Recruiting 2014: Schokolade für Empfehlungen

Chocolate bars stack

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Welche Trends gibt es im Recruiting? Bequemerweise fand die Antwort auf diese Frage in Form der “Recruiting 2014″, veranstaltet von Online-Assessment-Guru Joachim Diercks,  nur 1,1 Kilometer von meinem Büro an der Palmaille im Business Club an der Elbchaussee statt. Nette Location, schnell zu erreichen. Die Highlights des ersten Teils lest ihr bei Silke Loers. Ich kam am Nachmittag dazu.

Mitarbeiter werben Mitarbeiter – mit Schokobons

Mund zu Mund wirkt! Von daher verwundert es, dass nicht noch mehr Firmen die 2000 Jahre alte Methode der Mitarbeiterwerbung strategischer für sich nutzen. Vielleicht weil es keine begeisterten, 150% überzeugten Fürsprecher gibt? Keine echten Multiplikatoren, weil Firma und Produkt bestenfalls lala sind? Man also, um mit achtung!-Chef Mirko Kaminski zu sprechen, erst beim Kern anfangen müsste - was ja nicht so einfach ist.

MS Office

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Meine persönliche These: Firmen, die ein super Klima bieten und bei denen es sich einfach nett, erfolgreich und kompetent unterstützt und gefördert arbeitet, brauchen weder Geld bezahlen noch müssen sie mit Wellnessreisen bestechen. Die Empfehlungsmaschinerei läuft von ganz allein. Doch ab einer gewissen Unternehmensgröße wissen Mitarbeiter vielleicht nicht mehr, wer genau gesucht wird. Dann kann es helfen, wenn die Personalabteilung Suchprofile ausgibt. OK. Jetzt bin ich mitten im Vortrag von Wolfgang Brickwedde vom Institute for Competive Recruiting.

Auch ein Thema wie Crowdsourcing brachte Brickwedde zur Sprache. Beim Job-Crowdsourcing kann jeder zum Headhunter werden und Stellen empfehlen. Das kann über Online-Plattformen erfolgen oder die Firmen selbst. Dann schreibt eine Firma etwa über facebook eine Stelle aus und die ganze Community fängt an zu suchen. Ich bekomme manchmal auch  solche Gesuche: Firmeninhaber oder Recruiter, die einfach in eine größere Runde von Multiplikatoren ihre Jobsuchen schicken. [Ich finde, dass man gerade bei Empfehlungen viel mehr auf Wert- und Umfeldvorstellungen achten müsste, weil Bewerber ihre Firmen zunehmend werteorientiert aussuchen, das berücksichtigt NIEMAND derzeit, es läuft nur über Skills].

Also geht´s bei Empfehlungen um schnöden Mammon, Unternehmen zahlen für die Empfehlung also Kohle. Was sind das für Leute, die sich auf diese Weise ein Zubrot verdienen oder verdienen würden? Wen lockt das? Ich habe vielleicht ein Vorurteil, aber  ich würde mich nicht von einem „Freund“ für Geld an ein Unternehmen ausliefern lassen – es sei denn es geht um eine reine Geschäftsbeziehung. Die Leute, die Unternehmen suchen, sollen jedoch eine emotionale Bindung entwickeln und nicht nur abkassieren wollen.

Nach dem eher sachlichen Vortrag von HR-Experte Wolfgang Brickwedde kam die äußerst lebendige, wunderbar frei sprechende und sensationell witzig vortragende Katja Rothe, die bei einer mir und wohl allen bislang vollkommen unbekannten Firma namens Butting  aus dem Örtchen Knesebeck fürs Personal zuständig ist. Um bei so einem – Knesebeck – Standortnachteil und mit einem derart unsexy Thema wie Stahlrohre Bewerber zu locken, muss man sich ganz schön was einfallen lassen.

Das Gute liegt nah und ist sehr günstig…. Es sind…. Schokobonbons, mehr dazu hört ihr im Interview, das Silke in ihren Beitrag eingebaut hat. Frau Rothe hat wirklich scharfe Zitate auf Lager, von denen ich nur mal zwei zitieren will:

  • „Wenn Sie viel verdienen wollen, gehen Sie zu BMW oder Audi.” (zu Bewerbern, denen es nur um Geld geht)
  • „Bei uns kann man schnell Karriere machen, aber manche müssen auch arbeiten.“

Frau Rothe dürfte die Sympathiesiegerin des Nachmittags gewesen sein, ist fürs Branding von Butting fraglos Gold wert und wäre vermutlich ein Gewinn für jede GSA-Convention.  Ob es wirklich auch hinter den Kulissen des Unternehmens so zugeht, wie die unkonventionelle Frau Rothe vermuten lässt? “Machen Sie mal, die Strategie entwickelt sich”, empfiehlt Frau Rothe. Prima, Ansatz, an dem nich allerdings weitermachen würde ;-) Leider gibt es bei Kununu nur eine Bewertung zur Firma. Bei Xing finden sich immerhin 58 Mitarbeiter und die Geschäftsführerin. Nur bei etwa 5% finde ich das Wort Herausforderungen im Profil, das ist für Headhunter meist ein Indiz “könnte interessiert sein”. Eine niedrige Quote. Bei BMW ist sie höher. Kann daran liegen, dass Knesebeck eher Bindungswillige anzieht. Kann am Unternehmen liegen.

