Ist das Berufsleben eine Kaffeemaschine? Der wachsende Wunsch nach Instant-Antworten

Neulich bekam ich einen bitterbösen Leserbrief. Ich sei doch auch eine von diesen Leuten, die einer unfähigen Doof-Gesellschaft bescheuerte Ratschläge gebe. Der werte Leser hatte zuvor einen Zeitungsartikel gelesen, in dem ich zitiert wurde. Der Beitrag war wirklich nicht gerade eine journalistische Bestleistung. Und wie so oft war mein Zitat ziemlich doll in die journalistisch gewünschte Schublade gesteckt. Nun ja, so ist das Geschäft. Aber: Stimmt das? Lassen sich immer mehr Menschen „beratschlagen“, um aufhören können zu denken?

Seit 10 Jahren staune ich über manche Fragen, die auf und nach Vorträgen oder in Seminaren kommen, vor allem bei und von jüngeren Publikum. Nicht, dass ich nicht gerne antworte, aber der Gedanke an eine heranwachsende „Doof-Gesellschaft“ ist mir auch schon gekommen. Wobei die Sache nichts mit Doof zu tun hat. Das Thema ist ein anderes: Unsicherheit. Die macht sich gerade bei jüngeren Leuten in Zeiten der Informationsüberflutung breit wie eine Monster-Welle. Es gibt so viele Informationen – welche ist denn nun richtig? Bewerten fällt schwer – ich fürchte, es wird auch nicht gelehrt (werde das mal beobachten, wenn mein Sohn ab Sommer ins Gymnasium geht). Hochkonjunktur für Experten, die jeden einzelnen Schritt vorzeichnen. 

Soll ich…? Muss ich…? Was würden Sie…? Zum Beispiel: „Empfehlen Sie Opium (nicht das Rauschgift, sondern das Parfum) für den ersten Tag im neuen Job?“  Was für eine Frage! Sehr intensiver Duft, ziemlich 1980er, modern vielleicht? Im Büro würde ich mir Opium nicht wünschen, es hinge wie eine Wolke über jedem Gespräch.  Also eher nicht. Wenn ich es recht überlege: Ich würde meine Mitarbeiterin vor die Tür setzen, wenn sie das Zeugs nähme… (danach darf sie wieder rein, parfumfrei).

Es gibt auch solche Fragen: „Soll ich Freitags lieber warten, bis alle Kollegen gegangen sind oder kann ich vorher gehen, wenn ich Termine habe?“ Hallo? Bei allem Respekt: Für so eine Frage braucht man keine Berater und auch keine Artikel im Ressort „Beruf & Karriere“.  Wer sie stellt, sollte sich vielmehr fragen, warum und was jene Unsicherheit auslöst, die zum Stellen so einer Frage führt.

Nach einem Vortrag kam eine Teilnehmerin auf mich zu und fragte, ob ich ein Tool hätte oder einen geheimen Trick, um der Ungerechtigkeit bei der Personalbewertung entgegen zu  steuern. Irgendwas ganz einfaches, Knopfdruck only. Hm. … Natürlich gibt es nichts Einfaches. Alle Lösungen, selbst die Auswahl von Parfum am ersten und allen folgenden Tagen, erfordern Denken und Handeln – also Selbsttun.  Ist es das: Wird unsere Gesellschaft nicht nur unsicherer, sondern auch immer unselbstständiger? Unsicher und unselbstständig?

Die PR-Organisatorin des letzten Vortrags sagte, als alle weg waren:„Komisch, Frau Hofert – oder? Die Teilnehmer wollen oft, dass man ihnen das Denken abnimmt. Am besten nichts selbst tun, sondern nach Schritt für Schritt-Anleitungen handeln.“ Aber das Leben ist nun mal keine Kaffeemaschine,  die in 10 Schritten zu säubern ist! Lieber kritischer Leser vom Anfang: Danke für Ihre Mail. Kritische Leser sind mir sehr lieb. Sie haben auch recht: Es wird viel gefragt, was man sich besser selbst beantworten sollte. Es gibt auch viele Ratschläge, die kein Mensch braucht. Und manche, die sogar schaden. Dennoch hat der Wunsch nach simplen Antworten nichts mit „Doof“ und „Verblödung zu tun. Es ist vielmehr eine Generation Fragezeichen, die da heranwächst. Und eine ziemliche Verantwortung der Berater und Coachs, besser keine allzu einfachen Antworten zu geben, sondern – hier war schon mal die Rede davon – Hilfe zur Selbsthilfe.

Oder? Doof oder Fragezeichen? Ihre Meinung bitte!

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Über Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

10 Kommentare zu “Ist das Berufsleben eine Kaffeemaschine? Der wachsende Wunsch nach Instant-Antworten

  1. Die Natur und auch die Menschen lösen ihre Probleme mit steigender Komplexität. Steigende Komplexität ist rational nicht erfassbar und somit transrational. Es bleibt vielen nur die Null-Option, dass heißt nichts zu tun oder einen Experten zu fragen, der es auch nicht weiß, jedoch gern gegen Bezahlung das Orakel spielt und seine eigenen Überzeugungen transferiert. Wir alle kennen die Lösung und können Experten abschaffen. Die Lösung heißt nicht 42, sondern Sinnsuche.

