Probieren statt Planen: So nutzen Sie die treibende Kraft des Slow-Grow-Marketings

Ich war schockiert, als mir der Kunde seinen Marketingplan zeigte, für dessen Erstellung er 5.000 Euro bezahlt hatte. Den teuren Plan hatte eine Kommunikationsagentur erstellt. Vermutlich mit Textbausteinen. Leser meines Slow-Grow-Prinzips kennen die Geschichte: Das gute Stück setzte auf Maßnahmen (z.B. Anzeigen), die heutzutage nicht mal mehr bei einem Handwerksbetrieb funktionieren, ganz sicher nicht im Umfeld der wissensorientierten und kreativen Dienstleistungen.

Slow-Grow-Marketing ist experimentelles, spielerisches, ausprobierendes Marketing. Was aber heißt das genau? Das ist Thema dieses  Beitrags, der sich an alle Selbstständigen richtet – und natürlich auch an Interessierte:

Das Wichtigste sei gleich vorab gesagt: Erfolg ist im Social Web kaum planbar. Sascha Lobo ist in Zeiten der zweiten Internet-Revolution (Social Media) zu einem Internet-VIP geworden. Auch Klaus Eck ist aus keiner Ecke wegzudenken. Aber eine solche Sichtbarkeit kann derzeit niemand mehr mit den Mitteln erzielen, die beide First Mover genutzt haben. Der Grund ist einfach: Das Social Web ist jetzt Alltag, der Kuchen verteilt und neu zu backen.

Derzeit zählt vor allem die Community, also die Gemeinschaft, die Sie aufgrund eines Themas oder Ihrer Person oder beidem um sich versammeln können. Die Segmente werden kleiner.  Und eine der wichtigsten Fragen lautet: Welches Thema ist noch nicht besetzt? Experimentelles Marketing heißt vor allem durch dosierten Aktionismus herauszufinden, wo sich eine Community finden  kann, was diese will, wie Sie sie binden, vergrößern und verändern (sofern Sie neue Kunden suchen).

Anders als früher besteht so aber auch nicht mehr die Gefahr, teure Marketingpläne und ein oder zwei Jahre mit falscher Strategie in den Sand zu setzen, wie der oben beschriebene Kunde. Denn: Die Rückmeldungen sind unmittelbar, Korrekturen fast jederzeit möglich.

Niemand weiß genau, was in seiner Community jetzt und als nächstes funktioniert. Und wer immer es behauptet, wird von der Wirklichkeit rechts überholt. Sicher gibt es einige Dinge, die einfach menschlich sind und deshalb funktionieren: So mögen alle Menschen Bilder und jeder reagiert auf Emotionen. Aber in der Art der Emotionen gibt es schon mal Unterschiede. Als Rationalist reagiere ich emotional eher auf Dinge, die die Welt bewegen und bin wenig anfällig gegenüber unbelegten Versprechungen, so powervoll sie auch vorgetragen werden.

Ich weiß: Meine Community mag Übersichten. Deshalb abschließend  noch die wichtigsten fünf Regeln für experimentelles Marketing:

1. Sofortiges Feedback

Wenn ich ein oder kein Like auf einen Facebookbeitrag bekomme, dann war es das eben nicht. Wenn ein Beitrag aber wie der Textbausteinschleuder-Artikel 20 Mal retweetet wird, heißt das: Das kommt an. Vermutlich weil der Text witzig war und viele betrifft. Jetzt kann ich selbst entscheiden, ob ich mehr auf diese Schiene setzen möchte oder weiter Neues ausprobiere (letzteres!)

2. Fehler sind nicht schlimm

Mensch, habe ich schon viele Rechtschreibfehler gemacht. Das fiel meist nicht mal auf. Und das ist das schöne: Sie können sich sofort korrigieren oder einfach ignorieren, was Sie im Nachhinein nicht so gut fanden. Alte Beiträge verdrängt man in der Suchmaschinen-Popularität, indem man möglichst viele neue produziert.

3. Nachmachen ist dumm

Es gibt Menschen, die kaufen sich einen Ratgeber und machen es dann genauso wie der Autor vorschlägt. Das ist so wie mit den Copy Cats: Innovation? Gleich null.  Ich gebe zu, siehe Copy Cats, es kann gelingen, aber nachhaltig ist es nicht, gerade nicht für kleine Selbstständige, die länger von ihrem Business leben wollen. Die Copy Cats werden irgendwann von der Mutterkatze gefressen. Die Slow-Grow-Selbstständigen aber wollen am Markt überleben und das nicht nur drei Jahre. Nachmachen verbietet sich da. Immer erlaubt ist hingegen Bessermachen.

4. Mut wird belohnt

Vor allem, wenn sich Bessermachen mit Mut verbindet. Mut hat immer auch mit der Bereitschaft zu tun, Entscheidungen zu fällen. Motto: „Ich entscheide mich, eine Zeitlang alles auf eine bestimmte Karte zu setzen, weil ich einfach überzeugt von ihr bin.“ Im Interview morgen spreche ich mit dem Dokumentarfilmer Peter Haas darüber, der mit seiner Kollegin Silvia Holzmüller mehrfach gezeigt hat, dass sich das lohnt.  Wer nicht weiß, wie er mutig ist, sollte einfach mal anfangen in Gegenteilen zu denken: Was ist der gängige Mainstream? Und was wäre genau das Gegenteil davon? Das bringt auf Ideen.

5. Rechtzeitig aufgeben

Experimentelles Marketing bedeutet auch, dass Sie rechtzeitig aufgeben, wenn sie mit einer Maßnahme nicht weiterkommen. Manchmal will die Community nicht das, was einem selbst wichtig ist. Manchmal muss man eben erkennen, dass es keine Community gibt, dort wo man eine vermutet hätte. Auch dafür liefert Peter Haas morgen einige Beispiele.

Sie dürfen gespannt sein.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

4 Kommentare zu “Probieren statt Planen: So nutzen Sie die treibende Kraft des Slow-Grow-Marketings

  1. Hallo Svenja,

    im Prinzip gehe ich mit Dir konform, Svenja – dennoch erlaube mir nachstehende Gedanken!
    Vorab zum Einsatz einer Agentur:
    Es gibt halt solche und solche Menschen. Die, die mit ein wenig gutem Willen auch die nötige Kreativität zum Probieren entwicklen, andere, die erst gar keine Ansätze haben- muss es ja auch, sonst würde es einige Berufsgruppen gar nicht geben?! Das Net oder Bekannte mit entsprechenden Erfahrungswerten können solchen Leuten wie von Dir beschrieben nützliche Hinweise für z. B. geeignete Agenturen geben. Zudem sind einige rückzahlungsfreie Fördermittel aus dem EU-Topf für Maßnahmen wie Marketing, Controlling etc. weder bekannt noch werden sie genutzt (z. B. BAFA).

    Mit dem Aufgeben von Gedanken stehe ich ebenfalls etwas im Konflikt. Ich habe selbst beim Bloggen schon mehrfach festgestellt, dass da zwar aus meiner Praxis resultierend ein interessantes Thema ist, welches ich aufgreife – es aber im ersten Moment keinerlei Resonanz fand. Nu genieße ich, bzw. auch mein Blog nicht so eine Popularität wie Du, bzw. Deine Artikel. Erst (viel) später konnte ich anhand meiner Statistik und zeitversetzt in den Medien publizierte Artikel ließen doch ein Interesse darauf schließen. Man denke bloß an Unternehmen oder Personen. Erstere suchen Querdenker, man schenkt ihnen erstmal kein Ohr – viele Personen sehen sich als solche, obwohl sie vom Querdenken weit entfernt sind. Vllt ist bei Punkt 5 statt gänzlicher Aufgabe manchmal eine gesunde Mischung aus Trend und „sich selbst treu“ bleiben gar nicht so verkehrt.

    Gruß xyz 😉

  2. Hallo Wirkennenuns, danke für deine Mail. Du hast natürlich recht, und die Sache mit dem Aufgeben ging mir heute beim Joggen durch den Kopf (als neues Thema). Es gibt viele Menschen, die nicht aufgeben, weil sie an das glauben, was sie tun. Ich habe mich heute auch für eine Sache entschieden, die ich auch nicht aufgeben will – obwohl sie nicht erfolgreich ist. Und musste dabie an Michy Reincke denken, der in meinem Slow-Grow-Buch interviewt ist. Er hat viele Jahre keinen so richtigen Erfolg gehabt – und jetzt flutscht es einfach so mit der neuen DVD. Ganz einfach weil er nicht nach dem Strom geschwommen ist, sondern das macht, was er für richtig hält. Hier bewährt sich das Dranbleiben. Das genau ist die Balance. Deshalb ist das Thema Aufgeben sehr schwierig zu bewerten: wann ist es zu früh und wann zu spät? BAFA: Da hast du recht, ich weise meine Kunden immer darauf hin, sobald ich sehe, dass das Geld knapp ist. Ich mache es nicht bei Leuten, die genug haben, weil es für mich ein (ehrlich gesagt enormer) zusätzlicher Zusatzaufwand ist. Aber das gibt es. herzliche Grüße Svenja

  3. Hallo Svenja, mir ist auch noch eine kleine Ergänzung zum Probieren/ Aufgeben eingefallen: Vermutlich ist es gleich zu Anfang etwas schwerer (s)einen kreativen Weg/ Trend wie z. B. in einer (etablierten) Community zu finden. Wir kennen es aus dem Alltag: Wenn 2 das Gleiche tun, ist es noch lang nicht dasselbe! Heißt, der Neue kann noch so trendige Themen platzieren, die Wahrnehmung (speziell im Netz) ist aber nicht in der Form, wie ggf. durch Influencer, wie bei den von Dir beispielhaft erwähnten Herren Eck und Lobo. Sollte ein Newbie einen gänzlich anderen Standpunkt vertreten sich erstmal gegen diese „Platzhirsche“ beweisen. Ob richtig oder falsch wird sich daher eingangs schwerer erschließen lassen.
    Ebenfalls herzliche Wochenstartgrüße nach HH,

    xyz 😉

  4. Pingback: Wie twittert mann und frau richtig? | Online-Magazin für Karriere & Zukunft von Svenja Hofert

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