“In der Arbeitswelt der Zukunft muss jeder an die Entwicklung seiner Marke denken“ – Interview mit Jürgen Salenbacher

Jürgen Salenbacher

In unserer sich rasant verändernden Arbeitswelt macht es keinen Sinn mehr in Titeln, Funktionen und der Kategorie der Karriereleiter zu denken. Erfolgreich ist der, der einerseits versteht, kreativ zu handeln und andererseits, sich bewusst zu profilieren. “Creative Personal Branding” nennt das Jürgen Salenbacher. Der Mann ist Vertreter der Generation X, von Haus aus Designer und hat einen MBA an der EADA Business School in Barcelona gemacht – laut Financial Times Ranking eine der vier besten spanischen Business Schools. Seit dem Abschluss vor sechs Jahren unterrichtet er seine Methode, gibt Workshops und coacht. Mich sprach er aufgrund eines Spiegel-Online-Artikels an – dieselbe Wellenlänge. In den folgenden Wochen verschlang ich sein Buch auf meinem Ipad und freute mich: es ist wirklich gut. Keines dieser platten Karriereratgeber, die einem Regeln des letzten Jahrhunderts als Wahrheit von heute verkaufen.

In Ihrem Buch veröffentlichen Sie eine Schätzung, nach der im Jahr 2030 fast 50 Prozent aller Menschen selbstständig arbeiten werden. Ist es durchgeknallt, das zu glauben? Immerhin haben wir hierzulande eine Zunahme freiberuflicher Tätigkeiten um „nur“ 4,6% pro Jahr, Ausgangsbasis sind indes etwa 1,21 Millionen Selbstständige in Deutschland (im Vergleich zu 34,1 Millionen Angestellten, Arbeitern und Beamten). Da müsste noch ein ganz schöner Sprung kommen.*

Salenbacher: Der Arbeitsmarkt verändert sich. Es gibt immer mehr Projektarbeit, die auch mit Zeitvertrag erledigt werden kann. Festanstellungen haben eine immer kürzere Dauer. Schauen Sie sich an, was um uns herum passiert. In Deutschland, hier in Spanien und im Rest von Europa! Ein Freund von mir hat gleich drei Mal hintereinander innerhalb nur eines Jahres seinen Job verloren. Wir haben uns fast an diesen Wechsel gewöhnt. Wir wissen längst, den einen Job gibt es nicht. Wir arbeiten frei und wieder fest, wieder frei, wieder fest. Idealerweise entwickeln wir dabei unser Profil. Wir genießen vielleicht auch Pausen zwischen zwei Anstellungen. In diesen studieren wir noch einmal. Doch der demografische Wandel wird dafür sorgen, dass die Pausen nicht lange dauern, denn gute Mitarbeiter werden gebraucht werden.

Aber es sind nicht die Fachkräfte und Manager, die die Bundesagentur für Arbeit hier in Deutschland auserkoren hat: Ingenieure und Altenpfleger. Ihr Personal Branding geht ganz anders an das Thema. Erfolg hat, wer verschiedenes in sich vereinigt.
Salenbacher: Sehen Sie, es gab eine Zeit, in der ein Ingenieur in einem großen Konzern eine große Karriere hinlegen konnte, vor allem wenn er dann seinen MBA machte. Der Gedanke: Erst was vom Fach verstehen, dann lernen, wie man zahlengetrieben handelt. Was hier fehlt, ist Kreativität, die Innovation ermöglicht. Auch Werte wurden lange fast gar nicht gelehrt; das hat sich mittlerweile gottseidank geändert. Denn es ist doch logisch: Wenn der Sinn der Arbeit keine Versorgung und Sicherheit mehr ist, muss es einen anderen geben. Da kann es nicht mehr nur um betriebswirtschaftliche Optimierung gehen. Ich sehe deshalb immer mehr MBAs, die eine ganz traditionelle Karriere hinter sich haben und plötzlich umgekehrte Wege gehen und sich Kreativität erschließen wollen, die sogar Design studieren – nach BWL.

