Interview über Führung: „Die Werte sind gleich geblieben, nur leben wir sie anders“

Letzte Woche sprach ich mit Führungskräftecoach Gudrun Happich über die neuen Anforderungen an die Führung. Dieses Mal geht es um Werte und Motive. Überraschend: Diese haben sich kaum verändert.

Du siehst dich selbst als Babyboomerin, die noch Glaubenssätze verinnerlicht hat wie „sei fleißig“. Ist das bei der jungen Generation, der Gen Y anders?

Die Wünsche sind ähnlich. Prof. Holger Rust, Soziologe aus Hannover, vergleicht die Werte und Wünsche von Absolventen seit Jahren. Da hat sich nicht wirklich etwas verändert. Überhaupt, wenn man sich die Werte anschaut, sind diese über die Weltbevölkerung gleich. Es gibt da auch keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Das zeigen auch die Untersuchungen von Prof. Steven Reiss.

Verändert hat sich nur, was wir daraus machen, zum Beispiel wie wir einen Wert wie „Status“ nutzen und einsetzen. Das, was eigentlich gleich ist, hat einfach nur andere Rahmenbedingungen bekommen.

Denkst du, dass stille Introvertierte, die gerade ja sehr in der Presse sind, gute Führungskräfte sein können?

Aus meiner Sicht ist die Lust auf Kommunikation zentrale Voraussetzung für den Erfolg als Führungskraft. Hat jemand diese nicht, hat er heute in der Fach- oder Projektkarriere gleichwertige Karrierechancen. Früher war es die einzige Karrierechance eine Führungsaufgabe zu übernehmen, heute nicht mehr. Das ist eine große Chance für Menschen, die keine kommunikativen Schwerpunktkompetenzen haben.

Sprechen wir mal über das Reiss-Profil. Ich sehe gerade im behördlichen Umfeld oft Personen mit einer roten Macht, die eigentlich nicht entscheiden wollen. Wir Berater haben oft eine grüne Macht. Braucht die auch eine Führungskraft?

Ich denke es ist mindestens von Vorteil, Lust darauf zu haben „Einfluss zu haben, Entscheidungen treffen zu wollen, Verantwortung zu übernehmen“ – alles Eigenschaften der „grünen“ Macht. Gute Führungskräfte leben von der Motivation, etwas bewegen und beeinflussen zu wollen. Sie wollen entscheiden. Das steckt bei Reiss in der grünen Macht. Es ist eine bestimmte Art der Leistungserbringung. Menschen mit roter Macht leisten auf eine andere Art und Weise, sie wollen eher unterstützen und bevorzugen Vorgaben. Selbst in Behörden halte ich das für eine Führungskraft inzwischen für schwierig.

Führungskräfteenwicklung ist sehr beliebt. Darin steckt die Hoffnung, Menschen gezielt zu entwickeln. Kann man denn aus jedem Motiv Leistung entfalten?

Das scheint zu gehen. Peter Boltersdorf von den Reiss Profilen Germany hat kürzlich die Motive von acht internationalen Profi-Fussballern untersucht. Alle hatten eine grüne Anerkennung, doch einige eine rote körperliche Aktivität, sind also von Natur gar nicht bewegungsaffin. Trotzdem sind sie Weltklasse. Was hier funktioniert, funktioniert auch im Management.

Was sind denn die typischen Motive von Leistungsträgern, die du als Reiss-Master-Trainerin siehst?

Grüne Macht, grüne Anerkennung und grüner Status sind sehr verbreitet  bei den 5% Höchstleistern. In den oberen Führungsetagen trifft man auch oft noch Rache/Kampf grün an. Das macht eine Persönlichkeit „pushy“, denn der Grundwert hier ist “ich muss immer gewinnen“. Einer modernen Führungskraft steht das nicht gut zu Gesicht.

Eine grüne Ausprägung bei Macht und Rache/Kampf kann Mitarbeiter leiden lassen, denn so jemand kann andere nicht gewinnen lassen. Doch auch ein Mensch mit grünem Rache/Kampf kann ein anderes Verhalten in seiner Führungsaufgabe lernen. Sonst arbeiten sich andere an ihm oder ihr ab. Und das ist für alle Beteiligten nicht sehr fruchtbar.

Ich denke, aus allen Reiss-Motiven lässt sich eine andere, positive Kraft entwickeln. Bei Rache/Kampf ist es meiner Erfahrung nach aber am schwierigsten. Die Führungsetagen brauchen hiervon gerade in Zukunft etwas weniger – und dafür mehr Kooperation.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

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