Bologna-Bashing: Wie wichtig ist das Auslandssemester im Studium wirklich? Expertengespräch mit Dr. Eva Reichmann

Letzte Woche war in diesem Blog von zu bunten Bachelor-Cocktails die Rede. Heute habe ich die Bildungsexpertin Eva Reichmann zum Gespräch über das Thema Auslandssemester im Bachelor gebeten. Im Mittelpunkt steht einer der Hauptkritikpunkte der Bologna-Kritiker: Die Tatsache, dass weniger Studierende ins Ausland gehen als es die Zielmarken der Experten vorsahen.

Ist das wirklich  so schlimm?, Frau Reichmann?

Ein Studienaufenthalt im Ausland würde durch das neue System verhindert, heißt es. Dieser Mangel wird als erstes und am lautesten angeprangert. Tatsache ist, dass noch nie so viele Studierende deutscher Hochschulen ein Semester im Ausland absolviert haben, wie heute. Von einer Verhinderung kann also keine Rede sein – die Zahl der Studierenden mit Auslandssemester ist seit Einführung der Studienreform kontinuierlich gestiegen. Allerdings hatten eifrige Bildungsexperten von vorneherein eine noch höhere Zahl erwartet – die eben (noch) nicht erreicht wurde. Das erinnert ein wenig an Olympia: da wird auf guten Athleten herumgehackt, nur weil die angepeilte (und völlig unrealistische) Gesamtmedaillenzahl von über 80 Medaillen nicht erreicht worden ist. Jeder Projektmanager lernt in der Ausbildung, Ziele so zu formulieren, dass sie auch realistisch, das heißt, mit den zur Verfügung stehenden Mitteln und innerhalb der gegebenen Rahmenbedingungen, erreichbar sind. Im Falle der Zahl der Studierenden, die ins Ausland gehen wollen, hat man wohl genau an dieser Stelle gepatzt: die Zahl der Studierenden, die ins Ausland gehen sollen, ist zu hoch angesetzt.

Was ist denn die Ursache, dass viele dann doch zu Hause bleiben?
Das wesentliche Problem ist, dass sich ein Student gar nicht so ohne weiteres an einer anderen Universität im Ausland eingliedern kann. Wir Deutschen haben besonders rigide Vorschriften, halten unsere Inhalte für das einzig Wahre. Wenn Aufbau, Inhalt und Methoden eines ausländischen Studiengangs nicht exakt den Vorgaben der Heimathochschule entsprechen, werden Studienleistungen nicht anerkannt – egal, ob sie an einer Eliteuniversität oder anderswo erworben wurden. Und oft ist es eine rein mathematische Angelegenheit: wenn in Deutschland 30 Arbeitsstunden für 1 Leistungspunkt festgelegt wurden, hat der gleiche Studiengang mit nur 28 Stunden für 1 Leistungspunkt eben keine Chance auf Anrechnung.
Dabei ist es offensichtlich, dass wir nicht die besten Absolventen produzieren. Es fehlt an Kompatibilität von Studienleistungen im In- und Ausland, Studienleistungen im Ausland sind kaum vergleichbar und werden selten angerechnet.

Was sagen denn die Studenten selbst, warum sie nicht ins Ausland gehen?
Reichmann: Ein Auslandssemester bedeutet, Gewohntes aufzugeben, Freunde und Familie zu verlassen, Unsicherheit in Kauf zu nehmen. Vielleicht wollen viele Studierende das nicht – zumindest nicht im Bachelor. Vielleicht nicht innerhalb der ersten drei Semester, wo man sich selbst erst an eine neue Situation (Studium) gewöhnen muss. Vielleicht nicht in den späteren Semestern, wo man soziale Kontakte aufgebaut hat, usw. Wenn Leistungen nicht vergleichbar sind, überschreitet jede/r Studierende mit einem Auslandssemester die Regelstudienzeit – jammern die Bologna-Kritiker.
Es gibt keine zuverlässigen Zahlen darüber, wie viele Studierende für sich selbst ein Auslandssemester wünschen oder es zumindest für wichtig oder erstrebenswert halten. Es gibt nur Zahlen, die sich Bildungsexperten ausgedacht haben…

Kann es nicht auch so sein: Auslandssemester bringt Lebenserfahrung, nicht Studienleistung? Könnte man nicht auch so mehr Studenten für den Gang ins Ausland gewinnen?
Reichmann: Ein Auslandssemester dient nur in geringem Maß dem Erwerb von Studienleistungen. Schaut man sich an, wo die meisten Erasmus-Studierenden ihr Auslandssemester verbringen, fällt auf, dass Universitäten in Spanien oder Italien Spitzenreiter sind. Studierende wollen in die Sonne, ans Meer, in eine attraktive Stadt – kurz, sie wollen in einem eher urlaubsmäßigen Ambiente den einen oder anderen Leistungspunkt erwerben. Das ist meines Erachtens völlig legitim – denn für eine spätere berufliche Tätigkeit ist es eher wichtig, durch Leben im Ausland interkulturelle Kompetenz zu erwerben, als 30 Leistungspunkte für ein x-beliebiges Fach. In den allerwenigsten Fällen wird eine Hochschule für ein Auslandssemester nach der Anrechungsfähigkeit an der eigenen deutschen Hochschule ausgesucht.

Auslandssemester kosten auch Geld – auch das höre ich oft. Und das Geld hat nicht jeder
Reichmann: Allein die Organisationsarbeit im Vorfeld – egal, ob man über ein Programm wie Erasmus oder selbstorganisiert an ein Semester an einer ausländischen Hochschule studieren möchte – ist enorm. Die Aufnahme- und oft auch Auswahlverfahren sind kompliziert und zeitaufwändig, viele Unterlagen und Papiere (manche kostenpflichtig) müssen besorgt werden usw. Wer in einem WG-Zimmer oder gar einer eigenen Wohnung wohnt, muss einen Nach- oder Zwischenmieter organisieren – oder die Wohnung kündigen und bei Rückkehr eine neue suchen. Im Ausland wird eine Wohnmöglichkeit benötigt, oft braucht man Bustickets usw., die im Ausland nicht immer als Semesterticket erhältlich sind, und so fort. Auch das schreckt viele Studierende mit Sicherheit von einem Auslandssemester ab.
Und dann noch die deutsche Bürokratie bei der Rückkehr … Und da wundern sich die Experten! Leichter ist, das Studiensystem und mangelnde Vergleichbarkeit verantwortlich zu machen für eine Entscheidung dafür, in Deutschland zu bleiben – als offen zuzugeben „Ich habe keine Lust auf die organisatorische Arbeit“.

Wer muss was ändern – das Ausland?
Diese Frage sollte meines Erachtens für die „Bildungsexperten“ an erster Stelle stehen – denn sie ist die unangenehmste. Vertreter deutscher Hochschulen neigen dazu, ihr eigenes System zum Maß aller Dinge zu machen. Kein Hochschullehrer in Deutschland hätte Probleme mit Bologna – würden sich alle ausländischen Hochschulen brav an deutsche Modulpläne halten. Halt – hier muss man eine wichtige Einschränkung machen: nicht an deutsche Modulpläne – denn die gibt es in der Form nicht – sondern an den Modulplan der eigenen Hochschule … Mittlerweile ist es in vielen Fächern nämlich leichter, ein Semester im Ausland zu absolvieren, als zwischen den Semestern innerhalb von Deutschland die Hochschule zu wechseln. Denn jede Hochschule kocht ihr eigenes, ganz individuelles, nicht vergleichbares Süppchen … und darin liegt das eigentliche Problem: es herrscht keine Vergleichbarkeit innerhalb von Deutschland bei Studiengängen gleichen Namens. Das sind die wahren Probleme, die im derzeitigen Sommerloch-Trend des Bologna-Bashings, vollkommen unter den Tisch gekehrt werden.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Ein Kommentar zu “Bologna-Bashing: Wie wichtig ist das Auslandssemester im Studium wirklich? Expertengespräch mit Dr. Eva Reichmann

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