St. Gallen slow growt – und sagt: Jeder kann gründen

Wäre ich ein Mann, man(n) wäre wohl härter mit mir ins Gefecht gegangen. Doch als Frau bekam ich ein paar kritische Fragen und einige „so funktioniert das nicht wie Sie das sagen“, als ich letztes Jahr einige Vorträge vor Wirtschaftsförderungen hielt. Die Banker und ländlichen Unternehmer beäugten meine Aussagen kritisch: Kein Ziel, Business Plan eher ein Erfolgsverhinderer – das hört man nicht so gern in diesen Kreisen. Und sagt dann leicht „ja, Berater können sowas sagen.“ Dass ich  selbst Unternehmerin bin, mich also nicht nur im Kommunikations- sondern durchaus auch im Handlungsraum bewege, hätten sie nicht gedacht.

Zu meine überwiegend sehr gut bewerteten „SlowGrow-Prinzip“ bei Amazon findet sich der ein oder andere Kommentar, der die vielen positiven Bewertungen Menschen zuschreibt, die anders als man selbst „nicht unternehmerisch motiviert“ seien. Wirklich? Dahinter verbirgt sich die These, Unternehmer sei Unternehmer  – und ein Freiberufler können das nie werden.

Und jetzt, endlich, bekomme ich ganz offizielle Rückendeckung! Über Twitter wurde mir am Freitag ein Video des Lehrstuhls für Entrepreneurship der Universität St. Gallen zugespielt. Es fasst aus wissenschaftlicher Sicht unter dem Namen „die unternehmerische Methode“ zusammen, was ich in meinem SlowGrow-Prinzip aus Sicht der Praxis schon vor zwei Jahren beschrieben habe.

Ich fasse hier die wichtigsten Punkte zusammen und füge ein wenig aus meiner Erfahrung hinzu:

1.       Schau nach, was in Deinem Vorratsschrank ist und koch daraus was Passendes

Ich hatte nie konkrete Ziele, aber ich habe immer erreicht, was ich mir vorgestellt habe, meist eher „so ungefähr“ und mit der ständigen Bereitschaft, Entwicklungen sofort zu integrieren und neu zu denken. Damit nutze ich ähnlich wie Richard Branson die „unternehmerische Methode“, sagt St. Gallen. Ich habe keine direkten Ziele, sondern folge dem, was mich gerade antreibt.  

Da ticken Unternehmer ganz anders als Manager. Manager denken: welches Ziel habe ich und wie kann ich es erreichen? Unternehmer checken die vorhandenen Mittel, zu denen auch die Persönlichkeit gehört. Man schaut, was man im Vorratsschrank findet und daraus kochen kann. Genau das empfehle ich in meinem als Marke geschütztem Slow-Grow-Prinzip.

2. Du brauchst keine besondere Idee, mach einfach

Die verkrampfte Suche nach einem vermeintlichen USP war mir immer schon suspekt. Es führt zu dem, was ich in meinem Buch „Quick-Positionierung“ nenne. Die meisten Menschen machen etwas, was es schon gibt, und das ist OK so. Dem einen schrägen Namen zu geben, ist Unsinn. „Schau in den Kühlschrank und nimm was da ist!“ empfiehlt auch das Video. Wichtig ist, anzufangen und seine Ideen dann weiterzuentwickeln oder neue zu generieren. Es geht darum, nach und nach eine Besonderheit zu entwickeln und nicht unbedingt von Anfang an.

3.      Gewinnerwartung? Kalkuliere mit dem ertragbaren Verlust

Die meisten von uns bekommen Bauchschmerzen, wenn Sie Kredite aufnehmen sollen. Anders als Manager kalkulieren wir SlowGrow-Unternehmer keine Gewinne, sondern ertragbare Verluste. Womit können wir gut schlafen? Das ist die Summe, die wir aufzunehmen bereit sind. Bei mir ist das übrigens null, das mag Familienhistorisch bedingt sein.  Deshalb finanziere ich alles aus privaten Mitteln.

Denn bitte vergessen Sie nicht: Eine unternehmerische Haltung wird von den Eltern weitergegeben. Da  die meisten von uns keine Unternehmer-Eltern hatten, ist der uns Nicht-Unternehmerkinder maximal erträgliche Kontext am  Anfang oft der Freiberuflers.  Die Jahre verändern das, mit ihnen steigt bei erfolgreichen Freiberuflern auch die Selbstwirksamkeitserwartung.

Nachwachsende Generationen, die ja schon  ganz andere Lebens- und Arbeitsmodelle vorgelebt bekommen, werden sich hier ganz sicher anders verhalten. Mutiger!

4. Geheimhalten? Quatsch: Sprechen wir drüber

„Ich hab eine Idee und keiner darf es wissen.“ Was für ein Quatsch! Ideen, die kaum ausgesprochen, schon abgekupfert sind, sind sowieso nicht markttauglich. Es geht gar nicht um Win-Loose, da der Kuchen sowieso noch nicht gebacken ist. Co-Kreiieren nennt es St. Gallen: Durch die Ideen der anderen und Partner entsteht der Erfolg. Deshalb teste ich meine Produkte in meinem Fanbereich bei Facebook. Deshalb gehe ich stets auf Feedback ein und schaue mir immer an, was ich auch aus kritischen Rückmeldungen lernen kann. Kundendialog gehört genauso dazu wie Kollegendialog. Wozu es führt, wenn Manager abgekoppelt sind vom Feedback, sehen wir jeden Tag. Und auch die Unternehmer das Typs „ich weiß am besten, was ich kann und brauche keine Berater“ sterben gottseidank aus.

5. Idee oder Persönlichkeit? Natürlich Persönlichkeit

Jeder kann  gründen, auch das ist eine These in meinem Buch. Was Entrepreneure besser können als andere ist der Umgang mit dem Unerwarteten. Es entwickelt sich nicht wie gedacht? Kein Problem: So lange Sie keinen Business Plan haben, an dem Sie sich krampfhaft festhalten, können Sie sich auf Neues immer einstellen.  Auch der Umgang mit dem Unerwarteten ist lernbar.

„Entrepreneurs are made not born“, sagt das Video. Genauso ist es.


5 Kommentare zu “St. Gallen slow growt – und sagt: Jeder kann gründen

  1. Sehr schön, Svenja, du schreibst mir mal wieder aus der Seele.

    Ich finde das Slow-Grow-Prinzip richtig gut und habe das Buch schon vielen meiner Klienten ans Herz gelegt.

    Besonders denen, die hartnäckig mit ihrer angeblich nicht vorhandenen “Unternehmerpersönlichkeit” hadern. Oder denjenigen, die durch den Mythos “ich muss mit jetzt absolut festlegen, wo die Reise hingehen soll.” üble Bauchschmerzen haben und daher oft nicht zu Potte kommen.

    Herzliche Grüße
    Sabine

  2. Liebe Svenja,
    Glückwunsch zu der Rückendeckung aus St. Gallen!
    Für mich ist Dein Slow grow ein guter Ratgeber, immer dann, wenn ich ungeduldig werde und auch hadere. Es erinnert mich immer wieder, dass es Schritt für Schritt in die richtige Richtung geht.
    Ja, reden darüber, das machen viele Gründer zu wenig. Mein Tipp dazu, Blog schreiben hilft und gewöhnt einen daran, immer wieder seine Themen zu kommunizieren. Das kann ich nur empfehlen!
    Gerade den Umgang mit dem Unerwarteten genieße ich am Unternehmertum. Es kommen so ganz spannende Themen auf einen zu, wenn man es zulässt.

    Herzliche Grüße
    Silke

  3. Liebe Frau Hofert,

    mit Interesse verfolge ich Ihren Blog, habe mir vor längerer Zeit auch Ihr Slow-Grow-Buch zugelegt und vieles wiedergefunden, was ich selber unterschreiben würde. Auch ich stoße – besonders bei eingefleischten Unternehmern der alten Schule – immer wieder auf Skepsis und Unverständnis, wenn es um die Themen Coachingkonzepte, Firmenentwicklung, Existenzgründung o.ä. geht. Aber der Erfolg gibt Ihnen, mir und anderen, die das Slow-Grow-Prinzip auf die ein oder andere Art anwenden, recht: Es funktioniert, ist zeitgemäß und auf lange Sicht eine stabile Basis für unternehmerische/freiberufliche Tätigkeiten. Wunderbar, dass Sie das Buch geschrieben haben, und ich freue mich für Sie, dass die Uni St. Gallen Ihre Auffassung untermauert. Die Berliner Werkstatt für Entrepreneure unter Prof. Faltin tut das übrigens auch.

    Beste Grüße,

    Marion Rohwedder

  4. Liebe Frau Hofert, auch ich habe in den letzten Tage ihr Buch zum Slow Grow Prinzip gelesen. Und ich war wirklich sehr angetan von dem Ansatz. Für die meisten von uns bedeutet der Schritt in die Selbständigkeit ja eine größere Veränderung. Weg von der sicheren abhängigen Beschäftigung hin zur unsicheren unabhängigen Selbstständigkeit. Und da ist es aus meiner Sicht sehr intelligent kleine, machbare aber auch vollständig abgeschlossene Schritte – wie die Gründungsprojekte – zu gehen und aus jedem der Schritte zu lernen und sich langsam mit den Veränderungen vertraut zu machen. Ich selbst beschäftige mich seit längerem mit der Macht positiver Gefühle und weiß daher, dass ohne positive Gefühle wie Spaß, Freude und/oder Zuversicht eine Veränderung überhaupt gar nicht möglich ist. Das heißt wenn wir uns zu viel vornehmen und Frustrationen oder Ängste überhand nehmen sind wir aus neurobiologischen Gründen gar nicht mehr in der Lage konstruktive Lösungen zu finden und weiter zu machen. Besonders gefallen hat mir ihr Statement zum Mittelmaß. Das wir endlich wieder mal menschlich sein dürfen und nicht zu vermeintlich perfekt funktionierenden Maschinen mutieren müssen. Denn gerade unsere Menschlichkeit macht uns ja auch liebenswert. Herzlichen Dank dafür Martina Baehr

    • Liebe Frau Baehr, Ihr Statement freut mich sehr. Ich finde auch: Wir denken zu viel in Top-Leistungen und zu früh. Um “groß und stark” zu werden, muss man im eigenen Tempo wachsen – nur dadurch kommen die von Ihnen beschriebenen positiven Gefühle. Dann kommt später vielleicht auch eine Top-Leistung, vielleicht auch guter Durchschnitt. Dieser Aspekt wird von der männlich dominierten Leistungsliteratur leider ausgeblendet… Ein Argument, dass mir öfter entgegengebracht wird: Die Leistungsorientierung würde das generelle Niveau heben. Wirklich? Ich sehe nur eine generell größere Spaltung. Das ist wie die Diskussion, ob mich lieber mehr um die schwachen oder um die leistungsstarken Schüler kümmert. Ich sage: Und wo bleiben die in der Mitte?
      LG Svenja Hofert

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