Die Käfighaltung von Akademikern – und wohin uns die Suche nach Freilandhaltung führen kann

Vor zwei Tagen entdeckte ich via Twitter einen Artikel im The Guardian. Dort schrieb die Autorin über die Akademikerschwemme in Großbritannien. Die Politik schreie nach Akademikern und die Wissenschaft liefere passende Zahlen dazu. Etwa die, dass Akademiker mehr verdienen als Nicht-Graduierte. Was dabei vergessen würde: Die Zahlen sind aus einer Zeit, als es noch viel weniger Akademiker gab. Inzwischen würden Geisteswissenschaftler kaum mehr verdienen als Ungelernte. Ich muss an eine junge Akademikerin denken, der ein großer Konzern 1.800 EUR brutto als Junior-Online-Redakteurin geboten hat – im Anschluss an ein weit unter Tarif bezahltes Volontariat. Der Artikel belegt, dass es kaum Unterschiede zwischen Deutschland und UK gibt. Es muss irgendein noch nicht erforschter BIAS sein, der uns annehmen lässt, dass sich Zahlen von gestern und heute auf morgen übertragen lassen. Vielleicht der Yesterday-Bias, der hier der Verfügbarkeits-Heuristik die Hand gibt. Diese besagt, dass man glaubt, das etwas wahr ist, weil man es ständig hört und liest.

Die verfügbare Tatsache:

  • Akademiker verdienen in Deutschland durchschnittlich mehr als Menschen, die eine Ausbildung absolviert haben und erst recht mehr als solche, die ungelernt sind.

Jetzt leiten alle möglichen Leute davon ab: Weil Akademiker DERZEIT durchschnittlich mehr verdienen, werden sie es auch in Zukunft tun. Aber: Es gibt immer mehr Akademiker, 40% ist das Ziel. Knapp die Hälfte eines Jahrgangs macht derzeit Abitur. Und: DURCHSCHNITT heißt bei so einer großen Gruppe nichts mehr. Was ist der Durchschnitt der Hälfte der Bevölkerung? Das Gefälle ist riesig, allein schon in den Naturwissenschaften. Da steht das Durchschnittsgehalt in Biologie und Psychologie nicht besser da als das in „guten“ Handwerksberufen. Es wird immer mehr Akademiker geben. Kann es dann sein, dass der oben zitierte Satz noch gilt? In meiner Generation X machten unter 20% Abitur, etwa 15% studierten: Wir waren prädestiniert für Jobs abseits der Automatisierung, für Kopfarbeit. Haben wir deshalb Jobs jenseits der Automatisierung in Freilandhaltung? Oft nicht.

Mit dem höchsten Bildungsabschluss verändert sich noch mehr:

  1. Die Intelligenz der Menschen unserer westlichen Gesellschaften nimmt zu. Wir können immer abstrakter denken und werden schneller. Das nennt man den Flynn-Effekt. Durchschnittlich beträgt der Intelligenzzuwachs bei Amerikanern 0,3 Punkte pro Jahr. Das führt dazu, dass die nächste Generation rund 10 IQ-Punkte mehr hat als die vorherige. Dabei ist es vor allem das Abstraktionsvermögen, das steigt, in diesem Artikel von Spektrum der Wissenschaft verständlich erklärt. Wir werden auch schneller. Dieser Effekt zieht sich quer durch alle Bildungsschichten: Die Schlauen werden schlauer, aber auch die Dummen. Das heißt auch, Bezugsgruppen verändern sich letztendlich nicht, die Unterschiede bleiben bestehen. Der Persönlichkeitspsychologe Jens Asendorpf definiert Intelligenz nicht wie viele andere als „das, was der Intelligenztest misst“, sondern als Bildungsfähigkeit. Wenn Intelligenz die Bildungsfähigkeit misst, so macht sie gerade Sprünge – allerdings eben nicht gleich verteilt, sondern schichtenspezifisch. Es gibt immer mehr Menschen, die permanent lernen und einen Abschluss an den anderen reihen. Es ist nicht nur die Bildungsfähigkeit, auch der Bildungswille. Umwelt und Anlage sind nicht zu trennen.
  2. Unsere Werte verändern sich. Arbeit basierte seit der industriellen Revolution auf Anpassung des Arbeitnehmers an den Arbeitgeber. Der Arbeitgeber bietet einen Job, der Arbeitnehmer nimmt ihn an, wenn es ihm gefällt. Er muss es nicht. Es gibt Alternativen. Der Arbeitgeber kann auch nichts mehr versprechen, Sicherheit ist seit mehr als einem Jahrzehnt eine Hülse ohne Frucht. Hier kommt 1. ins Spiel: Je besser die Bildung, desto eher durchschaut man diese Dinge. Menschen definieren Sicherheit neu und suchen Alternativen. Ich erlebe oft Menschen, die in ihrer Werteentwicklung im Gelben oder Türkisen angekommen sind, so dass es schwerer ist, für sie angestellte Jobs zu finden. Sie sind hochqualifiziert, aber finden nur Tätigkeiten, in denen sie nicht leisten dürfen, was sie könnten. Sechsstellige Jahresgehälter für die Arbeit in einer prozessoptimierten Legebatterie sind keine Seltenheit. Legebatterien bestehen nämlich längst nicht mehr nur in der Produktion, sondern auch in Vertrieb, Finance, Personal. In uns allen sind gesellschaftliche, kulturelle und familiäre Strukturen früherer Generationen wirksam, ein Band, das uns mit früheren Generationen verbindet und Werte weiterleben lässt. Dieses Band lässt sich nicht so einfach durchschneiden. Nur so lässt sich erklären, dass viele Menschen in „Legebatterien“ nicht den Absprung wagen und weitermachen. Aber dieses Band wird schwächer. Manche gehen zu einer Systemaufstellung, um es loszuwerden. Andere lösen sich, indem sie sich mehr mit Alternativen in Freilandhaltung beschäftigen. Die Käfighaltung wird deutlicher in NICHT geistes- oder sozialwissenschaftlichen Berufsfeldern sichtbar. Während ein Marktforscher, der Mitarbeiter eines Think Tanks oder ein Wissenschaftler und Journalist durchaus vielfach zwar schlecht bezahlte, dafür aber spannende Arbeitsfelder findet, sind diejenigen, die auf Ingenieurwissenschaften, IT und BWL gesetzt haben, oft viel unmittelbarer den Folgen der Arbeitsteilung und Prozessoptimierung und abteilungsübergreifenden Legebatterien ausgesetzt. Und wenn nicht damit, mit dem Management der Folgen dieser Prozessoptimierung.

Die Folgen sind:

  • Die Arbeitsteilung über die gesamte Welt oder verschiedene Abteilungen verstellt den Blick aufs Produkt. Man sieht nicht mehr, was man geschaffen hat. Selbst der Architekt, der früher das Richtfest feiern konnte, kann in einer größeren Firma nur noch seinen Projektabschnitt sehen.
  • Die Prozessoptimierung mit immer klareren und detaillierteren Vorschriften nimmt uns die Freiheit, selbst zu entscheiden. Gestaltungsfreiraum ist aber die Voraussetzung für Motivation bei der Arbeit. Fehlt dem Mensch die Freiheit zu entscheiden, welchen Knopf er drücken und wie lange er mit jemandem redet, wird er demotiviert und krank. Dies bestätigt der Trainer und Berater Enrico Briegert, der mit seinem Kollegen Thomas Hochgeschurtz, Führungskräften beibringt, wie sie ihren Mitabeitern Freiräume geben und damit Fehlzeiten reduzieren. Fehlzeiten steigen nämlich parallel zur „Freiheitsberaubung“. Dieser Punkt ist seit den 1920er Jahren bekannt: Industrielle Käfighaltung ohne Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit und Identifikation mit der Arbeit widersprechen sich. Der Mensch braucht Gestaltungsfreiraum. Wenn er nur noch Hebel zieht und Knöpfe drückt, wird er unzufrieden, demotiviert und krank.

Verbinden wir die Fäden dieser Gedanken: Es gibt auf der einen Seite immer gebildetere oder/und intelligentere Menschen, die zudem andere Werte als ihre Eltern haben (wobei die Werte der Eltern transformiert werden, also verändert, so aber weiter aktiv bleiben). Auf der anderen Seite nimmt die Arbeitsteilung und die Prozessoptimierung teils skurrile Züge an. Ich sprach mit einer Personalreferentin, die der Beantwortung von Fragen der Belegschaft maximal drei Minuten widmen durfte. Und alles dokumentieren musste. Wohin führt das? Viele Menschen finden trotz hohem IQ und großem Wissen keinen Platz mehr in der Arbeitswelt. Der Zwang der Unternehmen zu handeln, ist nicht groß genug. Es steht in keiner Zielvereinbarung „schaffe Sinn“. CEOs haben andere Prioritäten. „Sinn“ – wie unkonkret das ist! Man importiert lieber spanische Fachkräfte, die den existenziellen Zwang stärker spüren und sich deshalb eher den Gegebenheiten anpassen, vorübergehend. Eine Lösung ist nach wie vor die Selbstständigkeit, die allerdings, soll sie erfolgreich sein, einige Jahre in erweiterter Käfighaltung voraussetzt. Alternativ schauen Sie sich um nach Jobs, die nicht so gut bezahlt sind. Warum lassen wir uns einreden, dass wir das Gehalt immer weiter steigern müssen? Man landet, sucht man nach Freilandhaltung, schnell in kleineren Instituten und Firmen, in denen Arbeitsteilung und Prozessoptimierung kaum eine Rolle spielen. Da profitieren Sie dann vielleicht von Wissen aus sozial- und geisteswissenschaftlichen Studiengängen oder „Hungerleider-Fächern“ wie Psychologie oder Pädagogik (heute Bildungswissenschaften). Und manchmal findet man sogar echtes Bio.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

2 Kommentare zu “Die Käfighaltung von Akademikern – und wohin uns die Suche nach Freilandhaltung führen kann

  1. Wer seine Mitarbeiter wie Hennen in Legebatterien hält, wird irgendwann gackernde Hennen haben. Ob damit im internationalen Wettbewerb bestanden werden kann, darf bezweifelt werden.
    Liebe Frau Hofert, Sie bringen es klar auf den Tisch: „Gestaltungsfreiraum ist die Voraussetzung für Motivation bei der Arbeit.“
    Dabei gibt es einfache Werkzeuge, die Mitarbeiter fair zu behandeln und konsequent zu beteiligen. Selbst schuld, wer sich vom Lean-Management-Mainstream auf die falsche Fährte führen lässt.

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