Twitter, ich komme (Social Media Experiment Teil 1)

Es könnte sein, dass ich dieses Wochenende oder Anfang nächster Woche den Sprung auf 500 Follower schaffe. Vorgenommen habe ich mir, bis Frühjahr auf 5.000 zu kommen. Als ich das meinem Twitter-Coach davon  erzählte, schaute die mich mit großen Augen an. „Es müssen immer die ganz großen Ziele sein, oder?“ Ich gebe zu:  Ziele sind für mich wie Leitplanken.  Wie soll man „groß“ erreichen, wenn man klein denkt? Ich habe gern meine Leitplanken, aber weiche auch davon ab, wenn sich die Dinge anders entwickeln.

Bis Ende Oktober hätte ich im Traum nicht daran gedacht, einmal so viel Energie in ein komisches Portal zu stecken, über das man sich Kurznachrichten schickt. Bis dahin hatte ich einen Pflichtaccout so wie viele. Den hatte ich mir zugelegt, nachdem mir Annette Gerlach (danke!) geschrieben hatte, sie würde gern etwas zu meinem Buch twittern, aber das ginge ja nicht, so ganz ohne Account. Okay, dachte ich, mach ich. Kurz darauf hatte ich ein Interview mit dpa/gms, in dem ich mich noch eher verhalten über den Twitter-Nutzen äußerte. So wie jemand eben, der auf einem lauen Level twittert.

Komische #FFs und seltsame Retweets
„Wussten Sie eigentlich, dass Sie schon #FFs haben?“ fragte mich mein Twittercoach. Nein, sagte ich.  So erfuhr ich von #FF, dem Follow Friday also – einer Art „Folgeempfehlung“ – und dass man sich bedanken muss für Retweets und antworten sollte auf Direktnachrichten. Das hatte ich bis dahin nicht gewusst. Jetzt mache ich es brav und hoffe, dass ich niemanden vergesse.

Vor zwei Wochen hatte ich dann wieder eine Sitzung mit meinem Twittercoach, da gab es 400 Follower. Ich war von der niedrigsten Klout-Stufe zum „Explorer“ aufgestiegen. „We predict, you´ll be moving up“ stand da. Wie motivierend!

Wow: We predict you´ll be moving up

„Wie werden es noch viel mehr?“ fragte ich. Sie sagte, ich müsste noch viel mehr twittern. „Oh nee“, dachte ich, „ich hab ja sonst nichts zu tun!“ Sie empfahl mir, Nachrichten bei Hootsuite einstellen und diese zu unterschiedlichen Zeiten rausschicken, z.B. Mittags. Bis dahin habe ich meine Tweets immer vorm ersten Kunden, der meist um 9 Uhr kommt, rausgejagt. Klar, dass da die Aufmerksamkeit begrenzt ist. Außerdem sollte ich ab und zu etwas Privates twittern. „Was denn?“ fragte ich. „Zum Beispiel über ihre Familie.“ Never, erwiderte ich, privat ist privat. Ich hab dann doch etwas über Blitzeis-Verdacht geschrieben, durch das die Schule in Schleswig-Holstein ausfiel. Die Reaktion kam prompt von einer Kundin: „Frau Hofert, was machen Sie denn da?“ Mein Post hatte sie überrascht. Nicht unangenehm allerdings.  Das Prinzip, sich ein wenig persönlicher zu sein, könnte also gar nicht so falsch sein.

Aber: 10 Tweets am Tag! Delegieren kann ich das Twittern, das für mich auch mit Authentizität zu tun hat, nicht an Mitarbeiter oder an meine PR-Frau, die ganz anders denken, Tweets ganz anders auswählen würden und formulieren als ich. Das bilde ich mir jedenfalls im Moment noch ein. Kann sich ändern.

Fazit

Mir beginnt Twitter zu gefallen, man erfährt einiges, was sonst an einem vorbeilaufen würde. Irgendwie nähert man sich Twitterern, die vorher z.B. nur abstrakte Kommentatoren in meinem Blog waren oder „Hallo, hier bin ich“-Kontakte auf Xing. Gesichter, die man wahrnimmt, aber sehr oberflächlich. Twitter verändert das auf eine ganz andere Art und Weise als z. B. Xing. Es könnte sein, dass es meinen Followern genauso geht. Und dass genau das im Kern den Erfolg von Twitter ausmacht. Häufigere Retweets und mehr #FFs sind der Dank.

Das System Twitter

Was steckt hinter dem seltsamen System, mit der man seine Klout-Score (also seinen Einfluss-Rang) und damit den Status erhöht?

  • Es zählt Masse: Wer viel twittert, vertreibt zwar auch Netzwerkanhänger, die nicht richtig ins eigene Netzwerk passen, aber er gewinnt umso mehr treue (und damit auch passende) Follower dazu.
  • Es zählt aber auch Klasse: Nicht voran kommen Linkschleudern, die immer nur auf eigene Sachen hinweisen und denen außer Eigenwerbung nichts Intelligentes einfällt. Gut, dass es „Unfollow“ gibt.
  • Der Rang bei Twitter ist unabhängig vom Real-Life-Status:  Es gibt Twitterer, die im echten Leben z.B. aufgrund ihrer Bücher bekannt sind wie Förster/Kreuz und im Internet rechtzeitig eine Parallelwelt aufbauen konnten, in der sie genauso bekannt sind. Es gibt aber auch Nonames mit 20.000 Followern. Fast alles scheint möglich. Und es gibt bekannte Institutionen und Verlage, die gar nicht präsent sind…

Die starke Beeinflussbarkeit des Twitterstatus, die sich etwa im Tool Tweetranking.com zeigt, behagt mir nicht so. Die Position in diesem Ranking  ist wichtig, aber sie wird vor allem dadurch aufgebaut, dass man sich gegenseitig empfiehlt. Das ist okay, wenn ein gegenseitiges Wertschätzen dazu kommt. Das finde ich kritisch, wenn es primär eigennützig daherkommt. „Wenn Sie mich empfehlen, empfehle ich Sie“ – das würde ich nur tun, wenn ich denjenigen wirklich kenne und  schätze.

