So schnell kann´s gehen: Wie sich 12 Monate Arbeitslosengeldanspruch durch äußere und innere Umstände ruckzuck auf 0 reduzieren

Ein Jahr Arbeitslosigkeit geht rum wie nix. 12 Monate Arbeitslosengeld im Normalfall – hört sich lang an. Aber es ist ruckzuck vorbei. Und es sind auch keine „echten“ zwölf Monate,  in denen man durchweg die Chance hat einen neuen Job zu bekommen.

Das sehe ich gerade mal wieder bei Kunden im Outplacement oder in der Prozessbegleitung. Meist haben sie spezialisierte Profile, fast immer sind es Akademiker. Deren Erfahrung:

  1. Im Jahr fallen etwa drei Monate aufgrund höherer Gewalt einfach AUS. Es  arbeitet sowieso niemand bzw. mindestens eine Person aus Fachabteilung, Person oder Führungsetage NICHT im:
  • Januar (bis einschließlich 3. Woche, also 2 Wochen)
  • gesamten Juli und August (8 Wochen)
  • halben Dezember (2 Wochen)

– 3 Monate = 9 Monate

So reduziert sich die Zeit zum Suchen, Bewerben etc. auf neun kurze Monate. So lange braucht ein Embryo bis zur Austragung. Und die Zeit geht schnell vorüber, wie Sie selbst vielleicht wissen werden!

Aber dabei bleibt es nicht.  Die Zeitreduktion geht weiter….

Sechs weitere Monate sind unvermeidlichen Kollatoralschäden geschuldet. Diese liegen nicht in der Macht des Bewerbers und auch nicht in der seines Beraters, sondern sind systemimmanent:

  • Mann/Frau muss den ganzen Mist erst mal verarbeiten. Schließung, Kündigung etc. Ich rechne pro Jahr Betriebszugehörigkeit mit einem Monat Trauer, Wut oder Depression, für die ersten 10 Jahre. Danach reduziert sich das Nach-dem-Job-Leiden auf ein halbes Jahr bis zum 20.. Leicht übertrieben, aber kein wirklicher Scherz. Sie können nämlich davon ausgehen, dass Menschen mit höherer Betriebszugehörigkeit vielfach einen höheren Neurotizismus haben, also grundsätzlich oft mehr LEIDEN.
  • Mann/Frau muss erst am eigenen Leib erfahren, dass Frau Hofert DOCH Recht hat. Ich sage natürlich, wie es ist, soweit ich das (ab-)sehen kann. Mein Hang zum Realismus zwingt mich in nüchterne Betrachtungsweisen, die ich nett verpacke. Mann und Frau nickt. Aber er/sie wird selbst wenn wir planen VIEL aktiver zu sein  in den ersten drei bis Monaten oft nur wenige Bewerbungen losschicken…. Man glaubt halt nur, wie es ist, wenn man es erlebt.

– 3 Monate = wir haben noch 6 Monate, Hilfääää….

  • Mann/Frau schickt dann mehr Bewerbungen raus, um bloß nicht mehr mit diesem unsympathischen Fallmanager zu tun zu bekommen, der einem Charmantes sagt wie „Ihr Coach … hat Sie doch sicher darauf hingewiesen, dass Sie nie mehr so gut verdienen werden?“ (Nein, weil das Bullshit ist und weil man wirklich einfühlsamere Worte finden kann, um die Möglichkeit geringerer Verdienste zu thematisieren!)
  • Einladungen kommen dann auch…. aber erst nach rund vier bis sechs Wochen. Die eigentliche Entscheidung kann sich dann wiederum vier bis sechs Wochen hinziehen, es folgt  die 2. und 3. und 4. Auswahlrunde – macht noch mal drei Monate Warten, Füße Scharren.

– 3 Monate = es bleiben noch 3 Monate, MY GOD

  • Mann/Frau muss auch erst mal begreifen, dass man eigentlich doch nicht will, was man anfangs wollte… einen ruhigen Job…. (Langeweile!)…. Mehr Geld… usw. Neeee, man kann zu viel. Ist auch nicht gut, wenn man das nicht anwenden kann…
  • Mann/Frau will nicht alles machen, wer will das? Verstehe ich. Neinsagen ist der Weg zum Glück. Findet die Arbeitsagentur natürlich nicht.
  • Jetzt fängt man an, sich mit den bisherigen Erfahrungen gezielter zu bewerben und langsam kommt auch wieder hoch, was ganz am Anfang geplant wurde…. ja 15 Bewerbungen im Monat… Aber die Resonanz lässt auch sich warten. Durchschnittliche Bearbeitungsdauer, das hatte ich gestern vom IAB bei Facebook gepostet  = 82 Tage. Ich würde sagen, dies ist bei höheren Positionen sogar ein unterer Wert.

– 1, 2, 3 Monate = 0 Monate, ab jetzt müssen wir uns leider selber finanzieren. Hartz IV – never!

Ach ja, das was ich schreibe, ist halb oder dreiviertel ernst gemeint. Ich weiß nicht so recht, ob es eine Kritik an den 12 Monaten Arbeitslosengeld ist oder an der Schwerfälligkeit der Unternehmen bei der Personalauswahl – oder an beidem.  Ich weiß nur, dass hochqualifizierte Fach- und Führungskräfte länger brauchen, um Anschlussjobs zu finden als einfach qualifizierte. Und dass das mit unserer zunehmenden Segmentierung, Spezialisierung und Diversifizierung zu tun hat. Und mit den furchtbar lang dauernden, unbefriedigenden Recruiting- und Auswahl-Prozessen.

Ich bin aber  auch der Meinung, dass eine reine Alg-I-Verlängerung keinen Sinn macht. Weiterbildungen mit Anpassungsqualifizierungen müssen für die immer häufiger werdenden Übergangszeiten zwischen Jiob und Job obligatorisch werden. Und zwar selbst gewählte und gut ausgewählte – und nicht diese billige Art, bei der man vormittags schlechten Unterricht bekommt und nachmittags ein Pseudo-E-Learning hat, das allein dem Zweck dient, Dozentenhonorare zu sparen.

 

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

2 Kommentare zu “So schnell kann´s gehen: Wie sich 12 Monate Arbeitslosengeldanspruch durch äußere und innere Umstände ruckzuck auf 0 reduzieren

  1. Gute Beschreibung, warum Arbeitslosigkeit grad bei erfahrenen Menschen oft schwieriger ist, wenn sie gut qualifiziert sind. Entspricht genau meiner Erfahrung:
    Die Gehaltsfalle – ich hab ja so viel vorher verdient
    Die Überqualifzierungsfalle – für was einfacheres nimmt mich doch eh keiner
    Die Spezialistenfalle – in meiner Branche gibt es eh nur wenige Jobs und die sind besetzt.

    Neben der von Dir erwähnten Trauerarbeit und des Zurechtrückends von bestimmten Vorstellungen kommt auch noch dazu, dass gestandene Professionals auf die Bewerbungstour reinfallen. Sie schreiben ausschließlich Bewerbungen auf Stellen, die möglichweise gar nicht recht passen und unterlassen das, was sie im Job vorher getan haben: Netzwerken, Gespräche führen, sich in der Branche rumtreiben, Systematisch Kaffeetrinken eben.

    Dein Plädoyer für die Weiterbildung in der Zeit der Jobsuche finde ich natürlich klasse. Und stimmt: Qualität muss stimmen. Und dann noch: Es ist gut, wenn sich dabei auch der Staat engagiert. Öffentlich geförderte Weiterbildung zahlt sich für die Gesellschaft aus, sofern sie sinnvoll und zielorientiert ist.

  2. Hallo Frau Hofert,

    ich habe Ihren Artikel auf SPON gelesen – (leider) alles richtig
    was Sie schreiben, was ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann (promov. Ökon., 5 Jahre Berufserfahrung, passabler CV wie ich finde). Ich will einfach nur Danke sagen für Ihren Beitrag,
    der mehr sowas von aus der Seele gesprochen hat. Mittlerweile
    (nach genau 12 Monaten ALG1) wieder im Job.

    Es grüßt freundlichst,
    Rossmann

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