Sie sagen, jeder Berufstätige, ob selbstständig oder angestellt, müsse sich branden, nach Ihrem Creative Personal Branding (CPB). Sie definieren dazu die Kategorien substance, style, conviction und grace. Ich übersetze jetzt Grace einfach mit „Toleranz“.

Ja, die Analyse startet an dem Punkt, an dem ich mich frage: Was kann ich besser als andere? Wo bin ich überdurchschnittlich? Das gilt es weiterzuentwickeln. Das müssen nicht nur Fachkenntnisse sein. Es kann Branchenwissen sein, eine ungewöhnliche persönliche Kompetenz, ein Geschick oder Talent.

Ich erlebe viele Menschen, die dazu sagen: Ich bin nirgendwo überdurchschnittlich. Meist stimmt das nicht, wenn man tiefer gräbt, findet man etwas … aber manchmal schon.

Ja, aber Sie können ja auch zu jedem Zeitpunkt beginnen, sich überdurchschnittliche Kenntnisse zu erwerben. Man sollte nur da anfangen, wo es einem leicht fällt. Und man muss sich irgendwann mal entscheiden. Die Zukunft gehört definitiv nicht jenen, die von allen ein bisschen verstehen, sondern denen, die zudem auch spezifisches und tiefgreifendes Know-how haben.

Es gibt Leistungssportler, die sind eigentlich von Haus aus faul und bewegen sich nur, weil sie geliebt werden wollen. Das ist keine intrinsische Motivation. Diese Menschenn strengen sich permanent an. Ich finde, man muss da anfangen, wo es einem leicht fällt.
Wenn jemand aber nun sein Feld gefunden hat, empfehlen Sie nicht, einfach alles auf eine Karte zu setzen, sondern Sie harmonisieren gut mit meinem agilen SlowGrow-Gedanken: Sie raten, sich einen Testmarkt zu suchen. 

Genau. Wenn ich weiß, was ich gerne tun möchte und wo ich meine Substanz einbringen kann, ist die nächste Frage, wie ich dies ohne Millioneninvestitionen ausprobieren kann. Bin ich der Meinung, der E-Commerce in der Südsahara könnte durch die Verkauf von energieeffizienten Klimaanlagen angekurbelt werden, sollte ich mir überlegen, womit und wodurch ich den Beweis erbringen kann.

Letzte Woche schrieb ich über Daniel Düsentrieb als Role Model. Ist er das wirklich?
Die pure Kreativität genügt natürlich auch nicht, es geht vielmehr um die effziente Kombination aus Kreativität und klarem wirtschaftlichem Mehrwert. In der Welt, in der wir leben werden, wird sich jeder selbst steuern müssen und dazu gehört auch das Denken an die eigene Vermarktung und die Weiterentwicklung der klar definierten eigenen Produkte und Services. Design spielt dabei eine große Rolle, vor allem authentisches Design. Die Personenmarke, und mehr und mehr wird jeder Mensch eine Marke werden, muss aussehen, wie sie ist und viel wichtiger; halten, was sie verspricht!.

Ganz praktisch: Was tue ich denn nun, um mich persönlich zu branden?

Ich habe in meinem Konzept vier Schritte entwickelt: Reflect  bedeutet, dass ich mir überlege, was ich kann, wo ich Substanz schon besitze oder entwickeln möchte. Reframe heißt, dass ich das Ganze in einen neuen Rahmen stelle. Wo passt das hin, woran habe ich bisher nicht gedacht und wie kann ich es entwickeln? Der nächste Schritt heißt Create, hier geht es um den Entwurf und Positionierung der Marke, basierend auf der eigenen berufliche Kompetenz, der persönlichen Haltung und Werte als auch die soziale Kompetenz, da diese Freiberufler, Entrepreneurs und Jungunternehmer auch untereinander sehr stark kollaborieren werden. Da hilft es einfach gut zu verstehen wie der Andere wirklich helfen kann. Es folgen Grow, Differentiate und Go. Alle Kapitel sind mit vielen Fragen angereichert, die helfen, individuelle Lösungen zu finden.

Mir gefällt sehr gut, dass es Ihnen gelingt, das übergeordnete System und Zusammenhänge zu verdeutlichen und zugleich praktische Anregungen geben können. Auch ist das Buch sehr schön gestaltet: klar und reduziert, wie es auch Ihre Worte sind. Für mich sind Sie auch ein weiteres Beispiel, dass man als Autor einen Verlag nicht unbedingt braucht. Viel Erfolg damit!

*ich werd das noch mal nachrechnen, wie lange es mit diesen Zahlen dauern würde, aber falls ein IQ130+ unter uns ist oder jemand, der die Zahl aus der Hand schütteln kann: wäre nett 😉

 

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

4 Kommentare zu ““In der Arbeitswelt der Zukunft muss jeder an die Entwicklung seiner Marke denken“ – Interview mit Jürgen Salenbacher

  1. So ähnlich schrieb schon Davidow im Jahr 1993, sein euphorisches Buch über virtuelle Unternehmen. Die Strukturen lösen sich auf und Unternehmen werden zu flexiblen Netzwerken. Es gibt keine Beschäftigten mehr, sondern nur noch Ich-Unternehmer, die sich zu irgendwelchen diffus-schwammigen Netzwerkgebilden Zusammenschließen, um ein Großprojekt zu bearbeiten usw.

    Im Jahr 1964 waren übrigens 60% aller Deutschen selbständig. Es gab jede Menge Bauernhöfe, Tante-Emma-Läden usw. Es gab nur wenige große Kaufhäuser fast keine Ladenketten, somit war jeder Getränkeladenbesitzer selbständig. Das ist also nichts neues, wenn die Mehrheit der Bevölkerung „selbständig“ ist.

    Die „Selbständigkeit“ der Zukunft ist aber eine andere. Die Leute der Zukunft sind nicht mehr „selbständig“, weil sie ein Unternehmen gründen wollen oder einen freien Beruf ausüber oder einen Bauernhof betreiben. Die „Selbständigen“ der Zukunft werden nichts weiter sein, als Tagelöhner. Bereits heute werden zum Beispiel auf dem Bau ehemals beschäftigte Arbeiter in Scheinselbständigkeiten gedrängt. Damit stehlen sich große Bauunternehmen aus der Sozialversicherungspflicht und Fürsorge heraus. Im saisonalen Baugewerbe werden die Leute dann nicht mehr arbeitslos, sondern sie bekommen einfach keine Aufträge mehr und sitzen auf der Strasse. Mangels Sozialversicherung müssen sie den Winter über in ein Obdachlosenheim ziehen.
    Die Selbständigen der Zukunft wird eine Schar von scheinselbständigen Randexistenzen sein, die keine Rechte mehr haben. Auftraggeber können mit ihnen nach Belieben verfahren. Beispiel Telekommunikationsunternehmen: Entstörtechniker waren noch bis vor wenigen Jahren Angestellte. Heute gibt es immer mehr Schein-Selbständige, die als Subunternehmer um Aufträge buhlen müssen. Dabei zwingt man ihnen Onlineportale auf, in denen sie sich für Aufträge immer weiter im Preis unterbieten müssen. Inzwischen ist es so, dass so ein „Selbständiger“ mehr Aufträge annehmen muss, als er bearbeiten kann, dass er wenigstens seine Miete zahlen kann. Das heißt, dass schon von Anfang an klar ist, dass er eine geiwsse Anzahl von Kunden „nicht antrifft“.

    Die Selbständigkeit der Zukunft wird ein Tagelöhnertum auf Rechnungsbasis sein – weiter nichts.

    • Hallo, vielen Dank für die gute Ergänzung und das Deuten auf Schattenseiten, die es fraglos auch gibt. Es sind viele Herausforderunge, der Punkt ist nur, dass sicher ist, dass sich sehr viel verändern wird. LG SH

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