Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

„Du bist doch…“ oder: Die Zuschreibungsfalle

By | 2011-07-12T08:37:59+00:00 11. Juli 2011|

„Ich bin kommunikativ“, sagen Lisa und Hans. Beide meinen etwas anderes. Lisa hört gern zu, und Hans redet viel. Das ist das eine:  die Frage, was ein Mensch überhaupt unter so einem abstrakten Wort wie Kommunikationsfähigkeit versteht. Die andere ist, in welchen Situationen und Umgebungen Lisa und Hans sich wie verhalten und welche Erfahrungen sie zu dieser Selbsteinschätzung geführt haben. Denn Verhalten kann kontextabhängig enorm variieren. Wer sich in einem Meeting mit dem Chef zurückhaltend und beobachtend verhält, kann in einem Seminar mit Office-Kräften der lautstarke Wortführer sein.

Das unterschätzen wir oft. Wir sind nicht nur das eine oder andere, sondern können in unterschiedlichen Situationen vieles sein – und immer mal wieder etwas anderes. Weil ein Mensch sich mir gegenüber redefreudig und argumentationsstark zeigt, muss er das in einer Arbeitssituation in seinem Unternehmen noch lange nicht sein. Manche verhalten sich gegenüber Männern anders als gegenüber Frauen. Es kann auch sein, dass ein bestimmter Typ Mensch ein spezielles Kommunikationsverhalten auslöst. Oder dass das Verhalten von der Hierarchiestufe abhängt. Tausend Möglichkeiten und mehr.

Wir neigen dazu, von einem beobachteten Verhalten auf die gesamte Persönlichkeit zu schließen. Einem sehr freundlichen, höflichen Mann trauen wir keine Aggression zu. Von einer sehr durchsetzungsstarken, toughen Frau denken wir nicht, dass sie sich unterordnetn könnte. Damit liegen wir sehr oft falsch. Jedem von uns, auch einem Coach, Psychologen oder Personalentscheider, unterlaufen solche Zuschreibungsfehler.

Vorstellungsgespräche sind besonders gefährliche Gelegenheiten, anderen auf den Leim zu gehen. Hier kommt zum Zuschreibungsfehler noch der so genannte Halo-Effekt. Halo ist griechisch und kommt von der Bezeichnung für den Hof um eine Lichtquelle. Der erste Eindruck bestimmt unsere weitere Wahrnehmung. Kommt jemand redegewandt daher, trauen wir dieser Person automatisch mehr zu als einem stillen Kandidaten. Über das Verhalten in seinem Job sagt dieser erste Eindruck trotzdem wenig bis nichts.

Die Zuschreibungsfehler machen wir auch bei uns selbst. Die Einkaufsleiterin Eva hielt sich für nicht kreativ. Im Laufe des Gesprächs mit ihr bekam ich Zweifel an dieser Selbsteinschätzung. „Ich glaube, Sie können kreativ sein“, sagte ich. Da kam sie ins Grübeln und erinnerte sich an Situationen, in denen Sie kreativ war. Ähnlich ist es mit anderen Selbstzuschreibungen.

Stellen Sie sich die Fragen:

  • In welchen Situationen habe ich mich wie verhalten?
  • Wann bin ich wie?
  • Wie komme ich dazu, mich als…. zu bezeichnen?
  • Warum bin ich in der einen Situation so, in der anderen so?
  • Warum bin ich in der einen Umgebung so, in der anderen so?
  • Bin ich wirklich nicht….(kreativ, ordentlich, clever….)?
  • Kann und will ich anders sein?

Wenn ein Personaler Standardfragen stellt wie „was sind Ihre Stärken“ bekommt er nicht wirklich etwas über den jeweiligen Menschen heraus. Er führt ein mehr oder weniger nettes Gespräch. Fehleinschätzungen durch Halo-Effekt und Zuschreibungsfehler sind vorprogrammiert. Selbst das Wissen um diese Dinge, schützt uns nur begrenzt davor. Deshalb spricht einiges dafür, solche Fragen auf den „Index“ zu setzen und andere Fragetechniken zu verwenden.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

4 Kommentare

  1. Erich Feldmeier 11. Juli 2011 at 15:31 - Antwort

    Zuordnungsfehler Susan Cain.

    Ich MUSSTE sie einfach in meinen Heldinnen-BLOG aufnehmen…

    Die leisen Menschen.
    „Susan Cain: Wir denken, dass Introvertiertheit ein Nachteil ist, aber es gibt viele Gegenbeispiele, Chopin, van Gogh, Bill Gates…
    ich meine die leisen Menschen…
    SPIEGEL: Sie schreiben, Stille sei eine Bedingung für Kreativität.
    SC: Um kreativ zu sein, musst du allein nachdenken können. Wenn du immer mit anderen redest,
    findest du nicht die Ruhe, Großartiges zu leisten…
    Die Stillen werden benachteiligt.
    SP: Sie übertreiben.
    Cain: Das geht in der Schule los. Viel Arbeit wird in Gruppen gemacht. Die Lehrer versuchen,
    die introvertierten Schüler in extrovertierte Schüler zu verwandeln….
    SP: Gruppenarbeit ist Unsinn?
    Cain: Allein arbeiten ist häufig effektiver. Allein bist du frei von sozialem Druck…
    Du sagst auch nicht Dinge einfach nur, um sie zu sagen“
    (aus http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-79051510.html )
    http://ed.iiQii.de/gallery/Querdenkerinnen/SusanCain_thepowerofintroverts_com

  2. Eva Reichmann 11. Juli 2011 at 16:35 - Antwort

    Liebe Frau Hofert, ein (wie gewohnt) treffender Beitrag. Besonders im Bewerbungskontext kämpfen wir bei Beratungen immer wieder mit den Zuschreibungen – die m.E. vor allem von einer schlampigen Begrifflichkeit herrühren. Wie Sie ja schon sagen versteht jeder etwas anderes unter den nicht gerade eindeutigen Eigenschaften. Deshalb fragen wir immer „Was tun Sie konkret, wenn Sie kommunikativ/kreativ/usw. sind? In welchem Kontext tun Sie das? Woran merken andere, dass Sie kommunikativ usw. sind?“ Auf der Beschreibungsebene lässt sich dem Ganzen leichter beikommen.

  3. Svenja Hofert 12. Juli 2011 at 10:40 - Antwort

    Liebe Frau Reichmann. danke für den konkreten Praxistipp. herzliche Grüße

  4. […] Nun steht dieser Blog unter dem Motto „Arbeit der Zukunft“ und die erste Frage muss deshalb lauten: Ist so eine Frage überhaupt noch zeitgemäß, gibt es nicht modernere Interviewtechniken? Nein, natürlich nicht. Sie provoziert dämliche, auswendig gelernte Antworten vom Typ „ich bin ungeduldig“. Und diese Antwort sagt rein nichts über den Bewerber…außer: er ist möglicherweise etwas phantasielos (oder gerade in diesem Augenblick). Oder: Er liest Ratgeber und lernt auswendig. Schlauer bin ich also als Personaler bei dieser Antwort nicht. Er macht höchstwahrscheinlich auch Zuschreibungsfehler. […]

Hinterlasse einen Kommentar

*