„Wer rumgekommen ist, will Sinn und Ethos“ – ein Gespräch mit Gilbert Dietrich über Google, Gen Y und Philosophie

Gilbert-PR-mosaikWie tickt die Gen Y wirklich? Wie wird man als Philosoph Banker oder Personalleiter? Und: Was ist wirklich entscheidend für Berufserfolg? Mit dem Philosophen, Coach und Personalleiter Gilbert Dietrich sprach ich über dies und das. Dietrich ist ehemaliger Googleianer und heute beim Leipziger Internetunternehmen Unister für Personal verantwortlich. Er betreibt einen wissens- und geistreichen Blog und ist Mitglied der Karriereexperten.

(Be-) Merken Sie diese Generation Y? Sind die wirklich so verwöhnt?

Dietrich (lacht): Verwöhnt, weiß ich nicht, aber anspruchsvoll kommen sie mir schon vor. Wobei das auch individuell ganz verschieden ist. Als Faustregel kann ich sagen: Wer rumgekommen ist, ist anspruchsvoller, gibt sich nicht so leicht mit dem Status quo zufrieden, will immer wieder das finden, was sie oder ihn überhaupt erst auf die Reise gelockt hat: Neues kennen lernen, sich weiter entwickeln, Sinnhaftigkeit im Job, vielleicht auch so etwas wie Ethos. Das finde ich wichtig, denn es setzt Arbeitgeber unter Druck, bei sich mal die Ecken auszukehren und nicht immer wieder denselben Kram zu machen. Das ist vielleicht das einzig Gute, dass sich zuletzt in der europäischen Hochschulbildung getan hat: diese Möglichkeit, dass jeder mal rauskommt aus dem deutschen Dunst.

Angeblich wollen heute ja alle Flexibilität und Home Office. Ist das wirklich der zentrale Treiber, einen Job gern zu machen?

Dietrich: Ich beobachte auch anderes, vielleicht hat das auch mit der Branche zu tun, in der ich mich bewege: Internet und Tourismus. Hier gibt es noch genügend Bewerber und ganz verschiedene Jobs. Dennoch glaube ich, dass diese Art von kleiner Flexibilität überbewertet wird. Vielen unserer Mitarbeitern geht es ganz viel um Zusammenhalt und Gemeinsamkeit. Die arbeiten wegen der Kollegen, aufgrund des Miteinanders. Das ist eine sehr starke Motivation und ein festes Band. Dazu braucht man ein Büro, einen Ort, zu den man „arbeiten“ kommt. Trotzdem würden viele auch gern öfter mal von zu Hause arbeiten, ich auch.

Ist es erstaunlich, dass Yahoo seine Mitarbeiter aus dem Home Office zurückgeholt hat?

Dietrich: Da gibt es einen offensichtlichen Widerspruch zwischen dem Bedürfnis nach Zusammenhalt, der Projektarbeit und dem Home Office. Deshalb sollte man die Möglichkeiten zur flexiblen Arbeitszeit- und Arbeitsortsgestaltung nicht übertreiben. Home Office sollte eher die Ausnahme bleiben oder dann zum Tragen kommen, wenn es wirklich Sinn macht, etwa aufgrund einer familiären Situation. Präsenz halte ich für wichtig, gerade da, wo Leute die Köpfe zusammenstecken und ein Flipchart bemalen müssen, um Probleme zu lösen. Nicht alle modernen Unternehmen setzen auf Flexibilität in Raum und Zeit. Auch mein ehemaliger Arbeitgeber Google etwa achtet nicht ohne Grund sehr auf Präsenz.

Die „Präsentitis“ gilt als einer der Hauptverursacher von Burnout…

Dietrich: Zwischen Präsenz und Präsentitis gibt es einen Unterschied. Präsentitis ist sinnlose Anwesenheit, Präsenz sinnvolle. Wenn sich Burnout ankündigt, sieht man das nicht und hört man das nicht. Es gibt auch keine allgemeinen Anzeichen und auch keine allgemeinen Risiken; vielmehr ist es aus meiner Sicht sehr individuell, was zu einem Burnout führen kann. Vielleicht hat es zentral mit Motivationen zu tun. Die sollte jeder Mensch kennen. Es ist auch die eigene Verantwortung zu erkennen, was einen antreibt. Arbeitgeber aber, werden zulassen müssen, dass Arbeitnehmer Konsequenzen ziehen und ihre Jobs nachhaltiger gestalten werden oder eben weg gehen, wo immer wieder demotiviert wird.

Eine Führungskraft wollte dass seine Beraterin Kunden „mehr lenkt“, das stresste sie total. Ihr Anliegen: dienstleisten und Wünsche erfüllen. Im Reiss-Profil ist das der Konflikt zwischen Macht rot und Macht grün. Gegen Motivationen zu arbeiten löst Stress aus – wie ist Ihre Erfahrung?

Dietrich: Es ist sehr hilfreich sich selbst zu kennen. Dabei könnten Tests unterstützen oder aber die intensive Beschäftigung mit sich selbst. Tagebuch führen kann vieles bewusst machen. Einmal am Tag überlegen, was war gut, was nicht, was lädt mich auf, was entleert Batterien? Daraus kann man viel lesen und lernen über die Dinge, die einen antreiben. Nur sehr wenige Menschen denken darüber nach, was Sie selbst wollen. Dabei ist es zum Beispiel „Wie will ich arbeiten?“ eine ganz entscheidende Frage. Wenn das, was mir das Unternehmen bietet, damit nicht zusammenpasst, liegt es in meiner Selbstverantwortung nach Alternativen zu suchen.

Sie haben selbst Philosophie studiert. Das ist ja gemeinhin nichts Karriereförderndes…

Dietrich: Das halte ich für eine große Fehleinschätzung seitens vieler deutscher Personalabteilungen. Nie hätte ich mich so intensiv mit mir selbst auseinandergesetzt ohne dieses Studium. Es hat unheimlich zur Selbstreflektion beigetragen und damit zur Persönlichkeitsentwicklung. Das halte ich für sehr viel wichtiger als den Erwerb von Fachwissen. Fachwissen kann später kommen, es veraltet sowieso immer wieder. Wer dagegen eine starke Persönlichkeit ausgebildet hat, wird immer davon profitieren.

BWL ist mittlerweile in der Jobampel rot geworden – also raten schon Experten mit Blick auf den Arbeitsmarkt eher ab – ; es gruppiert sich mit den Geisteswissenschaften zum „no Go“. Jura dagegen geht grad wieder… Man weiß also nie, wie sich etwas entwickelt. 

Dietrich: Das ist unplanbar und verändert sich auch, man sollte vielleicht antizyklisch studieren. Ich finde, Studiengänge, die Intellektualität fordern, werden in Deutschland unterschätzt. Das ist in anderen Ländern anders. In London gibt es Banker mit geisteswissenschaftlichem Background, was der Gesellschaft aber offenbar auch nicht geholfen hat. Trotzdem gibt es aus meiner Sicht viele Argumente, die dafür sprechen, viel mehr auf diese Karte zu setzen. Wer so ein Studium durchhält, weiß sich zum Beispiel ganz sicher selbst zu managen. Das sehe ich bei manchen der BWL-Absolventen nicht.

Muss ein Studium immer berufsqualifizierend sein?

Dietrich: Nein, es muss Persönlichkeit und Geist bilden, das ist ja der Unterschied zur Berufsausbildung. Leider gibt es diese Tendenz in Politik und Wirtschaft hochspezialisierte Arbeitsmaschinen auszubilden, die eine Zeitlang am Arbeitsmarkt funktionieren – bis dieser wieder neue Anforderungen hat, die die Arbeitsmaschinen von gestern nicht erfüllen. Wer weiß, wer er als Mensch ist, also eine ausgereifte Persönlichkeit hat, wird sich auch leichter unterschiedlichen Entwicklungen anpassen. Sehen Sie mich an: Ich habe im Support- und Projektmanagement bei Google gearbeitet und jetzt bin ich in einem ganz anderen Bereich tätig, im Personal. Quereinstiege sind mit einem geisteswissenschaftlichen Hintergrund manchmal sogar leichter.

Sie haben einen Coachingausbildung und arbeiten nebenbei als Coach. Wie kamen Sie zum Coaching?

Dietrich: Das war rein interessengeleitetet und geht auf meine Begegnung mit außerordentlich guten Coaches zurück, die ich bei Googles Führungskräfte-Programmen kennen lernen durfte. In deren Arbeit entdeckte ich ganz viel, das mir auch liegt, zum Beispiel das Verwandeln von Psychologie, Philosophie und Erfahrung in Praxis. Schon im Philosophiestudium hat mich eigentlich interessiert, was das praktisch für mich heißt und wie ich es in mein Leben einbauen kann. Mich interessiert das Konzept von Philosophischer Praxis ganz stark, auf keinen Fall wollte ich ein „08/15-Coach“ sein, davon gibt es viel zu viele. Ich wollte lernen und verstehen, was dahinter steckt und dann meinen eigenen Weg finden. Im Moment hilft mir das ungemein bei meiner Arbeit, wo ich auch Coaching anbiete und dadurch nicht zuletzt selbst immer mehr dazu lerne.

Wer mit Gilbert Dietrich Kontakt aufnehmen möchte, findet hier mehr Informationen.

 

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Über Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Ein Kommentar zu “„Wer rumgekommen ist, will Sinn und Ethos“ – ein Gespräch mit Gilbert Dietrich über Google, Gen Y und Philosophie

Schreiben Sie einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*

Artikel zu ähnlichen Themen: