Von ungesunden Studiencocktails und anderen Bachelor-Sünden

Die „Kulturraumstudien“ der Universität Passau, inzwischen zum dritten Mal anders benannt, sind mir immer wieder begegnet und leider trotz des Eigenlobs der Uni und begeisterter Studierender in den Lebensläufen nicht besonders positiv aufgefallen.

Es war in den meisten Fällen schwer, diesen Studiengang den Arbeitgebern zu vermitteln. Er ist nämlich wie viele der neuen Bachelor-Mixe: Nichts Halbes und nichts Ganzes. Arbeitgeber verstehen nicht, was man da lernt. Die Bezeichnungen verwirren. Kultur: Welche denn? Und die Zielgruppe, die immer gern für solche Studiengänge angegeben wird, schrumpft  und wird zunehmend zur Digitalwirtschaft: die Verlage. Bleiben die Stiftungen, deren personelle Situation auch nicht allzu rosig aussieht.

Nicht oder nur bedingt für den Arbeitsmarkt brauchbare Studiengänge sind ein Problem der Bologna-Reform, das besser im Fokus stünde als das derzeitige, völlig überflüssige Gerede über nicht erreichte Ziele bei den Auslandssemestern. Diese sind am Ende Ziele von theoretisch arbeitenden Bildungsexperten, die die Praxis nur aus der Ferne kennen. Wirklich relevant ist etwas anderes.

Bachelor muss Fundament sein und nicht Hausdach

Jeder Praktiker, den ich bisher gesprochen habe, sagt: Immer neue und immer speziellere Studiengänge im Bachelor zu schaffen, das ist doch verrückt! Ein Bachelor sollte eine Basis legen, auf der später mit Spezialisierung aufgebaut werden kann. Das ist sein Sinn, nur dann schöpft der modulare Aufbau die Vorteile aus, die er wirklich bringen könnte!

Stattdessen sehe ich mittlerweile Fächer, die nicht nur zwei Studiengänge kombinieren, was noch halbwegs nachvollziehbar und zum Beispiel bei Germanistik und Wirtschaftswissenschaften sogar richtig sinnvoll wäre, sondern drei und sogar vier! Jeder didaktisch erfahrene Mensch schlägt beim Gedanken die Hände über den Kopf zusammen: Man lernt doch erst das Allgemeine und dann das Spezielle – und nicht umgekehrt. Warum der Mix immer vielfältiger wird? Die bunten Studiencocktails sind Ergebnis unflexibler Universitäten mit professoralen Pfründen, die einfach verschiedene Kurse neu zusammenstellen und der Zusammenstellung einen neuen Namen geben.

20 Gewürze für 80 Gerichte

Seit Tagen geistert sie wieder durch die Medien – die Debatte, man möge doch die Studienreform rückgängig machen und das neue System der Leistungspunkte wieder abschaffen. Kritik äußern längst nicht mehr nur Bologna-Kritiker, sondern auch deren Befürworter. „Es gibt viele wirklich nicht sinnvolle Module. Stellen Sie sich vor, Sie haben 20  Gewürze. Daraus machen Sie 80 fantasievolle Gerichte – so geht das an den Unis“, sagt die Bildungsexpertin Dr. Eva Reichmann, die in Bielefeld an der Umstellung auf das Bologna-System mitgewirkt hat. Auch sie ist der Ansicht, dass ein Bachelor ein Fundament legen sollte – und das ist bekanntlich breit und nicht schmal(spurig).

Sinnfreie Studiengänge

Reichmann bringt es auf den Punkt: „In einem Land, in dem von kreativen Hochschulen viele sinnfreie Studiengänge entwickelt werden, die keinerlei Anschluss für den Arbeitsmarkt bieten (was dann in Hochschuldeutsch heißt „Dieser Studiengang qualifiziert für ein breites Spektrum“) gibt es andere Probleme, als ein ETCS*-System das wenig auslandskompatibel ist.“

Eltern und junge Menschen, die sich beruflich orientieren, stehen vor der schweren Aufgabe, die Spreu vom Weizen zu trennen. Studiengänge, die angeblich für ein breites Spektrum qualifizieren, gibt es zuhauf – und noch mehr Absolventen, die erst mit dem Abschluss in der Tasche merken, dass dieser nichts wert ist.

Für Sie sind diese Tipps:

  • Erst Grundlagen lernen, dann speziell werden. Alle stark spezialisierten Bachelorprogramme, z.B. Archäologie und Kulturgeschichte Nordostafrikas anstatt Archäologie oder berufsorientierte Linguistik im interkulturellen Kontext taugen am Arbeitsmarkt nichts bis wenig. Bestenfalls kommen sie wie „Packaging Technology“ einer Handvoll Arbeitgeber entgegen, die das Bachelor-Wissen 3-5 Jahre nutzen. Sie legen aber keine solide Basis für später.
  • Zu große Breite meiden: Es gibt Ein- und Zweifachbachelor – soweit so gut. Aber wenn sich im Bachelor ein Studiengang inhaltlich aus Versatzstücken von drei oder noch mehr Fächern zusammensetzt: Finger weg. Diese Basis ist so breit, dass sie zerfließt wie eine Suppe.
  • Namen sind Schall und Rauch: Schauen Sie sich die Inhalte an. Was wird gelehrt?
  • Fragen Sie vor dem Einschreiben ehemalige Studenten nach ihren Erfahrungen!
  • Vorsicht vor allen Studiengängen, die umbenannt wurden. Das hat immer seinen Grund, z.B. in mangelnder Akzeptanz.
  • Akkreditierungen sind schön und gut, aber sagen über den Erfolg eines Studiengangs am Arbeitsmarkt nichts aus.
  • Neue Studiengänge grundsätzlich kritisch betrachten. Denn: Sie haben sich noch nicht bewährt. Überlegen Sie sich gut, ob Sie Versuchskaninchen sein möchten.
  • Unbedingt auf Kombinierbarkeit der Studiengänge achten. Wenn sich der EINE Bachelor nur mit dem EINEN Master vereinbaren lässt, ist er eine schlechte Wahl.
  • Ziele klären: Wenn Sie später z.B. in einem Museum arbeiten möchten, müssen Sie promovieren. Das heißt auch: Master muss sein – und dafür braucht man entsprechende Noten. Gut, das vorher zu wissen.

Lesen Sie Montag mehr über das Thema Bologna in einem Interview mit der Karriereexpertin Eva Reichmann.



* ECTS = European Credit Transfer and Accumulation System, also das System für Leistungspunkte.


 

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

5 Kommentare zu “Von ungesunden Studiencocktails und anderen Bachelor-Sünden

  1. Dem kann ich so nicht zustimmen.
    1. Ich kenne einige, die Kulturraumstudien in Passau studiert haben. Ich habe sie als exterm leistungsbereit, mobil und flexibel (auch was die Einarbeitung in neue Themenfelder angeht) erlebt, die sich der Breite des Studiengangs sehr bewusst waren und daher zielstrebig Praktika absolviert haben. Sie arbeiten jetzt bei der GIZ, dem Auswärtigen Amt, als Länderexperten für Rückversicheurngen, als Pressesprecher, Assistenz der Geschäftsleitung, bei diversen Automobilunternehmen, Siemens, Google, Tourismusunternehmen, Unternehmensberatungen und sogar als Vorstandsassistenz bei Allianz, etc. .
    Wenn es nun mal Menschen gibt, die sich für vieles interessieren und aus diesem Grund dieses Studium wählen, haben sie immer noch die Möglichkeit sich dann zu spezialisieren.

    2. Wo liegt der Unterschied der neuen Studiengänge im Vergleich zu den alten Magistern mit drei Fächerkombinationen?

    • Es gibt beide Seiten. Und wie bei allen nicht-berufsqualifizierenden Fächern zählt letztendlich die Zielstrebigkeit, mit der sich die Studenten Berufserfahrung be- und verschaffen. Bei denen, die da nicht ganz so fit waren, ist ein nicht zu fassender Studiengang schwierig. Wir sehen das hier schon über einen längeren Zeitraum, das fällt auf. Es ist insofern ein Unterschied zum Magister, als dieser dem Master gleichzusetzen ist. Und das Magister kannte auch keine Bezeichnungen, die niemand interpretieren konnte. Germanistik Hauptfach, Philosphie und Psychologie Nebenfach versteht jeder.
      In der Regel wurden 2 Hauptfächer oder 1 Hauptfach und 2 Nebenfächer studiert. LG Svenja Hofert

  2. Pingback: Kunterbunte Blogger-Welt: Make-up, DFB-Pokal & Kirschen | Jeden Tag ein Tipp

  3. Sehr geehrte Frau Hofert,
    ganz offensichtlich haben Sie die Zielsetzung der Kulturraumstudien (besser: International Cultural and Business Studies) nicht so recht verstanden:

    Zunächst einmal übersehen sie den Faktor, dass ein Großteil des Studiums aus Betriebswissenschaften basiert – dementsprechend sind die Studierenden im Nachhinein auch qualifiziert, in den Controlling-, Personal- und allen anderen Unternehmensbereichen zu arbeiten. Dies ist auch in der Realität erkennbar – so kenne ich persönlich zahlreiche Absolventen und Absolventinnen, die in solchen Abteilungen z.B. bei BMW, Unilever oder Audi untergekommen sind.

    Ihre Einschränkung auf Verlage und Stiftungen ist insofern realitätsfern und ließe sich auch – hätten Sie denn mal einen kurzen Blick in die Infoschrift zum Studiengang geworfen – schnell von der Zielsetzung her widerlegen. Diesbezüglich ist hier eher ein Mangel an Information festzustellen, der für guten Journalismus und Beratung nun einmal notwendig ist.

    Ferner warnen sie in Ihren Tipps vor mangelnder Akzeptanz aufgrund von Namensänderungen: Zunächst kann ich keine Umbenennung des Studienganges Kulturwirtschaft erkennen (siehe uni-passau.de), eher ließe sich hier wohl das Problem des Überfliegens feststellen: So lesen viele Arbeitgeber statt Kulturwirtschaft KulturwiSSENschaft – ein Grund, lieber die englische Studiengangsbezeichnung zu verwenden.

    Außerdem verfolgt das Bachelorprogramm die von Ihnen geforderte Entwicklung vom Allgemeinen ins Spezielle – anfangs werden die Grundlagen (z.B. Allgemeine BWL, Rechnungswesen, Einführung in die Kulturwissenschaft etc.) gelegt, die später mit Wahlmodulen (z.B. Strategisches Management, Marketing, verschiedenste Seminare in den einzelnen Kulturräumen) ergänzt werden.

    Letzten Endes gehen die Studierenden daraus mit einem breiten wirtschaftswissenschaftlichen Fundament, länderspezifischen und interkulturellen Vermittlungs- und Kommunikationsfähigkeiten hervor, kombiniert mit exzellenten Sprachkenntnissen und einer sowohl mentalen als auch physischen Flexibilität. Was Sie hieran kritisieren, lässt sich schwerlich nachvollziehen.

    Aber vielleicht ist es auch so, dass diejenigen, die eine Beratung überhaupt notwendig haben, schwerer zu vermitteln sind – anders kann ich mir jedenfalls diese Problematik nicht erklären.

    In einem Punkt gebe ich Ihnen übrigens gerne recht: Der Studiengang muss vermittelt werden – sobald aber einmal erklärt ist, welche Kompetenzen erworben wurden, sind die meisten Arbeitgeber (sowohl aus der persönlichen Erfahrung wie auch aus der Erzählung zahlreicher Kommilitonen und Kommilitoninnen) sehr angetan.

    Der späte Kommentar erfolgt aus einer überaus späten Verlinkung auf einer anderen Karriereseite – aber solch ungerechtfertigte Behauptungen einfach so stehen zu lassen, behagt mir leider nicht.

    • Hallo, ich glaube, Sie haben den Kern meiner Argumentation nicht gelesen. Es geht gar nicht um Inhalte, sondern um die Schwierigkeit, Menschen mit diesem Abschluss in Jobs zu bekommen, die außerhalb eines sehr speziellen Segments liegen.
      Wir hatten hier im Laufe der letzten 12 Jahre mehrere Dutzende Absolventen mit diesem Abschluss. Die meisten hatten erhebliche Schwierigkeiten, und zwar deutlich mehr Schwierigkeiten als z.B. mit nur „BWL“ (was in den letzten Jahren nun auch kein Spaziergang mehr ist). Die die anfangs keine hatten und z.B. nach 5,6 Jahren im Beruf eine Beratung bei uns aufsuchten, waren gut etablierten, wurden aber immer wieder mit Misstrauen in Bezug auf das Studium konforntiert, sofern das nicht bekannt war (und das ist es selten).
      Kurzum: Meine Argumentation ist keine inhaltliche, sondern eine auf Erfahrung beruhende. Mir ist durchaus klar, was da studiert wird und noch viel mehr, dass es eine sinnvolle Kombination wäre und praktisch viel gelernt wurde… würde sie jemand verstehen. Um nichts anderes geht es: Der Abschluss wird draußen nicht verstanden, so wie viele andere auch, die inhaltlich wirklich gut sind – doch was nutzt es, wenn das keiner weiß?
      Das Problem ist die Diversifizierung von Fächern. Um diese zu verstehen bräuchten Personaler laufend Schulungen und müssten sich von Spezialisten beraten lassen. Das macht keiner. LG Svenja Hofert

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*

Artikel zu ähnlichen Themen: