Warum Berater und Coachs besser neurotisch sein sollten, und Piloten eher nicht

Fliegen Sie? Dann hoffen Sie mal, dass Ihre Airline einen ordentlichen Persönlichkeitstest gemacht hat, am besten die wissenschaftlich weitgehend unumstrittenen Big Five. Stellen Sie sich nur vor, der Pilot neigte zu psychischer Instabilität, auch Neurotizismus genannt. Dann könnte er schnell nervös werden, wenn Turbulenzen kommen. Folge wäre der paralysierte-Kaninchen-Effekt oder aber ein hysterisches Nach-Luft-Geschnappe. Beides macht handlungsunfähig, was für die 255 Passagiere an Bord des Fluges SH 234 weniger lustig wäre. Neurotische Menschen wünschen wir uns auch nicht als Verantwortliche von Atomkraftwerken oder als Kapitäne von Kreuzfahrtschiffen. Apropos: Schettinos Arbeitgeber hat wohl keinen Test gemacht.

big5neuroIn den letzten Wochen habe ich an dieser Stelle über die Big-Five-Persönlichkeitsdimension Offenheit für Erfahrungen und Extraversion geschrieben. Nun folgt als dritter Faktor Neurotizismus.  Es ist der einzige Persönlichkeitsfaktor, für den man eindeutig ein Gen verantwortlich machen kann, das mütter- oder/und väterlicherseits verkürzt vererbt werden kann und dafür sorgt, dass weniger Serotonintransporter produziert werden. Das Serotonin wird also weniger effizient entsorgt. Aber Neurotizismus ist nicht gleich Neurotizismus, wie man im Bild sieht. Er kann mit einem stärkeren Blick auf Risiken verbunden sein, mit mehr Sorgen oder Zurückhaltung – oder mit allem zugleich.

Neurotizismus ist auch deshalb ein schwieriger – man könnte sagen „unbeliebter“ – Wert, weil man ihm anders als der Introversion als Gegenpart zur Extraversion nur auf den zweiten Blick Positives abgewinnen kann. Auf den ersten Blick: Neurotizismus macht kritisch, nervös, leicht aus der Haut fahrend, schwerer leidend an allem Möglichen vom Chefrüffel bis zur Scheidung. Auf den zweiten Blick: Es macht feinfühlig, empfindsam, emotional, mitfühlend. Man denkt mehr und tiefer nach über alles Mögliche oder Spezielles, was positive Effekte für künstlerische Ambitionen oder auch die Wissenschaft haben kann.

Die Schattenseite sind am Ende der Skala psychische Krankheiten wie Depression, Magersucht, Bulimie, Alkoholismus und Borderline. Eine Ausnahme in dieser Riege scheinen die Psychopathen zu machen, die sich durch Gefühlskälte auszeichnen, also extrem niedrige Werte bei Neurotizismus haben (und zusätzlich niedrige Werte bei  Verträglichkeit). Keine andere Dimension bestimmt unsere Gefühlswelt so wie der Neurotizismus. Von den Betroffenen wird er leider oft als negativ, hemmend, einschränkend empfunden. Dabei sollte man den Blick lenken auf die Emotionalität und Empfindsamkeit, die in vielen Berufen hilfreich ist.

Coachs, Berater und Psychologen haben wahrscheinlich öfter einen höheren Neurotizismus. Wenn Sie sich als Coach Sorgen machen, weil ein Klient sich nicht meldet, der in einer kritischen Situation steckte, dann könnte man einerseits sagen, Sie sind nicht dissoziiert genug. Andrerseits macht es Sie sympathisch, weil sie eben keine „coole Socke“ sind.

Oft werde ich von jungen Leuten gefragt, ob es denn in Ordnung sei, Psychologie zu studieren, wenn man doch selbst eine Therapie hinter sich habe oder noch mache. Manche sagen: gerade dann. Meines Wissens gibt es keine Untersuchung, die belegt, dass Menschen mit höherem Neurotizismus häufiger eine Therapie machen, doch es ist naheliegend. Untersuchungen mit Zwillingen scheinen jedenfalls zu zeigen, dass es einen Zusammenhang zwischen eher schlechter auch physischer Gesundheit und Neurotizismus gibt. Offenbar können Gewissenhaftigkeit und Offenheit gegenwirken. Wer also höhere Werte im Neurotizismus hat und zugleich gewissenhaft und offen ist, könnte weniger unter den negativen Folgen leiden.

Es bleibt die Tatsache: Wer selbst einmal die Erfahrung gemacht hat, was Leid und Leiden bedeutet, kann sich besser mit Leuten identifizieren, die das Leben nicht auf die leichte Schulter nehmen. Neurotizismus macht dünnhäutiger und feinfühliger. Und vorsichtiger, was durchaus Vorteile haben kann: Es wird vermutlich keinen Menschen mit einem hohen Neurotizismus geben, der je den Mount Everest erklommen hat, sagt der Evolutionspsychologe Daniel Nettle in seinem genialen Buch „Persönlichkeit“ (empfehlenswert für Fortgeschrittene und mit 4,95 EUR viel zu billig -> Kaufen, unbedingt!).  Da viele Menschen beim Aufstieg auf diesen Gipfel ums Leben gekommen sind, sorgt Neurotizismus aber eben auch für ein sicheres Leben.

Hoher Neurotizismus macht nicht unbedingt weniger leistungsfähig, negativer Stress wird aber früher empfunden. So habe ich Unternehmensberater mit hohen Neurotizismuswerten gesehen. Ich behaupte nach allem, was man mir berichtet hat, dass Berater üblicherweise auf einem vielfach höheren Niveau arbeiten als Konzernangestellte: schneller, abwechslungsreicher, analytischer, methodischer und schlicht und ergreifend mehr. Gleichzeitig sind Strategieberater ewig vom up or out bedroht, was für neurotische Menschen eine Belastung ist – aber, und das ist das Seltsame, manchmal überhaupt erst dafür sorgt, dass jemand bei der Stange bleibt. Ein weniger neurotischer Mensch würde nämlich sagen: „Was soll´s, such ich mir halt was anderes. Schlaflose Nächte – Warum?“  Fördert also Neurotizismus bestimmte Karrieren, jedenfalls wenn er nicht allzu ausgeprägt ist? Anscheinend lässt sich diese These zumindest für Leistungsträger wie Spitzensportler belegen. Sie wurden mit dem BIP-6F getestet, einer von Rüdiger Hossiep entwickelten und um die Dimension Kooperation erweiterten Variante des Bochumer Inventars, das auf den Big Five beruht.

Anders scheint es bei Unternehmern zu sein. Sie haben laut aktueller Studien besser einen niedrigen Neurotizismus, wenn sie erfolgreich sein wollen. Das lässt sie ins Risiko gehen. Sie können nachts gut schlafen, auch wenn der nächste Monat alles andere als gesichert ist. Erst recht gilt das für Anlageverhalten: Hoher Neurotizismus geht mit Risikovermeidung einher.

Die Auswirkung der Persönlichkeitsdimension Neurotizismus beziehen sich sogar auf die Nutzung von E-Recruting-Instrumenten, wie eine weitere Studie herausfand: Menschen mit höherem
Neurotizismus haben mehr Bedenken bei der Nutzung von Webformularen, z.B. bezogen auf den Datenschutz (Jennifer Pommerien, E-Recruiting aus Bewerbersicht).

Im Coaching sind neurotische Menschen die Kandidaten, die möglicherweise einen längeren Prozess brauchen, bis sie sich und Ihr Verhalten ändern. Menschen mit den wunderbarsten Talenten sehen oder akzeptieren diese nicht, weil sie sich selbst im Weg stehen, etwa indem sie sich über vollkommen unnütze Dinge Gedanken machen. Es ist unmöglich, ihnen mit rationalen Argumenten beizukommen. Verstandesmäßig haben sie alles durchdrungen. Trotzdem bewerten sie sich schlechter, trauen sich weniger zu, sind vorsichtiger. Während ein Mensch mit niedrigem Neurotizismus locker sagt „Mist Firma, such ich mir hat was Neues“ grübeln sie ewig darüber nach, was an ihnen liegen könnte und welche schlimmen Konsequenzen Arbeitslosigkeit haben würde.

Sie haben einen höheren Neurotizismus, was schon der Schnellselbstcheck meiner oben gezeigten fünf Unterdimensionen andeuten kann? Für Menschen mit höherem Neurotizismus kann es von Vorteil sein kann, sich Themen zu widmen, die a.) für Erfolgserlebnisse sorgen, weil sie leicht fallen und b.) Gute-Nacht-Kompatibel sind. Weiterhin ist entscheidend welche Dimensionen ausgeprägt sind. Jemand mit Blick auf Risiken kann beste Dienste leisten – wenn das Umfeld stimmt. Welches das genau ist, ist individuell ganz verschieden. Nur so viel ist sicher: Pilot eher nicht.

 

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

4 Kommentare zu “Warum Berater und Coachs besser neurotisch sein sollten, und Piloten eher nicht

  1. Liebe Svenja Hofert;

    dieser Artikel beschreibt sehr eindrücklich, dass eben alle Facetten von Menschen ihre Daseinsberechtigung in unserer Welt haben. Und dass jede „Eigenheit“ eben auch zu etwas gut sein kann. Was mich interessieren würde ist, inwieweit Neurotizismus und Hochsensibilität einher gehen. Ist Ihnen dazu etwas bekannt? Für mich klingt das so, als würden diese beiden Dinge nahe beieinander liegen…

    Mit neurotischen Grüßen 😉
    Bettina Schöbitz | Respektspezialistin

  2. Die Urmotivation jedes Trainers, Beraters oder Coach ist das Aufarbeiten der eigenen „Themen“. Wichtig wäre eben, dass die Themen auch tatsächlich beigelegt sind…

  3. Pingback: Infoblatt: Abgrenzung, Grenzen setzen | Achte jeden Augenblick

  4. Pingback: Prüfungsangst und Lampenfieber mal anders: Wenn Menschen zu cool sind und sich selbst überschätzen | Svenja Hofert HR- und Karriereblog +Akademie

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