Jung und alt: Sechs tiefe Gräben

„Früher war alles besser“ – das höre ich öfter. Ich selbst habe mir solche Aussagen bisher verkniffen. Ganz ehrlich: Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob früher alles besser war. Ist nicht alles eine Frage der Perspektive? Und diese ändert sich mit dem Alter. In diesem Beitrag geht es mir darum, einige typische Gegensätze zu beschreiben, die sich derzeit in der Berufswelt zeigen. Ich ziehe hier ganz  bewusst keine bestimmte Altersliniewie 40, 50 oder 60 zwischen jung und alt, denn natürlich ist Alter relativ. Möge sich angesprochen fühlen, wer sich alt und/oder jung fühlt.

1. Jung verändert, alt bewahrt

Heute hörte ich von einem Unternehmen, in dem alle Mitarbeiter über 45 sind und mindestens schon 15 Jahre dabei. Da möchte der Vorstand, auch älter, nun etwas Dynamik reinbringen sowie neue Ideen. Das ist gut, soweit von oben gedeckt und wirklich gewollt. Für jemand, der jung eingestellt, gegen bewahrende Kräfte arbeiten muss, kann das ganz schön stressig sein. Besser, liebe Unternehmen: frühzeitig an den guten Mix denken: Diversity ist hier das Stichwort.

Das „jung“ kann übrigens auch durch „neu“ ersetzt werden, denn nicht nur die Jungen- auch Neue verändern gern, gleich welchen Alters. Und gilt hier nicht der Spruch: Alte Besen kehren gut?

2. Jung ist digital, alt analog

Viele ältere Menschen warten  mit der Veränderung, bis sie wirklich unumgänglich  ist. Das hat zur Folge, dass es immer einige „Alte“ gibt, die sehr früh auf Züge aufspringen oder diese sogar anfahren – die meisten jedoch schleichen demotiviert hinterher. Muss ich wirklich Social Media lernen, die neue Software, die neue Methode? Nicht immer sind es Ältere, die solche Fragen stellen, manchmal ist es auch eine bestimmte Persönlichkeit, die an der Seite des Seils zieht, auf der Festhalten steht. Und im Digitalen wirkt sich das derzeit auf dem Arbeitsmarkt nicht besonders gut aus. Zum Beispiel sehe ich sehr viele Marketingexperten, die überhaupt nicht „Onlineaffin“ sind. Marketing und Bewahrenwollen – das passt irgendwie nicht, selbst wenn man Dampfer vermarktet.

3. Jung weiß manches besser, alt will alles besser wissen

Meine Kollegin und Karriereexpertin Ursula Dehler wird hier nächste Woche im Interview etwas über die Schwierigkeiten erzählen, die dieser Gegensatz in der Teamkultur auslöst. Nur so viel: Bisher waren „Alte“ gewohnt, alles besser zu wissen. Nun gibt es mit Social Media einen Bereich für den das oft nicht mehr stimmt. Aus meiner Sicht hat die Krise der Zeitungen auch damit zu tun: Die Alten, in der Hierarchie höher, dachten und denken weiter, es besser zu wissen als die Jungen. Sie haben die Neigung, vergangene Konzepte auf neue Herausforderungen anzuwenden. Die Lösung wäre hier wie überall ein Austausch auf Augenhöhe.

4. Jung will keine Hierachieen, alt ist sie gewohnt

Über die Kaminkarriere als Auslaufmodell habe ich oft genug gesprochen.  Doch bleibt sie in den Köpfen verankert, zusammen mit dem Denken: Wer höher steht, muss auch die Ansage machen.  Natürlich ist dies antiquiertes Führungsdenken, wie Gudrun Happich hier bereits gesagt hat. Es führt dazu, dass gute Ideen nicht durchkommen – und zu Frust bei den Jungen. Warum soll ich mich anstellen und gängeln lassen, fragen sich vor allem die, die gut sind. Und machen sich frei – z.B. von Arbeitsverträgen.

5. Jung will Aufgaben, alt bietet Sicherheit und Status

Es ist deutlich zu spüren, wie die Loyalität gegenüber Unternehmen abnimmt. Junge Menschen buckeln nicht mehr für den Erfolg – sie gehen, wenn es ihnen nicht gefällt. Nun baut das ganze Konzept der Unternehmen aber auf dem Wunsch nach Sicherheit und Status auf. Auch wenn Personaler das ändern wollen; die „Alten“ sitzen da und blockieren bewusst und unbewusst. Und die jungen sagen: „Warum soll ich mich mit so jemanden herumschlagen?“ Es wird durchschaut, wenn ein Herr oder einer Dame „alter Schule“ sich nur selbst vermarktet, Ideen klaut, Intrigen spinnt. Darüber zu schweigen, war lange Teil des Systems, siehe Thyssen Krupp (oder wie sonst kann so ein Sumpf entstehen?). In Zukunft könnte es öfter vorkommen, dass kaum jemand jemand mehr schweigt, sondern entweder was sagt oder gleich geht.

6. Jung will lernen, alt will leben

Weiterbildung ist sehr viel wichtiger geworden. Wenn man sieht,  mit welcher Geschwindigkeit sich Wissen verändert und vertieft, keine Frage: Das muss so sein. 11jährige schneiden heute Videos – und Döner werden, wie ich gestern in t3n las demnächst über den Städten in unsere Häuser fliegen. Dass ich meine Schuhe bald nicht mehr bei Zalando kaufe, sondern ausdrucke finde ich persönlich faszinierend (trotz Alter), aber eine Menge Leute auch erschrecken (auch junge). Die Arbeit am Fortschritt wird es sein, die uns erfolgreich macht. Das mögen „Alte“ oft nicht so. Man denkt: Einmal ein Fachgebiet erschlossen – und dann kann man sich darauf ausruhen.

 

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

8 Kommentare zu “Jung und alt: Sechs tiefe Gräben

  1. Sehr geehrte Frau Hofert,

    mich erstaunt die Menge und Intensität vieler Ihrer Pauschalaussagen. An manchen Stellen habe ich mich gefragt, ob Sie über die Verhältnisse in Deutschland schreiben. Hier zum Beispiel, bei Punkt 4.:

    Da hat sich speziell in den Großunternehmen sehr viel getan. Konzerne und große Mittelständler (beispeilsweise die Würth-Gruppe) tun so unglaublich viel in der Nachwuchskräfteförderung, dass man neidisch werden könnte. Denn diese paradiesischen Zustände gab es vor 20 Jahren ganz sicher nicht.
    Ich frage mich inzwischen sogar, ob dieses ganze „Youth-Pampering“ zu guten, oder auch nur den gewünschten Resultaten führt. Der Kampf um die Besten und Semibesten treibt inzwischen schon groteske Blüten. Bedenkt man, dass viele dieser Rosen gebetteten später ins Management aufrücken und dort Führungspositionen bekleiden, frage ich mich, ob dort dann genügend Biss und Ausdauer herrschen, wenn man bis dato nur Colalutscher in den Mund gelegt bekam.

    Oder Punkt 6:
    Klar haben die technologischen Quantensprünge zugenommen, und ihre zeitliche Abfolge ist atemberaubend. Aber zu implizieren, dass die Beherrschung der Technologie auch gleichzeitig das Verständnis für ihren strategisch-taktischen Nutzen mitliefert, halte ich doch dann für sehr abenteuerlich. Technik-Affinität führt nicht selten zum Tunnelblick. Gerade bei IT-Projekten wird immer deutlicher, dass das technologische Wissen allein nicht ausreicht, um eine Sache auf Userseite ins Rollen zu bringen. (siehe dazu brand eins Oktober 12, Schwerpunkt Spezialisten) Da zählt Erfahrung in den klassischen Kommunikationsdisziplinen mindestens mit derselben Wertigkeit wie Techknowledge.

    Dann Punkt 3: „Jung weiß manches besser….“

    Die Teamkultur hat durch den Themenkomplex „Social Media“ sicher neuen Gesprächsstoffsnachschub und vielleicht auch neue Impulse erhalten. Meine Erfahrung ist die, dass dieses Thema in allermeisten Firmen inzwischen mit der nötigen realistischen Distanz und Differenzierung diskutiert wird. Dazu gab mir Annette Wolfstein von Ikea Deutschland ein Kurzinterview „Ikea bleibt cool“
    http://bit.ly/12nHORf

    Ich könnte noch näher auf Ihre Punkte eingehen, leider erlaubt es meine Zeit nicht.

    Mit freundlichen Grüßen
    VR

    • Hallo Herr Remy, danke für Ihre schönen und weit gespannten Anmerkungen. Es überrascht mich, dass Sie etwas in dem Text lesen, was ich so gar nicht impliziert habe. Ich erkenne in dem was Sie sagen weitestgehend Ergänzung und gar keinen Kontrapunkt… Hab mir meinen Text noch mal durchgelesen auf der Suche nach missverständlichen Ausdrücken und kann immer noch nichts finden, außer das etwas Überspitzte… Aber das ist das Resultat meiner Erfahrung, dass Zu- und manchmal Überspitzt überhaupt erst zum Lesen führt – und das wissen gerade Sie auch ganu genau 😉
      Apropos Technik: Natürlich gibt es den Tunnelblick und natürlich ist es wichtig, dass Perspektiven zusammen kommen. Da bin ich komplett bei Ihnen. LG Svenja

      • Liebe Frau Hofert,

        ich beziehe meine Aussage auf einige Sätze in Ihren 6 Thesen, wenn ich sie mal so nennen darf. Zweifellos artikulieren Sie – und ich vermute, auch absichtlich etwas überspitzt – gängige Klischees, was den „Altersgraben“ in den Unternehmen betrifft. Er existiert, keine Frage. Diese Epochen gab es immer wieder, nehmen wir nur mal als Beispiel den Kulturwandel in den Achtzigerjahren. Da waren es „Yuppies“, die „Reaganomics“ und „Thachterites“, die in vielen Branchen, auch aufgrund neuer Technologien (Bank- und Finanzwesen z. B.) die Managementkultur geradezu auf den Kopf stellten. Aus dem traditionellen „Bankier“ wurde „der Bänker“ – das sind nicht nur Begriffswechsel, sondern sie bezeichnen eine Transformation in der Wirtschafts- und Unternehmenskultur.

        Heute durchschreiten wir wieder eine Tranformationsphase, und wieder wird sie ausgelöst und forciert durch technologische Schübe und – das ist relativ neu – durch den Mangel an Fachkräften, der auch durch demografische Entwicklungen zusätzlich angeheizt wird.

        Die Frage, die mich bewegt, ist diese: Wird man nun den Fehler begehen, und alles, was Ü50, Ü40 oder sogar Ü30 ist mit einem mitleidigen Lächeln aufs Altenteil befördern, oder wird man begreifen, dass neue Bereiche, wie beispielsweise Social Media, zwar die Methoden revolutionieren, aber mitnichten die Gravitation und Mechanismen menschlicher Kommunikation außer Kraft setzen? Das wäre fatal.

        Social Media ist eine Erweiterung der Marketinperspektive. Sie wird natürlich auch Konsequenzen im Management herbeiführen. Aber sie (SM) werden integrativer Bestandteil des Systems und keine über alles herausragende Sonderstellung einnehmen. Die Tatsache, dass die meisten Jungmanager/innen heute ein Social Media Account besitzen – ob privat oder beruflich genutzt – und ihre Seniors nicht….welche Bedeutung und welchen Einfluss könnte dies für grundlegende Managementarbeit wohl haben, auf der Skala 1 bis 10?

        1___I___________________10?

        Was Sie unter Punkt 3 formulieren, ist m. E. in den meisten Unternehmen, die es direkt angeht, und für die es existenzielle Bedeutung hat, schon Realität: der vielbeschworene „Austausch auf Augenhöhe“. Dennoch müssen sich die Jungen – wie alle Generationen vor ihnen – schlicht damit abfinden, dass das Unternehmen (oder das Management) kein Pfadfinderlager ist, wo vieles zunächst auf ungeteilte Begeisterung stößt. Große Firmen, zumal Konzerne, sind auf Ideen angewiesen, auf neuen Zufluss und Perspektiven, das ist weithin unbestritten und wird nur noch von Hinterwäldlern ignoriert oder angezweifelt.

        Was Unternehmen in diesen Umbruchszeiten aber vor allem brauchen sind Ziele und Resultate. Nach wie vor – und vielleicht gerade wegen der technologischen Dauerrevolution – steht der Erfolg im Mittelpunkt.

        Und da wird dann mit sehr un-enthusiastischen Maßstäben gemessen. Die Frage von „Gräben durch bestimmte Altersgruppen“ kann sich im Grunde kein gesundes Unternehmen leisten, und sie sollte m. E. auch im Keim erstickt werden.

        Es sind solche Bagatellschauplätze, die den Blick vom Wesentlichen ablenken und am Ende zu resultatfreien Diskussionen führen. Wie etwa auch der sog. „Geschlechterkampf“ eine wahrlich überflüssige Beschäftigung fürs Management ist.

        Ich hoffe, Sie sehen meine Kommentare als das, was sie sind: Diskussionsbeiträge. Es wäre mir unangenehm, wenn es anders verstanden würde.

        Grüße,
        VR

  2. Entfernungen schwinden, Rollen geraten ins Wanken und berufliche Sicherheit scheint es immer weniger zu geben.
    Die Veränderungen kommen heutzutage in einem Tempo, wie wir es noch nie erlebt haben.
    Das ist vor allem für „ältere“ Menschen schwer zu akzeptieren, weil sie es anders gewohnt sind.
    Junge Menschen kennen es nicht anders.
    Die können sich nicht einmal vorstellen, dass es vor langer, langer Zeit keine Mobiltelefone gab.

    Ich arbeite seit über 20 Jahren im IT Bereich.
    Dort ist Fachwissen in der Regel nach 1 bis 2 Jahren veraltet.
    Lebenslanges Lernen darf ich also schon lange praktizieren.

    Was meines Erachtens immer wichtiger wird,
    sind die persönliches Fähigkeiten.
    Fachliche Qualifikationen kann ich mir relativ schnell aneignen.
    Wenn ich mir dabei aber charakterlich im Wege stehe,
    wird das Leben beschwerlich.

    • „Was meines Erachtens immer wichtiger wird,
      sind die persönliches Fähigkeiten.
      Fachliche Qualifikationen kann ich mir relativ schnell aneignen.
      Wenn ich mir dabei aber charakterlich im Wege stehe,
      wird das Leben beschwerlich.“

      Wahre Worte gelassen hinterlegt, Herr Hilbert. Dem kann ich nur zustimmen.

      Gruß
      VR

  3. Lieber Herr Remy, zum zweiten Teil. Ich bin ja selbst nicht mehr ganz jung, brauche bald eine Lesebrille, hasse SMS, schreibe mit dem Zeigefinger und hinke „operativ“-technisch meinem 11jährigen Sohn Meilen hinterher – obwohl ich seit den 1990ern immer sehr IT-Nah gearbeitet habe, immer auf einem aktuellen Stand des Wissens war und durchaus verstehe, was Kunden aus dem IT-Bereich so machen, ob es Java-Entwicklung ist oder SAP. Ich verstehe erkenne den großen Rahmen, das tut mein Sohn nicht.
    Vom operativen Wissen her, wäre ich selbst jemand fürs Altenteil würde ich in der IT-Branche arbeiten oder in Social Media. Aber um operative Jobs geht es ab 40 oft nicht mehr, sondern um solche bei denen Persönlichkeit und persönliche Fähigkeiten (aus den Erfahrungen entwickelt) eine tragende Rolle spielen.
    Ich habe gestern von einem Kunden gehört, der mit 60 Jahren noch eine Anstellung bekommen hat – aufgrund seiner menschlichen Fähigkeiten. Andere finden ihre Jobs dank ihrer strategischen Denke oder… Jedenfalls in einem bestimmten Alter ganz bestimmt nicht, weil sie technische Cracks sind. Das verändert sich im Laufe des Lebens. Ich sehe das überhaupt nicht kritisch, glaube nicht, dass ältere Menschen nicht mehr gebraucht werden. Mich ärgert lediglich manchmal die Haltung (mancher) erfahrener Führungskräfte, die sich selbst und ihr Erfahrungsswissen so überhaupt nicht in Frage stellen. Sich selbst immer wieder in Frage stellen ist die Grundlage für nachhaltigen Erfolg, davon bin ich überzeugt. Und das ist vollkommen altersunabhängig. Allerdings: Die wundersame Entdeckung, dass ich selbst einen ganz anderen Ausschnitt der Welt sehe als andere, die kommt dann oft erst in späteren Jahren.
    herzliche Grüße Svenja Hofert

  4. Liebe Frau Hofert,
    liebe Herren Remy und Hilbert,

    meines Erachtens kommt es zukünftig und altersunabhängig auf allen Unternehmensebenen vermehrt auf das „Kompetenz-Quartett“ an (Green Franchising, Bellone/Matla, mi-Wirtschaftsbuch, 2012) auf das Vorhandensein von Fachkompetenz, Sozialkompetenz, Selbstkompetenz und Ethischer Kompetenz. Nur so lassen sich die Herausforderungen der Zukunft wirkungsvoll angehen.

    Was meinen Sie?

    Grüße aus Berlin
    Thomas Matla

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