Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Die 10.000-Stunden-Erfolgsregel oder: Der lange Weg von „alle meine Entchen“ zu Chopin

By | 2011-03-23T17:37:54+00:00 23. März 2011|

Seit zwei Wochen haben wir ein Klavier. Inzwischen kann „Ich alle meine Entchen“ fünffingrig, jazzig, rockig und auch mit der linken Hand. Das war ordentlich Übung. Ich mag mir nicht vorstellen, wie viele Stunden harten Trainings zwischen mir und Chopin noch liegen.

Da fällt mir diese Zahl ein, die ich aus dem genialen (!) Buch von Malcolm Gladwell habe (wieso können deutsche Autoren das nicht, Sachbücher sooooo toll und spannend schreiben) – „Überflieger. Warum manche Menschen erfolgreich sind und andere nicht“. Er zitiert dort eine Studie, nach der die später erfolgreichsten Musikstudenten, z.B. Geiger und Pianisten, in ihrer Jugend mehr als 10.000 Stunden geübt hatten. Diese 10.000 Stunden-Musiker brachten es später zum Solisten. Mittelerfolgreiche kamen auf 8.000 Stunden und landeten immerhin in einem Orchester.  Die faulsten Studenten aber hatten in ihrem Leben  gerade mal 4.000 Stunden geübt und mussten sich den Rest ihres Lebens als arme Musiklehrer verdingen. Auch in anderen Bereichen hängen Übung und Erfolg unmittelbar zusammen: Bill Gates brachte es bis 1975 ebenfalls auf rund 10.000 Programmierstunden. Wir wünschen uns ja, dass Talent auf Bäumen wüchse. Die Wahrheit ist: Niemand setzt sich an ein Klavier und spielt sofort Chopin. Es mag gewisse Anlagen geben, aber die größte Rolle auf dem Weg zum Erfolg spielt Übung.

Von der 10.000-Stunden-Studie ist es nicht weit, über den Zusammenhang von Erfolg und Leistung nachzudenken. Ich habe dazu gestern eine Frage bei Facebook gestellt, zu der sich viele mit interessanten Gedanken zu Wort gemeldet haben. Kann es einen Erfolg ohne vorherige Leistung geben – wenn wir Leistung als etwas definieren, bei dem sich jemand anstrengt und übt, immer wieder übt, 10.000 Stunden lang.

Ich glaube: Kaum. Natürlich gibt es einige Leistungen, deren gesellschaftlichen Wert man hinterfragen kann. Aber letztendlich leistet auch jemand, dessen offensichtlichstes Talent darin besteht, nichts zu leisten odr sich und die Dinge ins rechte Licht zu rücken, etwas. Und sehr wahrscheinlich ist dieses Talent auch durch Übung entstanden, aber anders als Bill Gates und den Geigern eher nebenbei. Die 10.000 fallen dann nicht so auf. Auf dem privaten Talentinvestitionskonto liegen sie trotzdem.

Wenn man sich die Geschichten hinter der Geschichte anschaut, so sind die wenigsten Erfolge wirklich geschenkt und die meisten hart erarbeitet. De Autorin Petra Hemmesfahr hat 10 Jahre das Krimischreiben geübt, bevor sie endlich einen Autorenvertrag ergattert und Bestseller gelandet hat. Mich graust es deshalb immer ein wenig, wenn ich höre „och, das könnte ich auch, einen Krimi schreiben.“ Vielleicht könnten die die das sagen es auch – wenn sie über Jahre am Ball blieben. Bleiben sie aber nicht. Zu anstrengend.

Viele Menschen glauben, Leistung und Erfolg könnten entkoppelt werden.  Weil man die Geschichten hinter der Geschichte nicht kennt, scheint es so leicht zu sein, Erfolg zu haben. Man sieht ja nur das „der/die hat´s geschafft“, nicht aber die harte Arbeit und die zahlreichen Learnings auf dem Weg nach oben. 10.000 Stunden. Rechnen Sie mal. Ich hab´s für mich getan. Chopin kommt etwa wenn ich in Rente gehe.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

17 Kommentare

  1. calceola 23. März 2011 at 18:09 - Antwort

    Es gibt die Idee des Erfoges über Nacht, aber der will gut vorbereitet sein. Selbst die Gewinner bei so schrecklichen Sendungen wie DSDS haben geübt und geübt und geübt. Meistens können sie dann immer noch nicht in der Liga der Besseren mitspielen (wenn es überhaupt zum Musiklehrer reichen würde, um das Bild zu bemühen), aber immerhin, sie haben etwas getan für den Erfolg.

    Genau so wie ein Sportler der in der Weltklasse mitspielt, man sieht nur die Minuten im Fernsehen, die Stunden um Stunden beim Training sieht man nicht.

    Aber wer säat darf auch ernten denke ich, daher freuen wir uns schon wenn Sie dann im Altenheim aufspielen 🙂

  2. Svenja Hofert 23. März 2011 at 18:18 - Antwort

    So sehe ich es auch – wir sehn uns dann im Altenheim 😉

  3. Jasmin Sieverding 23. März 2011 at 18:22 - Antwort

    „Viele Menschen glauben, Leistung und Erfolg könnten entkoppelt werden. Weil man die Geschichten hinter der Geschichte nicht kennt, scheint es so leicht zu sein, Erfolg zu haben.“

    Ja, ich gebe zu – ich habe auch mal so gedacht. Und auch als Grünschnabel kann ich sagen, dass das doch schon ein paar Jahre her ist…. Aber es ist doch auch eigentlich bequemer zu sagen „Och nö, der/die kann das nur weil ist halt so und Glück gehabt und Beziehungen und wenn ich wollte, dann könnte ich das auch“. Ist aber nicht so. Der Hase läuft anders, und da trennt sich dann eben auch die Spreu vom Weizen. Oder klingt das jetzt zu negativ? Hat aber im weitesten Sinne auch mit „säen“ und „ernten“ zu tun… 😉

  4. Svenja Hofert 23. März 2011 at 18:32 - Antwort

    So ist es! Ich denke, es ist sogar hilfreich zu wissen, dass meist viel mehr Arbeit dahintersteckt als sichtbar ist. Dann nimmt man das eigene Vorhaben ernster 😉 LG

  5. Britta Beckmann 23. März 2011 at 18:48 - Antwort

    Es gibt so einen schönen Satz von Pippi Langstrumpf (jaja, immer die Beispiele von den Skandinaviern 🙂 ), da will sie sich ans Klavier setzen und die ängstliche Annika fragt: „Aber Pippi, kannst Du denn überhaupt spielen?“ und Pippi sagt: „Ich weiß nicht, ich hab es noch nicht versucht“. – Ich denke, im besten Fall weiß man, dass es zum einen zwar 10.000 Stunden dauern kann und man Duracell-Hasen-artig einfach weitermacht, zum anderen aber das beim Tun gleich wieder vergisst und immer schön frisch dabei bleibt. In diesem Sinne: klimperklimperklimper…

  6. Erich Feldmeier 23. März 2011 at 19:18 - Antwort

    ich habe auch (frühestens) im Altersheim meine 10.000 Klavierstunden zusammen 😉
    biete aber als Gründungs- und Band-Mitglied alternativ ein Mehrgenerationen-Projekt:
    Wohnungsbaugenossenschaft Jung & Alt e.G., http://www.wgja-hamburg.de/flottbek.html

    Das Klavierstunden-Beispiel ist (wie übrigens auch die Zahnpastatube, im Buch: ichhasseteams.de)
    auch in meinem Buch ‚Sonntags Reden‘ drin… 😉
    um zu verdeutlichen, dass ‚uns‘ ‚unser Wissen‘ nicht geschenkt wird:
    „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns unser kleines Wissen
    hart erarbeiten mussten und müssen, jeder für sich, nicht durch Transfer von Informationen vom Server auf /unsere Festplatte/“

    Innovative Grüße,
    EF

  7. Lars Hahn 23. März 2011 at 21:25 - Antwort

    10.000 Stunden? Och nö!
    Muss auch gar nicht sein. Viele Menschen schätzen es, wenn sie mit breitverteilten durchschnittlichen Fähigkeiten ganz gut generalistisch aufgestellt sind. Von vielem etwas zu können, birgt den Vorteil, auch mit vielen Menschen zu können.
    Zugegeben: Berühmt werden Sie damit eher nicht. Aber möglicherweise haben Sie 7.000 Stunden mehr freie Zeit für andere schöne Dinge als der auf ein Ziel mit aller Energie hin Strebende. Das hat auch etwas! 😉

    Übrigens: Ich war immer etwas bequem und faul und legitimiere mit dem oben Gesagten meine Lebenstrategie 😉

  8. Svenja Hofert 24. März 2011 at 10:03 - Antwort

    @larshahn: Glaub ich nicht, dass Sie faul sind. So viel lesen und antworten wie Sie es tun, das ist nicht faul – und man kann auch generalistisch und völlig entspannt seine 10.000 Stunden investieren 😉
    @brittabeckmann: Ja, Pippi!!! Die Mutter des weiblichen Selbstvertrauens, grandiose Ergänzung 🙂
    @erichfeldmeier: wir treffen uns mit 80 am Klavier eines Mehrgenerationenhauses (oder muss man da leise sein?)

  9. Daniel Rettig 24. März 2011 at 15:43 - Antwort

    Kleine Anmerkung: Es geht nicht darum, 10.000 Stunden immer und immer wieder dasselbe zu tun – sondern um „zielgerichtetes Üben“. Will sagen: ständige Steigerungen, konstantes Feedback, etc. Der Titel der Originalstudie lautet übrigens „The role of deliberate practice in the acquisition of expert performance“ – via Google findet man das .pdf-Dokument.

    • Svenja Hofert 24. März 2011 at 17:24 - Antwort

      Hallo Herr Rettig, vielen Dank, das ist ein Supertipp. LG SH

  10. Zorem 25. März 2011 at 00:28 - Antwort

    Die Studie ist inzwischen mehr ein Marketing-Instrument für Trainer und Berater, die damit verkaufen. Anstatt zu zitieren einfach das Thema verstehen.

  11. Katja Zakotnik 30. März 2011 at 10:22 - Antwort

    Ein wenig schmunzelnd lese ich als Profi-Cellistin gerade diesen Blogeintrag und die Kommentare dazu. Wie wunderbar, Frau Hofert, dass Sie sich zum Klavierspielen entschlossen haben!

    10.000 Stunden klingt nach einer ganzen Menge, ist aber doch weniger als gedacht: Viele Bewegungen in der Musik können wir mental üben (also die Bewegung innerlich vorstellen ohne sie tatsächlich auszuführen) . Kinder machen das oft als eine Art von Tagtraum automatisch. Man kann diese Fähigkeit aber auch trainieren und gezielt einsetzen. Der berühmte Pianist Walter Gieseking hat neue Werke sogar grundsätzlich ohne Instrument gelernt.

    Fazit: Chopin muss nicht unbedingt bis zur Seniorenresidenz warten. 🙂

    Beste Grüße,
    Katja Zakotnik – http://www.katja.zakotnik.de

  12. Svenja Hofert 30. März 2011 at 14:25 - Antwort

    Liebe Frau Zakotnik, das lässt mich ja hoffen. Vielen Dank für den Kommentar. LG Svenja Hofert

  13. […] Nichtsdestotrotz ist es absolut sinnvoll, eigene Schwächen identifiziert zu haben.  Und halten Sie sich jetzt fest – nicht etwa, weil ich wie alle anderen glaube, man solle Stärken stärken. Ich finde: Viele der selbstempfundenen Schwächen sind der Einbildung geschuldet. Ich will Ihnen ein Beispiel als selbst Betroffene nennen: Ich halte mich nicht für eine mathematische Leuchte, weil  ich abhängig von Lehrer und Thema von einer 1 bis zu einer 5 alle Noten mal hatte. Ich bildete mir irgendwann ein, stärker in Textaufgaben zu sein als im Rechnen, also vermied ich das Kopfrechnen. Nun habe ich neulich mit meinem Partner und meinem Sohn einen Schnellrechenwettbewerb im Auto durchgeführt. Beide sind Mathe-Einserkandidaten. Was soll ich sagen? Ich habe den Wettbewerb gewonnen.  Das hat eine Theorie bestätigt, die ich seit längerem habe: Entscheidend für die Wahrnehmung von Schwächen sind eigene Erfahrungen und das Feedback von anderen. Bekomme ich wenig Bestätigung für etwas, höre ich entweder auf mich damit zu beschäftigen oder sage bei ausgeprägten Kampfgeist „jetzt erst recht“.  Siehe Talent und 10.000-Stunden-Regel. […]

  14. […] ist. All wurden bekannte Schachspielerinnen. Seine These: Alles Übung. Das belegt auch die 10.000 Stunden-Regel. Sie ist gleichzeitig aber auch ein Beleg dafür, dass es wichtig ist, sich auf wesentliche […]

  15. […] die man braucht, um Meisterschaft zu erlangen, dazu gerechnet. Grundlage ist hier die so genannte 10.000-Stunden-Regel. Um wirklich zu sagen “Ich kann´s” ist diese Zeit  mindestens notwendig – nicht […]

  16. […] Fähigkeiten. Talent, so belegt eine viel zitierte Studie, braucht sehr viel Übung braucht, etwa 10.000 Stunden. Und wenn wir Wunschdenken mal außen vorlassen, werden wir das aus eigener Erfahrung […]

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