen die Angestellten ohne jede Ausbildung sitzen und warten auf die Ware, die da kommt, den Arbeitnehmer. Dies ist nur ein Beispiel.
    Rein sachlich gesehen kommt es oft gar nicht zum wahren Kontakt zwischen Kandidaten und Arbeitgebern, wenn gering ausgebildete Personaler zuerst die Kandidaten empfangen und aussortieren. So verschwindet dann ein Mensch mit hervorragenden Kompetenzen aus der Liste.
    Wenn ich bei Ihnen lese, wie Ihr Kunde abgewimmelt wurde, könnte ich mir das Szenario der kleinen Büromaus, die sich wie ein HR-Manager fühlt, schon vorstellen.
    Die Annäherungsphase ist nach dem Bewerbungsschreiben das entscheidende Moment, das vorbereitet werden sollte.
    Noch ein Tipp: In kleinen Unternehmen sitzen die Geschäftsführer länger im Büro als die Sekretärinnen. Installieren Sie sich mit Ihren Unterlagen geografisch in der Nähe des Büros. Ab 17 Uhr sollten Sie dann anrufen und sich persönlich vorstellen, mit der Bemerkung, dass Sie gleich mal rüberkommen könnten.

  2. Hallo,
    das was Sie schreiben kann ich voll und ganz bestätigen. Ich habe ein Jahr als internationaler Controller in einer Tochtergesellschaft eines deutschen Konzerns in Saudi Arabien gearbeitet. Ich hatte keine Sorgen eine neue Beschäftigung zu finden nachdem die Reintegration ins Mutterhaus aufgrund der Krise scheiterte, schließlich spielt man als Expat in der Regel in der oberen Hierarchiestufe mit. Fachliche Voraussetzungen waren gegeben und ich habe mich während der Zeit im Ausland auch fortgebildet.

    Tatsächlich stieß ich im Bewerbungsprozess auf unglaublichen Wiederstand bei den Unternehmen. Leider sind das auch nicht nur Konzerne, die als unflexibel gelten, sondern gerade auch Unternehmen die Flexibilität, Offenheit und Moderne im Einführungstext der Stellenanzeige propagieren. Ich hatte oft den Eindruck ich scheitere an der Personalabteilung weil sie ohne ein persönliches Gespräch die Bewerbung überhaupt erst nicht an den Entscheidungsträger weiterreicht. Bei zwei kleineren Unternehmen (wo die Bewerbung direkt an den Entscheidungsträger verschickt wird) fand sich auch eine Bewerbungsalternative.

    Da ich nicht ständig aus dem Ausland nach Deutschland reisen kann hatte ich eine Woche Urlaub und wollte in dieser Gespräche führen. Überrascht und enttäuscht hat mich ganz besonders, dass es sogar an der Flexibilität der Termine, einer selbstverständlichen Etiquette, scheiterte.
    Bei einem Unternehmen, bat ich meine Bewerbung vor Bewerbungsschluss zu betrachten damit wir, falls Interesse besteht, in meiner Urlaubswoche ein Gespräch führen können, aber natürlich war das nicht möglich.
    Ein anderes mal schlug ich vor ein Telefoninterview im Vorfeld zu führen um erst dann, sofern sich das gegenseitige Interesse bestätigt, zum Bewerbungsgespräch anzureisen – die Antwort: Leider sieht der Bewerbungsprozess kein Telefoninterview vor.

    Letzte endlich kam ich nach Deutschland zurück, war 3 Monate arbeitslos und fand dann erst vor Ort einen Job.

  3. Hallo Markus, danke für den Super-Kommentar und die Offenheit, das hier zu schildern! Das wird hoffentlich einige der Personalverantwortlichen mal so richtig „anstupsen“ und zum Nachdenken bringen. liebe Grüße Svenja Hofert

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