Monster.de-Interview „Berufswahl“ – Am besten wirst du Arzt….Oder?

Heute führte ich bei Facebook zu „Am besten wirst du Arzt“ ein Live-Interview mit der Community Managerin (und Biochemikerin wie ich gerade erfuhr) Eva-Maria Goldmann von Monster. Hier noch mal zum Mitlesen für alle die wichtigsten Fragen und Antworten – mit ein paar Ergänzungen.

Monster.de: Was macht man als Jugendlicher, wenn man noch nicht weiß, was man werden will? Wie können die Eltern hierbei unterstützen?

Nur 2% sind Interesse-Kinder, die schon mit 7 wissen, dass Sie z.B. Pyrotechniker werden wollen und zielsicher darauf hinsteuern. Der Rest ist orientierungslos oder hängt(manchmal falschen) Vorbildern nach. Berufliches Glück und Persönlichkeit stehen in einem unmittelbaren, untrennbaren Zusammenhang. Das wird viel, viel zu wenig gesehen.

Deshalb empfehle ich, sich erst einmal mit der eigenen Persönlichkeit beschäftigen und der Frage, wer ich bin, was mich treibt und mich interessiert oder interessieren könnte.

Gerade für Jugendliche ist das nicht einfach, da sie wenig auf eigene Erfahrungen außerhalb der Schule zurückgreifen können. Ich finde deshalb, dass man sich auch als Abiturient spätestens ab  13, 14 Jahren mit der Frage auseinandersetzen sollte: was kann ich? Was mag ich? Was ist mir wichtig? Was macht mir Spaß? Das zusammen mit konkreten Erlebnissen aufzuschreiben, wo man das gespürt hat, kann der Erinnerung helfen.

Es ist weiterhin ja auch so: Man merkt selbst nicht, was man gut kann. Gerade die Persönlichkeitstypen, die viel an sich selbst zweifeln – oft sind das die besonders Begabten – haben für eigene Kompetenzen nicht selten wenig Gespür. In besonderem Maße gilt das für seltene Persönlichkeits- und Lerntypen, die in der Schule oft benachteiligt sind und deshalb weniger positives Feedback bekommen als andere „pflegeleichte“.  Das sind z.B. bestimmte introvertierte Typen oder auch sehr handlungsorientierte Flexible.

Eltern haben aus meiner Sicht die Pflicht, hier für einen Ausgleich zu sorgen, denn ich sehe auch bei meinem Sohn wie subjektiv die Sicht mancher Lehrer ist – sie schließen von sich auf andere –  und wie wenig diese oft in der Lage sind auf unterschiedliche Persönlichkeiten einzugehen. Deshalb kommen so wahnsinnig viele Fehlentscheidungen bei der ersten Berufsentscheidung oder Studienwahl zustande, weil Kompetenzen von Schulseite nicht oder falsch eingeschätzt werden.

Lehrer haben auch keine Erfahrung in der so genannten freien Wirtschaft, sie können hier kein Bild vermitteln. Eltern können ausgleichen, z.B. in frühen Phasen Interessen fördern, in dem sie Angebote machen, und zwar nicht nur in ihren eigenen Lieblingsthemen. Später können sie Gespräche zu Bekannten vermitteln. Und ganz wichtig: Immer wieder ganz konkretes wertschätzendes Feedback geben.

Monster.de: Um sich zu entscheiden, muss man erst mal wissen, was es alles gibt. Wie/ Wo kann ich mich informieren?

Eine tolle Anlaufstellte für Ausbildungsberufe bieten das BIBB und das Berufenet der Arbeitsagentur. Bei der Studienlandschaft ist es schon schwieriger, die wird immer unübersichtlicher, Hauptanlaufstelle ist Studienwahl.de. Ganz wichtig sind Gespräche mit Experten, die sich auskennen. Karriereberater können auch nicht alles wissen, aber sie können bei der Einordnung und Bewertung helfen. Auf Google und Foren würde ich mich auf gar keinen Fall verlassen. Da wird teils halbgares Zeugs verbreitet, zudem  nicht selten veraltet.

Monster.de: Welche Berufe werden aussterben? Welche wird es auch 2050 noch geben?

2050 ist wirklich zu weit gedacht. Man kann meiner Meinung nach nur noch auf Sicht von 5- bis maximal 15 Jahren denken, ersters ist in schnelldrehenden Branchen wie IT, letzteres dort, wo es gemächlicher zugeht. Aber es wird ein ganz neues System geben: Nicht mehr den einen Beruf, sondern eine Kombination aus Ausbildungen, die den Job ausmacht und Arbeitsplatzsicherheit garantiert. Der Altenpfleger ist z.B. ein schlecht bezahlter Job, mit Pflegemanagement- und Fachjournalistenstudium entsteht ein neues Berufsbild. Das wird in ganz vielen Bereichen so sein. Die Frage heute ist also heute mehr: Wie modular ist eine Ausbildung? Wie gut kombinierbar?

Woran erkennt man einen zukunftssicheren Beruf?

An dieser Kombinierbarkeit, und die ist unterschiedlich gut. Ein Koch kann mit Studium Account Manager in der Gastrobranche werden. Ich würde auch sagen, dass inhaltlich-fachliche Ausbildungen und Studiengänge einen Vorteil gegen rein bildenden haben, da sie sich mit Management und Methoden kombinieren lassen, siehe den Altenpfleger. Auch Studiengänge, die das Denkvermögen prägen, siehe u.a. Physik, sind zwar selten berufsvorbereitetend, aber nichtsdestotrotz ein gutes Fundament.

Monster.de Welche Studiengänge und Ausbildungen haben Potenzial und welche nicht?

Ich plädiere für eine breite Ausbildung am Anfang und bin gegen die zu starke Branchenspezialisierung. Auf einem breiten Fundament kann man viel besser bauen, man bleibt kompatibel. Also im Zweifel lieber Wirtschaftsingenieur (in Zukunft meines Erachtens trotz großer Beliebtheit aufgrund der Technisierung im Zweifel besser als BWL) als Weinbetriebswirtschaftslehre, es sei denn man will das Gut des Vaters übernehmen und ist sicher, die nächsten 10-15 Jahre nur mit Wein zu tun haben zu wollen.

Monster.de: Wie kann man schon vor dem Studium herausfinden, ob ein Beruf wirklich zu einem passt?

Ich halte ausprobieren für eine gute Lösung. Lieber zwei, drei Mal abbrechen als etwas nicht Passendes durchziehen. Wer sich gar nicht finden kann, sollte arbeiten, ein halbes Jahr, ein Jahr. Bei mindestens 67 Jahren Renteneintrittsalter kann man sich locker Zeit lassen.

Monster.de: Muss heute jeder Akademiker werden oder kann man auch mit einer Ausbildung erfolgreich werden?

Es kommt darauf an. Ich sehe kaufmännische Ausbildungen aufgrund der dualen Konkurrenz kritisch. Schon jetzt merkt man ein Downgrading. Auf Stellen, die früher mit kaufmännischen Angestellten besetzt worden sind, rekrutiert man nun Akademiker. Seit 2003 stagnieren die Gehälter von Menschen mit Ausbildung. Anders sehe ich das im Handwerk, da könnte ich mir Revival sehr gut vorstellen, vor allem in kleinen und mittelständischen Betrieben, denn in Konzernen wütet das Monster Arbeitnehmerüberlassung und Zeitarbeit leider auch im MINT-Bereich, also bei den gerne gehypten technischen Berufen. Man muss jeden Einzelfall betrachten. Gut ist praktische Ausbildung z.B. bei Physiotherapie. Da hat das Muster erst praktische Ausbildung, dann Studium einen klaren Vorteil – im Zweifel dual.

Welche Berufswahltest im Internet sind zu empfehlen?

Gar keine. Ich rate ab. Tests nur mit jemand machen, der sich wirklich auskennt, das einschätzen und das Kind „auffangen“ und ihm einordenen helfen kann. Ohne persönliches Auswertungsgespräch überfordert man junge Menschen. Berufsempfehlungen sind öfter aus den 1970er Jahren und beruhen auf amerikanischen Vorbildern.  Ich habe Menschen beraten, die sich aufgrund einer solchen Empfehlung z.B. durch Jura gequält haben. Es ist ein Unterschied, ob sich ein reflektierter 40jähriger selbst testet oder ein völlig unerfahrener 16jähriger.

Monster.de Wie weiß man, ob ein Beruf als Selbstständiger für einen geeignet ist? Kann man direkt nach der Ausbildung damit starten, oder sollte man erst ein paar Jahre Erfahrung machen?

Ja, bitte Erfahrung sammeln, es sei denn man ist der Richard-Branson-Typ. Ein eigenes Unternehmen neben dem Studium führen, kann aber eine sehr gute Idee sein – für eine spätere große Selbstständigkeit und zum Sich-Ausprobieren.

Monster.de: Was kann ich tun, wenn mir Studium/Ausbildung zwar Spaß gemacht haben, ich aber im Job keine Freude habe?

Erst mal prüfen, was davon mit einem selbst und vielleicht zu hohen Erwartungen zu tun hat. Und  wenn es wirklich nur der Job ist: Wechseln, unbedingt.

Monster.de: Hungerlohn-Traumjob oder doch lieber einen Job mit finanzieller Sicherheit wählen?

Schwierige Frage: Man muss sich klar sein, dass inhaltlich spannende Jobs oft eine Kehrseite haben: miese Bezahlung. Umgekehrt bekommen Versicherungsvertreter, zum Beispiel, auch eine Art Schmerzensgeld. Was ist wichtiger für Sie persönlich ist die entscheidende Frage?

Monster.de: Man ist schon seit Jahren im Beruf, wollte aber schon immer was anderes machen. Wann ist ein guter Zeitpunkt sich umzuorientieren. Wann ist es zu spät dafür?

Es ist nie zu spät, außer vielleicht für Medizin mit 55. Ich habe eine Verwandten, der hat mit 75 sein Psychologie-Diplom erhalten. Why not? Die moduleren Bachelor- und Masterstudiengänge, die bei uns leider noch nicht so flexibel kombinierbar sind wie sie sein sollten, sind klasse für häufigere Kurswechsel.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

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