Sidesteps – oder “wie probiere ich beruflich mal etwas anderes aus?”

Sie sind offen, neugierung und wollen mal eine andere Branche kennenlernen. Jetzt wundern sich gerade über die hohe Zahl der Absagen? Trotz Fachkräftemangel und obwohl Sie eine erfahrene Fachkraft oder ein erfolgreicher Manager sind? Dieser Beitrag liefert Ihnen die Erklärung – und ein Tool, wie Sie sich „logisch“ verändern können.

Schauen wir uns mal folgende Szene an:

Hubert B. ist Manager in der Chemiebranche, genaugenommen im winzig kleinen Segment der Duftstoffe. Er hat mehr als 15 Jahre Berufserfahrungen und einen beeindruckenden Track Record. Aber: Er kann seine Branche einfach nicht mehr riechen. Nun geht er zum Headhunter, nennen wir ihn Siemsaum. Vertrauensvoll legt er die Motivation dar, aus der er sich dazu entschieden hat, „ein package“ anzunehmen. Das ist ein Abfindungsangebot. Man gibt es gerne Managern und hochbezahlten Fachkräften, die sich nicht mehr richtig weiter entwickeln wollen oder können, zumindest in dieser Firma.  Hubert B. freut sich über sein Package. Seine Motivation ist es, jetzt endlich etwas ganz anderes zu machen. Bloß nichts mehr mit Chemie!

Der Headhunter schaut ihn mitleidig-verständnisvoll an. Dann sagt er kopfschüttelnd: „Da kann ich nichts mehr für Sie tun.“

Warum?

Ganz einfach: Je weiter oben Sie sind oder je spezialisierter, desto weniger schätzt man es, wenn Sie sich verändern wollen, ohne all die Kontakte, das Prozesswissen und die sonstigen internen Kenntnisse mitzunehmen. Der Headhunter verdient an so jemanden wie Ihnen nicht. Er weiß auch:  Wenn er Sie vorschlägt, wo Sie hinwollen, aber ohne Branchenerfahrung, dann klappt das nicht. Der Kunde wird nicht zubeißen; es liegt nicht mal an ihm.

Was tun?

Erst einmal hinterfragen Sie, was Sie eigentlich wollen. Und suchen Sie dann nach logischen Sidesteps. Wenn Ihnen wie Hubert die Branche stinkt, schauen Sie erst einmal in den näheren und weiteren Verwandtenkreis Ihres Segments. Ich arbeite dazu mit dem von mir entwickelten Branchenkreis (zum Download bei Facebook). Im engsten Kreis befindet sich Ihr Branchensegment. Dort wird man Sie normalerweise mit Kusshand nehmen, wenn Sie nicht verbrannte Erde hinterlassen haben oder das Segment gerade stirbt (siehe den bedauerlichen Fall Kodak).

Um Ihr Segment formiert sich der „erste Kreis“. Das ist die übergeordnete Branche, zu der das Segment gehört. Im skizzierten Beispiel habe ich die Ophomologie gewählt, das ist Augenheilkunde, ein Pharmasegment. Im ersten Kreis sind Sie immer noch gern gesehen, mit ein paar Einschränkungen. Gehaltsverluste fallen hier auf gleicher Position, wenn überhaupt, noch moderat aus. Im zweiten Kreis kann das schon anders aussehen, denn leider schätzen immer noch eher wenige Personalentscheider den frischen Blick von außen (obwohl der guttäte). Erst im Top-Management verschwimmt das manchmal, siehe Peter Löscher, der vor Siemens als Pharmamager tätig war. Je mehr im Fachbereich, Unter- und Mittelmanagement UND  desto kontakt- oder prozesskenntnisorientierter der Bereich, desto weniger mögen Personalentscheider einen Branchenfremden (siehe Key Account Management).

Bewerben Sie sich im dritten Kreis – hier sind nur noch die Strukturen ähnlich wie im zweiten -, wird die Quote der Einladungen auf Bewerbungen weiter sinken, und oft auch das Gehaltsniveau. Diesen Kreis nenne ich auch „Querdenkerkreis“, denn hier finden sich Branchen, auf die Sie oft erst beim Nachdenken mit mir (im Coaching), einem anderen guten Coach oder/und nach einer ersten Recherche kommen.

Fragen Sie sich:

  • Was ist in meiner Branche besonders wichtig gewesen, das woanders auch eine Rolle spielt?

