11 Gründe für eine Ausbildung und gegen ein (Sofort-)Studium

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Letzte Woche verbreitete sich die kleine Sensationsmeldung in den Nachrichten, dass es in Deutschland erstmals mehr Studienanfänger als Lehrlinge gibt. Die intensiv gestreute Botschaft, Akademiker verdienten mehr und seien seltener arbeitslos, scheint also bei der Zielgruppe (den Eltern?) angekommen. Aber: Müssen jetzt wirklich alle studieren? Nein, gerade zum Berufseinstieg, aber durchaus auch in späteren Lebensphasen spricht noch einiges für die Lehre, selbst für Abiturienten:

1. Eine Lehre hilft der Persönlichkeitsentwicklung auf den Sprung.

Mit 17, 18, 19 Jahren hat niemand eine ausgereifte Persönlichkeit. Es plagen einen (soziale) Ängste, Unsicherheiten und überhaupt die Frage: was kann ich? Das können vor allem praktisch interessierte junge Leute  besser herausfinden, wenn sie in einem Betrieb arbeiten – zumal nach einer nicht durchweg positiven Lernerfahrung namens Schule.

2. Im besten Fall erobert man sich in der Lehre verschüttete Talente zurück.

Über die Schule und ihre Tendenz, vor allem die nicht angepassten Talente zu „zerstören“, hat Michael  Rajiv Shah gestern sehr schön geschrieben. Da hängt einen die unangenehme Deutsch- oder Mathe-Erfahrung ein Leben lang nach…  Im Job kann man schneller lernen: das kann ich doch (oder auch).

3. Antizyklisch denken und handeln ist immer klug.

Es ist kurzsichtig, das zu machen, was alle machen. Prognosen haben sich im Nachhinein so gut wie immer als falsch herausgestellt. Wenn alle jetzt studieren, fehlt es in Kürze an Praktikern. Außerdem kann die Welt nicht nur aus Theoretikern, Analytikern und Managern bestehen. Auch in Zeiten der Zukunft der Arbeit braucht es gelegentlich Hands-on.

4. Gerade das Handwerk könnte durchaus goldenen Boden zurückgewinnen.

Gut, Brötchenbacken ist inzwischen höhere Lebensmittelchemie, aber Schuhmacherei und alte Manufakturtrends? Da muss man doch noch anpacken. Malen und Lackieren kann, glaube ich, auf absehbarer Zeit auch kein Roboter übernehmen – oder, Techies, die hier mitlesen?

5. Wenn niemand sich die Finger schmutzig macht, werden die gut bezahlt, die es doch tun.

Arbeitgeber könnten bald die Nase voll haben von all den Leuten, die ganz viel wollen. Denn das ist die logische Folge des Studierens: Die einfachen Jobs wird keiner mehr machen wollen – das sieht man schon jetzt. Die jungen Akademiker, die zu mir kommen, fühlen sich tendenziell eher unterfordert. Es genügten für viele Positionen, die mir beschrieben werden, auch einfacher qualifizierte Leute, man ist derzeit geneigt, alles akademisch zu besetzen.

6. Ein Studium ist wie eine Lehre auch inzwischen oft ein Kurzfrist-Investment

Weil sich der Arbeitsmarkt immer schneller dreht und man alle fünf, sechs Jahre in neuer Aus- oder Weiterbildung sein wird. Da tun sich beide Wege nichts, erst recht gilt das für berufsqualifizierende Studiengänge.

7. Wer vorher eine Lehre gemacht hat, kann sein Studium stressfreier finanzieren.

Im ersten Job hat man vielleicht etwas Geld gespart und kann deshalb auch leichter einen besser bezahlten Teilzeitjob finden, der das Studium finanziert.

8. Der Abstand von der Schulclique macht Entscheidungen besser.

Mit einer Ausbildung sind Sie zwei bis drei Jahre raus aus der unmittelbaren Schul-Bezugsgruppe, die einen zu vielen wenig durchdachten Entscheidungen treibt, etwa AUCH nach Australien zu gehen (anstatt zum Beispiel nach Indien) oder AUCH BWL zu studieren, weil alle das machen.

9. Wertvolle Beziehungen entstehen.

Die Lehre eröffnet Raum für Begegnungen mit Menschen, die vielleicht später mal sehr wichtig werden können, die man im Studium aber nie kennenlernen würde. Die können Impulsgeber oder Türöffner sein…

10. Man muss nicht alles für den Lebenslauf machen.  

Eine Zeitlang momentanen Interessen zu folgen ist vollkommen okay. Zum Umorientieren hat man ein Leben lang Zeit.

11. Der Sinn ergibt sich erst im Rückblick

Ich erhielt einen Tweet von jemand, der Heizungsbauer gelernt und dann Politologie studiert hat. Gehört auf den ersten Blick nicht zusammen, macht aber Sinn wenn man sieht, was die Person heute macht: Erwachsenenbildung. Mir fällt auch jemand ein, der war erst Krankenpfleger, hat dann was Geisteswissenschaftliches studiert, eine Fachjournalistenausbildung gemacht und ist heute in dieser Kombination gut im Geschäft. Sowas gibt es oft. Und immer öfter.

Noch mehr Gründe? Ich baue gern an!

Lesen Sie dazu auch meinen Beitrag, wie man zukunftssichere Jobs erkennt.

About Svenja Hofert

Mit meinem Unternehmen Karriere & Entwicklung biete ich privates oder unternehmensfinanziertes Karrierecoaching mit Schwerpunkt Karriereplanung sowie Persönlichkeits- und Stärkenentwicklung vor dem Hintergrund einer sich ändernden Arbeitswelt. Dazu kombiniere ich umfangreiche Beratungserfahrung (>16 Jahre), Führungspraxis (>21 Jahre) sowie diagnostisches Knowhow mit sehr gutem strategischen Gespür und hoher Zukunftsorientierung. Mit meiner Karriereexpertenakademie bilde ich Personalentwickler und Business Coachs in Karrierecoaching aus. Als Mitgründerin und Geschäftsführerin von Teamworks GTQ Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung mbH treibe ich die Themen agileres Führen und agile Teamentwicklung strategisch und inhaltlich mit einem engagierten Team und meinem Geschäftspartner Thorsten Visbal voran. Unsere Haltung ist geprägt von Offenheit, Freude im Umgang mit Unterschiedlichkeit in jeder Hinsicht - auch im Denken -, einem Blick für sinnvolle, interdisziplinäre Aspekte und pragmatische Lösungsorientierung. Wir sind keinem Ansatz, keiner Theorie und keiner Methode verpflichtet, sondern nutzen ein Bestof mit vielen eigenen Ansätzen und eigenen Entwicklungen.

Über Svenja Hofert

Mit meinem Unternehmen Karriere & Entwicklung biete ich privates oder unternehmensfinanziertes Karrierecoaching mit Schwerpunkt Karriereplanung sowie Persönlichkeits- und Stärkenentwicklung vor dem Hintergrund einer sich ändernden Arbeitswelt. Dazu kombiniere ich umfangreiche Beratungserfahrung (>16 Jahre), Führungspraxis (>21 Jahre) sowie diagnostisches Knowhow mit sehr gutem strategischen Gespür und hoher Zukunftsorientierung. Mit meiner Karriereexpertenakademie bilde ich Personalentwickler und Business Coachs in Karrierecoaching aus. Als Mitgründerin und Geschäftsführerin von Teamworks GTQ Gesellschaft für Teamentwicklung und Qualifizierung mbH treibe ich die Themen agileres Führen und agile Teamentwicklung strategisch und inhaltlich mit einem engagierten Team und meinem Geschäftspartner Thorsten Visbal voran. Unsere Haltung ist geprägt von Offenheit, Freude im Umgang mit Unterschiedlichkeit in jeder Hinsicht - auch im Denken -, einem Blick für sinnvolle, interdisziplinäre Aspekte und pragmatische Lösungsorientierung. Wir sind keinem Ansatz, keiner Theorie und keiner Methode verpflichtet, sondern nutzen ein Bestof mit vielen eigenen Ansätzen und eigenen Entwicklungen.

8 Kommentare zu “11 Gründe für eine Ausbildung und gegen ein (Sofort-)Studium

  1. Vielen Dank für diese interessante Aufstellung. Auch ich habe damals erste eine Ausbildung absolviert und anschließend ein Studium. Geschadet hat es nicht. Man sieht die Welt dann mit etwas anderen Augen.
    Viele Grüße
    Christian

  2. Ich bin (war) von Beruf Handwerker. Für mich gibt es gute Gründe für ein Sofort-Studium:

    – Bessere Aussichten auf dem Arbeitsmarkt, keine saisonale Arbeitskosigkeit, wovon man gerade im Bauhandwerk regelmäßig betroffen ist.
    – Bessere Entlohnung. Handwerkliche Tätigkeiten erfahren regelmäßig nur Geringschätzung. Niemand ist heute mehr bereit, handwerkliche Tätigkeit angemessen zu bezahlen, Preise werden aufs Brechen und Biegen verglichen, rücksichtslos nachverhandelt und nach Fertigstellung werden Zahlungen wegen kleinster vermeintlicher Fehler zurückgehalten.
    – Wenn es dumm läuft, Zahlen Auftraggeber überhaupt nicht, die schlimmsten sind kommunale Auftraggeber.
    – Man selbst setzt sich besonders als selbständiger Handwerker ständig dem Konkursrisiko aus, weil man mit hohen Beträgen in Vorleistung geht, die Zahlungsmoral aber schlecht ist. Großunternehmen und kommunale Auftraggeber agieren nach dem Motto: “Wir zahlen erst, wenn wir dazu verklagt werden”.
    – Geringschätzung im Bekanntenkreis und bei Nachbarn: Die Leute rümpfen die Nase, wenn man mit verdreckter Handwerkskleidung nach Hause kommt. Es gibt dumme Sprüche vor allem von akademischen Nachbarn. Oder fragwürdige Arbeitsangebote wie die Nachfrage, ob man “mal schnell” Tapezieren oder eine kaputte Garage reparieren würde. Akademische Nachbarn behandeln einen nicht als gleichwertig, sondern stets als billigen Dienstleister, was ich aber ablehne. Ich arbeite niemals für Nachbarn und erst recht nicht für Privatkunden, weil die noch schlimmer sind.
    – Und das Schwerwiegendste: GESUNDHEITSSCHÄDIGUNG! Mein Vater war vom 14 Lebens Jahr an Handwerker. Mit 50 ging es los: Rücken kaputt, Knie kaputt usw. Man macht sich dabei den Körper kaputt, wenn man schweres Material schleppen muss, in Rohbauten ohne Aufzüge z.B. 12 Stockwerke hoch 30-40 kg Werkzeug wie Schweißkabel, Schweißmaschinen, Material usw.
    – Lärmbelastung: Trennschleifer, arbeiten mit Vorschlaghammer, Schlagbohrmaschinen, elektrischen Schlagschraubern usw. Gerade beim Arbeiten in großer Höhe z.B. auf Industrieschornsteinen kann kein Gehörschutz getragen werden, weil man sich ständig verständigen muss und sich nicht noch mehr Kram um den Hals hängen kann, bzw. garnicht genügend Hände frei hat, um ständig zu wechseln, weil auch alles schnell gehen muss.
    – Verletzungen: Beim Überkopfschweißen fallen glühende Metall und Schlackereste herunter, manche davon verirren sich in Kragen und Stiefel und verursachen schmerzhafte Brandverletzungen.
    – Arbeiten über Kopf, arbeiten auf den Knien, arbeiten in gebückter Haltung usw. Das geht bis zur Schmerzgrenze.
    – Bereits um 12 Uhr nachts losfahren, damit man am nächsten Arbeitstag um 7 Uhr an der Baustelle ist, dann 10 bis 12-Stündige Arbeitstage.
    – Und seit den letzten Jahren: Rücksichtslose Preisdrückerei durch Werkverträge, gnadenlose Konkurrenz aus Osteuropa (rumänsche Arbeiter arbeiten inzwischen für Stundenlöhne von unter 2,50 Euro – die gnadenlose Preisdrückerei begann nach der Wende, als Leute aus dem Osten für 5 DM die Stunde gearbeitet haben.)
    – Gerade als Selbständiger Handwerker: Kleinliche und ständige Kontrollen durch alle möglichen Prüfer: Finanzamt, Berufsgenossenschaft, Sozialversicherung … man wird sozusagen totgeprüft. An Großkonzerne mit ihren Rechtsabteilungen wagen sich die deutschen Behörden nicht heran, aber kleine Handwerksbetriebe werden bis zur Unerträglichkeit geprüft und schikaniert.
    – Staatliche Wilkür bei der Altersversorgung. Mein Vater war sein Berufsleben lang Handwerker, bis er mit Ende 50 am Ende war (Rücken kapuputt, künstliche Kniegelenke, Folgen schwerer Berufsunfälle). Er musste vorzeitig mit heftigen Abschlägen in Rente gehen. In der Zeit als Selbständiger sparte er in eine private Versorgung – hierfür zockt der Staat nun RÜCKWIRKEND hohe Sozialversicherungsbeiträge ab. Damit war seine private Altersversorgung weitgehend hinfällig.

    …. Fragen sie jemanden, der sein ganzes Leben lang Handwerker war, er wird nicht einmal seinem schlimmsten Feind empfehlen, das von Beruf zu werden.

    In meinem Bekanntenkreis gibt es genug Handwerker, die schon vor 40 in einem Callcenter geendet sind, weil sie nichts anderes mehr tun können: Kniegelenkschäden bei Fliesenlegern, Rücken kaputt bei Bauhandwerkern, Verletzungsfolgen und dergleichen.

    Nach meiner Ausbildung habe ich die Notbremse gezogen und ein Studium absolviert. Ich hatte damit zu kämpfen, dass ich deutlich älter war, als alle übrigen Bewerber. Heute gibt es genug Leute, die bereits mit 16 oder 17 Jahren ein Studium beginnen, wenn sie ein Schnellabitur gemacht haben. Das heißt ich konkurriere als 30-jähriger mit 23 bis 24-jährigen Absolventen!

    • sehr guter kommentar, ich hätte nicht besser antworten können. stimme dir in allen punkten völlig zu.
      handwerksberufe in der heutigen zeit sind nicht zu empfehlen solange es immer wieder Menschen (Großkonzerne) gibt die versuchen aus profitgier andere zu schädigen. aber die größten übeltäter sind die politiker die nichts dagegen unternhemen und somit in die karten der “schönen” und reichen spielen.

  3. Meine Freundin ist fast 50 Jahre alt, studierte Journalistin und hat ihren Job in einer Redaktion verloren. Nun sucht sie seit einigen Monaten erfolglos einen Job in ihrem Bereich. Da sie ein Kind zu versorgen hat, schaut sie jetzt auch in anderen Bereichen. Hier kommt ihr ihre Ausbildung zur Industriekauffrau, die sie vorm Studium gemacht hatte, sicherlich zu Gute. Ab Januar 2014 tritt sie einen Bürojob an mit bürokaufmännischen Aufgaben. Gut gelaufen.

  4. Pingback: (Duales) Studium oder Ausbildung? | Studium-Studieren.de - Der Blog

  5. Ich würde immer Studium empfehlen. Habt ihr nur eine Ausbildung und verliert eueren Job und es gibt genügend von deiner Sorte, wirst du aussortiert. Irgendwann wird das Jobcenter sagen, die Ausbildung sei nicht mehr verwertbar (was auch immer das bedeuten soll, eine echte Definition gibt es nicht) und ihr habt keine Zukunft mehr.

    Bei einem BWL Studium hat mehr größere Auswahl an potentiellen Jobs und muss nicht ständig “umschulen”.

    Es gibt hier in Deutschland Ausbildungsberufe, die in den USA nicht mal ein Schulabschluss benötigt wird. Hier sieht man wie hirnrißig das Duale System in Deutschland ist. Für jeden “Furz” brauch man eine Ausbildung. Die USA fahren seit über 100 Jahren mit On-The-Job Training sehr gut und man kann schneller den Beruf wechseln, weil es sowas wie einen gelernten Beruf in den USA nicht gibt. Ausbildung als Gebäudereiniger – Ist ein Job in den USA, die illegale Einwanderer aus Mexiko machen. Da fragt auch niemand nach einem Abschluss. Die USA haben trotzdem weniger Probleme mit resistenten Bakterien in Krankenhäusern als Deutschland.

    Beispiel: Sekretär – In Deutschland – als Bürokaufmann, Kaufmann für Bürokommunikation oder Kaufmann für Büromanagement bekannt brauch man in Deutschland eine 3 jährige Ausbildung. In den USA dauert das On-The-Job-Training nur Wochen bis man als Sekretär arbeitet.

    In den USA sitzt an der Kasse auch keiner mit einem Universitätsabschluss.

    Das Duale System in Deutschland ist unflexibel und produziert systembedingt (Alters)Armut, die eigentlich nicht sein müsste

  6. Pingback: Offene Ausbildungsplätze – Warum sich die duale Ausbildung lohnt

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