10 Jahre – wie nichts: So lange dauert es wirklich zu gründen!

Irgendjemand erzählte kürzlich von diesem ehemaligen Top-Manager eines Dax-Konzerns, der jetzt einen Retreat in schöner Landschaft betreibt, teure Seminare gibt und schon nach einem Jahr voll ausgelastet sein soll.

Ja, so SCHNELL kann es gehen. Leider selten im Bereich der Dienstleistungsgründungen rund um Kreation, Training, Beratung, Coaching. Könnte auch eine Story sein. Glauben Sie mir: Es wird viel erzählt, was nicht stimmt. Ich habe tolle Websites gesehen und es war kein Auftrag dahinter.

Aber gehen wir mal davon aus, diese Story würde stimmen. Dann ist es so: Die wenigsten Selbstständigen haben derart optimale Ausgangslagen, die bei diesem „Mercedes-S-Klasse der Existenzgründung“ – also einem ehemaligen Top-Manager – meistens da sind:

  • Eine glasklare Vorstellung von dem, was man KANN.
  • Eine glasierte Banane oder rasierte Stachelbeere im Gepäck, d.h. eine echte Nische (wobei es manchmal schon „glasiert“ genug ist, ein ehemaliger Vorstand gewesen zu sein)
  • Ein maximal durch Burnout leicht angeschlagenes Selbstbewusstsein.
  • Ein exquisites Netzwerk aus seinesgleichen mit entsprechender Zahlungsbereitschaft.
  • Gewohnt, groß zu denken.
  • Das nötige Gründungskleingeld, um die Praxis gleich in einer Villa am Bodensee zu eröffnen.
  • Ein Personal Profile, das in Deutschland maximal 10 weitere Personen haben (apropos glasierte Banane).
  • Männlich.

Die Wirklichkeit der Existenzgründung sieht ganz anders aus. Bei den meisten dauert es Jahre, bis sie sich einigermaßen etabliert haben. Weshalb ich, mein Slow-Grow-Prinzip geht dieser Tage in die 3. Auflage, nicht müde werden kann, zu raten: Lasst euch Zeit. Es geht nicht in einem Jahr, wenn die Ausgangslage „normaler“ ist als beim Mercedes-S-Klasse-Gründer. Manchmal reichen drei Jahre, um einigermaßen über die Runden zu kommen, oft ist am Anfang die Tätigkeit als „Sub“ notwendig. Meist beginnt dann erst der Befreiungsschlag und die eigentliche Gründung.

Es gibt viele Gründer, die mit einem Fahrrad starten, einige gehen sogar zu Fuß. Der Unterschied zu dem Mercedes-S-Klasse-Top-Manager-Gründer:

  • Eine einigermaßen verschwommene Vorstellung von dem, was man machen WILL („was mit Coaching“). Wird auch durch Beratung nicht klarer, nur durch TUN und zwar: von anderen bezahltes TUN.
  • Keine glasierte Banane oder rasierte Stachelbeere, sondern nur einen undifferenzierten Obstkorb.
  • Ein Selbstbewusstsein im Rahmen der Bezugsgruppe (also z.B. Illustratoren- oder Architekten-angelehnt).
  • Es gibt vielleicht ein Netzwerk, aber das ist eben auch „seinesgleichen“ – alle zu Fuß unterwegs, z.B. als ehemalige Studenten.
  • Gewohnt, klein zu denken. Erstens weil Mama und Papa auch klein dachten. Und zweitens weil man im vorigen Job, hatte man einen, auch schon nicht viel verdient hat.
  • Gar kein Gründungskleingeld oder so um die 10.000 EURO.
  • Ein Personal Profile, das in Deutschland gut 100.000 weitere Personen haben (etwa als Designer, Fotograf, Videomacher, Coach etc.)

Und jetzt kommt die Sache mit der Zeit:

  1. Zwischen KANN und WILL liegen Welten. Ehemalige Manager haben eher gelernt, vom Markt her zu denken (und nicht: ich würde gern, weil ich meine, XY gut zu können). Die meisten Gründer müssen das erst lernen. Die Erkenntnis, dass Wollen NICHT gleich Können ist, braucht auch bis zu drei Jahre.
  2. Das Selbstbewusstsein der Bezugsgruppe sorgt dafür, dass man sich so klein macht, wie das kollektive Selbstbewusstsein ist. Ich habe neulich von einem Fall gehört, bei dem eine promovierte Journalistin für höchst anspruchsvolle wissenschaftliche Texte ein Euro pro Zeile bekam, am Tag kamen so 80 Euros zusammen. Bis man erkennt, dass daraus nie und nimmer ein Geschäftsmodell wachsen kann, vergehen manchmal wiederum mehrere Jahre.
  3. Das Netzwerk aus seinesgleichen kannabilisiert sich selbst, aber es kann nichts Wesentliches  oder Größeres tun, um einen zu (be-)fördern.
  4. Der Mercedes-Manager hat gelernt groß zu denken. Er hatte mit Riesenbudgets zu tun. Er gründet gleich eine GmbH und stellt Leute ein. Das macht der Kleindenker nicht. Deshalb kann er der tollste Experte sein, ein Crack der Kommunikation zum Beispiel. Mit etwas Glück wird er von den Lead-Agenturen der Konzerne mit Kleinaufträgen gefüttert. An dicke Fische kommt er nicht.
  5. Das Gründungskleingeld geht für eine Website drauf, die man alsbald überarbeiten lassen muss. Man steckt vielleicht viel Geld in ein Coaching, in der Hoffnung das Elixir eines Wunderdoktors zu bekommen. Doch die Wahrheit ist: Alle kochen mit Wasser, auch die super-teuren, und wenn der Gründer die Kraft nicht aus sich selbst holt, sollte man das Geld lieber auf die hohe Kante legen.
  6. Das Personal Profile formt sich bei Menschen, die sich relativ früh und nicht erst mit 55 nach einer Managementkarriere selbstständig gemacht haben, nun mal auch WÄHREND der Selbstständigkeit aus.  Das heißt, dass man nach 10 Jahren optimalerweise an einem ganz anderen Punkt stehen könnte, wenn man sich dessen bewusst wird.
  7. Frauen. Die Geschlechtsunterschiede sind leider frappierend. Dass sich jemand mit Doktortitel der Naturwissenschaften mit 80 EUR/Tag abfrühstücken lässt, habe ich bei noch keinem Mann gesehen.

