Karriere-Geschichte: Der Weg von Tante Emma zur Generation Y

Karriere? Och nö. Der Ehrgeiz der Generation Y hält sich in engen Grenzen. Dankbar lehnen sie sich mit Blick auf die Chancen zurück, die ihnen der demografischen Wandel verspricht. Selbst unter BWL-n sinkt die Zahl der Karriereaffinen rapide. „Seit 2003 brach die Zahl der Jungakademiker mit Führungsambitionen dramatisch ein, von 32 auf heute 23 Prozent“, schreibt der STERN in seiner gestrigen Ausgabe ohne die Quelle zu zitieren. Immer weniger junge Leute sollen laut derselben Quelle führungsgeeignet sein. Ich kann das nachvollziehen, auch bei mir steigt die Zahl der Führungsaussteiger und „lieber-inhaltlich-arbeiten-wollenden“ – meist Männer. Der STERN persifliert den karrierefeigen Mann in den 30ern: gekleidet in einem rosafarbenen Maxi-Strampler der norwegischen Marke Onepiece. Alles bequem, bloß kein Stress, beruflich nicht und auch nicht privat. Im Zweifel kann ja auch die Frau zahlen (und arbeiten). Beim Einstellungsgespräch fragen die Um-die-30er ihre potenziellen Arbeitgeber nach Sabbaticals. Die Vertreter der jungen Generation, die eine Karriereberatung aufsuchen, möchten wissen, was sie beim zweiten Job so fordern können (beim ersten, der ein bis drei Jahre dauert, wird noch weniger hinterfragt und gar nicht oder moderat gefordert – noch). Einer der Generation Y-Vertreter konnte 30% mehr Gehalt als bei der alten Stelle durchsetzen, 2 Heimflüge im Monat, keine Kernarbeitszeit (obwohl diese noch im Vertrag drinstand und für alle anderen Mitarbeiter gilt), 40 Tage Urlaub. Ich gönn es den jungen Leuten. Aber der rosafarbene Strampler gibt mir doch zu Denken. Wie entstand das Karriereverständnis von heute? Lassen wir das mal Revue passieren.

1950-1970: Als die Karriere noch ARBEIT hieß

In den 1950er bis 1960er Jahren war es keine Frage, wer die Brötchen nach Hause brachte: Der Mann. Karriere war ein fleißiges Sich-Hoch-Arbeiten und brav Chefchen-machen mit dem Ziel der maximalen Mittelschicht-Entfaltung. In Ausnahmefällen schlug sich auch mal eine alleinstehende Frau durchs Leben. Meine Tante Vera war so eine. Sie arbeitete von 16 bis 65 (mach ihr das mal einer nach), stieg auf bis zur Filialleiterin bei Kaiser´s Kaffee. Es gibt Bilder, wo sie den Kaffee noch mit der Waage abwog.

Zum Abschied in den Siebzigern, schenkte man ihr ein goldenes Armband mit kleinen Kaffeekannen drauf. Sie schmolz es ein. Tante Vera war eine untypische, eigenwillige Frau für die damalige Zeit; ich bewunderte sie und ihr goldenes Armband. Doch trotz ihrer bemerkenswerten Gradlinigkeit stellte sie nie in Frage, wer das Sagen hat: Der Chef. Der Mann.

Berufswahl mit Sinn, Karriere mit  mehr als dem Sinn viel Geld zu verdienen? Alle älteren Menschen, die ich danach befragt habe, schütteln den Kopf: Sowas gab es nicht. An sowas dachte man nicht mal. Sinn? Unsinn: Meine Mutter durfte zwar aufs Gymnasium, musste dann aber trotzdem Krankenschwester lernen. Ihr Vater hat es angeordnet. War damals so. Punkt.  Karriere: Nur, wenn es nach oben geht und sich das finanziell lohnt. Und das betraf nur Männer.

