Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Moderne, Postmoderne? Was kommt ist klar, aber wie heißt das bitte?

By | 2011-05-21T22:45:41+00:00 21. Mai 2011|

Meine Internetagentur, Futur Zwei, bastelt derzeit an der Präsenz von Gabor Steingart, früher beim Spiegel und jetzt beim Handelsblatt. „Du beschäftigst dich in deinem Blog doch…“, fragten sie mich, ob ich Interesse hätte, das Buch zu lesen. Habe ich, na klar. Das Buch heißt „Das Ende der Normalität“ und kommt bei Amazon nicht besonders gut weg. Es hat einen schwarzen Trauerrand und will uns damit darlegen, warum wir diese ganze Sicherheitssachen abhaken können: Rentenversicherung, Einklassenkrankenkassensystem und natürlich feste Jobs. Soweit, so klar.

Um es deutlich zu sagen, bevor der nächste kommt, der mir ein Buch anpreist: Ich schreibe keine Gefälligkeitskritiken. Wenn mir etwas nicht gefällt und ich kenne den Autor persönlich oder ums Eck, lese und schweige ich, jedenfalls öffentlich.

Doch  trotz der leicht überwiegenden 1-Sterne-Rezensionen bei Amazon: Das Buch ist für mich zwar kein echter Highlight, aber gut genug, nicht zu schweigen. Ich könnte mir vorstellen, dass es polarisiert, weil es relativ nüchtern über Mehrklassenmedizin, Niedrigjobs und die Zunahme von Depressionen mit anschließendem Selbstmord schreibt. Das bringt nie mittlere Bewertungen (bezeichnenderweise gibt es bisher kein Mal drei Sterne), sondern durchweg hopp oder top. Es fühlt sich betroffen, wer selbst Angst vor dieser ganzen neuen Freiheit hat und ziemlich gut, wen das (ver-)lockt. Doch Sicherheit dominiert, sagt auch Steingart, ist ein zentrales Gefühl der späten Neuzeit. Ist auch logisch. Noch.

Mein ganz persönliches Kriterium für gut oder schlecht ist weniger die persönliche Betroffenheit (dazu lese ich Romane): Ich wünsche mir von Sachbüchern mindestens einen Aha-Effekt pro Buch. Das ist eine ganz individuelle Rezeption. Weil Aha-Effekte sich sehr oft „dünne machen“, frustriert mich die Mehrzahl der Bücher, vor allem die von den einschlägig auf dem Buchmarkt aktiven deutschen Besserwissern, ausschließlich Männern, die immer das gleiche sagen (während verweichlichte Frauen Ratgeber schreiben). Doch das Buch hier ist nicht ganz das Gleiche wie immer, weil es nicht ganz so moralisch daher kommt.  Und auch nicht so festhaltend am Alten – sondern eher vorantreibend. Wir sind nun mal in einem neuen Zeitalter und so war das auch beim Übergang vom Mittelalter, vermutlich.

Ich musste viele Seiten lesen,  bis der so gesuchte Erkenntnis-Effekt kam. Vorher gab es einige spannend zu lesende, weil klug komponierte  Kapitel. Der Einstieg, der eine zunächst fern scheinende Geschichte über die Gravitation der Erde langsam ranzoomt und auf das Ist überträgt, erinnert an Malcolm Gladwell. Die Gravitation kommt öfter mal wieder, der Rest  ist deutsch- intellektuell mit vielen Philosophen- und Literatenzitaten. Ich wünsche mir bei deutschen Autoren manchmal etwas mehr Mensch zwischen den Zeilen. Doch persönliche Wahrnehmungen und Erlebnisse bleiben auch hier wieder mal vor der Tür. Manchmal hatte ich zudem das Gefühl, das Schreiben ist der Zweck und nicht die Botschaft.

Die versteckt sich für mich in dem zentralen Satz, der nicht von Steingart selbst stammt, sondern aus Hermann Hesses Steppenwolf:  „Es gibt nun Zeiten, wo eine ganze Generation so zwischen zwei Zeiten, zwischen zwei Lebensstilen hineingerät, dass ihr jede Selbstverständlichkeit, jede Geborgenheit und Unschuld verloren geht.“  Wenn Historiker einmal unsere Zeit beschreiben werden, so wird sie wahrscheinlich „frühe Irgendwas“ genannt werden, denn wir leben am Ende der Neuzeit und zu Beginn von etwas, für das man erst im Nachhinein Namen finden kann.  Es ist das Ende der Postmoderne, und kein Mensch weiß, wie das heißt. Auch Steingart nicht. Und das ist dann doch ein wenig schade.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

2 Kommentare

  1. Thomas Hochgeschurtz 24. Mai 2011 at 21:54 - Antwort

    Ich hoffe, Ihr Blog verkommt nicht zu einem Rezensions-Blog für Bücher mit wenig Aha-Effekt. Der letzte Absatz ist es wert, Ihren Beitrag zu lesen und sein persönliches Aha zu erleben. Wie werden die Historiker eine Zeit beschreiben, in der ein kleiner Teil der Menschheit weit über Ihren Verhältnissen gelebt habt?

  2. Svenja Hofert 25. Mai 2011 at 08:16 - Antwort

    Hallo Herr Hochgeschurtz, aber nein. Ich dosiere gaaaanz vorsichtig. LG und Dank Svenja Hofert

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