Der kleine Job-Diplomatenkurs für Direkte, oder: Sprechen Sie noch oder spielen Sie schon?

Sind Sie auch nicht gerade für den diplomatischen Dienst bestimmt? Trotz aller humanistischen Geistesbildung, an der Diplomatie hakt es bei Ihnen. Sie trampeln so durchs Leben. Sagen direkt, was Sie denken. Vorstand oder Assistent: Ist Ihnen wurscht, in Ihrer Welt sind alle gleich. Sie verstehen nicht, warum man mit offensichtlichen Wahrheiten hinter dem Berg halten soll, nur weil jemand in irgendeinem „Amt und Würden“ ist.

Und dann das: In den Mitarbeiterbewertungsbogen knallt man Ihnen ein „könnte diplomatischer sein“. Ihre Vorgesetzten schassen sie. Im schlimmsten Fall weist man Ihnen nicht nur im übertragenen Sinn die Tür – Sie Fremdkörper stören unseren Unternehmensfrieden!

Ich verstehe, was Sie antreibt. Das Herz und die Logik, oder beides – liegen Ihnen einfach direkt auf der Zunge. Spielchen mögen Sie nicht. Status ist Ihnen sowas von egal. Ob da zwei Alphatierchen was beschlossen haben oder nicht: Wenn´s Ihnen vollkommen unsinnig erscheint, dann sagen Sie das.

Sie sind mir sympathisch. Ich liebe Direktheit. Aber ich bin nicht Ihr Chef. Und deshalb nutzt Ihnen das nichts. So werden Sie nicht erreichen, was Sie wollen. Machen Sie sich bewusst: Ihre Realität ist nicht die der anderen. Wenn Sie denken „was für ein dressierter Lackaffe“ denkt dieser so deklarierte Lackaffe „was für eine niveaulose Zicke“, wenn er Sie überhaupt wahrnimmt, denn Propheten wie Sie schätzt man immer erst posthum – oder nach der Eurokrise.

„Was soll ich bloß tun, wenn ich einfach weiß, dass diese Bande aus Führungskräften wie gehörnte Stiere in eine falsche Richtung jagen“, fragte mich neulich eine Klientin, die auch eine Ehrenmedaille für undiplomatisches Verhalten erhalten hatte – in Verbindung mit der Bitte, sie solle sich doch nach einem neuen Job umschauen. Ich frage jetzt Sie, was die bessere Taktik ist:

  • a.)    Den gehörnten Stieren unverblümt die Meinung geigen und Ihnen sagen auf welchem unglaublich niedrigen Niveau sie ihre Entscheidungen fällen.
  • b.)    Sagen: „Ich sehe das anders. Lassen Sie uns doch einmal X oder Y bedenken“ – bevor Sie zu einem ergreifenden Vortrag übergehen, der die beiden Stiere einfängt und in friedlich grasende Kühe verwandelt, die leise „muh“ für „stimmt“ murmeln.

Die meisten Direkten machen a.), aber b.) wäre sinnvoller –  nur das mit dem ergreifenden Vortrag hört sich nun sehr leicht an, ist in der Praxis aber schwer. Ganz besonders für Menschen, die eine direkte Kommunikation pflegen. Sie möchten nicht zu viel „Ich“ und „Authentizität“ zugunsten einer – aus ihrer Sicht – unmoralischen Zielerreichung aufgeben.

Ach, es ist doch so einfach. Sie müssen nur Ihr Kommunikationsverhalten ändern. Erst einmal gilt es, den Angriffsmodus auszuschalten. Denken Sie, dass die „bescheuerte Entscheidung“ dem derzeitigen Kenntnis- und Wissensstand der anderen entspricht oder die Entscheidung aufgrund schlichter Gruppenpsychologie zustande gekommen ist (Alpa A sagt B und alle anderen auch…). Sie müssen, sind Sie von etwas anderem überzeugt, also Aufklärungsarbeit leisten. Bevor Sie Ihre Sachargumente jedoch platzieren können, gilt es, die anderen aufnahmebereit zu machen. Das sind Ihre Meinungsgegner nicht, wenn Sie angegriffen werden, denn dann schalten diese in den Verteidigungs- (Rache/Kampf bei Reiss grün) oder Rückzugsmodus (Rache/Kampf rot). Sie müssen auch zumindest so tun, als würden Sie „Alpha A“ respektieren, wenn irgendmöglich sollten Sie sogar den Knopf für „echte Wertschätzung“ in sich aktivieren.

Ist der Angriffsmodus weg, bleibt die zentrale Frage „wie kann ich den anderen erreichen? Welche Sprache versteht er oder sie?“ Indem Sie sich auf diese Sprache einlassen, schaffen Sie die Basis, um Ihr Ziel zu erreichen.

  • „Herr Müller, ich möchte noch etwas loswerden. Das ist für unser Unternehmen wichtig, vielleicht sogar: überlebenswichtig. Ich finde es gut, dass Sie sich jetzt für eine neue Internetstrategie entschieden haben. Aber ich möchte Ihnen darlegen, warum Sie damit falsch liegen.“
  • „???…. Bitte.“
  • „Geben Sie mir zwei Tage Zeit und dann treffen wir uns noch mal hier.“

So, und nun denken Sie mal drüber nach, wie Sie Ihre Überzeugungen so verpacken können, dass diese beim anderen ankommen…. und probieren Sie es gleich mal aus.

Und dann lassen Sie mich hier noch gleich einen Buchtipp loswerden: „Reden straffen statt Zuhörer strafen“ von Katja Kerschgens. Gutes Buch.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

6 Kommentare zu “Der kleine Job-Diplomatenkurs für Direkte, oder: Sprechen Sie noch oder spielen Sie schon?

  1. Diplomatie zahlt sich aus. Genau!

    Außerdem: Der Faktor Zeit ist hilfreich. Beleidigung im Affekt ist nämlich auch eine Beleidigung.

    Deshalb: Durchatmen. Ruhe bewahren. Vor der Konfrontation mit Freunden darüber sprechen. Ein paar Stunden oder Tage später redet es sich dann schon ganz anders.

    Woher ich das alles weiß?

    😉

  2. Mit einem herzhaften Schmunzeln habe ich diesen Beitrag gelesen. Nein, manchmal nützt weder Diplomatie noch Schleimscheißerei (war ich bei letzterem zu direkt?!). Ich gehöre nicht zu den Menschen, die stets mit Haushaltsrolle bewaffnet durch die Gegend laufen, um die Schleimspur wieder aufzuwischen. Wenn ich mich (selbst zumind. Sternzeichen Stier) um einen sachlichen Ton bemühe, dann habe ich, als gestandene Persönlichkeit durch Erreichtes, den Anspruch, dass dies mein Vis-a-vis auch tut. Punkt!

  3. Es mag sein, dass sich Diplomatie in den meisten Fällen auszahlt. Was nützt es aber, wenn man mit Methode b) versucht die Anderen von einen besseren Lösungsansatz zu überzeugen, sie aber in ihrer Borniertheit keine andere Meinung als die eigene gelten zu lassen. Wenn diese falschen Entscheidungen dem Unternehmen auch noch richtig Geld kosten, dann muss man diesen Leuten einfach sagen, dass sie inkompetente Arschlöcher sind und sich danach einen neuen Job suchen. Mal ehrlich, warum soll ich meine Prinzipien über Bord werfen, nur weil andere bis zur Nasenspitze denken können. Würden wir alle den Nieten ganz undiplomatisch sagen, dass sie Nieten sind, hätten wir wohl keine Finanzkrise.

    Grüße Oliver 😉

  4. Der Zornkönig verdient seinen Namen, wenn er die Diplomatie nicht nur präsentiert, sondern lebt. Dazu muss er in sich gehen, schauen, was hinter der eigenen Wut steckt. Dabei ein paar eigenen Schwächen ins Gesicht blicken. Und dann erst das Gespräch suchen.
    Mein zweiter Beitrag: In meinem Begriff „Kwerkarriere“ steckt das „wer“ für die eigene Persönlichkeit und das „K“ für Kommunikation. Das Verhältnis zwischen Persönlichkeits-wer und Kommunikations-K ist: Je mehr Persönlichkeit vorhanden ist, desto geschickter muss kommuniziert werden.
    @ Oliver: Im eigenen Sinne. Denn es sollen ja keine Scheingefechte ausgetragen werden, sondern das berechtigte, eigene Anliegen soll sich letztlich durchsetzen.

  5. Vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Sie sprechen genau mein Problem an denn manchmal denke ich zu laut und trete in jedes Fettnäpfchen rein. Dies wurde mir leider schon mehrmals vorgeworfen aber ich komme nicht wirklich dagegen an, vor allem wenn man in geselliger Runde ist und Small-Talk erwünscht ist.

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