Karriere mit Babybauch: Wie sehr Vorbild ist Marissa Mayer?

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Marissa Mayer scheint ein Vorbild für viele zu sein: Sie macht gerade einen riesigen Karrieresprung von Google zu Yahoo und bekommt in 10 Wochen ihr Baby. Bis dahin soll sie noch mal schnell eine Vision für das gebeutelte Unternehmen entwickeln und präsentieren. Kein Mensch redet derzeit darüber, dass allein das schon fast unmöglich ist, da Yahoo nun mal keinerlei Alleinstellung hat und eigentlich überflüssig ist.

Alle Welt bewundert die erste Frau weltweit, die hochschwanger und vor Medienkulissen einen Top-Job angeboten bekam – und diesen auch noch annahm. „Marissa Meyer ist ein Mann“, lese ich gestern im Portrait dieser Dame im Stern – und wundere mich, dass man solche Worte… einen Mann schreiben lässt. Ist eine Frau, die nicht so sehr an die Ausstattung des Kinderzimmers denkt als vielmehr an ein Unternehmen und ihren Job, automatisch ein Mann?  Das ist nicht nur eine reichlich machohafte Sicht der Dinge, sondern einfach falsch, denn es geht hier nicht um Mann oder Frau.

Mayer hätte im Reiss-Profil bei der Motivaton „Familie“ vermutlich eher niedrige Punktzahlen. Das ist für eine Frau nicht ungewöhnlich: Wenn man mal gesellschaftliche Zwänge ausklammert, setzen aus meiner Sicht genauso viele Männer wie Frauen und selbst Frauen mit Kindern ihre Lebens-Prioritäten nicht bei der Familie. Solche Frauen denken nicht so intensiv an den Nachwuchs und sie haben den Glaubenssatz „es tut dem Kind doch gut, wenn die Mama nicht nur Windeln im Kopf hat“. Sie sind Protagonistinnen der qualitativen Zeitmodells (besser eine halbe Stunde am Tag, aber dann richtig). Dieser Glaubenssatz ist ein Glaubenssatz, und deshalb genauso wenig wahr wie falsch. Die eine denkt so, die andere so, fragt sich manchmal nur, woher der Glaube kommt.

Ich habe einige Dramen erlebt mit Karrierefrauen und deren Schwangerschaften. Die, mit denen ich zu tun hatte, waren keine millionenschweren Top-Kaliber, sondern verdienten gut, aber nicht gut genug für eine Armada von Dienstpersonal. Die aber braucht man, wenn man beruflich etwas machen möchte, was nicht „low“ ist und das sind immer Jobs, die sich nicht überwiegend im Home Office ausüben lassen. An die Armada ist einiges gekoppelt: eine Villa mit ausreichend vielen Zimmern etwa, damit die Kindermädchen auch abends bleiben können. Willkommen bei den oberen Zehntausend. Vor diesem Hintergrund entscheidet man sich dann eben doch gern für den Job als Controller in Teilzeit, der einem statt der Vertriebsleitung offeriert wird.

Selbst wenn die Durchschnittskarrierefrau einen nicht-karriereaffinen Mann hat, wird sie echte Top-Jobs nicht oder nur mit Anstrengung ausüben können. Ich erinnere mich nicht gern an mein zeterndes Kind, wenn ich es dann doch mal im hinteren Raum unterbringen musste, weil der Partner nicht konnte, die Oma auch nicht und der Termin sich so kurzfristig nicht verschieben ließ. Die Schweißtropfen, die mir über die Stirn perlten (akzeptiert er nun die Eisenbahn? Wie lange geht es ohne Schreien und andere Dramen?) verschwanden hinter dicken Puderschichten. Die innere Anspannung, die den Mythos zufriedene Karrierefrau und Mutter, kräftig entzaubern würde, merkt einem keiner an.

Und ich… bin selbstständig, genieße maximale Flexibilität, habe reiseintensive Tätigkeiten weitgehend dran gegeben. Aber ich bin auch professionell, nie würde ich fünf Minuten vorher Termine absagen, über meine familiäre Belastung vor Kunden jammern und offen zeigen, dass mich etwas überfordert. In jeder Situation die Contenance bewahren, nur so kommt man weiter… Aber so leicht wie es scheint, ist das wirklich nicht. Andere Frauen, die ich kenne und die ähnlich arbeiten wie ich, zum Bespiel als Trainerin oder Inhaberin eines kleinen Unternehmens, haben es oft, wohl nicht ohne Grund und oft trotz engagiertem Partner, bei einem Kind belassen. Vernunftentscheidung.

Ich habe einige Dramen erlebt mit Karrierefrauen, die ein Kind bekamen und die schnell wieder arbeiten wollten, wie Meyer. Ihnen wurden Projekte entzogen, sie wurden herabgestuft, sie standen vor dem Karriere-Aus. Andere schafften es, die Stellung zu halten, suchten verzweifelt nach einer Betreuung, die die kranke Oma ersetzt.  Nicht jeder kann wie meine Mitarbeiterin es heute nachmittag tun wird, drei Kinder mit ins Büro mitnehmen. Ich weiß, dass man nicht entspannt ist im Meeting, wenn man ein lautes Kreischen, stilles Wimmern oder auch nur einfach nichts hört aus dem Zimmer, in dem die Kleinen mit Spielzeug, Büchern oder dem Computer ruhig gestellt worden sind.

Mayer hat für solche Fälle ihr Personal. Sie ist kein Mann oder wie ein Mann. Sie ist einfach jemand mit Geld. Und deshalb ist sie kein Vorbild, genauso wenig wie Madonna und Heidi Klum.

PS: Vor einiger Zeit hatte ich mit der Tochter einer Frau zu tun, die aufgrund ihrer Berufsbiografie einen Wikpedia-Eintrag hat, der weit mehr als eine Bildschirmseite umfasste. Was wollte die Tochter einer echten Karrierefrau? Einfach Zeit für die Familie. Bloß keine Karriere.

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8 Kommentare zu “Karriere mit Babybauch: Wie sehr Vorbild ist Marissa Mayer?

  1. Schöner Artikel, interessante Einsichten.

    Marissa Mayer schreibt man allerdings mit “a”, nicht mit “e” ;)

    Ich arbeite mit einem Blogger-Kollegen zusammen gerade an einem Artikel über bekannte Nerd-Frauen (die Suche gestaltet sich schwierig, denn besonders viele gibt es davon nicht), in dem wird Frau Mayer eventuell auch einen Auftritt bekommen.

    • danke für den Hinweis, schon korrigiert…. Anke Domscheit-Berg drin? Aber sind das wirklich Nerds, oder doch nicht eher Manager? LG SH

      • Ja, eher halbe Nerds. Richtige weibliche Nerds gibt es nur eine Handvoll, z.B. in der Gaming-Branche oder Programiererinnen. Marissa Mayer hat immerhin einen Abschluss in Computerwissenschaften Fachbereich künstliche Intelligenz und war bei Google an einigen Entwicklungen beteiligt.

  2. Pingback: Marissa Mayer: Das will die neue Yahoo-Chefin ändern

  3. Danke für den interessanten Artikel – ist es nicht hier wie so oft mit “Neuerungen” in Genderfragen: erstmal muss überzogen in die Richtung gegangen werden, die angestrebt werden soll? Kampfemanzen aus den 70er und 80er Jahren haben für uns Frauen schließlich auch eine Menge verändert, heute schauen wir eher abschätzig darauf zurück und werten das Verhalten als “übertrieben”. Ja, das ist es aus heutiger Sicht – aber ohne das wäre womöglich die Frau mit der Heirat immer noch Eigentum des Ehemannes und dürfte kein eigenes Konto haben, geschweige denn arbeiten…? Heute gar nicht mehr vorstellbar! Dafür ist es auch immer noch nicht vorstellbar, dass Frauen mit Kleinkindern arbeiten, und zwar wertschöpfend und kreativ. Also braucht’s vielleicht ein paar Frauen, die sehr aggressiv ihre Karrierevorstellungen durchziehen, damit in vielleicht 20 Jahren die Frauen in der Gesamtheit davon profitieren können. Das provoziert erstmal, durchaus (auch wenn Frau Mayer den finanziellen Background hat). Aber nur so verankert sich doch auch bei Arbeitgebern der Gedanke, dass Mütter produktive Arbeitskräfte mit viel Know-how sind und nicht eine Belastung für das Unternehmen. Das wäre zumindest mal zu hoffen! Damit es uns nicht weiter die Schweißperlen auf die Stirn treibt, Kind und Karriere unter einen Hut zu bekommen…

  4. Mayer ist definitiv Nerd, das wird auch ihre Herausforderung als Yahoo! CEO. Ähnlich stößt mir Sheryl Sandberg als Beispiel auf… (siehe Link oben hinter meinem Namen). Lars: Sandberg ist übrigens auch eine jener “toughen” Business Managerinnen, die sich in der Nerd-Kultur definitiv erfolgreich bewegen, ohne selbst Über-Nerd zu sein. Sie war um 2006 meine “Abteilungsleiterin” (Vice President of Global Online Sales & Operations) und hat sich damals immer schon als feministisches Beispiel präsentiert. So nach dem Motto: Ihr könnt’s doch alle schaffen. Da gab’s lustige Situationen, wenn man von diesen Ivy-League-Kollegen auf seinen “Background” angesprochen wurde: “Du warst doch sicher auch im Montessori Kindergarten, oder?” Erst kurzes Schweigen, dann Ich: “Nee, ich war in einem kommunistischen Kindergarten.” Dann ganz langes allseitiges Schweigen. In Kurz: Background und Begleitumstände (Geld) spielt eine große Rolle und wird in solchen Beispielsituationen regelmäßig vernachlässigt und von den Beteiligten selbst ausgeblendet. In der amerikanischen Kultur auch verständlich, denn jeder kann vom Tellerwäscher zum Millionär werden (natürlich nicht).

  5. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass in den USA fast alle Frauen nach ca. 3-6 Monaten an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Egal ob als Angestellte oder Manager gerade im IT-Bereich und nicht in Teilzeit, wie hier üblich. Aber es ist einfacher Betreuungsplätze bzw. Nannys zu finden und auch bezahlen zu können.

    Ich bewundere Frauen wie Marissa Mayer, die sich der doppelten Herausforderung stellen, ein Unternehmen umzukrempeln und auf Kurs zu bringen und gleichzeitig eine Familie gründen. Dazu gehört viel Energie und Organisation. Würde nicht sagen, dass sie das zu einem Mann macht. In Deutschland spaltet sich das Rollenclique: entweder Karrierefrau und Hausfrau. In wenigen Fällen gibt es eine gelungene Kombination. Schade! Als Bewerbungstrainerin sehe ich es als Bereicherung, neben den Kindern zu arbeiten. Das tut der Entwicklung und Selbstständigkeit des Nachwuches gut und läßt das Potenzial der Mutter nicht brachliegen.

  6. Vor allem hat Yahoo unwahrscheinlich viel Aufmerksamkeit bekommen. Diese Medienpräsenz wäre als Werbekampagne für Yahoo vermutlich kaum finanziell zu stemmen gewesen ;-).

    Übrigens Ines Imdahl schreibt heute im Handelsblatt: “Deshalb wünsche ich mir alsbald die folgende Schlagzeile: Werdender Vater übernimmt Vorstandsvorsitz einer deutschen Bank!”

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