No way: Was tun, wenn der Markt für Jobs dicht ist?

Stefan Raab hat vor seiner ersten Polit-Talk-Sendung im Interview gesagt, ein „zuer“ Markt – in  dem Fall der der Talkshows – würde ihn erst recht reizen. Diesen Gedanken dürften die meisten FTD-Redakteure, die Journalisten der Frankfurter Rundschau, der dapd, Berliner Zeitung, von Brigitte und alle, die derzeit entlassen werden und von Entlassungen bedroht sind, wohl für verrückt halten.

„Zue“ Märkte sollen heute mein Thema sein.  Die gibt es nicht nur im Journalismus, doch hier sind sie gerade offensichtlich. Bewerbungen auf die wenigen Stellen sind fast aussichtslos, auf gleichem inhaltliche Niveau unterzukommen, gilt als fast unmöglich, Tarifgehälter für die meisten völlig undenkbar. Wer überhaupt noch offene Stellen hat, bietet oft ein Umfeld, das Schleudersitze aneinanderreiht.

Die besten 5% Top-Leute, die es überall gibt, werden zwar schnell weg sein. Doch die große Masse stürzt in ein immer dichter werdendes Haifischbecken. Die „Klimaberichte“ aus Medienunternehmen, die derzeit zu mir dringen, hören sich nach Klimakatastrophe an. Personelle Konkurrenz dieser Art führt zu einer schlimmen Verrohung der Sitten. Ich bin offen gesagt froh, mir dieses Haifischbecken nur von außen betrachten zu müssen.

Aber wenn Sie einer der Fische sind – was tun? Hier die Strategien – mit Zirka-Zeitangaben für die Dauer der Um- oder Neuorientierung:

Naheliegend: Frei arbeiten

Weitere freie Journalisten verträgt der Markt nicht – es läuft auf Verdrängung hinaus. Wer bessere Kontakte hat, ist im Vorteil. Die Themen, für die immer noch Schreiber gesucht werden, liegen so gut wie ausschließlich im Corporate Publishing. Und dort auch eher im technischen Bereich, SAP, Business Prozesse etc.). Den Ort, an dem es noch Jobs gibt, kann man so definieren: Dort finden sich keine Hobbyschreiber mehr, weil das für diese nicht mehr interessant genug ist. Es ist also eher ein IT-Beratungsunternehmen als die c´t oder das Pferdemagazin und die „Landlust“.

Normalerweise werden an diesem Ort keine Leidenschaften entfacht. Der noch verfügbare Markt ist also ein uninteressanter Markt für die meisten, denn Journalismus ist nun mal ein Leidenschaftsberuf anders als Verwaltungswissenschaften. Wenige werden ihren Kopf gefordert sehen, wenn sie über SAP schreiben. Aber einige vielleicht doch. Denen würde ich empfehlen, mal hierhin zu schauen.

Je nach Hintergrund finden sich noch andere sinnvolle Kombinationen. Im Pflegebereich existiert zum Beispiel ein erhöhter Schreiberbedarf. Auch Personalthemen warten, der Bildungsbereich expandiert, auch wenn er nicht gut bezahlt. Aber gut ist auch relativ zu den Möglichkeiten.

Ich höre das Gähnen….

Weitergehend: Sich unternehmerisch betätigen

Wenn das nicht passt, ist es vielleicht eine „richtige“ Selbstständigkeit. Ich bin fest davon überzeugt, dass man im Internet als Selbstproduzent ohne Verlag erfolgreich sein  kann. Schauen Sie sich zum Beispiel so jemand wie Leander Wattig an. Er ist kein Journalist, aber aus der Verlagsbranche und auch auf einem „zuen“ Markt schlau genug gewesen, sein Ding zu machen.

Man muss den Mut haben, Dinge anders zu machen und nicht auf Leute zu hören, die einem sagen „das kann doch nicht funktionieren“. Das heißt nicht, beratungsresistent zu sein. Es heißt, nachdem alles durchdacht und andere Perspektiven eingeholt sind, sich innerlich abgrenzen zu können. Den perfekten Begriff dazu habe ich diese Woche in einem Interview mit dem Hirnforscher Ernst Pöppel gelesen: „Ich-Stärke“. Die braucht man.

Wer diesen Mut und die notwendige Ich-Stärke hat, kann auch ein anderes Startup gründen, jenseits seiner Branche. Aber bitte nicht den Fehler machen, mit Geld zu knausern. Etwa 10.000 EUR in eine Idee zu stecken, macht selbst nach meinem Slow-Grow-Prinzip Sinn.

Beim Finden der passenden Idee könnte man sich an Stefan Raab orientieren und sich fragen, „was ist das größte Problem dieses „zuen“ Marktes? Ich halte das für einen klugen Ansatz. Dann folgt die experimentelle SlowGrow-Prinzip®-Vorgehensweise: Erst ein Testmarkt, nicht direkt alles auf eine Karte setzen.

Anbauen: Weiterbilden

Nun ist nicht jeder ein Unternehmertyp. Wie wäre es dann Weiterbildung? Ich finde es schade, dass die FTD-Mitarbeiter nur Geld für ein Outplacement bekommen. Ich weiß nicht, wie hoch das Budget ist, aber für eine gute und gründliche Profilberatung als Outplacement wären 3.000-5.000 EUR ausreichend, wenn man nicht die teuren Büroräume einer Beratungsfirma in der Innenstadt mitfinanzieren will. Der Vermittlungsteil, der in manchem Outplacementverständnis enthalten ist, erübrigt sich hier. Es wird nicht um Vermittlung gehen. Weitere 5.000 Euro wären besser in einem Weiterbildungsbudget aufgehoben, etwa um alle Bewerber in Social Media auf den aktuellen Stand zu bringen.

Je moderner jemand ausgebildet ist, desto weniger Probleme hat er/sie. Viele Jahre habe ich Seminare an der Burda Journalistenschule gegeben. Die daraus entstandenen Selbstständigkeiten haben sich meist stabiler entwickelt als etwa Existenzen, die aus dem Tageszeitungsmarkt entstanden sind. Das liegt meiner Meinung nach an der Art der Ausbildung: Corporate Publishing stand immer auf dem Plan, Online und Social Media sowieso.

Was einige immer noch immer nicht verstanden haben: Solche Medienkompetenz ist kein Add-On mehr, sie ist Grundlage, ein Basic.

Notlösung: In die PR abwandern

Die PR galt Jahrelang als blühendes Feld, auf das man zur Not abwandern konnte. Mit der Folge, dass es derzeit wohl so viele Journalisten wie PR-Leute gibt, und da viele beides machen, das alles ohnehin kaum noch zu trennen ist.

Ich sehe den Markt hier kippen und sich auch in Richtung „zu“ entwickeln. Immer mehr PRler berichten mir von Problemen. Texte unterzubringen sei so schwer wie nie. Das ist logisch, denn es besteht naturgemäß eine Abhängigkeit der PR vom Journalismus. Wenn das eine krankt, zieht es das andere mit. PR als Notnagel halte ich für schwierig. Zumal die Agenturausbildung immer besser geworden ist – dort lernen die Mitarbeiter eben auch Social Media. Außerdem denken sie in Strategien. Das haben Journalisten nicht gelernt.

Immer noch aufnahmefähig ist Social Media. Jedoch gibt es hier inzwischen genügend Experten, die in ihrer Entwicklung den Neulingen Jahre voraus sind. Es kann vor allem eine Kombinationsstrategie Sinn machen. Beispiel: Jemand war in seinem früheren Leben Krankenpfleger, hat dann studiert, ein Volontariat gemacht, bildet sich nun in strategischer PR und Social Media weiter und geht damit in den Gesundheitsbereich.

Dieses Beispiel ist spezifisch für das bereits hier beschriebene Zukunftskarrieremodell „Meister in Serie“. Es zeigt auch: Die Zeit der Generalisten ist vorbei.

Alles neu: Ganz was anderes machen

Ich habe in meiner Beratung einige Journalisten erlebt, die ganz umgesattelt haben. Im extremsten Fall auf Informatik, öfter auf Lehramt.  Ich finde, dies ist eine gute Idee, wenn man auf Magister/Lehramt studiert hat und wirklich gern mit jungen Menschen arbeitet. Jobs mit Menschen fordern Erfahrung und persönliche Reife. Die kann jemand mit 25 nicht in dieser Form mitbringen. Ein junger Mensch bringt in die Arbeit mit anderen Menschen im besten Fall Fürsorge und persönliche Wärme ein. Das ist etwas anderes, genauso nötig, aber eben anders.

Aus meiner Sicht ist ein älterer Lehrer deshalb, persönliche Reife vorausgesetzt, ein besserer Lehrer  – erst recht, wenn er Erfahrungen außerhalb des geschlossenen Schulbetriebs gewonnen hat. Und Sport, Musik, Latein sind Fächer, die je nach Bundesland immer noch Mangel leiden, die Naturwissenschaften außer Biologie sowieso.

Auch ein älterer Therapeut, Coach, Berater, Erzieher ist für die Menschen, mit denen er/sie zu tun hat, vielfach hilfreicher. In diese Richtung würde ich Betroffenen empfehlen zu denken, wenn Sie Ende 40 oder älter sind. Wo sind Jobs, die vor allem menschliche Reife fordern? Dort werden Sie fündig werden, nicht da, wo andere Ihnen sowieso schon Jahre voraus sind. Eine so starke Umorientierung kann dauern, manchmal Jahre. Es ist vielleicht eine Durststrecke und Weiterbildung nötig. Der Gewinn ist aber groß. Vor allem für jemand, der im Haifischbecken unter dem Mangel an Menschlichkeit gelitten hat.

Ganz was anderes kann auch ein „low“ Job sein, von denen es heute nicht mehr viel gibt. Hinzu kommt, dass sich Arbeitgeber vor Überqualifizierten fürchten. So richtig leicht findet man nur was in Bereichen, in denen man einfach vorbeigeht und sich nicht mit einem CV bewirbt. Lachen Sie nicht, aber es gibt hochqualfizierte Aussteiger, die durchaus ein gewisses Glück im Blumenladen oder im Hotel auf Rügen gefunden haben.

Heute erschien bei Spiegel Online meine Kolumne über Netzwerken, die eine gute Ergänzug ist. Denn das klassische Bewerben ist in einem zuen Markt meist sowieso vergeblich.

 

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

5 Kommentare zu “No way: Was tun, wenn der Markt für Jobs dicht ist?

  1. Zue Märkte erfordern „anne Schippe“, wie man im Ruhrgebiet sagen würde. Meine Alltag zeigt, das viele Bewerber froh sind, wenn sie erfahren, dass Jobwechsel oder Jobsuche in einem „zuen“ Markt wirklich Arbeit ist. Das gibt nämlich auch der Jobsuche einen Sinn.

    Und anders als beim Produzieren von bisweilen wertlosen Bewerbungen, kann dann – bei aller Unsicherheit – die Jobsuche sogar ein wenig Spaß machen.
    Insbesondere, wenn ich mir die Frage erlaube, wie der nächste Job nun wirklich aussehen soll.

    Und dafür gibt Dein Artikel gute Richtungsweiser. Die obige Grafik würde ich gerne „kuratieren“. Die ist so klasse, dass ich sie an meine Beratungswand pinnen werde!
    LG
    Lars

  2. Hallo,

    das hört sich sicherlich nicht gut an. Alles nicht mehr so einfach. Wer nicht krativ ist und nach neuen Möglichkeiten sucht, hat ein großes Problem.

    freundliche Grüße
    Josef

  3. Ich sehe das Problem nicht nur in den „zuen Märkten“ sondern in allen Märkten. Jeder begibt sich in eine Abhängigkeit, der Unternehmer in die seiner Kunden, der Angestellte in die seines Arbeitgebers.
    Leider ist die Abhängigkeit des Mitarbeiters oft größer als die des Arbeitgebers. Deshalb ist es meiner Ansicht nach zu spät erst nach einer anderen Lösung zu schauen, wenn es brennt .
    Vielmehr ist es die Aufgabe/Verantwortung jedes Einzelnen, sich kontinuierlich weiter zu entwickeln und nach Möglichkeiten um zu sehen. Im Idealfall sollte sich der einzelne Mitarbeiter so weiter qualifizieren dass, das Unternehmen, aufgrund des Know-Hows von ihm Abhängig ist.

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