Die 10.000-Stunden-Erfolgsregel oder: Der lange Weg von „alle meine Entchen“ zu Chopin

Seit zwei Wochen haben wir ein Klavier. Inzwischen kann „Ich alle meine Entchen“ fünffingrig, jazzig, rockig und auch mit der linken Hand. Das war ordentlich Übung. Ich mag mir nicht vorstellen, wie viele Stunden harten Trainings zwischen mir und Chopin noch liegen.

Da fällt mir diese Zahl ein, die ich aus dem genialen (!) Buch von Malcolm Gladwell habe (wieso können deutsche Autoren das nicht, Sachbücher sooooo toll und spannend schreiben) – „Überflieger. Warum manche Menschen erfolgreich sind und andere nicht“. Er zitiert dort eine Studie, nach der die später erfolgreichsten Musikstudenten, z.B. Geiger und Pianisten, in ihrer Jugend mehr als 10.000 Stunden geübt hatten. Diese 10.000 Stunden-Musiker brachten es später zum Solisten. Mittelerfolgreiche kamen auf 8.000 Stunden und landeten immerhin in einem Orchester.  Die faulsten Studenten aber hatten in ihrem Leben  gerade mal 4.000 Stunden geübt und mussten sich den Rest ihres Lebens als arme Musiklehrer verdingen. Auch in anderen Bereichen hängen Übung und Erfolg unmittelbar zusammen: Bill Gates brachte es bis 1975 ebenfalls auf rund 10.000 Programmierstunden. Wir wünschen uns ja, dass Talent auf Bäumen wüchse. Die Wahrheit ist: Niemand setzt sich an ein Klavier und spielt sofort Chopin. Es mag gewisse Anlagen geben, aber die größte Rolle auf dem Weg zum Erfolg spielt Übung.

Von der 10.000-Stunden-Studie ist es nicht weit, über den Zusammenhang von Erfolg und Leistung nachzudenken. Ich habe dazu gestern eine Frage bei Facebook gestellt, zu der sich viele mit interessanten Gedanken zu Wort gemeldet haben. Kann es einen Erfolg ohne vorherige Leistung geben – wenn wir Leistung als etwas definieren, bei dem sich jemand anstrengt und übt, immer wieder übt, 10.000 Stunden lang.

Ich glaube: Kaum. Natürlich gibt es einige Leistungen, deren gesellschaftlichen Wert man hinterfragen kann. Aber letztendlich leistet auch jemand, dessen offensichtlichstes Talent darin besteht, nichts zu leisten odr sich und die Dinge ins rechte Licht zu rücken, etwas. Und sehr wahrscheinlich ist dieses Talent auch durch Übung entstanden, aber anders als Bill Gates und den Geigern eher nebenbei. Die 10.000 fallen dann nicht so auf. Auf dem privaten Talentinvestitionskonto liegen sie trotzdem.

Wenn man sich die Geschichten hinter der Geschichte anschaut, so sind die wenigsten Erfolge wirklich geschenkt und die meisten hart erarbeitet. De Autorin Petra Hemmesfahr hat 10 Jahre das Krimischreiben geübt, bevor sie endlich einen Autorenvertrag ergattert und Bestseller gelandet hat. Mich graust es deshalb immer ein wenig, wenn ich höre „och, das könnte ich auch, einen Krimi schreiben.“ Vielleicht könnten die die das sagen es auch – wenn sie über Jahre am Ball blieben. Bleiben sie aber nicht. Zu anstrengend.

Viele Menschen glauben, Leistung und Erfolg könnten entkoppelt werden.  Weil man die Geschichten hinter der Geschichte nicht kennt, scheint es so leicht zu sein, Erfolg zu haben. Man sieht ja nur das „der/die hat´s geschafft“, nicht aber die harte Arbeit und die zahlreichen Learnings auf dem Weg nach oben. 10.000 Stunden. Rechnen Sie mal. Ich hab´s für mich getan. Chopin kommt etwa wenn ich in Rente gehe.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

16 Kommentare zu “Die 10.000-Stunden-Erfolgsregel oder: Der lange Weg von „alle meine Entchen“ zu Chopin

  1. Es gibt die Idee des Erfoges über Nacht, aber der will gut vorbereitet sein. Selbst die Gewinner bei so schrecklichen Sendungen wie DSDS haben geübt und geübt und geübt. Meistens können sie dann immer noch nicht in der Liga der Besseren mitspielen (wenn es überhaupt zum Musiklehrer reichen würde, um das Bild zu bemühen), aber immerhin, sie haben etwas getan für den Erfolg.

    Genau so wie ein Sportler der in der Weltklasse mitspielt, man sieht nur die Minuten im Fernsehen, die Stunden um Stunden beim Training sieht man nicht.

