Wer bin ich? Und wenn ja, wo stehe ich? Die 4 Phasen im Karrierecoaching

Die Themen und Lebensfragen verändern sich mit dem Alter. Das wirkt sich auch auf die Fragestellungen im Karrierecoaching aus. An der Oberfläche schwimmen konkrete Fragestellungen nach Gehalt, Jobsuche und Bewerbung. Doch darunter ist das tiefe Wasser. Lassen sich oberflächliche Fragen beantworten, ohne zu wissen, wie tief das Wasser darunter ist und was es ausmacht? Ich finde nicht.

In meiner Praxis habe ich vier Phasen beobachtet, die jeweils recht spezifische Fragestellungen mit sich bringen. Dabei werden manche von der Oberfläche und einige aus der Tiefe gestellt.

phasen

1., Phase des Eintrees

Businessman choosing the right doorDas Symbol  ist hier die Tür. Denn das ist die große, alles bestimmende Frage: Durch welche Tür gehe ich? Hier brauchen junge Leute oft Orientierung. Was passiert, wenn man diese Tür aufmacht – und was lauert hinter jener? Karrierecoachs (und Berufsberater), die in dieser Phase beraten, brauchen Know-how, möglichst viel und möglichst breit. Andernfalls können Sie eine Menge falsch machen und Wege geradezu verbauen. Erst letzte Woche sprach ich mit einer jungen Dame, die nur deshalb eine Lehre gemacht hat, weil die Beraterin sie aufgrund der relativ schlechten Noten dahin gecoacht hat. Grob fahrlässig. Und meiner Meinung nach einer der schlimmsten Denkfehler, dass viele Neucoachs sich gerade für DIESES Thema (Abiturientenberatung) aufstellen, weil man da nicht so viel wissen muss. Das Gegenteil ist der Fall. Auch, weil man nicht so viel „freicoachen“ kann und als Ältere/r automatisch lenkt. Die Verantwortung ist besonders groß. Intensive Kenntnis des Studiensystems und der Bachelor-Master-Kombinatorik sowie der sich verändernden Berufsfelder sind Mindestanforderung. Man kann das nicht ausschließlich der Selbstrecherche überlassen.

2. Karriere-Phase

Der Ballon ist das Symbol in dieser Phase, auch wenn es nicht immer um Aufstieg geht. In jedem Fall geht es hier darum herauszufinden, wie man in seiner im Entree gewählten Bezugsgruppe erfolgreich sein kann. Falsches Entree macht sich dadurch bemerkbar, dass man innerhalb dieser Bezugsgruppe – etwa der PR-Berater – keinen Platz für sich findet, den man attraktiv findet (weil man mit seinen Kompetenzen, seiner Persönlichkeit und seinen Motivationen nicht vollständig andockt). So kann es zu frühen Neuorientierungen kommen. In dieser Phase sind Geld und Gehalt nach wie vor wichtig – entweder als eine der zentralen Steuerungsinstrumente, vor allem bei Männern.

Identitäts-Phase (erste Neuorientierungsphase)

Figuren / BegabungDas Symbol ist die Identität. „Ich grenze mich ab“ – von der Familie, meinem Hintergrund, der mich geprägt hat. Man sucht nach dem, was einen ausmacht als Mensch, als berufstätige Person, als Ich. Und fragt: Ist es sinnvoll, was ich tue? Ist das mein Ich? Bin ich ICH? In dieser Phase merken viele, dass sie bestimmten Lebensmustern gefolgt sind. Frauen entdecken häufig, dass das „ich bin nicht gut genug“ sie steuerte oder auch das Geliebt-werden-wollen. Der familiäre Hintergrund klappt auf  und liefert Erklärungen für berufliche Entscheidungen. In dieser Phase ist ganzheitliches Karrierecoaching sinn-voll. Man kann Beruf und Leben nicht mehr trennen.

Höherer-Sinn-Phase (erste Neuorientierungsphase)

Chakras with German LabelingIrgendwann wird die Frage nach Sinn, die Menschen in jedem Alter stellen, anders definiert werden. Während Sinn für sehr junge Leute oft noch in Themen wie „Familie“, „Reisen“ und „berufliche Zufriedenheit“ liegt, kommt jetzt oft eine spirituelle Ebene dazu. Man möchte etwas bewirken, wissen, warum man auf dieser Welt ist, einen Platz finden, der einen die schwerste aller schweren Coaching-Fragen beantworten lässt: „Wenn ich nur noch einen Tag zu leben habe und mein Leben passieren lasse, bin ich dann zufrieden mit den Spuren, die ich hinterlassen werde?“

Für einige ist die Frage eng an Religiösität gekoppelt. „Man muss aufhören, die Dinge zu hinterfragen, dann findet man Sinn“, erzählte mir ein christlicher Klient. Das ist eine von unzähligen Antworten, die man individuell finden kann. Karrierecoaching in diesen späteren Lebensphasen ist ganz anders als in den vorherigen Phasen. Nun geht es kaum noch ums Wissen und Beratung tritt in den Hintergrund – es sei denn, die Sinn-Phase führt zu praktischen Handlungen, etwa einer Existenzgründung.

Natürlich muss man nicht alle diese Phasen durchlaufen, manche Klienten bleiben bei Phase 1 stecken, viele bei 2. Und dann gibt es noch die, die immer wieder um 3 eine Schleife drehen und z.B. erst beim dritten oder vierten Coach essentielle Fragen auflösen. Das ist dann auch OK, denn oft brauchen diese Dinge länger.

Methoden für alle Phase finden Sie in meinem Lehrbuch. Wer die Anwendung anhand von Fallbeispielen lernen möchte, sollte sich in der Karriereexpertenakademie umschauen.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Über Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Ein Kommentar zu “Wer bin ich? Und wenn ja, wo stehe ich? Die 4 Phasen im Karrierecoaching

  1. Sehr geehrte Frau Hofert,

    halten Sie es für sinnvoll die ersten beiden Phasen direkt zu überspringen und sich bereits in jungen Jahren ausschließlich mit Phase 3 zu beschäftigen?

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