Spielen Sie schon oder arbeiten Sie noch?

Frank geht schon seit 20 Jahren dem gleichen Job nach. Seine Autobahn im Gehirn kennt nur eine Richtung: 8 Uhr – Start seiner Arbeit bei einer Krankenkasse, abarbeiten, nach Hause, Freitagabends Billard mit Freunden, Samstags ausschlafen, Sonntags Mutti besuchen, Mittagessen immer 13 Uhr. Ab und zu hatte Frank in seinen nunmehr 45 Lebensjahren eine Freundin, aber das hielt nie lange. Zu aufregend,  die Sache mit den Frauen, bringt das Leben durcheinander – sagt er jetzt.

Das mag Franky nicht: Unerwartetes, Ungeplantes, Abweichungen von seiner Norm, seinem Plan, außer Freitags, beim Billard. Er ist jemand mit einer ausgeprägten Dauer im Riemann-Thomann-Modell.  Zwanghaft? Da steht er kurz davor, ohne die Grenzlinie zu erreichen oder gar zu überschreiten.

Nun stellen Sie sich vor, Frank müsste innovativ sein, weil seine Krankenkasse sonst im globalen Wettbewerb einpacken könnte. Schwer vorstellbar: Das würde bedeuten loszulassen und Ungeplantes auf sich zukommen lassen.  Und das kann Frank umso weniger, desto länger er seine Neuro-Autobahn nur in eine Richtung fahren lässt.

Frank wäre ein Freund der Banken, würde er seine planerische Energie auf eine selbstständige Existenz ausweiten. Das tut er natürlich nicht, Unsicherheit mag er nicht. Aber die planerische, diszipliniert-strukturierte Seite an Frank würden die Banken lieben: Er würde, das ist so sicher wie sein Billard am Freitag, einen 100%-Business Plans einreichen. Banken mögen 100%-Pläne. Banken mögen es außerdem, wenn diese auf den Annahmen anderer Geschäftsmodelle beruhen… So wie auch Unternehmen immer schauen, was andere erfolgreich machen…. Verlage… Medien…

Kann unser Frank, können Banken, Verlage, Medien trotzdem das Innovativ-Sein lernen?

Ja, erwidert ein Arne Gillert, der das Buch „Der Spielfaktor. Warum wir besser spielen wenn wir arbeiten“ geschrieben hat. In seinem gestrigen Vortrag auf der Powconference schilderte er, wie er einen Haufen Dauerorientierter  zum freien Spiel bewegt hat. Sie sollten sich selbst in Alltagssituationen aufnehmen. Dafür bekamen sie einen Ipod zur freien Verfügung… äh Spielerei. Sie begannen sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Sie fingen an zu experimentieren. Erst einer, dann ein anderer, dann… Frei von Plänen. Frei von Vorgaben. Frei von Machtspielen, frei von Hierarchien, Status  – und all diesen Dingen, die Ideen blockieren und Innovation verhindern.

Seitdem ich mich mit dem Thema beschäftige, schließt sich der Kreis zu meinem Slow-Grow-Prinzip. Es ist eine ähnliche Denke:  „Spielen ist handeln, nicht planen“, lautet eine Regel bei Gillert. „Probier´s erst mal aus“ lautet eines meiner Prinzipien, was ich auch hier bei Spiegel Online vorstelle. Denn sich selbst verwirklichen geht auch besser, wenn man dabei spielt.

Der Gedanke dahinter: In einer komplexen Wissensgesellschaft ist Business nicht mehr planbar. Wer als Selbstständiger „mitspielen“ will, muss ausprobieren, weil es für ihn keine Planbarkeit gibt. Für Manager und Unternehmer gilt das ganz genauso. Für Angestellte derzeit noch eingeschränkt, weil es immer noch zu viele Bereiche gibt, in denen die Franks dieser Welt ihr Eigenleben führen. Aber Franks sind Auslaufmodelle. Die Arbeitswelt wird sich spalten, immer mehr.

Die Franks behaupten steif, Autobahnen müssten grade sein, und wer querdenkt, könne maximal als Geisterfahrer Karriere machen. Franks sitzen überall. Sie halten sich an Plänen fest, weil das früher funktioniert hat. Doch früher eröffnete man Restaurants, Döner-Buden und Arztpraxen, arbeitete als Bürokaufmann, Rechtsanwalt oder Redakteur. Früher gab es kaum Wissensarbeiter. Heute stellen diese die Mehrzahl der akademischen Selbstständigkeiten. Und alle basieren auf Innovation. Innovation indes entsteht niemals auf der Basis von Planung. Werden Sie also innovativ! Mit dem Spielen fängt es an.

