Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Blicken Sie in die Glaskugel oder bauen Sie auf Indizien?

By | 2012-01-04T14:44:39+00:00 3. Januar 2012|

Ja, ich beteilige ich mich lustig an dem Prognosenhype zum Jahreswechsel – heute auch in Spiegel Online. Ich bekenne mich schuldig, zu wissen, wie man in den Medien auf „Zitat“ und „Erwähnung“ spielt.  Ich – wie vielleicht auch Sie – nutze die Jahreswende um in etwas zu schauen, was nicht die Form einer Glaskugel hat, aber noch ziemlich leer ist: das neue Jahr. Ist das seriös so rumzuorakeln? Darf man das?

Manches ist nur folgerichtig

Simone Janson hat sich dazu vor ein paar Tagen bezogen auf eine Meldung der Karriereexperten geäußert, ein Portal, das ich mitgegründet habe. Ich gebe Simone, die die Meldung der Experten kommentiert, bevor sie sie veröffentlicht, vollkommen recht: „Manches ist nur folgerichtig.“ Und was folgerichtig ist, finde ich okay. Denn wer sollte besser folgern können als ein Experte, die idealerweise mehr Informationen zur Verfügung hat als ein Laie?

Es stimmt allerdings: Selbstständige Berater neigen dazu, Prognosen aufzustellen, die das eigene Beratungsgeschäft beleben. Das nervt und potenzielle Kunden werden das hoffentlich durchblicken.

Es  ist das Dilemma der selbstständigen Experten, dass sie letztendlich ihre „Wurst“ verkaufen müssen und nicht die von anderen. So wie angestellte Experten das eigene Unternehmen vermarkten und nicht das von anderen.  Politiker die jeweilige Partei und nicht die andre. Wissenschaftler ihren Lehrstuhl oder die Aufmerksamkeit des geneigten Science-Publikums für ihre Belange.

Im Grunde kann man keinem trauen.

„Habe Angst vor dem der keine Zweifel kennt“, schrieb Erich Fried. Jawohl.

Trau keinem Experten, egal ob selbstständig oder angestellt. Frag dich immer, in welchem Kontext er etwas sagt. Frag dich, was er bezwecken will. Nehme an, was du gut findest, glaubhaft und folgerichtig – und schmeiss den Rest in die Medientonne.

Der Experte sieht seine Ausschnitte

Wir Experten sollten uns deshalb selbst nicht so ernst nehmen. Natürlich sind wir vorbelastet (und so lange uns das bewusst ist, sehe ich kein Problem). Unser Augenmerk ist auf das gelenkt, was uns interessiert und in der Beratung oder im Training begegnet.

Ich beschäftige mich viel mit der Zukunft der Arbeit, Rework, neuen flexiblen Modelle etc. Natürlich bin ich dadurch „verfärbt“ und achte bewusst auf Belege für „meine“ Thesen. Ich bin innerlich meilenweit entfernt vom Berufsleben einer Supermarktverkäuferin oder dem des Verwaltungsfachangestellten.

Der Experte beschreibt Prozesse

Wenn Experten nicht an Selbstüberschätzung leiden, wissen sie, dass sie nur das wissen können, was ihnen begegnet. Sie halten sich dann zurück mit sehr konkreten  Äußerungen wie „2012 wird die Arbeitslosenquote unter 2% fallen.“

Wenn sie auf Nummer „seriös“ gehen wollen, knüpfen sie in ihrer Rolle als 2012-Orakel an Prozesse an, die bereits länger sichtbar sind.

So mache ich es selbst, und so empfehle ich es auch Kollegen.

Der Experte macht besser keine große Welle

Wenn wir vernünftig sind, geben wir auch zu, dass wir nicht genau wissen, wann aus Entwicklungen Trends werden. Das tun wir nur, wenn wir sehr spektakulär sein und besonders oft zitiert werden wollen (also zum Beispiel als Neulinge auf dem Beratermarkt). Dann prophezeien wir zum Beispiel eine Welle der Bildungsverweigerer, die 2012 über das Land schwappen wird oder ähnlich Spektakuläres.

Man kann sich so einen fulminanten Medieneinstieg verschaffen. Das Risiko indes wäre groß: Irgendjemand könnte  auf die Idee kommen, die Vorhersagen der vergangenen Jahre zu vergleichen. Und dann ist es sogar kontraproduktiv, wenn andere öffentlich feststellen, dass 2012 doch noch über Social Media geredet wurde. )Ich habe einen Experten gelesen, der behauptete, niemand würde 2012 mehr über Social Media reden.)

Wir brauchen Indizien

Um vernünftige Vorhersagen treffen zu können, brauchen wir solche belastbaren Indizien. Die amerikanische Uncollege-Bewegung könnte die radikale Bildungsverweigerer-Prognose untermalen. Bevor ich daraus aber eine Prognose für Deutschland machen kann, muss ich durchdenken, was den deutschen vom amerikanischen Markt unterscheidet (z.B. haben eine Ausbildung neben dem Studium, die Amis nicht). Ich sollte auf Nachfrage außerdem ein paar deutsche Bildungsverweigerer in meiner Kundenkartei haben – am besten Studenten, die die WHU abgebrochen haben,  nicht wegen schlechter Noten, sondern weil sie die vermittelte Bildung für nicht praxisgerecht halten. Ich habe diese nicht; ergo kann ich die Prognose nicht aufstellen.

Womit wir beim Punkt sind, liebe Frau Janson: Das Indiz ist Basis für die Prognose. Und das Indiz zieht der Experte aus seiner Praxis, sollte er jedenfalls. Jeder Experte sollte Indizien benennen können. Jeder Experte sollte sagen können, WIE, also aufgrund welcher Beobachtungen – Indizien – er zu seiner Prognose gekommen ist.

Bewege dich in deinem Kompetenzkreis

Er sollte weiterhin seinen Kompetenzkreis kennen und wissen, wo er endet. Nun ist es aber so, dass Experten offensichtlich noch mehr am Selbstüberschätzungseffekt leiden wie Laien.

„Es gibt zwei Arten von Leuten, die die Zukunft vorhersagen: jene, die nichts wissen und jene, die nicht wissen, dass sie nichts wissen“, schrieb der kürzlich verstorbene Harvard-Öknomom John Kenneth Galbraight. Der Berkeley-Professor Philip Tetlock wertete 82.361 Vorhersagen von 284 Experten aus den Bereichen Finanzen und Wirtschaft aus. Deren Prognosen trafen nicht häufiger zu als die eines Zufallsgenerators. Auch deshalb tun Experten gut daran, in ihren Prognosen Entwicklungen aufzugreifen, die sich fortschreiben und/oder auf Indizien beruhen. Damit liegt man immer richtig, und nie radikal falsch.

Ein Beispiel: Über viele Jahre schon entwickelt sich die Flexibilisierung von Arbeit. Das geht viel langsamer als die Marktdurchdringung mit Tablets – aber der fortschreitende Prozess ist da, Indizien gibt es zuhauf, auch Beweise. Nun könnte es sein, dass 2012 der Tipping Point erreicht wird, der Punkt, den schon Malcolm Gladwell in seinem gleichnamigen Buch beschrieben hat – hier wird ein langsamer Prozess zum Trend. Der Point könnte aber auch erst 2013 einsetzen. Oder gar  nicht, weil es ein schleichender Prozess bleiben wird.

Journalisten wollen so viele Einschränkungen nicht hören. Das ist das Spiel. Und eine Kunst, sich zwischen den Medienanforderungen und den eigenen Aussagen so zu bewegen, dass man auch in einem Jahr nicht peinlich berührt ist, wenn man seine eigenen Zitate liest (oh, Herr Wulff, sie hätten nun wirklich wissen müssen wie Medien ticken….!)

Ich formuliere meine Prognose mal so: „Es gibt vieles, was darauf deutet, dass 2012 das Jahr der Flexibilisierung wird.“ Dieses Jahr gab es einen Tipping Point für Burnout: Das Thema, das lange brodelte, wurde zum Hype.

Ich führe meine Prognose fort. „… Das wäre eine logische Fortschreibung der Entwicklung von 2011. Denn wie verhindert man Burnout in einer Arbeitswelt, die durch fortschreitende Prozessoptimierung und Standardisierung Kernbedürfnisse der Menschen nicht mehr befriedigt – unter anderem das Bedürnis nach Autonomie und Selbstbestimmung? Durch Flexibilisierung!“

Ob das alles wirklich in einen medialen Trend mündet oder sich etwas ganz anderes abzeichnet, dürfte entscheidend von der konjunkturellen Lage abhängen. Bleibt es ruhig und die Arbeitslosenzahlen gemäßigt, KÖNNTE die Abschaffung der Präsenzkultur wirklich ein Breitenthema werden.

Ich weiß, Journalisten mögen das Wort KÖNNTE nicht. Aber hier steht es jetzt.

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

3 Kommentare

  1. Enrico Briegert 4. Januar 2012 at 20:58 - Antwort

    Aber ich falle auf die Paradigma-Falle nicht rein – Spaß ;-).
    Was hilft? Z.B. mal zu einer anderen Tageszeitung zu greifen (z.B. taz statt Handelsblatt oder vice versa) oder sich zwingen aktiv nach Gegenbeweise für seine eigene These zu suchen.

  2. Burkhard Reddel 5. Januar 2012 at 21:21 - Antwort

    Hallo und ein gutes Neues.
    ja auch die Philosopie sagt „Ich weiß, daß ich nichts weiß“. Im Grunde können Menschen nur Vermutungen anstellen und nie treffende Vorhersagen machen. Und im Grunde ist es psychologisch gesehen auch verständlich,daß man alles durch seine eigene gefärbte Brille sieht. Da sind Experten in beidem Menschen und das Gott sei Dank. Solange jeder Experte weiß, daß die eigene Sicht immer gefärbt ist und Orakel immer,wenn sie nachgeprüft werden, falsch liegen, ist ja auch alles in Ordnung.
    ICH(B.RE) weiß, daß ich nichts weiß und immer nur Meinungen,mehr oder weniger gefärbt von mir gebe und deshalb kann ich auch entspannt andere Orakel lesen und abwarten, obs (mehr oder weniger zufällig) eintrifft. Also Glaskugel gerne zum Spaß. Inidzien bringen aber auch nicht weiter, weil es immer Punkte gibt,wo die Belegbarkeit versagt und es Wissenslücken geben wird.

    Gruß B.RE

  3. Christoph Burger 8. Januar 2012 at 21:51 - Antwort

    Ja, so ist es. Wenn ein Experte für ein Gebiet öffentlich mutmaßt, sollten die anderen Experten sagen: „Wie langweilig, das wissen wir doch auch!“
    Das ist seriös!
    Und deshalb höre ich gerne Experten-Vorhersagen aus anderen Gebieten (als dem der Karriere) zu!

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