Die neue Problem-Kultur oder: Warum das Problem die Lösung ist

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Probleme waren lange tabu in unserer Ergebniskultur. Es ging immer und überall um Ziele. Als Trainer  lernten und lehrten wir diese „smart“ zu deklinieren. Als Fach- und Führungskräfte hämmerte man uns ein, dass Erfolg stets an Zielerreichung gekoppelt ist. Wir stellten insofern auch nicht in Frage, wenn wir „mit Zielen“ geführt wurden, selbst außerhalb des Vertriebs. Auch Existenzgründer und Unternehmer kennen die Vorherrschaft der Ziele: Mit Business Plänen waren sie seit Mitte der 1980er Jahre genötigt, in Umsatz- und Gewinnzielen zu denken, jedenfalls wenn sie Kredite wollten.

Und nun? Ziele sind out. Das Problem kommt! Ich lese überall von ihm, und das freut mich sehr. Das ursprüngliche, echte Problem, nicht etwa seine karrikaturhafte Verzerrung, die so genannte Herausforderung. Mit dem Problem verändert sich unser Denken. Vor kurzem noch war das Problem definiert als besser totzuschweigende Vorstufe des Ziels. Jetzt darf wieder offen über Probleme geredet werden, so wie deren  intelligente Lösung, vorzugsweise in und durch Gruppen.

In der Managementliteratur verflüchtigt sich Ziel- und Effizienzdenken, Denker vwerdrängen Rampensäue oder Rampensäue geben sich den Anstrich des Denkers. Im weiteren Sinne wissenschaftliches und/oder ingenieurmäßiges Denken kehrt ein oder zurück, welches sich auch Reinhard Sprenger in seinem „Radikal führen“ zu eigen macht. Nicht die Zielerreichung ist Kernaufgabe der Führung, sondern die Problemschaffung. Denn nur wer Probleme lösen kann (und will), kooperiert  mit anderen, nur er ist zur Zusammenarbeit fähig. Insofern sei es die Aufgabe der Führung, Probleme zu schaffen und Zusammenarbeit zwecks Problemlösung zu organisieren. Der Sinn der Arbeit entsteht durch gemeinsame Problemlösung. Nach Spiral Dynamics argumentiert Sprenger ziemlich grün.

Ich mag die Rückbesinnung auf das Problem, sie ist gut für die Innovation und die Weiterentwicklung von allem.  Die Sache mit der Zusammenarbeit scheint mir Herr Sprenger etwas zu idealisieren. Ist es nicht überall zu beobachten, dass kreative Prozesse in Einzelleistung kräftiger entstehen? Schaue ich mir Initiativen spiral dynamisch grün ausgerichteter Teams an, etwa zur Etablierung von Schulmensen, bin ich sehr verhalten, was deren Wirkkraft betrifft, so lange nicht diese eine Person das Team bereichert, die mit einer besonderen Power und strategischen Innovationskraft die anderen treibt.

Wirksame (im Sinne der Problemlösung) Initiativen brauchen einen durchaus auch machtorientierten Treiber, siehe auch die Schweizer Abzocke-Initiative von Thomas Minder. Das war die Leistung eines Einzelnen, der es schaffte, andere einzubinden. Man stelle sich vor, es hätte keine starke Kraft wie Minder gegeben. Die Sache wäre im Sand und ewigen Diskussionen verlaufen. Mit Kollege Thorsten Visbal habe ich vor einigen Jahren das Buch „Ich hasse Teams“ geschrieben und nein, ich glaube nicht an gleichmacherische Teams – sehr wohl aber an eine Unterschiedlichkeit berücksichtigende Kooperation und die bindende Kraft von Problemen, vorzugsweise von solchen, deren Lösung einen Sinn machen.

Neben dem Problem hat, so meine tiefe Überzeugung, auch der Idealist eine Zukunft. Problemorientierung und Idealismus liegen relativ nah beieinander. Sie sind sehr gute Verbündete.  Ich glaube, sie werden das Ziel besiegen.

Das Problem hat auch deshalb eine große Zukunft. „Wenn das die Lösung ist, will ich mein Problem wiederhaben“, hatte meine Kollegin in Postkartenform auf ihrem Schrank stehen. Toller Spruch. Weil er so gut auf den Punkt bringt,  was Menschen antreibt und, folgt man Sprenger, auch zur Zusammenarbeit verbindet. Das Problem, und eben nicht seine Lösung.

 

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

2 Kommentare zu “Die neue Problem-Kultur oder: Warum das Problem die Lösung ist

  1. Interessante Prognose! Gefällt mir natürlich sehr, weil das Problem immer auch bezwungen werden will. Auch die Ehrlichkeit gefällt mir daran. Aber Idealisten… wirklich? Ich will meine Probleme lieber ohne Idealisten, die schon aus Prinzip kein Problem lösen (ohne in der Lösung ein neues zu sehen). Fällt das zusammen mit der Generation Y? Und warum sind Pragmatiker und Problem nicht mindestens ein ebenso schönes Paar?

    • Ich meine keinen dumpfen Idealismus, sondern Leute die pragmatisch genug sind zu sagen: „Um diese Welt zu verbessern, muss ich richtig, richtig gut werden, eine Ausbildung in der besten Uni machen und dann werde ich ein Social Business gründen.“ Wir brauchen Weltverbesserer!
      Dieses Wertesystem ist türkis in Spiral Dynamcis, es beinhaltet die pragmatische Sichtweise auf vorherige Levels. Man kann nur etwas erreichen, indem man Menschen mitnimmt die ganz anders denken, siehe Minder. LG Svenja Hofert

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