Denken – nein, Danke: Die Folgen der Prozessoptimierung in der Arbeitswelt

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten seit 10 Jahren in ein und derselben Firma. Sie haben gedacht, genau dies hier wäre ein Lebensjob. Sie hatten lange auch Spaß an der Arbeit. Von der Zukunft der Arbeit haben sie gelesen und nicht geglaubt, dass es auch mal SIE betreffen würde, in ihrer Versicherungsgesellschaft, Bank, in dem Industrie- oder Handelsunternehmen oder wo auch immer Sie tätig sind. Dass die Prozessoptimierung so weit um sich greifen würde?

Und jetzt trifft es Sie doch. Die Standardisierung von Prozessen ist bei Ihnen angekommen. Vielleicht haben Sie selbst mitgewirkt an einem Projekt, das das Ziel hatte, Arbeitsabläufe zu vereinfachen und zu standardisieren. Danach aber hat man alle spannenden Aufgaben ausgelagert. Sie hätten gedacht, es bleibt was übrig für sie – Pustekuchen. Unternehmensberater machen nun das, was Sie vorher toll fanden. Vielleicht entstand mit Hilfe einer Beratungsfirma ein Shared Service Center. Da sitzen sie dann outgesourct im eigenen Unternehmen. Und können fast sicher sein, dass das nicht der letzte Schritt auf dem Weg zu mehr Effizienz und der Abschaffung menschlicher Denkarbeit ist. 10 lange Jahre durften Sie Ideen einbringen, wirken, handeln. Jetzt ist das alles nicht mehr gefragt.  Es bleiben ausführende, prüfende, kontrollierende Aufgaben, die Sie ätzend finden. Neidvoll schauen Sie sich die Consultants an, die das Wort Herausforderung noch in den Mund nehmen können.

Alltagsmusik. Die Auswirkungen der Prozessoptimierungswelle erlebe ich täglich. Wenn mir zum Beispiel ein Kunde von einem standardisierten, emotionslosen Telefoninterview erzählt, das er mit der seltsamen Vertreterin einer Limited in Irland geführt hat, im Namen eines großen Konzerns. Oder mir Mitarbeiter frustriert berichten, dass sie selbst nur noch ausführen, was andere vorgeben. Das eigentlich keiner mehr wirklich an Leistung interessiert ist. Und dafür hat man dann studiert? Dafür schreit alles nach Akademikern?

Ich wundere mich nicht, dass es für immer mehr Menschen immer reizvoller wird, in Beratungsunternehmen tätig zu sein – allein steht dem im Weg, dass einige die Reisetätigkeit nicht in ihr Leben integrieren können und wollen. Die wirklich spannenden Jobs in Unternehmen, die die eigenes Denken und Ideen erfordern, dagegen schwinden dahin.  Spätestens nach der zweiten Prozessoptimierungswelle bleiben Jobs, für die eigentlich kein Studium mehr nötig ist und die dennoch – vorübergehend, bis zur nächsten Optimierungswelle – mit qualifizierten Mitarbeitern besetzt werden.

Der in nahezu jedem modernen Buch zitierte Mihail  Csikszentmihalyi, Flow-Forscher, schreibt, dass die Motivation von Menschen schwindet, wenn sie nicht mehr selbstbestimmt arbeiten können. Eine Folge von Prozessoptimierung ist aber die Standardisierung. Und eine Folge der Standardisierung ist fehlende Selbstbestimmung. So stellt sich die Frage, was nach der Prozessoptimierung 1, 2 oder 3 kommt. Moderne Fliessbandarbeit für Akademiker – ist meine These.

Bewirkt der Demografiewandel nicht nur eine kurze Verbesserung? Begründet das Ende der Arbeit , wie es Jeremy Rifkin beschrieben hat, wirklich ein Paradies aus Selbstbestimmung und Kreativität? Wer soll in den Shared Service Centern sitzen?  W§as kommt, wenn alles optimiert ist? Heute schreibt die Süddeutsche, dass wir vielleicht noch in diesem Jahrhundert eine Arbeitslosenquote von 70% erleben werden, eben weil der IQ der Maschinen rasant steigt und man den Menschen immer weniger brauche. Was von Menschen dann gefordert ist, beziehe sich allein auf Kopf-und Kreativleistungen. Doch wie bereiten wir Mitarbeiter darauf vor, die wir durch Prozessoptimierungen in standardisierte Tätigkeiten und prozessanaloges Denken zwingen? Gar nicht.

Wer in einer standardisierten Tätigkeit vor sich hin dümpelt, wem Denken untersagt ist, der kann nur eins tun: Gehen und etwas Neues suchen. Selbst wenn die Suche länger dauert.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

11 Kommentare zu “Denken – nein, Danke: Die Folgen der Prozessoptimierung in der Arbeitswelt

  1. Den gleichen Widerspruch sehe ich auch:

    Einerseits erfordert die genormte Arbeitswelt ständig mehr standardisierte Tätigkeiten – auch und gerade von Akademikern.

    Andererseits bedarf es kreativer oder gar eigenwilliger Kompetenzen, um die notwendigen Innovationen auch in der Standard-Welt voranzubringen.

    Beides zu erfüllen, ist nun wirklich die Kunst! Eine gewisse Subversivität ist nicht nur hilfreich, sie macht sogar Spaß!

    Vielleicht gibt es sie ja doch: Die kreative Prozessgestaltung oder die prozessorientierte Kreativität!

    Ich glaube daran!
    Demnächst mehr beim Kaffee 😉

  2. Das Prozesse gestalten macht noch Spaß – danach muss aber was Neues kommen. Ich denke auch, es gibt eine Lösung. Vielleicht finden wir die ja beim Kaffee? LG SH

  3. Moderne Fliessbandarbeit für Akademiker – steile und oft zutreffende These! Da haben wir ein Paradox : Die Industrialisierung der Wissensarbeit in der postindustriellen Gesellschaft. Die Beschreibung von weitgehend standardisierten Tätigkeiten mit Begriffen aus der manuellen Arbeit habe ich kürzlich in meinem Blog thematisiert: „Zukunftstrend: Die Aufwertung der manuellen Arbeit? Schrauben, Schmirgeln und Putzen.“ http://recruiting.koenig-personalmanagement.de
    Die „moderne Fliessbandarbeit für Akademiker “ bezieht sich auf „Kopf- und Kreativleistungen“. In den „sozialen Berufen“ -gemeint sind nicht social media 😉 sonderrn Pädagogik und Pflege – gibt es weniger Standardisierung, aber – und das ist der Pferdefuß – auch niedrigere Gehälter. Und sie sind auch – wie noch- handwerkliche Berufe mit einem geringerem sozialen Status verbunden. Übrigens, schon 1981 hatte – der Jesuit und Nestor der katholischen Soziallehre – Oswald von Nell-Breuning gesagt, daß ein Tag Arbeit pro Woche ausreichen würde gemessen an der Produktivität. http://bit.ly/lj7snr (Arbeitet der Mensch zuviel? Freiburg 1985)
    Es bleibt spannend- schöne Grüße, Elke König

  4. daran denke ich mal, wenn ich z.B. beim übersetzen eines QMS auf ein Formatierungsproblem stoße…..;-) eine andere Frage ist auch immer wieder: Wie wird Arbeit überhaupt wertgeschätzt? Mit Geld und mit Anerkennung? Beim Zerlegen in Standards geht auch einfach die Wertschätzung verloren, die man für seine Arbeit bekommt. Der Rest steht dann immer noch treffend genug in Marx, „Das Kapital“.

  5. Hallo Frau König, vielen Dank für die tolle Ergänzung. Gefällt mir sehr gut, was Sie sagen und bei den sozialen Berufen bin ich komplett d´accord.
    @annegüntert: Ich denke manchmal: mit Geld oder Anerkennung. In das Kapital habe ich lange nicht mehr reingeschaut, aber ich glaub ich werde mal auf die Suche gehen, denn zitiert wurde in den letzten Jahren vor allem Adam Smith 😉

  6. Ja ja, Akademiker am Fließband. Eine grauenhafte Vorstellung. Daher wollen wir doch die Prozesse lieber für die Nicht-Akademiker optimieren. Das sind die, die in Unternehmen Dinge tun, für die kein Studium notwendig ist. Die mit den weniger spannenden Jobs, die sei jeher weder eigenes Denken noch Ideen erforderten. Die Jobs halt, die mit qualifizierten Mitarbeitern besetzt werden, obwohl für qualifzierte Mitarbeiter gar nicht nötig wären.

    Also: Moderne Fließbandarbeit nur für Nicht-Studierte. Alles andere ist Vergeudung wertvoller Ressourcen.

    Viele Grüße
    Melbar Kasom

  7. Ich glaube, dass man durchaus durch Prozessoptimierung und gleichzeitig flachere Hierarchi den Mitarbeiter mehr Verantwortung übertragen kann. Das ganze ist nicht in jedem Fall möglich, aber mit Sicherheit eine Überlegung.

  8. Das Problem ist, dass auch Nicht-Akademiker denken wollen 😉 Und wer sich nur an Vorgaben halten muss, tut zwar irgendetwas, aber nicht selbstbestimmt – das ist die Krux. Gleichzeitig lässt sich aber auch kein „Dummer“ auf diese Stellen setzen, weil sie Fachwissen voraussetzen. Das Problem ist doch, dass sich die Niveaus verschieben: Menschen mit Ausbildungsberufen rücken langsam aber sicher an die Stelle früherer Ungelernter, Bachelor nehmen ihre Position ein. Merkt man überall…. und kann man in Frankreich noch deutlicher sehen als bei uns wo das früher einsetzte. LG SH

  9. http://imgriff.com/2011/06/07/motivation-wer-selbstbestimmt-und-sinnstiftend-arbeitet-leistet-mehr/

    Dazu ein Zitat (selbst gehört) einer FM im JobCenter: „Selbstverwirklichung ist kein teil der Arbeitssuche“…

    Das Bescheidwissen über die eigenen skills, transferable skills, Talente und Bereiche ist ganz wichtig, um überhaupt Wertschätzung für eine Aufgabe oder Job zu empfinden und auch geben zu können. Ist dies auf keiner oder auf nur einer Seite vorhanden, kommen wir in ganz gefährliche Untiefen (Analyse eben Marx oder Chaplin’s Moderne Zeiten)

  10. Stichwort Geld oder Anerkennung…bei einer Fachkonferenz mit Journalisten in Hamburg stiess ich auf Aussagen: „ich liebe meinen Job, obwohl nur 80 EUR pro Artikel bei einer (Name ist der Red. bek.:-))) großen deutschen Tageszeitung bezahlt werden.“

    Da wird wird mir persönlich schon mulmig……warum wird idealismus zwar anerkannt, aber leben kann man nicht davon? Warum ist das so? muss es so bleiben?

  11. Pingback: Der Zukunftsjobsicherheitsschlüssel: Wo Berufe auch morgen noch funktionieren | Karriereblog von Svenja Hofert

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