1970-1980: Jeder kann alles werden

Oh, die 1970er! Ich bewegte mich zwischen „Theo wir fahrn nach Lodz“ und den „Sultans of Swing“ von den Dire Straits, meiner allerersten Schallplatte. Karriere? Kein großes Thema. Es ging um mehr, etwas Größeres. Plötzlich war alles möglich. Auf dem Gymnasium gab es Mitschüler, die in Hochhäusern lebten und vier Geschwister hatten. Die gingen in ein und dieselbe Klasse mit den Arzt- und Juristensöhnen. Arbeiterkinder. Andere schafften auf dem 2. Bildungsweg, was heute undenkbar scheint: Lehre, das Abitur, ein Studium, zweites Studium. Ich kenne heute 50-60jährige, die eine Ausbildung  und zwei Mal ein vollwertiges Studium absolviert haben. Sie kommen in der Regel aus der Arbeiterklasse. Die Bildungsoffensive der 70er betraf vor allem die einfache Schicht. Man bekam Bafög, wurde gefördert. Nie war die soziale Gerechtigkeit so greifbar nah.

1990-2000: Wo bitte geht´s zur Karriere?

Seit den 1980er war BWL zu Yuppiefach geworden, zum Wahlfach aller extrinsisch Motivierten. BWL öffnet Türen, damit kann man nichts falsch machen – in den 1990er pflanzte sich der Glaube in die Karrierebeflügelnde Kraft dieses Fachs fort. Gleichzeitig entwickelte sich eine Vorstellung von Karriere, die an den Aufstieg in Unternehmen gekoppelt ist: die Schornsteinkarriere wurde kultiviert, zum Zielobjekt für viele. Erfolgreich sein war, anders als in den 1970ern cool, die 1980er als Umbruchzeit lagen hinter uns. Jetzt „durfte“ Mann aber auch Frau Karriere machen – unter Umständen ohne ein geschniegelter Yuppie zu sein.

Kein Zufall, dass in diesem Jahrzehnt die ersten Motivationstrainer der Nach Dale-Carnegie-Ära aufkamen. Vera Birkenbihl etwa, die im letzte Jahr verstorbene grande Dame der Trainerszene und 1999 der Laut-Sprecher Jürgen Höller. Er klingt uns im Ohr mit seinem „Du kannst alles schaffen! Gib niemals auf!“

Jeder seriöse Coach und Berater wird heute sagen, dass das Quatsch ist. Es KANN NICHT jeder alles schaffen. Es reicht nicht ein möglichst hohes Ziel zu haben. Die Gehirnforschung beweist eindeutig etwas anderes, nur ein Slow Growing ist möglich.

Aber die kam erst im letzten Jahrzehnt so richtig in Fahrt, Antonio Damasio (unter anderem) sei Dank. Doch rational begründbare Tatsachen halten auch einen Tony Robbins nicht auf,  breite Massen in seine Vorträge zu ziehen  (die „leise“ Susan Cain war für ihr Buch testweise in so einer Veranstaltung).

Ich musste, beim Betrachten eines Tony-Robbins-Videos bei Youtube an einen Besuch mit meinem Geschichts-Leistungskurs 1984 im KZ Buchenwald denken. Dort sprach eine Sozialistin mit solch flammenden Worten, dass ich danach in der DDR bleiben wollte. Nur das schlechte Essen hielt mich ab. Das Fleisch ist schwach, und der Mensch beeinflussbar. Die Reden von sehr charismatischen Menschen sind so, dass sie die Ratio ausschalten wie einen Lichtschalter. Man muss sich dann kneifen – und am besten rausgehen, um den Kopf einzuschalten. Ja, da schreibt ein T-Typ.

2000-2008: Abschied vom Mythos

Am Anfang des Jahrtausends motivierte Jürgen Höller noch etwas, dann kam 2002  Reinhard J. Sprenger und entmystifizierte die extrinsische Motivation als Karriere-Hebel. Zeitgleich platzte auch die Dotcom-Blase, eine Entlassungswelle nach der nächsten desillusionierte auch die härtesten Schornsteinkarriere-Anhänger. Noch heute habe ich traumatsierte  Kunden, die in dieser Zeit irgendwo gefeuert wurden. Spätestens jetzt lernten unsere frühpensionierten Väter, dass nichts sicher ist, auch nicht der Job. Das Bild der Schornsteinkarriere, das schon seit den 1980er Jahren wackelte, fiel endgültig. Outplacement, erstmals aufgekommen in den USA der 1960er Jahre, hatte Hochkonjunktur. Alte Bilder kamen ins Wanken, etwa das von den Angestellten zweiter Klasse, die abgebaut würden. Nein, es traf auch und gerade die Leistungsfähigen und Leistungswilligen. Das sprach sich rum, denn einige von ihnen wurden Personalberater – oder Coachs.

