Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Und ewig grüßt die Family: Die Wahrheit über Berufswünsche

By | 2012-03-15T11:51:01+00:00 15. März 2012|

 

Einer meiner Ex-Ärzte war auf Traumjob-Suche. Bei jedem Termin fragte er mich aus: ob ich wüsste…. wie man denn…ob ich Ideen hätte… helfen könnte…? Er wollte unbedingt in der „freien Wirtschaft“ mehr Geld verdienen, fühlte sich unterbezahlt. Es wirkte auf mich klar so, dass er keine große Lust hatte, das zu machen, was er gerade machte (mich zu untersuchen). Ich verlor das Vertrauen zum Arzt. „Am besten wirst du Arzt“ heißt mein neues Buch nicht nur deshalb ironisch. Ich meine natürlich nicht, dass Arzt der beste Beruf für alle ist. Ich finde vielmehr, dass man wissen sollte, warum man etwas macht und aus welchem Grund man Entscheidungen trifft. Viel zu wenig bewusst ist, dass Berufswahl und Berufswunsch weit überwiegend familiär gesteuert sind – wie es auch bei dem Arzt der Fall war, wie Sie später noch lesen werden. Das macht es schwierig für die vielen neuen Jobs und Berufs-Lebens-Formen in der veränderten Arbeitswelt, die keine familiäre Tradition haben (können).  Meine 5 Thesen.

1.       Wir orientieren uns IMMER an den Eltern – deshalb haben Eltern Verantwortung von Anfang an.

Entweder wir machen, was unsere Eltern machten und von uns erwarteten – oder genau das Gegenteil. Ob das Muster Revolution oder Identifikation heißt; der Effekt ist zwar unterschiedlich, aber die Wirkung gleich. Da aber die neuen Berufe weit überwiegend keine Berufe mehr sind und sich nicht mehr in unserer Familiengeschichte abbilden, müssen wir as Eltern frühzeitig zeigen, was möglich ist. Die erste Pflicht für Eltern ist deshalb, selbst aufgeklärt zu sein – z.B. über die sehr unterschiedlichen Perspektiven auf den (vermeintlichen) Ingenieurmangel.

2.       Die Familie oder das Umfeld stiftet Interessen – oder lässt sie verkümmern.

Interessen fördern ist nach allem, was ich sehe und erlebe, extrem wichtig. Dass sich Kinder freiwillig und ohne Elterliches Nase-Drauf-Stoßen ein Interesse suchen, passiert eher zufällig. Von 30 Kindern, so meine sehr private Schätzung mangels offizieller Zahlen, ist eines eigenständig und ohne Eltern-Push leidenschaftlich mit einem Thema identifiziert. Der Rest eiert rum, sucht, fängt an und hört auf. Das muss zu einem gewissen Grad auch so sein, weil Suchen immer ein Prozess aus Anfangen und Aufhören ist, bevor das Finden beginnt. Nur: Viele Finden nie, weil sie viel zu kurz suchen. Mehr noch: Sie haschen nur, sie naschen mehr. Das ist aktuell zu beobachten bei einem Teil der suchfreudigen Generation Y.

3.       Fehlende LEIDENSCHAFT ist die Familie (mit) schuld.

Ich kann nichts. Ich weiß nichts. Mich interessiert nichts. Kommt Ihnen bekannt vor. Mir auch. Ich höre es sehr oft, auch von 30-45jährigen. Und tatsächlich gibt es weitgehend Interessenfreie Menschen, gerade junge (die Gala lesen zähle ich jetzt mal nicht zu Interessen). Keine Leidenschaften. Und woher kommt das? Ganz einfach: Von Laissez-faire-Eltern und der in Folge dieser Erziehung manchmal auftretenden Unfähigkeit, sich für etwas zu entscheiden. Wurzel des Übels sind, aus meiner Sicht, mitunter auch Ratgeber der Generation „Traumjob“, die darauf angelegt sind, einem einzureden, irgendetwas stecke „natürlich“ in jedem Menschen und müsse nur freigelegt werden. Nein. Tut es nicht. Erst recht nicht in einem 16-18jährigen.

4.       Wichtiger als alles andere ist oft der familiäre STATUS.

Der Arzt aus dem Vorspann hat einen sehr erfolgreichen Bruder, das habe ich ergoogelt. Mit Instrumenten der Küchenpsychologie kann ich mir zusammendichten, was ihn unzufrieden macht: der Große ist erfolgreicher, Mama liebt ihn mehr. Oft sehe ich, dass die wirkliche Motivation die des Vergleichs ist, das Dazugehören-Wollens, des Auch-Geliebtwerden-Wollens. Aus solchen Gründen ergreifen manche Menschen Berufe wie den des Arztes. Das ist okay für enen Ingenieur, aber nicht gut bei Berufen, die unmittelbaren Einfluss auf das Leben anderer haben.

5.       Wir finden nur das ALTE, was wir von den Eltern und Verwandten kennen.

Die modernsten Eltern sind heute – maximal – SAP-Berater oder Produktmanager. Ganz neue Jobs kann dagegen niemand entdecken, weil sie gar keinen Namen haben. Die neuen Jobs haben mehr mit Themen zu tun, oft mit hochkomplexen. Diese fundamentale Veränderung mit ihren Auswirkungen auf Berufsorientierung und Jobsuche hat noch kaum jemand richtig verstanden (auch die Online-Stellenmärkte nicht). Ich finde es zentral wichtig. Nur wer nach Themen sucht, kann Jobs finden. Doch immer noch suchen die meisten Menschen nach Jobs. Weil das in der Familie liegt.

 

 

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Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

5 Kommentare

  1. Herbert Thümer 20. März 2012 at 21:17 - Antwort

    Hallo Frau Hofert,
    ich habe zwar erst gerade von Ihrem Buch gelesen, bin aber schon nach diesem kurzen Auszug sehr interessiert. Sie haben mich schon einmal gecoacht – leider habe ich das aus Zeitgründen aus den Augen verloren. Was mich positiv stimmt – meine Frau und ich haben wohl doch Einiges richtig gemacht, jedenfalls sieht es bei unserem Sohn derzeit so aus. Nur will er leider später Arzt werden, macht in Kürze eine Ausbildung zum op-technischen Assistenten… ;-)))
    Sitze gerade im Hotelzimmer in Göteborg und mache meine Abendpost, denn ich bin seit Februar in einem internationalen Projekt als Integration Architect (IT). Wenn Sie Interesse haben, erzähle ich Ihnen gerne mehr über meine Erfahrungen, die ich hier täglich mache. Nach dem Motto „Just do it!“ habe ich ein solches Projekt angenommen und bin doch erfreut, dass es ganz gut läuft.
    Und nachträglich noch einmal ganz herzlichen Dank an Sie, weil Sie mir damals geraten haben: „Herr Thümer, werden Sie kein Administrator, das passt nicht zu Ihnen!“. Ich denke, Sie hatten vollkommen Recht!
    Viele Grüsse aus Schweden,
    Herbert Thümer

    • Svenja Hofert 21. März 2012 at 09:38 - Antwort

      Hallo Herr Thümer, danke an Sie und grüßen Sie Ihren Sohn. Arzt kann ein toller Beruf sein, wenn man sich gut überlegt hat, warum man es werden will. Aber ich bin ganz sicher, dass Sie die Weichen gut gestellt haben – alles Gute nach Schweden, Svenja Hofert

  2. Burkhard Reddel 1. April 2012 at 09:20 - Antwort

    Hallo Frau Hofert,

    ja ich kann da nur aus eigner Erfahrung zustimmen. Die Eltern hatten auch bei mir großen Einfluß in dem ungeeigneten und ungeliebten Beruf des Industriekaufmannes zu landen in den 80ern. Meine Mutter hatte einen Bürojob und daher kam das wohl auch. Ich hatte immer mehr Interesse als 16 jähriger mit mittlerer Reife an Physik. Leider schlechte Noten und keine Lehrstelle gefunden. Dann die Überlegung der Eltern, bloß nicht auf der Strasse stehen und deshalb 2 jährige Höher Handelschule und Industriekaufmannslehre. Das war der größte Fehler, denn ich wurde nie Glücklich im Beruf und auch nicht erfolgreich. War mehr arbeitslos und das war eine Folge kurzer wechselnder Jobs. Ich war als Kaufmann ungeeignet. Und machte nur 0 8 15 Dienst. Daher auch schlechte zeugnisse und dann der Teufelskreis. Schwierige Arbeitssuche, schlechte und schlechtbezahlte Stellen. Ja auch so kann man ein Berufsleben kaputt machen. Ich wünschte es hätte Sie schon damals gegeben. Sie habe mir im nachhineine mit Ihren verschiedenen Ansätzen udn Themen vieles klarer gemacht. Deshalb lese ich auch gerne hier im Blog. Es gibt immer wieder interessante Themen. Weiter so. 🙂

    Grüsse B.RE

  3. […] denn die meisten orientieren sich bei ihrer Berufswahl nach wie vor an den Eltern, wie meine Kollegin Svenja Hofert schön ironisch feststellte. Und viele neue Berufe gab es zu Mamas und Papas Zeiten einfach noch nicht. Hofert schreibt: […]

  4. […] denn die meisten orientieren sich bei ihrer Berufswahl nach wie vor an den Eltern, wie meine Kollegin Svenja Hofert schön ironisch feststellte. Und viele neue Berufe gab es zu Mamas und Papas Zeiten einfach noch nicht. Hofert schreibt: […]

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