Im Beispiel Ophomologie landet man dann z.B. bei forschungsintensiven Branchen. Interessant für Sie? Wenn ja: Gut wäre es, wenn weitere Brücken im Lebenslauf da sind, die den Wechsel unterstreichen, z.B. eine frühere Station im Research & Development oder als wissenschatlicher Mitarbeiter. Diese Brücke kann auch eine 20 Jahre alte Tätigkeit sein. Noch besser aber sind gute Kontakte 😉

Offizielle Bewerbungen im Querdenkerkreis sind nämlich schwierig, weil der rote Faden zum Reißen dünn ist. Es empfiehlt sich eine Bewerbung auf dem verdeckten Stellenmarkt.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

9 Kommentare zu “Sidesteps – oder “wie probiere ich beruflich mal etwas anderes aus?”

  1. Danke! Dein Branchenkreis fehlte mir gerade noch für meine Beratungssituationen. Das Bild mit den Kreisen hatte ich bereits visualisiert. Wie das Wasser, nachdem ein Stein hineingefallen ist. 😉

    Du hast das dann mit dem Branchenkreis auf den Punkt gebracht.

    Manchmal gibt es sogar noch vierte und fünfte Kreise, wo nur ausgewählte Tätigkeiten noch übertragbar sind.

    Aber es funktioniert, wenn ich mich der Fähigkeiten hinter den Tätigkeiten und deren Wichtigkeit für mich bewusst bin.

  2. Danke, Lars, meine Kunden mögen die Kreise immer sehr, weil Ihnen das selten so bewusst ist. Hast du noch eine hübschere Zeichnung? Dann können wir einen Wettbewerb der Kreise machen. Ich frag mich gerade, erfolgsverwöhnt ;-), warum der Beitrag bisher so selten retweetet wurde. Falsche Headline? Zu abstrakt? War es der Freitagnachmittag, wo alle schon zu hause sind. Gibt mir Feedback, Danke! LG SH

  3. erfolgsverwöhnt 😉 – das ist sicher auch ein Grund warum viele Manager einem einizgen Weg folgen – dem des Unternehmens und der Arbeit dort. Oft wird nicht mehr links und rechts geschaut. Die Frage was kommt danach? – stellt man sich schließlich nicht so lange alles gut läuft. Ist man sich aber bewußt, das man gerade nach vielen Jahren ein und der selben Tätigkeit in einem Unternehmen sich oftmals in eine gewisse Isolation manövriert – hat man sehr wohl auch gute Möglichkeiten sich auch dazu parallel offen und interessant für die Markt zu halten. Auf dem Arbeitsmarkt sind wir das Produkt – wenn das verältet, zu speziell oder eben auch am Markt überteuert ist, wird`s sicher schwer werden einen Abnehmer zu finden.

    Der Beitrag ist übrigens gemessen an den Feedbacks der anderen wirklich unterbewertet.

    Vielleicht liegt es daran das einige beim Lesen in sich gehen mussten – denn er trifft mal wieder auf den Punkt Frau Hofert;-).

  4. Danke, Herr Böttcher, Erfolg sollte einem nie im Wee stehen, die Dinge zu tun, die einem wichtig sind. Und deshalb sollte der Manager ebenso wie die Fachkraft seinem Herzen folgen und nicht nur dem Verstand, der sagt, „hier kannst du dein Gehalt halten“.
    Und die Beraterin wird die seichte Kost dosieren und sich weigern, einen Weg als leicht zu verkaufen, auch wenn das mehr Auflage/Traffic bringt 😉 LG Svenja Hofert

  5. Hallo Svenja,

    besser spät geantwortet als nie. (Schade, dass Dein Blog die Antworten auf den Kommentar nicht mitteilt).
    Nein, ich habe kein besseres gemaltes Bild (Bilder kreieren gehört zu meinen Top-Fähigkeiten). Deins passt dafür genau.
    Zur Frage der wenigen Tweets: Manchmal ist weniger ja mehr. Passt irgendwie auch zu Slow grow 😉
    Ich hatte beim Titel des Artikels was anderes erwartet. Einen Essay über Fachkräftemangel und klassische Optimierungstipps. Was kam, fand ich viel spannender: Berufliche Sidesteps. oder „wie probiere ich beruflich mal etwas anderes aus?“

    • Hi Lars, wieso teil mein Blog Antworten nicht mit: Sollte er…?? Deine Antworten? Andere Antworten? Ich ändere noch mal die Headline nach deinem Vorschlag. LG Svenja

  6. Pingback: Die Geschichte der Bewerbung von 1970 bis 2012 | Karriereblog von Svenja Hofert - Die Expertin für neue Karrieren

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