Kolumnen zu Karriere, Führung und Entwicklung

Die Geschichte des Karrierecoachings

By | 2013-08-19T00:24:32+00:00 18. August 2013|

Zur Geschichte des Coachings schrieb in den letzten Wochen der Medienlotse Dr. Jan C. Rode im Kexblog. Ich möchte mich hier der Geschichte des Karrierecoachings widmen. Die ergänzt den Beitrag „was macht eigentlich…?“, den ich vor einem Jahr hier veröffentlicht habe.

Karrierecoaching: Was ist das eigentlich? Neben dem „systemischen Coaching“ führt berufs- und karrierebezogene Beratung ein Schattendasein. Und das obwohl  55% aller Coachinganlässe beruflich bedingt sind. Für diese Aussage habe ich Christopher Rauens schönes Tortendiagramm zugrunde gelegt (allerdings ergeben hier alle Anlässe zusammen nur 78%, da fehlt was ;-)).

geschichte_karrierecoachingEine Fusion von beruflicher Beratung und beruflichem Coaching ist im angloamerikanischen Raum als Career Counseling (amerikanisch Counselling) seit Jahrzehnten etabliert. Der Begriff wird dabei im englischen Sprachraum weitestgehend synonym zum Begriff  Career Coaching verwendet.

Mir ist keine vernünftige deutsche Definition begegnet (vielleicht weil es keinen ernstzunehmenden Verband gibt), die eine nachvollziehbare und nicht vereinspolitisch oder kommerziell motivierte Definition anbietet.

Deshalb zitiere ich hier Mark Pope, einen 1952 geborener Counselor, der „A  brief history of career counseling in the United States“ geschrieben hat:

Career coaching focuses on work and career or issues around careers. It is similar in nature to career counseling and traditional counseling. (…) Another common term for a career coach is career guide, although career guides typically use techniques drawn not only from coaching, but also mentoring, advising and consulting.

In Deutschland konnte der Begriff Counseling kaum Fuß fassen. Recherchiert man Career Counseling findet man den 1986 gegründeten, etwas verstaubt wirkenden Verband BVPPT.  Das Thema Karriere spielt hier offensichtlich keine explizite Rolle.

Wie fing alles an?

Das erste Element der Karriere ist die Berufswahl. Insofern steht Berufsberatung ganz am Anfang. Auch wenn unsere Schweizer Nachbarn in Sachen Frauenwahlrecht echte Nachzügler waren, in Fragen der Berufsberatung sind sie fortschrittlich. So etablierten die Kantone schon Mitte des 19.Jahrhunderts eine Beratung für Lehrlinge. Das war noch bevor sich etwa Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA die Erkenntnis durchsetzte, das eine Berufsentscheidung erstens frei und zweitens persönlichkeitsorientiert sein sollte, was damals durchaus als revolutionär anzusehen war. Nach dem ersten Weltkrieg begann man Soldaten in zivile Jobs zu vermitteln – und schaffte damit ein erstes Zwischending zwischen Personalvermittlung und Outplacement.

Heute ist die kantonale Laufbahnberatung überall etabliert, weshalb es auch kaum privates Karrierecoaching im Land gibt – seitens des Staats wird schon viel geboten. Die Schweiz entwickelte derweil so pragmatische Methoden wie das Züricher Ressourcen Modell  (ZRM) von Maja Storch, das in der Laufbahnberatung eingesetzt wird.

Deutschland: Verbot privater Berufsberatung bis 1998

Die Berufsberatung in Deutschland wurde 100 Jahre beschnitten. Sie war von Kaiserszeiten an bis zum Jahr 1998 Monopol des Arbeitsamtes. Mein Großvater war nach dem Krieg bis zu seiner Pensionierung in den 1970er Jahren in einer leitenden Funktion der Arbeitsamt-Berufsberatung tätig. Was genau er damals machte, kann ich ihn leider nicht mehr fragen. Jedenfalls behinderte das, was er tat, indirekt die Entstehung und Entwicklung freier Beratungsangebote. Berufsbezogene Beratung war folglich bis 1998 in Deutschland schlichtweg gar nicht erlaubt.

In den USA entwickelte sie sich dagegen viel früher. 1967 gründete sich die erste kommerzielle Outplacementberatung in den USA, in den 1980er Jahren kam das Thema auch zu uns. Outplacement versteht und verstand sich als firmenfinanzierte Fusion von Karriereberatung, Bewerbungsberatung, Coaching on the Job und Personalvermittlung. Berufsorientierung war in diesem Kontext nicht so stark gefragt, ging es doch – da der Auftrag vom Unternehmen kam – darum, Menschen möglichst schnell in Jobs zu vermitteln und Quoten zu erfüllen.

Eng mit der ersten, zweiten oder dritten Berufsentscheidung im Leben verzahnt ist die Kompetenzanalyse. Von meiner frankophilen Kooperationspartnerin weiß ich, dass Deutschland auch hier nicht nur den Schweizern, sondern auch den Franzosen hinterherhängt. Erst seit etwa 2006 wird bei uns zur Berufsberatung der Profilpass als Mittel zur Kompetenzbilanzierung propagiert. Ob er ein probates Mittel ist? Mit einfacher qualifizierten Menschen kann man damit super arbeiten. Bei Fortgeschrittenen sind Grenzen da, sie sagen oft:  „Das weiß ich ja alles schon.“

Zurück in die USA. In den 1960er Jahren zog mit John F. Kennedy die Sehnsucht nach einer sinnvollen Arbeit und individuellen Karriereentwicklung in die Herzen der Amerikaner ein. Der Höhepunkt lag in den 1970er Jahren, als Richard Nelson Bolles „What Color is your parachute“ und Barbara Shers „Wishcraft“ erschienen. In Deutschland kam die Bewegung, die auch die Career Counselors mitspülte, 20 Jahre später an. So entstand aus der Counseling-Bewegung, die letztendlich Carl Rogers 1948 mit seinem Buch „Counselling and Psychotherapy“ als eine neue Form psychosozialer Beratung begründet hatte. So entstand, Jahrzehnte nachdem Rogers mit dem Counseling therapeutische Ansätze auch Nicht-Therapeuten eröffnete, eine neue Variation oder auch Art berufsbezogener Beratung.

Drei Strömungen bis 1990er Jahre

Bis hierhin, wir sind in den 1990er Jahren in Deutschland, fließen also drei Strömungen ins Karrierecoaching ein: Berufsberatung, Outplacement, Kompetenzanalyse. Career Counseling „durfte“ aufgrund des Monopols seitens des Arbeitsamts keine Berufsberatung enthalten. Möglicherweise erklärt das, warum das, was man in Deutschland unter dem Stichwort Counseling findet, so wenig mit Karrierecoaching zu tun hat.

Man kann das deutsche Nachzüglertum sehr schön anhand von Spiral Dynamics erklären: Der übergeordnete Gedanke „jeder kann sein Job-Glück finden und hat ein Recht dazu“ von Bolles und Sher ist ein grünes Mem, eine  fortschrittliche Idee der Nach-Hippie-Zeit. Er folgte dem orangen amerikanischen Erfolgsdenken nach, das in den USA schon in die 1940er Jahren eine Blüte erlebte (spezifisch für die Zeit: das damals erschienene Büchlein von Napoleon Hill, „Denke nach und werde reich“!).

Deutschland als Hinterwald

Deutschland indes war nach dem Krieg blau geprägt – Blau folgt dem roten Chaos – , also mit vielen Regeln, Vorschriften, Formalien. Das orange Erfolgsdenken à la Napoleon Hill kam bei uns erst in den 1980er und mit den Yuppies bei an.  Die USA waren immer ein Level voraus. Dachten wir orange, waren die Amerikaner schon grün. Dachten wir grün, war die USA bereits gelb (dass es immer Visionäre gibt, die dem Denken der Mehrheit weit voraus sind, ändert nichts an der Grundtendenz). Im Karrierecoaching zeigte sich das an der „Mach-dein-Ding“-Welle.  Selbstverwirklichung, Flexibilität, Freelancertum sind allesamt Folgen gelber Ideen. All das kam bei uns erst in der Nach-New-Economy Zeit ab 2002 auf – im Grunde parallel mit dem Entstehen von Coaching als Methode auch außerhalb der Managementetagen.

Das erklärt die Zeitverzögerung. Wieso gibt es in den USA z.B. Career Counseling Masterstudiengänge und bei uns erst seit kurzem Coaching als Studium? Erklärt unser Nachzüglertum vielleicht auch die unterschiedlichen Ansätze im Coaching in den USA und bei uns?

Die Coachingwelle

Ja.

Etwa 2002 entstanden erste Coachingausbildungen. Ich habe mir die Zugriffe von Suchmaschinenenrobots auf einige Ausbilderseiten, u.a. auf die beiden Urgesteine Dr. Migge und Rauen, angeschaut: Die ersten Bewegungen auf deren Websites gibt es ab 2002 – so richtig Fahrt auf nahm das Ganze bei beiden aber erst ab 2004. Natürlich muss Coaching schon früher in die Unternehmen Einzug gehalten haben, Ausbildungen als kommerzielles Geschäftsmodell scheint es davor aber nicht als Massenanzugspunkt gegeben zu haben.

Ab 2004 etablierten sich Coaching-Verbände, etwa 2005 gründete sich die Deutsche Gesellschaft für Karriereberatung, wahrscheinlich in Abgrenzung zum Coaching. Deren Mitgliederzahl ist in all den Jahren mehr als überschaubar geblieben, in Sachen Öffentlichkeitsarbeit sind sie gar nicht in Erscheinung getreten.

Ich habe mich aus der ganzen Verbandsmeierei immer rausgehalten, weil ich erstens überzeugt bin, dass sich Qualität nicht an Stempeln zeigt und zweitens niemand gefunden habe, den ich für das Thema Karrierecoaching für glaubwürdig genug erachtete. Deshalb habe ich die Karriereexperten auch nicht als Verein gegründet. Ich sehe mich nicht in der Position, Qualitätskriterien zu definieren, da ich als Selbstständige kommerzielle Interessen habe. Das ist Sache von neutralen Institutionen, etwa Universitäten.

Oft wurde ich nach meiner Vision für die Karriereexperten gefragt. Nicht alle hören gern, was ich dann sage. Ich sehe im Coaching destruktive Tendenzen. Menschen wurden Coach per Ausbildung, die dazu aufgrund mangelnder Reife gar nicht geeignet wären. Bis vor kurzem wurde die Selbstständigkeit als Coach nach einer Ausbildung vielfach als Option mitverkauft. Das nimmt glücklicherweise ab.

Von Coaching kann keiner leben, es sei denn er bildet aus

Vor allem Dr. Migge blieb hier sympathisch ehrlich, wenn er sagt, dass nur 5% der Ausbildungsteilnehmer in den ersten fünf Jahren die Kosten für die Ausbildung überhaupt wieder reinbekommen. Meine Meinung: Coaching müsste es schaffen, sich letztendlich als wertvoller Methodenkoffer ähnlich wie Six Sigma zu positionieren (ja, ein trockener Vergleich, aber hier wie da  geht es um eine Methodensammlung, die im Coaching zudem höchst individuell ist). Als Handwerkszeug, das jeder braucht, der mit Menschen arbeitet, wenn er nicht z.B. eine Therapieausbildung hat und den Aspekt anders abdeckt. Weil die Positionierung als Methodenkoffer aber so deutlich nicht erfolgte, wurde Coaching seit etwa 2008 in Deutschland mehr und mehr zum Schimpfwort.

Zurück zu meiner Vision: Deshalb, also in Abgrenzung der Begriff Karriereexperte. Es ist ein Begriff aus dem gelben Level (Spiral Dynamics). Ein Experte muss einen Wissensvorsprung haben, um anderen etwas weitergeben zu können. Wer nur systemisches Coaching anwendet, hat eine Methode, aber keinen solchen Wissensvorsprung. Ein Karriereexperte kann mehr Coach sein oder mehr Berater – je nachdem. Für mich ist der Unterschied: In dem einen Fall geht es mehr um die Moderation eines Prozesses, im anderen auch um punktuelles Ratgeben. Die Trennlinien sind unscharf, am Ende handelt es sich um ein Kontinuum – das Handwerk des Beraters liegt darin, sich darauf der Situation entsprechend angemessen zu bewegen.

Karrierecoaching ist ein Coachingzweig, bei dem der Eingangsbereich ein Karrierethema ist – etwa: „ich will meine Karriere planen“. Dass man auch an solche Themen ganzheitlich rangehen muss, ist selbstverständlich. Ein systemischer Blick gehört auch dazu.

Karrierebezogenes Coaching wird bei uns leider oft zur Bewerbungsberatung degradiert – jedenfalls sehe ich eine  Reihe von Büchern, auf denen Karriere draufsteht, aber Bewerbung drin ist. Es ist aber nur ein Teilbereich und einer Orientierungs- und Strategieberatung nachgelagert.

karrierecoaching_element

 

 

 

 

Karrierecoaching kann dieses beinhalten:

 

  • Berufliche Orientierung und berufliche Neuorientierung, einschließlich Spezialthemen wie Life-Work-Planning
  • Kompetenzanalyse/-bilanzierung
  • Potenzialanalyse (darauf aufbauend)
  • Karriereplanung
  • Karrierestrategie
  • Karriereentwicklung
  • Bewerbungsberatung
  • Jobcoaching / Coaching on the Job
  • Gründungscoaching (sofern persönlichkeits- und prozessorientiert, sonst ist es Unternehmensberatung)

Meiner Meinung nach braucht man, um das alles gut machen zu können, Fachkenntnisse. Und niemand wird alles gleichermaßen anbieten können. Jedes der Themen bietet zudem genügend Raum für Spezialisierungen – was viel zu wenig wahrgenommen wird. Statt dessen gründet man als Sabbaticalcoach oder in einer anderen seltsamen Nische, die man mit dem, was ich in  meinem Buch „Das SlowGrow-Prinzip“ Quickpositionierung nenne, für mitunter viel Geld im Tagescoaching entwickelt.

Ich finde: Am Ende soll und wird der Markt entscheiden: Fühlen sich Klienten eher von einer systemischen Vorgehensweise angezogen, die den Ratschlag vermeidet, oder wollen die Kunden „Butter bei die Fische“? Wahrscheinlich ist es so: Alles zu seiner Zeit.

Vielleicht schafft es auch irgendein Wissenschaftler mal, die Wirksamkeit von Coaching (und Karrierecoaching und Berufsberatung und …..) nachzuweisen. Ist bisher nie gelungen. Denn was will man untersuchen außer ein subjektives Klientenfeedback wie „99% sagen, die Beratung war im Rückblick super hilfreich“ oder „das Coaching hat 80% der Teilnehmer neue Sichtweisen eröffnet“? Und was will man messen, wenn  nicht etwas Wertendes wie den Erfolg und die subjektive Zufriedenheit? Und: Ist subjektive Zufriedenheit dann nicht wieder ein Typfrage? D.h. sind neurotische Personen nicht schon aufgrund ihrer Persönlichkeitsstruktur, siehe Big Five, vom Naturell her seltener subjektiv zufrieden?

Ach nein, damit soll sich jemand beschäftigen, der an der Uni viel Zeit dazu hat und dafür bezahlt wird. Ich mach derweil meine Arbeit.

 

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides? Biografie | Unternehmen

4 Kommentare

  1. Sinah Altmann 18. August 2013 at 14:22 - Antwort

    Liebe Frau Hofert,

    vielen Dank für diesen Artikel, der mir zutiefst aus der Seele spricht.

    Herzliche Grüße aus Berlin, Sinah Altmann

    • Svenja Hofert 19. August 2013 at 00:05 - Antwort

      freut mich. Grüße fliegen ins wunderbare Berlin zurück 🙂 Svenja Hofert

  2. Gesa Jahncke 19. August 2013 at 15:43 - Antwort

    Guten Tag Frau Hofert,
    interessant, ehrlich, mutig, aufklärend, danke!
    Herzlichen Gruß aus Stuttgart,
    Gesa Jahncke

  3. Valentina Levant 29. August 2014 at 11:18 - Antwort

    Schönen guten Tag, liebe Frau Hofert,

    ein wunderbarer Artikel, der es auf den Punkt bringt. Es kann für manche sehr nützlich sein, daher poste ich es gerne auf meiner FB-Firmenseite! 🙂

    Herzliche Grüße aus Frankfurt! 🙂
    Valentina Levant

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