2008-: Karriere? Lass stecken

Die Zyklen werden immer kürzer, nicht nur in meiner Karrieregeschichte, auch in den Köpfen. Der demografische Wandel ist seit 20 Jahren bekannt, aber jetzt erst kommt er an bei den Leuten. Sie begreifen, dass sie die WAHL haben. Sie können sich Jobs aussuchen, die Bedingungen diktieren, sie sind die Chefs, ohne Chef sein zu müssen. Noch gibt es Zweifel, aber die schwinden.  Die Unternehmen ahnen noch gar nicht, wie warm sie sich anziehen müssen, wenn es bei allen angekommen ist: Wir sind die Chefs, ohne Chef sein zu wollen. So anstrengende Jobs sollen doch andere machen. Und während die Eltern noch sagen „am besten wirst du Arzt“ machen ihre Kids einfach ihr Ding.

Karriere hat eine ganz neue Bedeutung bekommen. Es geht um Sinn, Lebensfreude, Inhalt (siehe Anfang). Die Generation Y interessiert sich nicht mehr für Schornsteinkarriere. Sie will authentisch sein, sich nichts und niemanden unterordnen. In diese Zeit passt das Buch meines Kollegen Christoph Burger „Karriere ohne Schleimspur“, das letzte Woche erschienen ist. Über die Karriere von heute spreche ich mit ihm nächste Woche. Wir lesen uns.

Fotos: © fotolia bzw. Buch Linde-Verlag, Screenshot der Studie: PWC: Millennials Survey – Millennials at work: Reshaping the workplace

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

5 Kommentare zu “Karriere-Geschichte: Der Weg von Tante Emma zur Generation Y

  1. Liebe Frau Hofert,

    Sie schreiben einen Artikel, der dem Leser einen interessanten Überblick über unterschiedliche Karriere-Generationen bietet. Ich hoffe, dass wir in einigen Jahren wirklich soweit sind, dass Berufsanfänger „die WAHL haben“, wie Sie schreiben.

    Ich bin allerdings dennoch der Meinung, dass eine Vielzahl der Mitglieder dieser Genration Y immer noch große Probleme hat, in der Berufswelt Fuß zu fassen. Und das nicht aus eigenem Verschulden.

    Liest man nicht immer noch in viel zu vielen Stellenausschreibungen, dass eine mehrjährige Berufserfahrung Grundvoraussetzung für eine Stelle ist? Woher sollen Bwerufsanfänger diese nehmen? Werden der Generation Y statt einer festen Stelle nicht immer noch viel zu viele unter- oder gar unbezahlte (!!!) Praktika angeboten, bei denen sie Tätigkeiten eines Festangestellten nahezu 1 zu 1 übernehmen?

    Sie schreiben, die Genration Y „könne[…] sich Jobs aussuchen, die Bedingungen diktieren“. Das mag in einigen Bereichen möglicherweise bereits der Fall sein, lässt sich meiner Meinung nach aber keineswegs verallgemeinern. Noch nicht.

    Glücklicherweise gibt es schon eine gewisse Zahl an Unternehmen, die die Ausbildung von Berufsanfängern zu ihrer Philosophie gemacht haben. Bleibt zu hoffen, dass dieser Trend sich fortsetzt.

  2. Pingback: Nicht buckeln, authentisch sein! | Karriereblog von Svenja Hofert

  3. Pingback: Warum es sich manchmal nicht lohnt zu studieren und arbeiten (oft) besser ist | Karriereblog von Svenja Hofert

  4. Pingback: Männer machen Karriere, Frauen etwas Sinnvolles | Karriereblog von Svenja Hofert

  5. Pingback: Employer Branding ist ein Unwort - Interview mit Mirko Kaminski von achtung! | Online-Magazin für Karriere & Zukunft von Svenja Hofert

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*

Artikel zu ähnlichen Themen: