Coaching-Habitus und Werte: Wenn der Klient sich die Schuhe auszieht….

Eine Geschichte vom Hörensagen: In manchen Coaching-Praxisgemeinschaften müssen sich die Klienten die Schuhe ausziehen. Sie bekommen dann Socken. Ich fände das befremdlich. Für mich wär das nichts, ist ja kein Yoga. Und mancher meiner Klienten würde es wohl auch seltsam finden.

Ich finde es manchmal schwer, wirklich passende, richtig gute Empfehlungen auszusprechen, obwohl ich ja mein Netzwerk habe. Manchmal kommen Leute zurück von einer Empfehlung und sagen „nee, der/die nicht, geht gar nicht, nicht mein Typ, zu strukturiert usw.“. Meine Empfehlungen sind  immer erfahrene Leute, die ich schätze.  Aber da sind zwei Dinge, die ich erst in letzter Zeit als wichtig erkenne – Habitus und Werte.

Die Sache mit dem Habitus

Habitus ist ein soziologischer Ausdruck für die Gesamtheit des Auftretens, Benehmens und Verhaltens eines Menschen. Menschen, die viel in verschiedenen Kontexten unterwegs waren, mit unterschiedlichen Branchen und Hierarchieebenen zu hatten, haben meist eine große habituelle Varianz. Wer überwiegend oder sehr lange in seiner „Welt“ lebte, besitzt diese nicht.

Kürzlich habe ich vergeblich nach einem Experten für internationale MBA-Beratung Ausschau gehalten, davor jemand, der einen Kunden durch die BWL-Promotion begleiten kann.

Viele heben den Finger „ja, kann ich!“. Ich suche dann auf deren Website Indizien, was sie qualifizieren könnte. Ich erkenne dann oft nicht, dass z.B. ein IHK-Betriebswirt auf MBA-Niveau beraten könnte. Oder jemand, der seit dem Psychologiestudium selbstständig ist?  Jemand mit Verwaltungskarriere und ein Konzern-Top-Manager? Passt für mich nicht.

Vielleicht muss ein MBA-Coach nicht selbst einen MBA gemacht haben, aber er muss auf einem höheren internationalen Niveau gearbeitet haben und mehrere vergleichbare Fälle vorweisen können, also einen Track Record haben. Er muss in seiner Selbstdarstellung kommunizieren, dass er in dem bestimmten Thema viel Erfahrung hat (was viele, die den Finger heben, nicht tun). Alles andere ist für den Kunden nicht glaubwürdig.

Habitus ist ein heikles Thema, da es indirekt mit gesellschaftlicher Herkunft zu tun hat, biopsychosozialen und soziokulturellen Prägungen. Diese tragen seltsame Schwingungen mit sich und wirken nach: Das hat was mit dem Duft von Moschus in Büros, der Kleidung und auch dem Benehmen zu tun. Ist es jemand z.B. gewohnt mit medienpräsenten Klienten umzugehen? Kann jemand einem Geschäftsführer adäquat entgegentreten? Mir ist erst in den letzten zwei, drei Jahren bewusst geworden, was eine habituelle Kompatibilität mit vielen Typen nach sich zieht – und was eher nicht. Es ist die Erlebenswelt vor und in der Selbstständigkeit.

Bei Empfehlungen habe ich mich öfter geirrt, weil ich die Sache mit dem Habitus früher nicht so bedacht habe. Ich empfahl nach Kompetenz. Das kam teils wie ein Bumerang zurück. Ich erkannte: Der Klient ist der Maßstab, nicht ich. Und die Gründe aus denen Empfehlungen funktionieren oder nicht, sind wenig fassbar.

Mitunter, und das ist kein Witz, spielt sogar der IQ eine Rolle. Es gibt intelligentere Coachs und weniger Intelligente, vor allem die fluide Intelligenz ist relevant, manchmal ist es aber auch das Bildungswissen. Wer selbst belesen ist, wird jemand, der wenig liest, möglicherweise nicht schätzen. Das fließt in den Habitus mit ein.

Für 80% aller Karrierecoaching-Anlässe brauchen kein spezifisches Hintergrundwissen wie der MBA-Fall, es reicht die Kenntnis und sichere Anwendung von Methoden. Den wirklichen Unterschied bei der Entscheidung für DEN oder JENEN macht der Habitus, der sich kumuliert aus dem soziokulturellen Erfahrungswissen, also den früheren Lebenswelten. Schon um jemand auf seinem Weg in eine Senior- oder Führungsposition, ins Ausland oder eine bestimmte Art der Selbstständigkeit prozessual zu begleiten, braucht es Habitus. Nicht unbedingt, um den Kunden Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten – sondern um von ihm akzeptiert zu werden.

Die Bereitschaft, sich entsprechend der eigenen Erfahrungen und des Habitus zu spezialisieren ist so gering wie das Bewusstsein dafür. Der Habitus ist übrigens durchaus auch regional geprägt unterschiedlich. Es gibt einen großstädtischen und einen ländlichen Habitus, ja sogar einen generationsspezifisch ost- und westdeutschen. Er ist sogar stadtteilbezogen. Schanzenpublikum und Blankenesebürger haben oft einen unterschiedlichen Habitus.

Vor Jahren habe ich eine Coacherin im bayrischen Hinterland beraten. Hier war Diskretion eines der für die Positionierung wichtigsten habituellen Punkte. Den Coachees war es z.B. wichtig, dass niemand im Dorf sie sah, deshalb reisten einige von weit her an. Katholizismus spielte auch eine Rolle. Das alles gibt Anhaltspunkte für die Kommunikation und die Lage der Praxis.

Die Sache mit den Werten

Ich freue mich wahnsinnig über engagierte Menschen, die daran arbeiten wollen, selbst besser zu werden. Das ist eine Wertehaltung, die ich nicht wegleugnen kann.

Die Wertehaltung kann wichtig sein, sie ist natürlich auch mit dem Habitus verwoben. Sie spiegelt sich in der Spirale von Spiral Dynamics. Ein primär gelb (wissensorientiert) oder orange (erfolgsorientiert) denkender Kunde wird seinesgleichen suchen (es sei denn er möchte sich verändern und ist auf dem „Wertesprung“). Der Kunde wird die Wertehaltung an Signalen auf der Website intuitiv erkennen – wenn die Website denn authentisch ist. Und das ist Punkt: Weil eben viele für „alles“ den Finger heben“  sind manche Selbstdarstellungen glitschige Fische. Man greift sie einfach nicht. Dass man sich die Schuhe ausziehen muss, sieht man nicht…

Über diese Themen kann man in meinem Buch Coaching-Tools (erscheint in ca. 3 Wochen) eine Menge Praktisch Anwendbares erfahren. Ich zeige hier nicht einfach nur neue Methoden, sondern helfe auch bei der Positionierung und Optimierung von Auslastung durch clevere Angebotsgestaltung.

 

 

 

 

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Über Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

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