    Aber wer säat darf auch ernten denke ich, daher freuen wir uns schon wenn Sie dann im Altenheim aufspielen 🙂

  2. „Viele Menschen glauben, Leistung und Erfolg könnten entkoppelt werden. Weil man die Geschichten hinter der Geschichte nicht kennt, scheint es so leicht zu sein, Erfolg zu haben.“

    Ja, ich gebe zu – ich habe auch mal so gedacht. Und auch als Grünschnabel kann ich sagen, dass das doch schon ein paar Jahre her ist…. Aber es ist doch auch eigentlich bequemer zu sagen „Och nö, der/die kann das nur weil ist halt so und Glück gehabt und Beziehungen und wenn ich wollte, dann könnte ich das auch“. Ist aber nicht so. Der Hase läuft anders, und da trennt sich dann eben auch die Spreu vom Weizen. Oder klingt das jetzt zu negativ? Hat aber im weitesten Sinne auch mit „säen“ und „ernten“ zu tun… 😉

  3. So ist es! Ich denke, es ist sogar hilfreich zu wissen, dass meist viel mehr Arbeit dahintersteckt als sichtbar ist. Dann nimmt man das eigene Vorhaben ernster 😉 LG

  4. Es gibt so einen schönen Satz von Pippi Langstrumpf (jaja, immer die Beispiele von den Skandinaviern 🙂 ), da will sie sich ans Klavier setzen und die ängstliche Annika fragt: „Aber Pippi, kannst Du denn überhaupt spielen?“ und Pippi sagt: „Ich weiß nicht, ich hab es noch nicht versucht“. – Ich denke, im besten Fall weiß man, dass es zum einen zwar 10.000 Stunden dauern kann und man Duracell-Hasen-artig einfach weitermacht, zum anderen aber das beim Tun gleich wieder vergisst und immer schön frisch dabei bleibt. In diesem Sinne: klimperklimperklimper…

  5. ich habe auch (frühestens) im Altersheim meine 10.000 Klavierstunden zusammen 😉
    biete aber als Gründungs- und Band-Mitglied alternativ ein Mehrgenerationen-Projekt:
    Wohnungsbaugenossenschaft Jung & Alt e.G., http://www.wgja-hamburg.de/flottbek.html

    Das Klavierstunden-Beispiel ist (wie übrigens auch die Zahnpastatube, im Buch: ichhasseteams.de)
    auch in meinem Buch ‚Sonntags Reden‘ drin… 😉
    um zu verdeutlichen, dass ‚uns‘ ‚unser Wissen‘ nicht geschenkt wird:
    „Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns unser kleines Wissen
    hart erarbeiten mussten und müssen, jeder für sich, nicht durch Transfer von Informationen vom Server auf /unsere Festplatte/“

    Innovative Grüße,
    EF

  6. 10.000 Stunden? Och nö!
    Muss auch gar nicht sein. Viele Menschen schätzen es, wenn sie mit breitverteilten durchschnittlichen Fähigkeiten ganz gut generalistisch aufgestellt sind. Von vielem etwas zu können, birgt den Vorteil, auch mit vielen Menschen zu können.
    Zugegeben: Berühmt werden Sie damit eher nicht. Aber möglicherweise haben Sie 7.000 Stunden mehr freie Zeit für andere schöne Dinge als der auf ein Ziel mit aller Energie hin Strebende. Das hat auch etwas! 😉

    Übrigens: Ich war immer etwas bequem und faul und legitimiere mit dem oben Gesagten meine Lebenstrategie 😉

  7. @larshahn: Glaub ich nicht, dass Sie faul sind. So viel lesen und antworten wie Sie es tun, das ist nicht faul – und man kann auch generalistisch und völlig entspannt seine 10.000 Stunden investieren 😉
    @brittabeckmann: Ja, Pippi!!! Die Mutter des weiblichen Selbstvertrauens, grandiose Ergänzung 🙂
    @erichfeldmeier: wir treffen uns mit 80 am Klavier eines Mehrgenerationenhauses (oder muss man da leise sein?)

  8. Kleine Anmerkung: Es geht nicht darum, 10.000 Stunden immer und immer wieder dasselbe zu tun – sondern um „zielgerichtetes Üben“. Will sagen: ständige Steigerungen, konstantes Feedback, etc. Der Titel der Originalstudie lautet übrigens „The role of deliberate practice in the acquisition of expert performance“ – via Google findet man das .pdf-Dokument.

  9. Die Studie ist inzwischen mehr ein Marketing-Instrument für Trainer und Berater, die damit verkaufen. Anstatt zu zitieren einfach das Thema verstehen.

  10. Ein wenig schmunzelnd lese ich als Profi-Cellistin gerade diesen Blogeintrag und die Kommentare dazu. Wie wunderbar, Frau Hofert, dass Sie sich zum Klavierspielen entschlossen haben!

    10.000 Stunden klingt nach einer ganzen Menge, ist aber doch weniger als gedacht: Viele Bewegungen in der Musik können wir mental üben (also die Bewegung innerlich vorstellen ohne sie tatsächlich auszuführen) . Kinder machen das oft als eine Art von Tagtraum automatisch. Man kann diese Fähigkeit aber auch trainieren und gezielt einsetzen. Der berühmte Pianist Walter Gieseking hat neue Werke sogar grundsätzlich ohne Instrument gelernt.

    Fazit: Chopin muss nicht unbedingt bis zur Seniorenresidenz warten. 🙂

    Beste Grüße,
    Katja Zakotnik – http://www.katja.zakotnik.de

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