Wie Sie spielen lernen können?

  • Experimentieren Sie, machen Sie etwas ohne Plan.  Aber denken Sie dran: Jedes Spiel braucht Regeln. Ein Ziel ist gut und auch ein zeitliches Ende des Experiments. In meinem Buch Slow Grow-Prinzip übernimmt das Gründungs- und Wachstumsprojekt die Funktion des Spiels.
  • Überlegen Sie sich jetzt in diesem Moment, was Sie noch nie getan haben und tun Sie es.
  • Machen Sie, rein spielerisch, einmal etwas ganz anders als sonst. Wenn Sie (wie) Frank sind, nehmen Sie sich unbezahlten Urlaub und arbeiten Sie sechs Monate in Somalia, zum Beispiel.
  • Handeln Sie einen Tag oder eine Woche genau andersrum als sie es sonst tun würden. Pippi Langstrumpf-Methode genannt.
  • Gehen Sie Impulsen einfach nach. Ein schönes Experiment. Sollten Sie dokumentieren, wie ein Spiel.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

3 Kommentare zu “Spielen Sie schon oder arbeiten Sie noch?

  1. während des studium habe ich mir eine auszeit genommen, um mit mir und dem leben zu experimentieren. mit der vorstellung und mit der hoffnung, dass das was zu mir gehört auch zu mir kommt, habe ich alle möglichen jobs angenommen: vom bodyguard ueber gartenarbeiter, filmstatist bis zum forschungsmitarbeiter. es waren gefühlte 40 jobs, die ich gemacht habe, bis ich zu dem kam, bei dem ich meine erfüllung gefunden habe und den ich nunmehr seit 15 jahren ausübe. lustigerweise hätte ich vorher niemals gedacht, dass ich mal einen derartigen job machen würde, denn dieser wie auch die dazugehörige branche waren mir völlig unbekannt. durch diese positive erfahrung kann ich nur jeden ermutingen, sich den möglichkeiten des lebens zu öffnen – natürlich mit bedacht und ohne gefährung der eigenen existenz.

    • jetzt wüßten ich und meine Leser aber gern, was Sie derzeit machen! Eine klasse Methode, genauso ist es: Studiere nicht, arbeite – sagte schon Paul Arden. LG Svenja Hofert

  2. Sehr gut gefällt mir die Bezeichnung „Dauerorientierte.“ Dazu passen dann noch „Daueroptimierte und Daueroptimierer.“ Ich denke „zu spielen“ ist eine Einstellung- die lernt man nicht in einer Woche „andersrum“ 🙂 Das Entscheidende am Spielen ist vor allem, dass man es sich erlaubt! So kann der „playcode“ wieder aktiviert werden und zu etwas Grundlegendem werden. Wissen wir doch alle, dass wir dem Spielen unsere Entwicklung verdanken und dass es zu keiner Zeit mehr Lernerfolge gab, als in der Zeit in der uns das Spielen wie selbstverständlich erlaubt war:) Mittlerweile haben das auch viele Unternehmen erkannt und setzen verstärkt auf Gamifikation- die Spielifizierung.
    Und ja, beginnt man zu Spielen, verändert sich die Umgebung, die Sichtweisen, die Probleme und die Menschen. Ich habe mal das klassische „Fangen“ mit wildfremden Leuten gespielt. Ich rannte los, tippte den nächsten der mir entgegen kam an und behauptete „du bist“…dann rannte ich weiter. Daraus entstand eine unglaubliche Dynamik, in deren Folge sich fremde Erwachsene wie irre durch einen Park jagten. Wir fanden das klasse, lachten viel und zogen dann wieder unserer Wege. Vielleicht war auch Frank dabei?!
    Regeln sind wichtig in einem Spiel, doch viel wichtiger ist die Dynamik, die durch das Spiel und das Spielen entsteht!
    In Deutschland glauben viele durch Regeln sei`s geregelt. Tatsächlich regeln Regeln aber nur Machtfragen! Und wenn Regeln gebrochen, umgangen oder nicht eingehalten werden, dann entstehen keine Fragen, sondern es wird mit Regelverschärfung, oder Regeloptimierung geantwortet.
    Für mich ist Spiel(en) Lebenselixier, aus dem sich auch mein berufliches Wirken ableitet. Wie wir spielen, so gewinnen wir! Also fangen wir an zu spielen…eine Woche, zwei Wochen, drei Wochen…

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