Lerne daraus:

Wachsen Sie in der Selbständigkeit  und sehen Sie diese nicht als Endprodukt, sondern als dauernde (langsame) Entwicklung. Gehen Sie lieber mit einem Obstkorb an den Markt, als gleich mit einer glasierten Banane und rasierten Stachelbeere und machen sie nichts zur Banane, das eigentlich rund ist (anders gesagt: viele Gründer sind mit einem breiten Angebot schneller im Geschäft, als wenn sie etwas auf Krampf besonders und einzigartig zu machen versuchen).

Sortieren Sie Ihren Obstkorb jährlich neu. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Bezugsgruppe immer kleiner wird. Nehmen Sie mich als Beispiel. In der Bezugsgruppe der Karriereberater bin ich gut aufgestellt, da es nur sehr wenige gibt, die medial gut und zeitgemäß aufgestellt sind, nicht „Eighties“ im Kopf sind und/oder irgendwie esoterisch denken (und faktisch auch mehr machen als reine Bewerbungsberatung, z.B. Karriereplanung). In der Bezugsgruppe der Coachs sähe das anders aus.

Das ist in allen Bereichen so: Je mehr ihr Bereich überschwemmt wird, desto eher sollten sie die Bezugsgruppe wechseln oder für sich neu definieren, z.B. vom reinen Texter zum Luxusgütertexter werden. Oder auch neue Geschäftsmodelle erfinden, siehe mein Kexpa.

Der Mercedes-Manager geht mit 55 Jahren mehr oder weniger geformt in die Selbstständigkeit. Sind Sie 35, 40 oder 45, sieht das noch anders aus. Sehen Sie Ihr eigenes Wachstum und lassen Sie sich darauf ein. Ich wurde auf einem  Slow-Grow-Vortrag mal von Landmaschinenproduzenten in 3. Generation und Geflügelbauern angeblöfft, dass Freiberufler ja keine Unternehmer sind – und auch nicht werden könnten. Das ist Bullshit. Ich habe viele gesehen, die nach fünf, zehn, fünfzehn Jahren noch mal einen größeren Sprung gemacht haben – eine Agentur gegründet oder einen Laden gekauft. Oder die dann plötzlich doch noch eine sehr coole Idee hatten, die ohne die jahrelange Erfahrung als Selbstständiger nie hätte entstehen können.

Bei dieser Gelegenheit: Sind Sie kürzer als 10 Jahre am Markt. Dann helfen Sie Thorsten Visbal und der HEI Hamburg der Frage auf die Spur zu kommen, woran Gründer scheitern. Die Befragung dauert ca. 5-10 Minuten. Hier ist der Link zu den Fragen http://www.hei-hamburg.de/visbal-umfrage. Alle Einträge im gesamten Fragebogen werden streng vertraulich behandelt und anonym ausgewertet.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Über Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden ist untertrieben, ein halbes Leben Coaching Beratung, Ausbildung nicht. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, äußerst intuitiv, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

3 Kommentare zu “10 Jahre – wie nichts: So lange dauert es wirklich zu gründen!

  1. Moin moin Frau Hofert, herzlichen Dank für diese klaren und doch netten Worte 🙂 Es ist immer wieder gut, ein paar echte Wahrheiten zur Gründung zu lesen. Sonst halten doch zu schnell die „falschen“ als Vorbild her.
    Herzlichen Gruß in die Hansestadt, Henrik Zaborwoski

    • Danke, danke. Freut mich. Vor allem, dass es nett rüberkommt, manchmal bin ich nicht sicher, ob mein Holzhammer weich genug verpackt ist 😉 LG Svenja Hofert

  2. Erfrischend geschrieben!! Danke dafür – kommt einem in diesem doch eher trockenen Themenfeld nicht allzu oft vor die Augen.
    Nachdem ich Wohnungen meines Großvaters geerbt hatte, fasste ich den Entschluss mich selbstständig zu machen. Das erste was ich gemacht habe, war mir software zu kaufen, damit ich von Anfang an alles dokumentieren kann, um den Überblick zu behalten. Wie ich aber Sanierungen bezahlen soll, Mietverträge entwickeln usw…. *puuuh* Das mit dem kollektiven Selbstbewusstsein – da hab ich mich auch wiedererkannt. An sich selbst glauben, wenn man seine Fähigkeiten (grad wenn man etwas vollkommen neues beginnt) nicht genau einschätzen kann, ist nicht so einfach…

    lG Maja

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