Wenn guter Rat wirklich schlecht ist

Ratschläge liegen im Trend, vielleicht ist deshalb Dieter Nuhrs „ultimativer Ratgeber für fast alles“ ein Bestseller. Vielleicht weil uns diese Welt immer weniger Halt gibt und die Meinungsvielfalt steigt. Gerade junge Menschen suchen guten Rat, nehmen die Erfahrung der Älteren jedoch manchmal allzu unreflektiert an.

Lisa wollte eigentlich nur einen objektiven Rat der älteren Mentorin, die sie sich bei einer Mentorenbörse als Branchenexpertin ausgeschaut hatte. Sollte sie das feste Jobangebot, ein Angebot mit Seltenheitswert in dieser Branche, annehmen oder sich doch selbstständig machen? „Nimm das Angebot, da bist du auf der sicheren Seite“, sagte die erfahrene Berufstätige. Dem Rat zu folgen, war falsch, sagt Lisa heute. Sie hätte sich ohne diesen Ratschlag drei Jahre sparen können, in denen sie eigentlich nur eins wusste: eine Festanstellung ist es nicht.

Ein guter Rat ist Gold wert. Einen schlechten erkennt man an einer simplen Tatsache: Der Ratgeber empfiehlt für sich selbst.  Die Mentorin in dem kleinen Fallbeispiel hätte selbst nie freiwillig den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt, also hinterfragte sie auch nicht die Motivation ihres Mentees.  So ein Rat ist ein schlechter Rat. Erst recht, wenn er von einem erfahrenen Menschen kommt, der eigentlich doch gelernt haben sollte, dass jeder anders denkt und fühlt und ein individuelles Job- und Lebenskonzept braucht. Jemand, der weiß, dass die einen drei Kinder mit Stress-Karriere vereinbaren können und die anderen eben nicht. Oder dass der eine den gleichen Job als  herausfordernd findet, und der andere als öde. Jemand, der begriffen hat, dass die eigene Wahrnehmung nicht die der anderen ist. Dafür muss man sich selbst kennen.

Kennen Sie das Höhlengleichnis von Platon? Die Menschen in der Hölle leben dort seit Jahren und kennen nur die Schatten an der Wand. Als einer freikommt und draußen die wahre Welt sieht und davon berichtet, glauben sie ihm nicht und schlagen ihn tot. Wir alle leben in der Höhle unserer eigenen Welt, die immer irgendwie begrenzt ist, selbst wenn wir einen größeren Radius um uns gezogen haben. Deshalb können wir Empfehlungen nur im Bewusstsein geben, dass jemand anders die Welt ganz anders sieht, erfährt und erlebt. 

Manchmal werde ich gefragt, ob ich nicht „mal kurz“ sagen könnte, ob „Master konsekutiv oder doch nach Berufserfahrung“ oder auch „selbstständig ja oder nein“? Ich kann nicht mal kurz. Um auf Fragen jenseits des Steuerrechts zu antworten, muss ich eine Menge zum einzelnen Fall wissen, bei Frage 2 noch mehr als bei 1. Fragen zur beruflichen Zukunft lassen sich niemals allgemein beantworten, sondern immer nur individuell. Natürlich muss ein Mentor, oder auch ein Berater, meinetwegen sogar ein Therapeut warnen und z.B. sagen, dass aus seiner Sicht und aus seiner Erfahrung sich viele etwas so oder so verhält. Seine Aufgabe ist es aber auch, das persönliche Empfinden von seiner Empfehlung zu trennen. Und die Aufgabe des Mentees liegt darin zu erkennen, dass es objektiven Rat von einem „Subjekt“ niemals geben kann.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

3 Kommentare zu “Wenn guter Rat wirklich schlecht ist

  1. Meine Rede, soviel Einsicht und Selbstverantwortung wünschte ich mir bei meinen Fragern. Wenn einer von beiden das Spiel durchschaut ist ja alles gut. Übel wird es, wenn das, wie in Ihrem Beispiel, nicht geschieht.

  2. Ich finde die Reaktion der Mentorin absolut nachvollziehbar. Ein Mentor gibt auf Basis seiner Erfahrung nach bestem Wissen und Gewissen einen Ratschlag. Und für Lisa waren die 3 Jahre nur verschenkt, wenn Sie daraus nichts gelernt hat. Nach 20 Jahren Berufserfahrung kann ich nur sagen: die Zeiten, die ich für die Zeiten hielt, in denen ich am wenigsten gelernt habe, waren im Nachhinein die wichtigsten, die mich in meiner Entwicklung weitergebracht haben. Wenn Lisa in dieser Zeit gelernt hat, dass es eine Festanstellung nicht ist, dann ist das die wertvollste Erfahrung, die sie machen konnte und hat jetzt die richtige Motivation um sich selbstständig zu machen. Wenn sie das während der 3 Jahre gemerkt hat, hatte sie ausreichend Zeit und Geld durch die Sicherheit der Festanstellung für ihre angehende Selbständigkeit zu recherchieren, Geld zu sparen als Einstiegskapital, Kontakte und Netzwerke zu knüpfen etc. etc. Die Sicherheit einer Festanstellung gibt einem genau dafür den notwenidgen Rückhalt. Ich finde daher die Empfehlung der Mentorin als absolut gerechtfertigt. Alles andere wäre ein Spiel mit einem viel zu hohen Risiko.

    • Es ist kein bestes Wissen und Gewissen, wenn man seine eigenen Präferenzen – nicht etwa sein eigenes Gewissen – zur Maßgabe einer Empfehlung macht. Das ist schlicht unprofessionell. LG Svenja Hofert

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