Trend 2 – Personalauswahl  mit Online-Assessment ohne Noten

MS Office

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Leisere Konzerntöne schlug die BASF-Rednerin Bettina Strrobel an, die einen unaussprechlichen Jobtitel hat „Noten sind nicht alles“ – das erkannte auch BASF, die  damit im Trend von Google und Deutsche Bahn liegen. BASF entwickelte zusammen mit dem Dienstleister HR Diagnostics ein neues Online-Assessment-System, über das persönliche Eigenschaften der Big Five-Dimensionen mit IQ-relevanten Themen (räumliches Denken etc.) zu Jobprofilen kombiniert werden, die einen schnellen Abgleich von Anforderung und Bewerber ermöglichen. Dabei wurden Jobbeschreibungen der BASF-Mitarbeiter zugrunde gelegt, die in Interviews ermittelt wurden.

Ohne strikten Notencheck im ersten Schritt werden jetzt mehr Beweber in die Vorauswahl gelassen. In dem Psychologiebuch, das vor mir liegt, korreliert die Abiturnote nur zu .30 mit beruflichem Erfolg. Wollte man wirklich Aussagen über beruflichen Erfolg anhand einer Note treffen müsste man eher die Noten aus dem 3. Grundschuljahr nehmen, da ist k = .50. Kurzum: Eigentlich war die Auswahl anhand von Noten immer schon Quatsch. Nur eben leicht und schnell, so lange man genügend Bewerber hat.

In jüngster Zeit kommt hinzu, dass der Bewerbermangel vor allem in MINT die Personalabteilungen dazu zwingt, genauer hinzuschauen. Während man keine Probleme hat, kaufmännische Lehrstellen und Jobs zu besetzen, sieht es bei den technischen anders – schlechter – aus. Das spricht dafür, sich auch mal den Kandidaten mit der 5 in Mathe genauer anzuschauen. Es könnte ja sein, dass diese nur dem ersten Liebeskummer oder einem miesen Lehrer geschuldet ist.

Fazit: Auswahl ohne Noten und per Online-Assessment – offensichtlich ein sinnvoller Weg für ein großes Unternehmen. Wünschenswert – weiß nicht, ob es gemacht wird – wären ausführliche Feedbackgespräche, denn gerade junge Leute wissen oft nicht, was so ein Job fordert und warum so ein Test bei ihnen nicht geklappt oder zu diesem oder jenen Ergebnis geführt hat. Zu mir kommen immer wieder Leute mit Tests, mit denen sie nichts anfangen können bzw. deren Interpretation sie überfordert. Da sind auch 45jährige dabei, ist also keien Frage des Alters. Und da Tests zunehmen – wächst der Interpretationsbedarf. Dazu mehr in meiner nächsten Spiegel-Online-Kolumne.

Trend 3 – Guerilla-Recruiting

Die Vortragenden waren gut aufeinander abgestimmt: Immer erst ein eher gemächlicher Redner, dann eine Wucht! Eine solche Wucht war auch Ute Neher, die für die Telekom sprach und über neue Wege im Schülermarketing sprach. Dabei besteht die Herausforderung, das wenig innovative Image der Telekom gerade für IT-Interessierte aufzuwerten. Dafür arbeitete Telekom 2010 mit der Website Wissen-verändert-alles und einer Puppe im Saw-Stil und einem Online-Game. Darüber wurde in den HR-Blogs dieser Welt schon viel berichtet. Die Art, wie Neher das Thema präsentierte machte den fehlenden Neuigkeitswert gleich wieder wett.

Die Botschaft, die für mich daraus klang: Trauen Sie sich, neue Wege zu gehen! Und, was ich ganz wichtig fand: Es muss nicht immer alles gebrandet sein. Neher empfahl z.B. junge Mitarbeiter als Markenbotschafter, die für Azubis viel greifbarer sind als die „Anzugtypen“ und der Vorstand. Jawohl.

Unterm Strich…

Viel Interessantes und Bekanntes, neu verpackt. Außerdem Einblicke in das „how to“, die man sonst nicht so nachlesen kann. Bis zum nächsten Jahr!

About Svenja Hofert

Seit ich im Jahr 2000 meinen Job bei einem internationalen, börsennotierten Konzern aufgab, habe ich viel gemacht: Ich habe 35 Bücher geschrieben, mehrere Portale aufgebaut und Unternehmen gegründet. Mit allem unterstütze ich dabei den "nächsten Schritt" zu gehen - in der Karriere, als Team und auch als Berater, Trainer oder Coach. In diesem Blog verpacke ich meine Erfahrung aus mehr als 15.000 Beratungs- und Coachingsstunden in Impulse und Meinungen. Beratungsangebote finden Sie auf unserer Website Karriere & Entwicklung, Seminartermine auf www.karriereexperten.com.

3 Kommentare zu “Recruiting 2014: Schokolade für Empfehlungen

  1. Liebe Frau Hofert,
    wie gut, dass Sie nicht nur diese Veranstaltung besucht haben, sondern auch eine super Zusammenfassung mit weiterführenden Links geschrieben haben. Damit können dann auch die teilhaben, die nicht gerade um die Ecke wohnen.
    Vielen Dank für die rasche Bereitstellung (und Bewertung;-) der Trends beim Recruiting.
    Herzliche Grüße
    Claudia Hümpel

  2. Vielen Dank für diese spannend zu lesende Zusammenfassung eines wohl sehr gelungenen Events! Besonders schön finde ich Ihre Stellungnahme zum Thema bezahlte Mitarbeiterempfehlung. Gerade der Satz “Die Leute, die Unternehmen suchen, sollen jedoch eine emotionale Bindung entwickeln und nicht nur abkassieren wollen.” spricht mir aus der Seele. – Zudem liefert Ihr Beitrag natürlich eine Menge Stoff für zukünftige Blogs. Danke also auch für die kreative Aufladung (die manchmal fast schon zur Überladung wird). ;o)

  3. Pingback: eAssessment, SelfAssessment & Employer Branding Blog » Blog Archive » Knesebeck 4ever, Männer in die Kitas und andere spannende Impressionen der Recruiting2014

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