Warum denkst du nicht gleich ganz groß? oder: Warum Frauen lieber langsamer gründen

Warum gründest du nicht gleich eine GmbH? Wieso stellst du nicht sofort Mitarbeiter ein? Und überhaupt: Wieso denkst du nicht gleich größer? Das sind typische Aus- und Ansagen, die weit häufiger von Männern kommen als von Frauen.

Ordentliches Wachstum, bitte! SlowGrowing schadet der Standortförderung, die schließlich davon lebt, möglichst große Gewerbeflächen zu vermieten. SlowGrowing ärgert die Banken, die wenig Lust haben für geringes Startkapital großen Aufwand zu betreiben. Erst recht widerspricht SlowGrowing einem Denken, das auf pausenlosen zweistelligen Zuwachs gepolt ist: Jedes Jahr mehr. Deshalb werden Frauengründungen oft belächelt. Da wird getöpfert, Schmuck designt, Marmelade verkauft. Alles in allem gesamtwirtschaftlich überhaupt nicht relevant. Gründen geht anders, sagen viele. Oder vielmehr – es ging.

Denn vollkommen unbemerkt verändert sich gerade etwas. Die Institut für Arbeitsmarktforschung in Nürnberg meldete kürzlich, dass fünf Prozent der Frauen derzeit mt einer Gründung beschäftigt sind, das sind mehr als je zuvor (bisher immer kaum 4%). Ob auch die Nebenberufler mitgezählt wurden? Anscheinend nicht.

Klar ist, dass Frauen anders gründen, vorsichtiger, langsamer, mehr auf kleine Schritte bedacht. Ich sehe in meiner Beratung auch, wie sich immer mehr erfolgreiche Frauen für ihr eigenes Unternehmen aus dem Job heraus rüsten. Teils undercover, teils offen aus ihrer Angestelltenposition heraus, treffen sie Vorbereitungen für den Absprung.  Dass sie in der Selbstständigkeit vermutlich weniger verdienen werden als angestellt, ist vielen nicht wichtig.

Ich habe einige Male mit konservativen Männern aus der Berater- und Bankenbranche über beruflichen Sinn und Gründungsmotivation jenseits des Geldverdienens und Wettbewerbs diskutiert. Meine Gedanken lösten  Widerspruch aus. Seit ich mich mit der Management- und Gesellschaftstheorie Spiral Dynamics beschäftige, kann ich es mir damit erklären: Meine Diskussionspartner sind in ihrem Werte- und Denksystem in der leistungsorientierten, materiellen blau-orangen Phase verhaftet. Sie haben den Second Tier, das Denken des zweiten Ranges, noch nicht betreten (über Spiral Dynamics diese Woche mehr). In dieser Phase wird in der Macht und Status durch Wissen und Kompetenz abgelöst. Der grünen Phase, in der er es um menschliche Bindungen und ökologische Sensitivität geht, stehen blau-orange Menschen noch kritisch gegenüber. Ich habe mal versucht das Modell der Spiral Dynamics auf Gründungsmotivationen zu übertragen:

Spiraldynamische GründungsmotivationenDie Widersprüche in der Gründungsberatung erklären sich auch durch unterschiedliche Wertesysteme. Eines der größten Missverständnisse in der  Beratung und Förderung von Frauen- und auch anderen Kleingründungen beruht möglicherweise vor allem auf einen farblichen Kontrast: Blau-orange geprägtes Denken (Business Plan und Wettbewerb) trifft auf grüne (Selbstverwirklichung, Verantwortlichkeit) oder gelbe Werte (Integration aller Farben, Flexibilität, Wissen und Kompetenz). Diese zu integrieren ist die wirkliche Herausforderung. Denn auch die Spiral Dynamics sagen nicht, dass irgendetwas gut oder besser ist: Alles gehört zusammen, alles hat seine Zeit.

Die grüne Gründungsmotivation führt dazu, dass Gefühle und Fürsorge an die Stelle von Rationalität treten. Der Wunsch gerade vieler Frauen, aber auch Männer nach beruflichen Belastungsphasen oder Karriereenttäuschungen einen neuen Weg zu gehen, entspringt grünem Denken in den Spiral Dynamics (wohl kein Zufall, dass das politische Grün diesem Denken nah ist). Im Mittelpunkt steht liebevolle Sorge für die Menschen, die Erde und das Leben. Grünes Denken ist ebenso schwierig wie gelbes in einen Business Plan zu packen.

Der Wunsch nach besserer Familienvereinbarkeit ist eine weitere Ausprägung grünen Denkens. Da ist ein Kind zuhause, ein Pferd, ein Hund, ein soziales Netz, all das ist wichtiger ist als die Karriere (die im klassischen Schornstein-Sinn „orange“ ist). Oft wird auch gesagt, dass man hier die Dinge für sich selbst tut, auch weil Werte- und Handlungs-Systeme durchschaut worden sind  – auch das ist grün-gelbes Denken.

Fast jede erfolgreiche Frau und auch manch Mann stößt irgendwann an Grenzen, wo sie merkt: Hier geht es nicht mehr um die Sache, sondern um im übertragenen Sinn um das Erlegen von Wildschweinen, die sich heute in Autos und anderem Status inkarnieren. Wildschwein, SUV oder Porsche: Das eine muss immer ein wenig größer sein als das vorherige – und das des Nachbarn. Viele Manager, die sich für Mentoren halten, haben noch nicht recht gemerkt, dass es nicht einfach darum geht, Frauen auf dem Weg nach oben zu fördern. Wenn Sie die Flucht von Frauen in die sinnhafte Selbstständigkeit oder eine weniger fordernde Tätigkeit abwenden wollen, geht es vor allem darum, im „Oben“ mehr weibliche Seiten zuzulassen. Bisher läuft alles auf dasselbe heraus: Auch die weiblichen Management-Coachs schulen ihre Klientel in männlichen Verhalten. Frau soll verstehen, wie die da oben ticken und mit den bekannten Waffen umgehen lernen. Das ist oranges Denken.

Wieso aber, frage ich mich. Wieso ändert ihr denn nicht das Oben?

Oft sind es Frauen zwischen 40 und 50, die nach einer zweiten Chance suchen, in der sie jenen höheren (grün-gelben) Sinn finden, der sich ihnen im Berufsleben nicht erschließt. Ihre Ideen zur Gründung sind häufig „öko“, manchmal spirituell, wenn sie nicht menschenbezogen sind, also mit Beratung und Coaching zu tun haben. Die meisten weiblichen Gründerinnen haben das unbedingte Bedürfnis, sich auszuprobieren und klein zu starten – aber auch nicht zu klein. Gerade die beruflich Erfahrenen lassen ihren Weg in die persönliche Sinn-Selbstständigkeit nicht im Kleingarten und beim Töpfern enden.

Die ehemalige SAP-Beraterin Christiane Kypke erzählt morgen im Interview, wie sie zu ihrer Idee Wohnkontraste gekommen ist  – und warum sie erst mal, typisch weiblich eben, auf GmbH und Mitarbeiter verzichtet hat.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

7 Kommentare zu “Warum denkst du nicht gleich ganz groß? oder: Warum Frauen lieber langsamer gründen

  1. Liebe Svenja,

    ich selbst gehöre zu den Frauen, die nach Jahrzehnten im Hamsterrad der Führungsposition eines Grossunternehmens wieder einen Sinn in ihrer Arbeit verspüren wollen. Deswegen habe ich mich als Selbstmarketing-Coach und Gründungsberaterin selbständig gemacht. Dass ich im Verdienst erstmal zurückstecken muss, war mir von Anfang an klar. Doch das habe ich gern in Kauf genommen und habe diesen Schritt in den letzten 3 Jahren nicht einmal bereut.

    Wir Frauen sind anders und das ist auch gut so! Und zu dem Thema, dass Frauen zu besseren Männer trainiert werden, fällt mir nur ein Bedauern ein 😉

    Herzliche Grüße
    Natalie

  2. Danke Natalie, für dein Feedback. Ich finde auch: Es geht nicht um ein Überleben in der Chefetage, sondern um eine ganze neue Etagiere 😉 LG Svenja

  3. Pingback: Noch mal ganz was Neues machen: Interview über einen mutigen Schritt | Online-Magazin für Karriere & Zukunft von Svenja Hofert

  4. Hallo Frau Hofert,

    Ich habe selbst ohne Businessplan und ohne Fremdkapital in 2006 gegründet und habe mir inzwischen aus dem nichts eine Existenz aufgebaut. Ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Erfolgsfaktor ist dabei meine Aquisestärke. Dabei würde ich mich selbst nichtmal als Top Verkäufer bezeichnen. Meine Stärken liegen darin, Aquise-Tools (Internet, Telefonaquise Aussendienst etc.) Zielgerichtet einzusetzen.
    Gerne helfe ich in diesem Bereich auch anderen Gründern, da oft im Bereich Neukundenaquise die größten Probleme zu finden sind. Bei interesse freue ich mich über Ihre Kontaktaufnahme.
    info@fbs-fahnen.com

  5. Pingback: Sind Sie schon gelb oder noch grün? | Online-Magazin für Karriere & Zukunft von Svenja Hofert

  6. Liebe Frau Hofert,

    ich habe das Interview mit Ihnen in der WirtschaftsWoche gelesen und Ihre Ansichten kann ich als Jungunternehmer, der nach einem Jahr ohne Kredite neben dem Studium seinen Lebensunterhalt durch die eigene Unternehmung bestreitet, völlig teilen.
    Das erste, das ich tat nachdem ich das Interview gelesen habe, war Ihre Kurzbiografie zu lesen. Ich kann mir vorstellen die „Beratenden“/Leser würden gerne weit mehr über Sie erfahren. Scheuen Sie sich also nicht selbstdarstellerisch wahrgenommen werden zu können und schreiben Sie mit welcher noch so kleinen Idee Sie sich einmal abgesehen von den Ratgeber-Verkäufen – es muss doch ein Leben vor dem Ratgeben existiert haben – selbstständig gemacht haben.
    „Die einen tun’s, die anderen nicht.“ Oder auch „…die anderen reden darüber.“ Das ist was ich sehr oft erlebe. Man kann mit vielen Leuten über Unternehmertum philosophieren, über Ideen fantasieren aber die wenigsten packen die Chance am Schopf. Unternehmertypen sind die, die als Kind Steine angemalt haben um sie Nachbarn zu verkaufen, die als Abiturient den Kuchenverkauf und die Sponsorenakquise organisierten und die, die als schon Knirps der Ma oder dem Pa im Restaurant geholfen haben und nicht die, die lange Businesspläne schreiben und sich hinter Pseudoanalysen verstecken. Letztere repräsentieren die typische Manager-Generation, die nur verwalten können aber nicht gestalten. Einem Unternehmer wird nicht gesagt was er tun muss um erfolgreich zu sein. Er hat ein Gespür dafür und testet es ständig durch Trial&Error aus ohne solche Risiken aufnehmen zu müssen nicht wieder aufstehen zu können.
    Beste Grüße
    Michael Mallek

    • Lieber Herr Mallek, dankeschön für Ihr Feedback, freut mich. In meinem Slow-Grow-Prinzip steht übrigens, dass ich mit 11 Jahren Maiglöckchen verkauft habe, aber das war´s nicht… Dagobert Duck sagt: „Ich nehm das Geld, nimm du den Ruhm“ – und zeichnet damit ein irreführendes Unternehmerbild, nämlich das das Geldoptimierers ;-). Den meisten Unternehmern geht es weder um das eine (Geld) noch das andere (Ruhm). Und apropos Plan: Fragen Sie z.B. mal Richard Branson, ob er für sein erstes Geschäft einen Business Plan erstellt hat. LG Svenja Hofert

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