Aber das ist eigentlich nur ein kleines Ding. Bisher gefällt mir Twitter richtig gut – und bei allem Experimentieren bin ich eben nicht nur eine Beraterin, die nebenbei schreibt, sondern eine Beraterin UND Autorin.  Das Formulieren auf kleinstem Raum ist da eine neue und spannende Herausforderung. Folgen Sie mir auf Twitter?

Übrigens: Vor einer Woche habe ich ein 2. Experiment gestartet, das Facebook-Experiment. Ich bin schon sehr neugierig, was es hier zu entdecken gibt außer rosafarbenen Herzchen…

Kommentar, 2 Jahre später:

Ich hatte damals keine Ahnung. Ich hatte meinen Twitter-Account so laufen lassen. Trotzdem wurde ich immer wieder um Interviews zu dem Thema gebeten. Im Nachhinein ist mir das unangenehm, weil ich den Anspruch an mich selbst habe, als Expertin nur über Dinge zu sprechen, die ich auch wirklich beurteilen kann.

So etwas wie Tweetranking scheint mir vom Zeitpunkt jetzt als unwichtige Spielerei; es ist die KLOUT, die entscheidet. Naja, und der Plan mit den 5.000 Followern war natürlich komplett naiv, wie auch schon Kollege Marco Ripanti in den Kommentaren anmeldete.

Die Beratung, die ich mir damals holte, war super aus didaktischer Sicht. Sie hat mir Hintergründe aufgezeigt und auch technische Zusammenhänge. Inzwischen bin ich ungleich weiter, auch als einige, die Social Media Beratung anbieten. Heute bräuchte ich jemanden, der entweder solide Vertriebs- oder PR-Erfahrung hat, ja nach Ausrichtung. Dazu rate ich auch Neueinsteigern. Und achtet unbedingt darauf, die Spreu vom Weizen zu trennen: Berater, die selbst einen KLOUT-SCORE haben, der unter 60 liegt, haben für sich selbst nicht bewiesen, dass sie es können.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

18 Kommentare zu “Twitter, ich komme (Social Media Experiment Teil 1)

  1. aber klar – ist übrigens dieselbe Person 😉 Ich find Beratung gut – alles andere wäre ja auch irgendwie komisch für Berater… gibt es beratungsresistente Berater…? Liebe Grüße Svenja Hofert

  2. Klar gibt es die.
    Okay, dass Social Media Feld ist sicher sehr groß und wenn man selbst nicht auf den Gebiet aktiv ist, macht es sicher Sinn jemanden zu haben der einen da von Zeit zu Zeit auf den aktuellen Stand bringt. Wenn es die richtigen Sachen sind die erzählt werden, ist das sicher sinnvoll.

    In Sachen Twitter ist es mir schon immer ein Rätsel was Leute da anderen erklären und warum sich Menschen von anderen Twitter erklären lassen.

    Einen schönen dritten Advent

  3. Sie sind aber auch totaler Insider, mit einer anderen Brille bei dem Thema. Ich find immer: Man kann nicht alles wissen und eh ich mir die 1.000 Seiten des Buchs „Social Media Marketing“ reinziehe, das in meinem Büro Staub absetzte und von denen ich eh nur 1% verwerten kann, frage ich doch lieber jemand, der sich praktisch auskennt. So richtig richtig und falsch gibt es doch gar nicht. Richtig ist, was erfolgreich ist und zu einem passt. Schaun wir also mal. Ihnen auch drei Kerzen und viele leckere Plätzchen 🙂 Svenja Hofert

  4. liebe svenja hofert,

    ich glaube, ihr herrlich offenes „outing“ hier ist für sehr viele menschen, die „dieses socialmedia“ (noch) nicht verstehen, hoch motivierend und inspirierend. danke dafür!

    auf der anderen seite staune ich auch immer wieder, wie schwer sich viele damit tun. dabei ist das doch alles nicht neu. menschen vernetzen sich seit urzeiten. sie treffen sich mit freunden oder kollegen und tauschen sich aus. je nach typ/gusto über berufliches, privates, familiäres, skurriles oder normales. nicht selten das wetter.

    twitter, facebook & co. sind nichts anderes als die weiterentwicklung dieses uralten menschlichen bedürfnisses mit digitalen mitteln…

    die MERKwürdigste geschichte in diesem zusammenhang war folgende: ein ehemaliger manager hat mich kürzlich gefragt, was er denn tun solle, wenn jemand mit ihm auf facebook befreundet sein will und er wolle das nicht. und ich habe ihn gefragt, wie er denn im „analogen“ leben mit einer solchen situation umgeht…

    herzliche grüße,
    helge thomas

    …oh und ein kurzes p.s.: die anzahl ihrer verfolger ist aus meiner erfahrung nicht so entscheidend wie die qualität. 5000 verfolger ist keine kunst aber – als selbstzweck – relativ nutzlos. die richtige „wertegemeinschaft“ zu versammeln dauert länger – ist aber auch deutlich WERTvoller und nachHALTiger 😉

    achso… 😉 http://www.twitter.com/helgethomas

  5. Hallo Herr Thomas, danke für den tollen Kommentar. Na klar ist Qualität wichtig(er), mir auch – aber 5.000 WERTvolle Follower wären auch nicht schlecht 😉 herzliche Grüße Svenja Hofert

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