  2. 42? Das ist ein Zitat aus dem Roman „Per Anhalter durch die Galaxis“. „Es handelt sich dabei um die Antwort auf die vom Autor bewusst unklar gelassene Frage „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ („life, the universe and everything“).“ (Quelle: Wikipedia).

    Ich denke auch, dass die Informationsüberflutung einen ordentlichen Beitrag zur Allgemeinen Verunsicherung leistet. Ich muss allerdings anmerken, dass ich selbst zum Selbstrausfinden erzogen worden bin. „Schlag das mal selbst im Lexikon nach“ bekam ich als Kind häufig zu hören. Daher irritiert es mich etwas, wenn meine Mitmenschen nicht in der Lage sind, Dinge eigenständig rauszufinden. Also: Hilfe zur Selbsthilfe fängt schon bei den Kindern an.

    Ein anderer Aspekt ist aus meiner Sicht die Unfähigkeit, selbstständig Entscheidungen zu treffen („wann darf ich freitags gehen“). Ich weiss nicht, wie diese Entwicklung entstanden ist. Früher sah ich den Grund in den hierarchischen Strukturen von Konzernen, die Mitarbeiter gerne mal zur Unmündigkeit erziehen. Mittlerweile begegnet mir das Phänomen aber überall, auch bei Menschen, die nicht konzerngeschädigt sind. Ist das wirklich Informationsüberflutung? Oder die Angst vor Konsequenzen aus dem eigenen Tun? Oder fehlen klare Regeln? Oder hat da (am Arbeitsplatz) jemand derart Angst vor Mobbing, dass er/sie nicht mehr weiss, was richtig oder falsch ist?
    Da steht für mich noch ein große ?

  3. Nun ja, Frau Hofert, mit den Kaffeemaschinen ist das heutzutage auch so ’ne Sache. Es gibt unzählige Systeme, tausende Aromanoten, jede Woche einen neuen Kaffeehype. Aber einen „normalen“ Bohnenkaffee kriegen viele schon nicht mehr hin. Neulich fragte mich tatsächlich jemand, wofür man einen Kaffeefilter benötige…

    Und im Berufsleben geht’s eben genauso. Die Einfachheit eines abgeschirmten Lebens in einer von Aktenregistraturen gelenkten Bürokuscheligkeit in einer Zeit ohne World-Wide-Web, Social Media, 26 TV-Programmen gibt’s eben nicht mehr. Zumindest nicht, wenn Karriere eine mögliche Option ist. Das ganze wird dann „verkompliziert“ durch unzählige Beratungstrends, Lebenshilfebücher und jede Woche einen neuen Karrierehype.
    Da sind die „einfachen“ Lebensstrategien vor lauter Trends möglicherweise nicht mehr sichtbar.

    Stetiges Lernen und die Entwicklung der Persönlichkeit ist heute keine luxuriöse Kann-Option für Einzelne. Sie ist schlichtweg überlebensnotwendig. Nur: Gelehrt wird das nicht. Drum suchen viele (wie ich auch) gerne die Hilfe anderer.

    Der schmale Grat ist, ob die Hilfe als Unterstützung der eigenen Suche oder als Bitte um fertige Ratschläge und Konzepte verstanden wird.

    Ich bevorzuge ersteres.

  4. Viele vertrauen Ihren 5 Sinnen nicht mehr, die an ihre Intuition gekoppelt sind. Das Bauchgefühl für angemessenes Handeln ist bei all den Regeln verloren gegangen. Mut, Eigenverantwortung und Zutrauen zu sich selbst gehören dazu.
    Wie werden wir wieder authentischer?

  5. @RenateBrokelmann: Stimmt, das Buch fliegt doch irgendwo hier rum… und in Köln gab´s auch mal eine Disco 42, die danach benannt war 😉 Die Herangehensweisen sind sehr unterschiedlich: Es gibt viele, die kommen gar nicht auf die Idee, irgendwo nachzuschauen. Andere wiederum überinformieren sich und lesen alles (was die Entscheidung auch nicht leichter macht). Aber es ist wohl so: zu viele Möglichkeiten machen das Leben nicht gerade leichter. LG Svenja Hofert

  6. @larshahn: Oh ja, Kaffeemaschinen können sehr kompliziert sein – und ich kann auch keinen Filterkaffee mehr (gibt´s da Rezepte im Internet ;-))
    Zu den fertigen Ratschlägen: der Witz ist ja manchmal, dass diese diejenigen, die sie suchen, auch nicht zufrieden machen, wenn Sie sie bekommen 😉 Sie fragen sich dann: Ist das wirklich so, z.B. mit den Familienstand-Daten im Lebeslauf? „Ich habe doch gelesen, dass man die weglassen kann. Und jetzt sagen Sie, dass nicht…Was ist denn nun richtig?“ Tja, was?
    herzliche Grüße
    Svenja Hofert

  7. @Karin Rostek-Schmehl: Das ist richtig, das Bauchgefühl verschwindet. Wir bilden uns ein, alles sei rational steuerbar, ist es aber nicht. herzliche Grüße Svenja Hofert

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