Bildungs-Burger: Ein belegtes Seminar und zwei Kurs-Cokes, bitte

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Bildungs-Burger für den kleinen Weiterbildungshunger, Copyright: Fotolia.com

Wir haben ein dickes Problem: Obwohl  aktuelle Kenntnisse für Fachkräfte immer wichtiger werden, wird Bildung immer weiter privatisiert. Nur das Notwendigste finanziert  heute noch der Staat – Kurse, möglichst billig, schnell aufgelegt und kurz gebraten.

Ich sprach mit Lars Hahn von der LVQ in Mülheim an der Ruhr, die auch ein Firmenprofil bei den Karriereexperten haben. Die LVQ hat sich bundesweit durch die erste von der IHK-zertifizierte Weiterbildung zum Social Media Manager einen Namen gemacht. Ein Kunde, dem ich die Ausbildung empfahl, bekam unmittelbar danach einen Job.  Weiterbildung lohnt sich also – wenn es sie nur noch oft genug geben würde!

Beginnen wir doch mal bei der Definition, bevor wir ans Eingemachte gehen. Du unterscheidest zwei Typen von Weiterbildung…

Ja, das eine nenne ich Weiterbildung zur Mängelbeseitigung – das ist wie ein Pflaster auf einer Wunde. Dabei gehe ich davon aus, dass ein Mensch nicht die notwendigen Kenntnisse besitzt, um einen bestimmten Job auszuüben. Da ist zum Beispiel die Sekretärin, die kein Excel kann. Oder der PR-Manager ohne Social Media-Know-how. Diese Art der Weiterbildung wird teils von Unternehmen oder den Arbeitsagenturen angestoßen. Wir Weiterbilder schließen dann einfach eine Lücke und bieten die Türöffner.

Klar, da macht man einfach einen Abgleich: Der Innendienstmitarbeiter braucht nun mal mit 70% Wahrscheinlichkeit SAP… Das ist einfach. Aber nicht die einzige Form möglicher Weiterbildung.

Das andere ist Weiterbildung zur beruflichen Entwicklung. Das ist sehr viel anspruchsvoller, denn es setzt voraus, dass man sein berufliches Ziel kennt und weiß, wohin man will. Es ist auch schwieriger für diese Form der Weiterbildung eine Finanzierung zu bekommen, denn die Arbeitsagentur zahlt zum Beispiel nur, was jemand unbedingt braucht.

Wie finde ich denn das richtige? Erst mal unabhängig von der Finanzierung…

Dazu muss ich erst einmal wissen, wo ich hinwill. Ich empfehle jedem, auf die Suche zu gehen. Was interessiert mich, über welche Themen möchte ich mehr erfahren? Ich rate den Menschen zum „systematischen Kaffeetrinken“ mit Personen, die im angestrebten Berufsfeld arbeiten oder mit Menschen zu tun haben, die das tun. Am besten erstelle ich dazu eine Liste. Klar muss ich mit dem einen oder anderen Korb rechnen, aber am Ende führt jedes erfolgreiche Gespräch zu 3-5 neuen Kontakten, denn schließlich kennt jeder jemanden, der jemand kennt… Das können übrigens auch Menschen sein, die ihrerseits eine Weiterbildung gemacht haben. Ich erinnere mich an einen Blechbieger, der neu ins Ruhrgebiet kam, um einen Job zu finden, den es anscheinend nicht gab. Übers „systematische Kaffeetrinken“ kam er zu seinem Job: Den ersten Cappucino nahm er mit einer Bekannten von mir, die einmal einen Freund hatte, der Blechbieger war.

Das ist eine schöne Geschichte. Kommen wir mal zu den nicht so schönen Seiten der Weiterbildung. Bildungskredite gibt es nur bis 36 Jahren und Bafoeg nur fürs Erststudium… Und die Bundesagentur für Arbeit lehnt zumindest hier in Hamburg aktuell fast alles ab…

Ja, gefördert wird zurzeit sehr wenig. Es gibt einen Trend nicht nur zur Privatisierung der Bildung über Studiengebühren, sondern auch der Weiterbildung. Die Arbeitsagenturen fördern bundesweit wirklich nur noch bei dringender Notwendigkeit, die oft sehr eng ausgelegt wird. Das ist ein Problem, denn somit wird Bildung zum Privileg für Menschen, die das Geld oder einen gesicherten Arbeitsplatz haben. Auch Mitarbeiter in Konzernen sind eindeutig im Vorteil, denn hier wird anders als im Mittelstand noch viel für Schulungen ausgegeben. Werden diese arbeitslos, stehen sie sich besser da! Es gibt zwar immer mehr Initiativen wie den Bildungscheck NRW oder auch euren Weiterbildungsbonus in Hamburg, doch sind diese noch kaum bekannt. Es gibt zudem enge Grenzen nach oben. Größere Maßnahmen  können so kaum finanziert werden.

Erinnerst du dich noch an die Welle der Webdesigner-Qualifizierungen vor 10 Jahren? Da wurden Köche zum Screendesigner gemacht, ich konnte es nicht fassen. Hat man daraus gelernt?

Ja, in der Tat solche Art von Förderung gibt es nicht mehr. Aber was derzeit im Trend liegt, ist nicht minder schlimm. Ich beobachte eine McDonaldisierung der Bildung. Es wird nur noch etwas gefördert, was gerade gebraucht wird und den allerschlimmsten Arbeitgeber-Hunger stillt, aber nur an der Oberfläche – wie Fast Food, Weiterbildung mit längerer Perspektive gibt es kaum noch. Öffentliche Förderungen bekommt nur, wer es ganz dringend braucht. Und nicht, wer damit sein Profil mittelfristig sinnvoll erweitern könnte. So werden meist nicht mehr komplette Maßnahmen, sondern nur noch  Module gefördert. Das ist sehr schade Gerade die gesellschaftspolitische und volkswirtschaftliche Aufgabe von Weiterbildung tritt gegenüber rein betriebswirtschaftlichem Kalkül in den Hintergrund. Gerade die Weiterbildung kann nicht allein den Gesetzen des Marktes überlassen werden.

Die Bundesagentur für Arbeit scheint das anders zu sehen…

Es gibt dort – gerade unter den Hochschulteams – sehr engagierte und aufgeschlossene Mitarbeiter, jedoch können die auch nichts tun gegen die Marschrichtung von oben. Die Bundesagentur kennt fast nur noch 0 und 1. 0 Heißt nicht vermittelt, 1 heißt vermittelt.  An Mittel- und Langfristigkeit denkt kaum jemand mehr. Wir haben ja in manchen Regionen und Branchen de facto Vollbeschäftigung. Wozu Weiterbildung fragt man sich da?

Sehr kurzfristig gedacht. Die Menschen tun zu wenig für ihr Profil, wenn sie selbst bezahlen müssen. Das führt dazu, dass sich die Betuchten einen MBA nach dem anderen leisten und die finanziell weniger gut ausgestatteten stehenbleiben. Wir sind auch in Sachen Bildung auf dem Weg in die Zweiklassengesellschaft.

Wir haben in Gelsenkirchen eine Arbeitslosigkeit von immer noch 13%. Jeder vierte Akademiker geht nach dem Studium erst einmal direkt in Hartz IV. Auch andere qualifizierte Kräfte hängen nach wie vor in Arbeitslosigkeit fest. Weiterbildung könnte auch das verhindern. Aber auch hier gilt natürlich: Es reicht nicht, etwas zu fördern, die Menschen müssen auch wissen, was sie wollen. Das kann der Staat nicht für sie bestimmen. Es gibt nämlich auch den gleichzeitigen gegensätzlichen Trend zur Förderung einer zweijährigen Umschulung, und zwar für Geringqualifizierte für sogenannte Mangelberufe. Man hat darüber gelesen, dass Frau von der Leyen jetzt die Schlecker-Frauen alle zu Erzieherinnen und Altenpflegerinnen machen möchte. Aber dann gilt: Entweder Umschulung nach dem aktuellen Arbeitsmarktbedarf oder gar keine Weiterbildung. Da wird die Frage der persönlichen Fähigkeiten und Bedürfnisse erst zweirangig betrachtet. Erinnerst Du Dich an den Koch mit Webdesign?

So werden also alle Altenpflegerin ;-) Nun mal zum Praktischen. Wie finde ich denn die passende Weiterbildung, angenommen, ich gehe vor, wie du vorschlägst und kläre erst mal mein Ziel?

Am besten ich schaue mir an, was es gibt und spreche mit früheren Absolventen und dem Anbieter. Klassische Marktforschung sozusagen, das Internet ist da ja heute sehr hilfreich.. Auch die Vita der Dozenten sagt einiges aus. Im Social Media Bereich sollte niemand dozieren, der nur 10 Follower bei Twitter hat.

Was sagen Gütesiegel wie die Zertifizierung nach DIN 9001, das von der Stiftung Warentest oder Initiativen wie Weiterbildung Hamburg?

Letztendlich wenig, denn diese prüfen im Wesentlichen die äußeren Bedingungen und nicht, was derjenige im Beruf von seiner Weiterbildung hat. So hat man zwar eine Garantie über pünktlichen Unterricht, nachvollziehbare Curricula  und akzeptable Räume. Den Nutzen und die Erfolgsaussichten prüfen solche Gütesiegel in der Regel nur indirekt. Und eines sollte man nicht außer acht lassen: Es lernt sich besonders gut mit Freude und Spaß.

Wir legen bei uns großen Wert auf die Lernatmospäre: Das gemeinsame Lernen der Teilnehmer in einer Umgebung, in der auch der Austausch und die Vernetzung untereinander großen Raum hat. Gemeinsames Lernen lebt immer noch von guten Dozenten, engagierten Mitstreitern und netter Betreuung.  Letzlich ist eben der „menschliche“ Faktor – trotz aller E-Learning-Trends – immer noch einer der Erfolgsgaranten von guter Weiterbildung.

About Svenja Hofert

Mit meinem Unternehmen Karriere & Entwicklung biete ich privates oder unternehmensfinanziertes Karrierecoaching mit Schwerpunkt Karriereplanung sowie Persönlichkeits- und Stärkenentwicklung vor dem Hintergrund einer sich ändernden Arbeitswelt. Dazu kombiniere ich umfangreiche Beratungserfahrung (>16 Jahre), Führungspraxis (>21 Jahre) sowie diagnostisches Knowhow mit sehr gutem strategischen Gespür und hoher Zukunftsorientierung. Mit meiner Karriereexpertenakademie bilde ich Personalentwickler und Business Coachs in Karrierecoaching aus. Als Mitgründerin und Geschäftsführerin von Teamworks GTQ Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung mbH treibe ich die Themen agileres Führen und agile Teamentwicklung strategisch und inhaltlich mit einem engagierten Team und meinem Geschäftspartner Thorsten Visbal voran. Unsere Haltung ist geprägt von Offenheit, Freude im Umgang mit Unterschiedlichkeit in jeder Hinsicht - auch im Denken -, einem Blick für sinnvolle, interdisziplinäre Aspekte und pragmatische Lösungsorientierung. Wir sind keinem Ansatz, keiner Theorie und keiner Methode verpflichtet, sondern nutzen ein Bestof mit vielen eigenen Ansätzen und eigenen Entwicklungen.

5 Kommentare zu “Bildungs-Burger: Ein belegtes Seminar und zwei Kurs-Cokes, bitte

  1. Interessantes Interview!
    Aber
    “Wir haben in Gelsenkirchen eine Arbeitslosigkeit von immer noch 13%. Jeder vierte Akademiker geht nach dem Studium erst einmal direkt in Hartz IV. Auch andere qualifizierte Kräfte hängen nach wie vor in Arbeitslosigkeit fest. Weiterbildung könnte auch das verhindern.”
    — hört sich für mich eher so an, als könnte Mobilität das Problem lösen.

  2. Hallo Herr Burger, könnte…. sind Sie mal durch Herne Wanne Eickel gefahren? Trostlose verlassene Gegenden. Es sind schon viele weggegangen. Es ist oft eine Frage der Bildung, siehe Meckpomm und die dort in der Regel männlichen Verbleiber, ob man/frau umzieht. Und, siehe Herne, Duisburg etc.: wie werden diese Städte aussehen, wenn alle Gutverdiener weg sind (was sie de facto ja eh schon sind)? Was hat das für Auswirkungen auf die Städte, die dortigen Menschen, die Kultur etc.? Es müssen auch Jobs vor Ort geschaffen werden. LG Svenja

  3. Hallo Frau Hofert,
    Bildung fällt mir nicht als erster Faktor ein, wenn es darum geht, in trostlosen Gegenden Arbeitsplätze zu schaffen. Dagegen: Wirtschaftsförderung, Standorte attraktiv machen mittels Heben der Lebensqualität etc.
    Schöne Grüße,
    Christoph Burger

  4. Pingback: “Arbeitswelt und Weiterbildung”. Ein Gespräch mit Karriereexpertin Svenja Hofert › LVQ. Karriere-Blog

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