Leben, nicht überleben! Die Zukunft der freien Journalisten

Ob Fernsehen, Print oder Radio – überall ist die Stimmung gedrückt. Honorare verfallen, Konkurrenz wächst. Frust schieben oder nach vorne schauen? Ich habe viele Kunden aus dem Medienbereich, höre von daher eine Menge auch weniger Schönes – und bin dennoch fürs Nachvorneschauen! So freue ich mich  über Journalisten, die den Wandel anpacken wollen und bereit sind, sich  Veränderungen zu stellen. In Benjamin O’Daniel habe ich so jemanden gefunden und angesprochen. Mit dem 32-jährigen freien Journalisten führte ich ein offenes Gespräch über Wege, die ein „artgerechtes“ Journalisten-Leben im digitalen Zeitalter ermöglichen.

(Es ist 9 Uhr morgens). Was machen Sie gerade und wo?

O´Daniel: Ich habe meine Tochter zur Tagesmutter gebracht und jetzt sitze ich in meinem Büro in Köln-Ehrenfeld. Es tut gut, seinen Arbeitsplatz außerhalb der Wohnung zu haben.

Sie sind gelernter Lokaljournalist. Das sind die Journalisten, die immer noch „alles lernen“ und sich normalerweise als Generalisten sehen. Und dann haben Sie auch noch Politikwissenschaft studiert! Aber typisch sind Sie nicht. Sie sind zum Beispiel gern ein Freiberufler und sehen das nicht als Notlösung.

O´Daniel: Ich habe mich nach meinem Volontariat vor drei Jahren bewusst für die Selbstständigkeit entschieden, obwohl ich auch andere Optionen hatte. Für mich bietet die Selbstständigkeit die interessanteren Perspektiven: Unabhängigkeit und Freiheit neue Ideen umzusetzen. Mittlerweile habe ich bereits mehrere Angebote für feste Stellen ausgeschlagen. Finanziell geht es mir gut. Ich arbeite in mehreren Projekten im Print- und Online-Bereich. So bin ich nicht von nur einem Kunden existenziell abhängig. Einzelaufträge haben im Vergleich dazu einen kleinen Stellenwert. Ich achte außerdem darauf, dass ich immer noch Zeit für eigene Projekte habe und mich weiterbilden kann.

Wie aus einem meiner Bücher, da empfehle ich diese Aufteilung Diese Art zu arbeiten ist allerdings schwierig bei einigen Fernsehjournalisten, die sich teils über Wochen binden müssen. Hier braucht man individuelle Lösungen, am besten ein zweites Standbein.

O´Daniel: Es entstehen viele neue Arbeitsfelder, in denen Journalisten heute etwas Eigenes auf die Beine stellen können. Zu ihrem Fernsehjournalisten fällt mir spontan ein: Er könnte Experte für professionelle iPhone-Filme werden, Youtube-Tutorials dazu erstellen und später, wenn er bekannt ist, Webinare anbieten. Ich sehe aber auch viele Kollegen, die nicht nur als Journalist, sondern im klassischen Dreibein auch als Referent und Trainer unterwegs sind. Man kann immer mehrere Standbeine haben, nur sollte man sie auf jeden Fall professionalisieren und aktiv kommunizieren. Die Zeit des freien Journalisten, der als eierlegende Wollmilchsau alles macht, was er so angeboten bekommt, ist vorbei. Die Kunden suchen nach Spezialisten. Und sie finden die Spezialisten übers Netz.

Als Trainer zu arbeiten oder Webinare anzubieten – das ist eine Richtung für die eher Extrovertierten und /oder Selbstbewussten. Das kann nicht jeder.

O´Daniel: Aber es gibt eben auch genügend andere Felder. Ich kenne Kollegen, die als Ghostwriter arbeiten, als Texter oder als Redenschreiber im Hintergrund. Ich selbst schreibe nicht nur, sondern berate auch Kunden, wie sie ihren Content verbessern können. Außerdem manage ich Projekte eigenverantwortlich, vom Redaktionsplan bis zur Steuerung anderer Autoren und Grafiker. Einfache Textaufträge in einem unspezifischen Umfeld kann jeder erledigen – da werden die Honorare nicht steigen. Ich sehe die Entwicklung ähnlich wie in der IT-Branche. Einfache Programmierung wird nach Asien oder Osteuropa outgesourct. Das Management von Inhalten, die Qualitätssicherung, die Entwicklungsarbeit, diese schwierigen Aufgaben bleiben. Outsourcing klappt im Journalismus natürlich nicht gut, stattdessen gibt es eben den Preisverfall bei den Honoraren.

Richtig! Viele schauen nur auf die klassische PR, aber auch da ist die Konkurrenz inzwischen zu groß. Es gibt neue Felder, das Internet gibt viel her. Ich lese immer mehr Blogger in traditionellen Medien…. Content-Marketing ist auch ein Thema. Dafür müssen Texte gut sein. Der SEO-Müll der letzten Jahre funktioniert doch nicht mehr lange!

O´Daniel: Der Journalismus wird auf allen Ebenen inhaltlich anspruchsvoller und zugleich technischer und komplexer. Man muss sich in Print und Online richtig gut auskennen – und zwar auf der Praxis-Ebene. Einen Blog mit WordPress zu bauen ist keine Kunst, das kann jeder lernen oder sich für vergleichsweise wenig Geld umsetzen lassen. Und sich damit gleich ein neues Betätigungsfeld schaffen. Viele Tätigkeiten entlang der eigenen Kompetenzen, aber mit Fokus auf ein Thema verschmelzen, das ist die Kunst.

Ich sehe auch hinter vielen Twitteraccounts von Firmen und Organisationen Journalisten. Die machen es richtig. Auch twittern ist eine neue Form des Journalismus. Man kann es gut machen und schlecht.

O´Daniel: Das sehen viele leider nicht so. Wenn ich bedenke, welchen minimalen Raum das Thema Online in meiner sonst sehr guten Ausbildung hatte… Das Image von Online war immer eines der zweiten Klasse. Viele kommen nicht damit zurecht, dass die zweite Klasse gerade die erste überholt… Die Onliner sind die neuen Taktgeber.

Ich sehe bei manchen der Journalistenschulen auch die Verlagsgebundenheit als das Problem. Ein erfolgreicher Journalist der Zukunft wird sich seinen eigenen Namen aufbauen müssen. Die Ausbildung fördert das nicht, genauso wenig wie sie normalerweise Selbstständigkeit als Option jenseits eines Sklavenverhältnis Verlag-Freier vermittelt. Verlage werden aus meiner Sicht irgendwann vor allem Content-Makler sein.

O´Daniel: Tatsache ist, dass sich die journalistische Landschaft in kurzer Zeit deutlich verändert hat. Es haben sich viele freie Journalisten etabliert, die sich eine eigene Community aufgebaut haben und deren Name für Qualität steht. Ulrike Langer, Mario Sixtus, Daniel Fiene – um nur einige Beispiele zu nennen.

Die traditionellen Journalistenausbilder beharrten lang auf ihrem alten Denken, ein Journalist müsse sich alle Themen erarbeiten können. Was für ein Unsinn, das lässt die Wissensgesellschaft vielfach nicht mehr zu!

O´Daniel: Das gilt für festangestellte Journalisten sicher immer noch. Aber freie Journalisten sollten sich auf wenige Themen konzentrieren und verschiedene Kompetenzen intelligent mixen. Es gibt jede Menge kleine Themennischen, die sehr erfolgreich besetzt worden sind. Das Blog „Lousy Pennies“ berichtet darüber immer wieder.

Man muss allerdings dranbleiben. Und das liegt vielen nicht. Man braucht ein bis zwei Jahre Anlauf und muss hartnäckig sein. Sehr sogar.

O´Daniel: Das mag viel Arbeit sein, es lohnt sich aber. Es gibt ja eine schöne Unterscheidung: Man kann in seinem Unternehmen arbeiten, also Textaufträge abarbeiten. Oder man arbeitet an seinem Unternehmen, schaut also, welche Zukunftsfelder man sich erschließen will oder wie man sein Portfolio optimieren möchte.

Das sehe ich auch so. Hinzu kommt: Journalisten sind nicht so gewohnt, sich selbst darzustellen. Schade. Sie, Herr O´Daniel, machen es gut, auf Ihrer Seite findet man keine Feder oder eines dieser unsäglichen visuellen Schreibsymbole.

O´Daniel: Danke! Auch die Arbeit am eigenen Auftritt ist harte Arbeit. Ich überarbeite meine Seite regelmäßig. Meine Selbstständigkeit entwickelt sich ständig weiter. Immer wenn ich etwas lese, habe ich gleich neue Ideen, die ich umsetzen will.

Eine solche Offenheit für Neues ist ohne Frage einer der wichtigsten Voraussetzungen, seine Zukunft selbst zu gestalten. Und das ist wohl eine der wesentlichen Dinge, die einen Journalisten auszeichnet, der auch im Jahr 2020 noch gut im Geschäft sein wird.

Wie geht es…? Im zweiten Teil stellen Ihnen Benjamin O´Daniel und ich je drei journalistische Projekte vor, die zeigen, wie man freien Journalismus neu denken kann. Bis Morgen!

About Svenja Hofert

Seit ich im Jahr 2000 meinen Job bei einem internationalen, börsennotierten Konzern aufgab, habe ich viel gemacht: Ich habe 35 Bücher geschrieben, mehrere Portale aufgebaut und Unternehmen gegründet. Mit allem unterstütze ich dabei den "nächsten Schritt" zu gehen - in der Karriere, als Team und auch als Berater, Trainer oder Coach. In diesem Blog verpacke ich meine Erfahrung aus mehr als 15.000 Beratungs- und Coachingsstunden in Impulse und Meinungen. Beratungsangebote finden Sie auf unserer Website Karriere & Entwicklung, Seminartermine auf www.karriereexperten.com.

Über Svenja Hofert

Seit ich im Jahr 2000 meinen Job bei einem internationalen, börsennotierten Konzern aufgab, habe ich viel gemacht: Ich habe 35 Bücher geschrieben, mehrere Portale aufgebaut und Unternehmen gegründet. Mit allem unterstütze ich dabei den "nächsten Schritt" zu gehen - in der Karriere, als Team und auch als Berater, Trainer oder Coach. In diesem Blog verpacke ich meine Erfahrung aus mehr als 15.000 Beratungs- und Coachingsstunden in Impulse und Meinungen. Beratungsangebote finden Sie auf unserer Website Karriere & Entwicklung, Seminartermine auf www.karriereexperten.com.

2 Kommentare zu “Leben, nicht überleben! Die Zukunft der freien Journalisten

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