Meine Hardware im Gehirn ist grad inkompatibel

„Ich kann das nicht“, sagen Sie. Wirklich?

Ich nutze hier eine Formulierung von Franz Hütter, Inhaber von Brain-HR, dessen Vortrag ich am letzten Samstag neugierig gelauscht habe: Ihre Hardware im Hirn ist für diese Aufgabe im Moment noch inkompatibel. Angenommen, Sie sollen auf die Bühne und vor 1.000 Leuten sprechen. Wenn Sie das nicht schon öfter gemacht haben, wird Ihre Hardware schon bei dem Gedanken daran streiken und melden: „Ich kann das nicht.“ Oder „Ich bin kein Mensch für die Bühne.“ Aber ist es ein Wunder? Sie haben das schließlich weder gelernt noch geübt.

Das hört nicht gern, wer an Naturtalent glaubt. Auch Veränderungsverweigerer mögen nicht so, was die Neurowissenschaften sagen: Niemand, der gesund ist, ist sich selbst ausgeliefert. Wir alle können uns neues Verhalten antrainieren, neue Verdrahtungen im Oberstübchen schaffen. Sogar neue Denkweisen. Mit Einschränkungen sogar intelligenter werden.

Um etwas dazu zu lernen, müssen neue Gehirnareale aktiviert werden, neu vernetzt werden. Das passiert auch im Kopf nach dem SlowGrow-Prinzip, also nach und nach. Wir müssen neue Stecker wachsen lassen. Solche Stecker sind nicht nur bildlich gesprochen da; man sieht sie mit Hilfe einer Magnetresonanztomografie, MRT genannt. Von solchen Veränderungen im Gehirn sind Vorher-Nachher-Bilder möglich: Pre- und Post-Treatment des Gehirns, auch das sind Hütters Worte. Es nutzt manchmal im Leben doch wie Hütter ein Sprachwissenschaftler zu sein – besonder gefällt mir auch sein Begriff „Gammelfleischdetektor“ für ein Hirnareal, das Fäulnis schmeckt.

Wenn sich jemand sehr intensiv mit etwas beschäftigt, also zum Beispiel lernt, auf einer Bühne frei und entspannt zu sprechen, verändert das auch sein Gehirn (genau: Pre- und Post-Treatment – vorher ohne, danach mit neuen Steckern). Je intensiver wir etwas üben, desto mehr setzt es sich fest. Das erklärt en passant auch beharrliche Verhaltensweisen und nervige Verhaltensmuster. Dass zum Beispiel Menschen in der Medienbranche gewöhnlich offener sind für Neues als sagen wir mal, Mitglieder der Bauernverbände, hat nicht nur mit Neigung, sondern auch mit Training und Anregung zu tun. Und nein, ich sage Ihnen, das sind nicht nur Klischees.

„Lass sie/ihn mal, sie ist zu alt, sich noch zu verändern oder etwas zu lernen“, so etwas habe ich oft gehört als Kind. Ich wollte mich nicht damit abfinden. Als mein längst verstorbener Großvater mit 95 noch Computern lernen wollte, habe ich es ihm beigebracht. Es ging langsam – aber es ging. Heute ist erwiesen: Veränderung – und dazu zähle ich auch fachliches und persönliches Dazu- und Umlernen – ist jederzeit möglich, auch im Alter.

Aber macht das auch Sinn? Sollten wir uns verändern, wenn wir Defizite im Lernen, unserem Verhaltensrepertoire oder wiederkehrende Muster feststellen? Genies sind immer das, was heute mit allen Kräften unterbunden wird: weitgehend eindimensional, fokussiert, unterentwickelt in den Social Skills. Wer sich sehr, sehr intensiv mit nur einer Sache beschäftigt, muss anderes ausblenden – siehe Einstein, Beethoven, vielleicht auch Kafka, alle Genies am Rand dessen, was wir – die eine seltsame Benchmark definieren – fälschlicherweise Wahnsinn nennen.

Franz Hütter sprach, es war übrigens beim DVNLPdanke Gabi Golling – auch vom „CEO im Kopf“ (den präfrontalen Cortex), der die rationalen Entscheidungen fällt, selbstverständlich nicht ohne auf Gefühle zurückzugreifen.

Es ist unsere Entscheidung, sich zu verändern – oder es lassen. Schon die Fähigkeit, solche Entscheidungen bewusst zu fällen, ist Veränderung, wenn sie uns sonst nicht zueigen ist. Die wichtigste Frage ist deshalb: Macht es Sinn, zu lernen auf der Bühne vor 1.000 Zuhörern zu sprechen? Muss ich meine diplomatischen Fähigkeiten ausbauen, wenn ich bisher undiplomatisch bisweilen polarisierend, aber durchaus erfolgreich durchs Leben gekommen bin?

Jeder muss das für sich selbst entscheiden. Oder lernen, es zu tun – sich zu Entscheiden.

Hier einige Erkenntnisse aktueller Hirnforschung ganz praktisch:

  • Yes, we can. Wir können unser Gehirn neu programmieren, wenn wir das wollen. Dafür müssen wir neue Areale aktivieren und Verdrahtungen schaffen.
  • Wie das geht? Viele Wege führen nach Rom. Meine Kollegin nutzt EMDR, um schädliche Glaubenssätze wegzuwinken; das Besser-Siegmund-Institut in Hamburg Wingwave. Es gibt Klopfen oder auch das so genannte Ankern aus dem NLP: Das Neubesetzen von Glaubenssätzen mit Gefühlen, Bildern, Gerüchen. Es gibt viel. Alles kann wirken, kommt auf Sie an.
  • Einfache rationale Einsichten bleiben im präfrontalen Cortex hängen. Er muss erst binnenverdrahtet werden mit anderen Arealen, damit aus „Mir ist das bewusst“ eine Verhaltensänderung resultiert. Die Konfrontationstherapie kann so etwas bewirken. Oder auch praktisch übersetzt die bewusste Begegnung mit dem Angstmachenden. „Wenn du Angst vorm Springen hast, spring einfach.“ Interventionen können ebenso helfen. Solche Interventionen können manchmal einfache Fragen eines Coachs sein, die viel im Kopf in Gang setzen.
  • Der menschliche Arbeitsspeicher hat Grenzen: Überfordern Sie sich nicht mit zu viel Eindrücken. In das menschliche RAM passen nur 4-7 Informationen gleichzeitig. Wissen geht erst in das Langzeitgedächtnis über, wenn es mit Emotionen verknüpft ist. Und das passiert, wenn wir handeln, z.B. in einem Rollenspiel etwas üben, wiederholen, noch mal… genau!
  • Hormone beeinflussen Gehirnaktivitäten. Unter Einfluss des Kuschelhormons Oxytocin wären wir wohl schlechte Verhandlungspartner und würden alles kaufen, was uns charmante Verkäufer so anböten. Glücklicherweise gibt es das Oxytocin noch nicht in Sprühdosen 😉 Deshalb sollten wir manchmal gnädiger gegen unsere schlechte Launen-Phasen sein, wir Frauen, aber auch Männer. Wir können nichts dafür – das vom Hormon überwältigte Hirn ist schuld.

Dazu passt mein Artikel Neurokarriere aus dem letzten Jahr.

 

 

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Ein Kommentar zu “Meine Hardware im Gehirn ist grad inkompatibel

  1. Pingback: Müssen Verkäufer Schnacker sein? | Online-Magazin für Karriere & Zukunft von Svenja Hofert

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*

Artikel zu ähnlichen Themen: