Der kommt sowieso nicht in Frage! Wenn Bewerber aus kulturellen Gründen aussortiert werden

„Die Unternehmenskultur ist wie ein Eisberg – das Wichtigste an ihr ist unsichtbar und unbeherrschbar.“ (Edgar Schein, Erfinder des Karriereankers).

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Diese Woche sprach ich einen personalverantwortlichen Manager. „Wir merken den Fachkräftemangel, unglaublich, selbst im Marketing. Es gibt immer weniger vernünftige Bewerber. Naja, die die sowieso nicht in Frage kommen, rechne ich jetzt mal raus. Sie wissen schon, welche ich meine.“

Ich wusste, welche er meint. Doch wissen Bewerber auch, dass sie ein No Go sind und zu denen gehören, die sowieso nicht in Frage kommen? Nicht aufgrund der Qualifikation, sondern aufgrund von Gründen, über die keiner offen spricht.

Viele Unternehmen haben personelle Monokulturen gebildet: alle sind ähnliche Typen, bewegen sich in ähnlichen Kreisen, sind ähnlich sozialisiert. Das liegt daran, dass es neben der ausgeschriebenen Stellenanzeige eine Art informellen Einstellungskodex gibt. Den Offenzulegen wäre ein Tabubruch und zudem gegen das Allgemeine Gleichstellungsgesetz.

  • „Wer hier arbeitet, sieht gut aus und ist gut gekleidet.“
  • „Jemand aus einfachen Verhältnissen passt hier nicht rein.“ (und umgekehrt „jemand mit Doktortitel geht gar nicht“)
  • „Bei uns arbeiten Leute, die das Arbeiten gewöhnt sind und sich aufopfern.“
  • „Wir haben Hands-On-Personal, keine Labertypen von der Uni.“
  • „Unsere Kunden sind Akademiker, die wollen mit Deutschen sprechen. Ein Mohammed geht da nicht.“

Solche allem anderen übergeordnete Einstellungen sind eine Falle für Bewerber, die ein Unternehmen nicht kennen. Sie glauben, sie würden aufgrund der Qualifikation aussortiert. Doch das ist gar nicht der Fall.

Auf übergeordneten Einstellungen gedeihen Vorstellungen, die jemand als NoGo klassifizieren. Graue lange Zottelhaare, Halbglatze und die „TAZ“ im Blick – stellen Sie sich so jemand im Real Estate-Bereich vor. So ein „Aussehen“ billigt man allenfalls einem Lehrer zu.

Aber es ist nicht nur Optik, die Vorstellungen erzeugt, die von den personellen Monokulturen abgelehnt werden. Auch die Art in Kontakt zu treten, kann einen zum NoGo machen, weil man eine Grenze überschreitet, die vielleicht aber nur hier gilt. Ich erinnere mich an einen  jungen Mann, der in der Kantine auf seinen Wunsch-Chef zuging und einen Elevator Pitch vom Stapel ließ. Das geschah in einer konservativen Kultur, in der diese Vorgehensweise als unpassend rüberkam. Woanders wäre es cool gewesen.

Es gibt auch einen Typ Mensch, der überall ein NoGo ist. Jeder weiß, warum, aber beschreiben kann man es nicht. Es ist das schwarze-Schaf-Phänomen. Manch einer kommt zufällig in diese Rolle, manchmal immer wieder. Bisweilen ist die Ursache eine vollkommen fehlende Selbsteinschätzung bei dieser Person oder ein Verhaltensmuster.

Es gibt auch NoGos, die sich aus der Zugehörigkeit  zu Subkulturen ergeben. Stellen sich mal vor, jemand ist seit 10 Jahren ehrenamtlich im Andrea-Berg-Fanclub engagiert und bewirbt sich mit Hinweis darauf auf eine Stelle in einem Think Tank. Ja… Ich denke, Sie wissen, was ich meine.

Die Grenzen von Go zu NoGo sind fließend, man sieht sie nicht. Man kann sie aber fühlen, sie sind überall etwas anders: regional, branchenspezifisch, abteilungsspezifisch, aufgabenspezifisch, unternehmensspezifisch. Und dann unterliegen sie mit Sicherheit auch Trends. Nicht zu jeder Zeit ist alles No oder Go.

Ich erinnere mich an ein Vorstellungsgespräch bei einem weltweiten Computerkonzern, es muss 15 Jahre her sein. Der Personaler, ein Psychologe, fragte mich, für was ich mich privat engagiere. Tatsächlich war ich damals zeitweise Mitglied in einem grünen Verband, was ich auch sagte. Nach dem Gespräch hauchte er mir kaum hörbar in den Nacken „Gutmenschen brauchen wir hier nicht.“ Er wollte, dass ich es höre, aber er wollte es nur genau so laut sagen, dass ich Zweifel haben müsste, ob ich richtig gehört hätte. Ich war damals noch nicht abgeklärt genug, um mich umzudrehen und ihm einen Spruch um die Ohren zu hauen.

Hier war ich ein No-Go, weil das Unternehmen niemand wollte, der über den Tellerrand denkt. Dies Verhalten war very Nienties: Keine Interessen jenseits der Karriere, bloß nicht sozial oder sowas sein.

Die zunehmende Knappheit der Ressource Fachkraft könnte die in diesem Beitrag beschriebenen personellen Monokulturen mit ihren Grenzen aufweichen – das kann nur gesund sein.

PS: Wenn Sie jetzt fragen, was kann ich dagegen tun? Nichts! Entweder Sie passen oder nicht. Deshalb ist das beste, was man tun kann, bei sich selbst zu bleiben.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

3 Kommentare zu “Der kommt sowieso nicht in Frage! Wenn Bewerber aus kulturellen Gründen aussortiert werden

  1. Liebe Frau Hofert, genau deshalb rate ich meinen Bwwerbern immer, beim Vorstellungsgespräch auch darauf zu achten, ob aus ihrer Sicht die Chemie stimmt und sie ein gutes Bauchgefühl dort im Unternehmen haben. Seriöse und gute Personalberater (die zwar im Auftrag des Unternehmens tätig sind, sich aber oft doch auf der Seite der Bewerber befinden) sprechen das von Ihnen beschriebene Phänomen offen an und geben nicht nur ein Feedback zur Qualifikation sondern auch dazu, ob die Bewerber von ihrer Persönlichkeit ins Unternehmen bzw. ins Team passen.
    Herzliche Grüße
    Claudia Hümpel

    • ja, das ist die Chance der Personalberater. Ich sage Bewerbern auch immer, dass Sie mit Beratern, wenn es keine großenn Organisationen sind (viele Youngster, wenig Ahnung, hohe Fluktuation), gut und offen reden kann. Manche Headhunter sind auch vom Auftraggeber nicht richtig gebrieft. Und dann haben sie die Michael Pages dieser Welt, die komische Gespräche führen, aber nicht wirklich beraten können. LG Svenja Hofert

  2. Sehr geehrte Frau Hofert,
    es ist sehr interessant, dass Sie die sog. personellen Monokulturen ansprechen. Nachdem ich mein Studium beendet hatte, um mich dann bei den verschiedensten Unternehmen (vom kleinen Mittelständler bis zum Konzern) zu bewerben, hatte ich genau den Eindurck, den sie hier beschreiben. Ich ging selbstbewusst in die ersten Gespräche und plauderte entgegen jedem Fachbuch für Vorstellungsgespräche selbstbewusst drauf los. Die ersten Absagen hatten mich zunächst sehr verunsichert. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich es mir bei der Jobfindung mit Sicherheit hätte einfacher machen können. ABER: Wollte oder will ich das? Muss ein Unternehmen nicht auch zu meinem Charakter passen? Das muss Jeder für sich selbst entscheiden.

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