Der Bildungshorror: Die Unfähigkeit der Deutschen, einen Link zu klicken und in sechs Wörtern Sinn zu finden

Erst kürzlich habe ich entdeckt, dass man das QUADRAT in Excel auch ohne umständliche Formel, einfach durch Eingabe von QUADRAT berechnen kann. Ich bin insofern ein typischer Fall von jemand, der sich mit Halbwissen in Excel durch erhebliche Abschnitte des Berufslebens mogelte. Mein ganzes Leben habe ich mir computertechnisch alles selbst beigebracht: Ich war die erste an der Uni, die einen PC hatte (1988), die erste Wahnsinnige, die sich die Nächte mit Nadeldruckern rumschlug… usw.

„Du weißt doch immer alles“, sagte mein Vater neulich, als sein Computer schlappmachte. Nicht mehr. Ich passe – bin seit 13 Jahren selbstständig. Und abgehängt. So wie viele andere „Alte“ auch.  Etwa 16% der erwachsenen deutschen Bevölkerung können nicht mal einen Link klicken, brachte heute die neue Horrorstudie der Bildungslücken, der OECD-PISA-Test für Erwachsene (PIAAC), zutage.  Oho, das klingt gar fürchterlich. Relativiert sich aber erheblich, wenn man an anderer Stelle liest, dass insgesamt – also über alle Länder – die Hälfte der Erwachsenen jenes Linkklicken nicht beherrschte (Die Welt).

Der Bildungshorror geht weiter: „Die Zahl der Leistungsschwächsten, die nur kurze Texte mit einfachem Vokabular verstehen, ist hingegen in der Bundesrepublik etwas größer als im Schnitt der anderen Industrienationen“, schreibt die Frankfurter Rundschau. Wenn ich die Deutschklausuren meines Sohnes sehe, bekomme ich eine Ahnung, warum das so sein könnte. Da bekommt „Anna“ eine zwei Plus, weil sie in einem fingierten Brief an ihre Mutter so toll argumentieren kann, dass sie die Klamotten anziehen darf, die sie will (Abercrombie). In der „zwei Plus“ ist eine Sechs für Rechtschreibung und Grammatik inkludiert, weil das Ganze aus mehreren Einzelnoten besteht. Die auch nicht optimale Begabungs-Lieblingsschüler-Benotung meiner Zeit hat ein komplett unflexibles Schema ersetzt. Mein Sohn hat eine eins in Rechtschreibung und bekommt dank der Einzelnoten in  irrelevanten Disziplinen eine drei. Finde es ja gut, wenn Kinder argumentieren können, aber ist das das Fach Deutsch? Ich hab auch schon so manche Bachelor- und Masterthesis gesehen, wo sich mir die Nackenharre aufstellten. Wie kann dieses Fehler-Meer und sprachliche Rumgehampel eine „eins“ oder „zwei“ produzieren? Oh, jetzt bin ich aber wie meine eigene Mutter…

Aber gut: Wir sind Mittelmaß, Mittelmaß! In meinem Buch SlowGrow-Prinzip habe  ich mich für das Mittelmaß gegen all das Elitengeschreie stark gemacht und sehe nach wie vor Vorteile in guter Durchschnittlichkeit. Anders gefragt: Was ist so schlimm daran, nicht überall zu den besten zu gehören? In Mathe etwa sieht es beispielsweise bei uns Deutschen gar nicht so schlecht aus #horrorstudie.

Nein, liebe Leserin und Leser, was wirklich schlimm ist, was peinlich und schlimmer als jedes Mittelmaß ist, dass in keinem anderen Land die Bildung der Eltern so stark mit der ihrer Kinder korreliert. Das darf nicht sein.

Die Frankfurter Rundschau:

„In kaum einem anderen Land hängt die Lesekompetenz so sehr vom Bildungsstand der Eltern ab wie hierzulande“, schreiben die Autoren [der Studie]. Testpersonen, deren Eltern weder Abitur noch Berufsausbildung haben, erzielten in Sachen Textverständnis im Schnitt 54 Punkte weniger als jene, bei denen mindesten ein Elternteil einen Hochschulabschluss oder einen Meisterbrief hatte. 7 Punkte entsprechen auf der Leistungsskala dem Lernvolumen eines Schuljahrs.

54/7= 7,71. 7,71 Jahre!!! Nicht eins, nicht zwei, 7,71. Und da unterhalten sich Politiker über solchen überflüssigen Mutti-Schnickschnack wie Betreuungsgeld. Hallo? Ich werde das leise Gefühl nicht los, dass sich der „angeborene“ Bildungs-Abstand  im Berufsleben zementiert. Wer schafft es aus einer niedrigen Bildung nach oben? Es sind maximal die Meister und Techniker, und auch die nicht mehr wirklich (und diese Bildungsabschlüsse werden in der OECD ja ohnehin dem Bachelor gleichgesetzt). Meine Beobachtung: Es gibt bei uns viel zu wenig Einstellungen aufgrund von Motivation und Lernwillen. Leute, die etwas leisten wollen, bekommen keine Chance. Bemühen wird nicht honoriert. Wenn jemand z.B. in einer Bewerbung schreibt, dass er stolz sei, etwas geleistet zu haben, so finden viele Personaler das mindestens befremdlich. Kommt nur gut bei US-Unternehmen und in Startups.

Ich schätze, dass in 80% der Fälle, in denen Personen, die nicht akademisch sozialisiert wurden, aber einen akademischen Abschluss aus eigener Motivation nachholten, NICHT von ihrem Arbeitgeber unterstützt werden. „Was wollen sie mit dem Abschluss? Sie haben doch einen Job“, sagte der Chef zu einer Kundin. Der setzt die Elternrolle fort: „Bleib bescheiden und denk dran, wo du herkommst.“ Warum weiterbilden – es reicht doch? Wie kurzsichtig sind diese Chefs?

Aus anderen Ländern vernehme ich da viel mehr Offenheit. Und man mag von amerikanischen Unternehmen halten, was man will (was Herkunft betrifft, so zementiert diese die Laufbahn dort noch mehr als bei uns): In Sachen Offenheit haben sie den deutschen eine  Menge voraus. Ein amerikanischer Chef gab neulich einem Kunden den Job, obwohl er keinerlei Vorerfahrung hatte. Wäre schön, wenn auch deutsche Unternehmen Quereinsteigern öfter eine  Chance gäben – denen, die lernen wollen, einen Link zu klicken, im direkten und übertragenen Sinn.

Wenn Sie selbst einen Kompetenzcheck machen wollen, empfehle ich Ihnen unseren Kexpa-Bestseller Stärken-Navigator.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

4 Kommentare zu “Der Bildungshorror: Die Unfähigkeit der Deutschen, einen Link zu klicken und in sechs Wörtern Sinn zu finden

  1. Liebe Svenja,

    WoW, was ein Plädoyer … hoffe Du hast noch etwas Kraft für 1.500-1.700 Zeichen in meinem Buch mit „Mutmachen zum Seiteneinstieg“ und „Mut zur (Neu-)Gestaltung seines Lebensprofils“ oder so … restliche Koordinaten hast Du ja 😉

    Lieben Gruß vom 63% Zielerreichungsfeierabend

    der MiSha

    • ja, steht auf meinem „inneren“ Plan (an den äußeren halt ich mich selten), hab´s nicht vergessen (aber natürlich nicht geschafft als es im Kalender stand). LG Svenja

  2. Pingback: Unser Bildungshorror und das Geschäftsmodell Deutschland.

  3. Hallo Frau Hofert,
    ein spannender Artikel, der beide Enden der deutschen Bildungswüste beleuchtet – von der schwammigen Bildungsqualität bis zum eindimensionalen Arbeitgeber. Danke.
    Schön, dass Anna (mit zwei Plus Gesamtnote) toll eine Klamotte verargumentieren kann. Ihr Sohn gewinnt mit guter Rechtschreibung und einer drei in der Gesamtnote leider „nur“ Frustrationstoleranz. Besonders tragisch ist, dass am anderen Ende der Ausbildungswüste – der Personalauswahl, Anna mit Ihrer statistischen Kuriosität wohl auch häufiger zum jobinterview eingeladen würde, nach dem deutschen Grundsatz: „Papier vor Erfahrung“.
    Über die Benotung des vermutlich promovierten Statistikers, der die Faktoren für dieses Bewertungssystem bestimmt und gewichtet hat, kann man diskutieren (nur leider nicht mit dem Bildungsministerium).
    Ich selbst gehöre übrigens zu Ihren geschätzten 80% der Fälle von intrinsisch motivierten „Karrieredummies“, die einen akademischen Abschluss ohne Unterstützung des Arbeitgebers gestemmt haben. Ja, ein Dummie, da die Entscheidung für eine akademisch-interdisziplinäre Erweiterung meines Horizonts mit greisen 38 😉 später auf dem Arbeitsmarkt zum Etikett „Allrounder mit Halbwissen“ geführt hat, anstatt zum motivierten Dienstleister mit Spezialwissen.
    Losgelöst davon verbindet beide Enden der Bildungswüste scheinbar der weit verbreitet Glaube, mit gewöhnlichen Verfahren ungewöhnliche Menschen zu formen/finden. Glück für Anna.
    LG Petra

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*

Artikel zu ähnlichen Themen: