Intuitive mögen Ausschnitte und Abstraktes: Interview über den ViQ

Nach meinem Spiegel-Artikel über Tests haben mich mehrere Firmen kontaktiert, die mir Infos zum von mir in der Kolumne erwähnten Visual Questionaire (VIQ) anboten. Durch Klienten von der Nordakademie – wo der ViQ schon länger unter Lizenz der MassineScheffer & Partners GmbH eingesetzt wird – ist er mir mehrmals begegnet. Um mehr über die Hintergründe und den Stand der Forschung zu erfahren, haben wir mit Prof. Dr. David Scheffer, wissenschaftlicher Vater des ViQ, Professor für Personalmanagement und Gründer von MassineScheffer & Partners ein Interview durchgeführt.

Portrait , Massine Schaeffer

Ich habe den MBTI mehrfach gemacht. Beim VIQ war ich plötzlich ein INTJ, also jemand der sehr strukturiert seine Sachen durchzieht, das ist das J. Irgendwie wahr – ist eine Seite von mir. Habe mal in einem Forum gelesen, dass 40% der McKinseyaner INTJs oder INTPs sind, aber nur rund drei Prozent der Bevölkerung. Wie kann es aber sein, dass das Ergebnis beim VIQ so anders ausfällt als beim Fragebogen-MBTI? Da war ich auch öfter ENFP, passt auch irgendwie…Mein alter ego?

Scheffer: Der ViQ ist ein implizites Testverfahren, d.h. die zugrundeliegenden Persönlichkeitseigenschaften werden nicht direkt erfragt, sondern indirekt durch kurze Wahrnehmungsexperimente erschlossen. Sogenannte direkte bzw. explizite Fragen können einen beeinflussen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass man sie aufgrund sozialer Erwünschtheit oder den wahrgenommenen Rollenerwartungen ankreuzt. Es kann auch sein, dass eine aktuelle Stimmungslage beeinflusst. Unsere Visual Questionaire (VIQ) schaltet diese Störquellen aus. Es erfasst, wie Ihr Gehirn Formen und Strukturen wahrnimmt. Daraus können wir valide ableiten, welche Präferenzen jemand hat.  Und diese sind recht stabil, obwohl natürlich einschneidende Erlebnisse auch Verändungen bewirken.

Das ist schon faszinierend. Sie können mit dem VIQ auch sehen, welche Art von Fotos jemand den Vorzug gibt.

Scheffer: Ja. Intuitive, also Menschen mit hoher Offenheit, mögen eher abstrakte Bilder und Ausschnitte, Sensitive konkrete.  Auch Vorlieben für den Aufbau und den Informationsgehalt von Texten lassen sich ablesen. So sind nach präziser Ausrichtung der Kommunikation auf psychographische Zielgruppen signifikante Umsatzsteigerungen möglich. Einfach nur, indem man gezielter Menschen und klar definierte Zielgruppen anspricht und damit die Relevanz deutlich erhöht.

Manche verteufeln das als Neuromarketing. Sie setzen den VIQ neuerdings auch im Personalwesen ein. Liegen Korrelationsstudien vor? Kann man also wirklich sagen, ob jemand, der ein, sagen wir, ENFJ ist, sich für bestimmte Jobs besser eignet?

Scheffer: Ja, das kann man sagen. Wenn die eigene Persönlichkeit gut zu den Anforderungen und dem Umfeld passt, dann stärkt das nachhaltig die Motivation und den Erfolg. Besonders die Impliziten Persönlichkeitssysteme, die uns häufig nicht so bewusst sind, haben auf diese „Passung“ einen sehr hohen Einfluss. Studien zeigen, dass bestimmte Berufe oft ein bestimmtes Persönlichkeits-Profil teilen und dieses Profil mitentscheidend für den Erfolg in diesem Beruf ist. Und auch im Rahmen von Assessment Centern kann man sehr deutlich beobachten, wie bestimmte Funktionen zu bestimmten Persönlichkeitsprofilen passen bzw. nicht passen.

Von den Typen leiten sich aber nicht unbedingt Talente ab, oder?

Scheffer: Nein, es geht erst mal nur um Vorlieben und Präferenzen.  Jeder kann prinzipiell in jedem Job erfolgreich sein. Nur eben auf seine Weise. Wir kennen beispielsweise sehr erfolgreiche Vertriebsleute,  die eher introvertiert sind. Sie überzeugen auf ihre Art und Weise, und machen das sehr gut und erfolgreich. Man sollte also bei der Einstellung keinen Stereotypen folgen, sondern die Motivation der Person kennenlernen. So ein Test darf nicht zu Schubladendenken führen, sondern ist ein valides und praxiserpobtes Hilfsmittel zur gemeinsamen Reflexion.

Das habe ich anders erlebt. Ein Kunde von mir durchlief ein AC als Key Account Manager. Am Ende machte man den VIQ. Er war ENFJ. Man machte einen Haken dran „passt“ und sprach nicht über das Ergebnis.

Scheffer: So sollte es natürlich nicht sein. So entfaltet auch der Test keinen vollen Nutzen für den Bewerber. Man sollte auf jeden Fall Gespräche führen und das Ergebnis auch absichern.

Sie sagen die Testergebnisse sind stabil auch nach einem längeren Zeitraum von zwei Jahren (die deutsche MBTI-Lizenzgeber gibt einen Retestzeitraum von einem Monat an). Kann sich der Mensch denn nicht ändern?

Scheffer: Jeder kann sich verändern, das passiert aber eher langsam. Die grundlegende Persönlichkeit bleibt oft erstaunlich stabil. Es gibt aber einschneidende Ereignisse, die für größere Veränderungen sorgen können und im wahrsten Sinne des Wortes einen anderen Menschen aus uns machen können: zum Beispiel ist das für chronische Krankheiten nachgewiesen.

In Deutschland ist der MBTI unter Experten verpönt. Er wird in Psychologie-Lehrbüchern, wenn überhaupt erwähnt, negativ darstellt, so wie C.G. Jung auch selten gut wegkommt. Laien jedoch lieben den MBTI, weil das System so leicht verständlich ist. Die Big Five sind weitaus akzeptierter bei Fachleuten, aber unbeliebt bei Endverbrauchern. Wie gehen Sie damit um?

Scheffer: Wir kennen diese Kritikpunkte, die grundlegenden Ideen von Jung waren aber damals wirklich bahnbrechend. Darum zitieren wir ihn noch heute. Der entscheidende Vorteil gegenüber dem Big Five Ansatz ist der, dass Jung psychische Funktionen als Basis seines Modells nimmt. Also nicht bloße Verhaltenskorrelate (wie der Big Five), sondern konkrete Funktionen des Gehirns wie bspw. das Wahrnehmen und das Entscheiden. In der sog. „PSI-Theorie“ des Osnabrücker Professors Dr. Julius Kuhl wurde diese Theorie entscheidend weiterentwickelt. Sie bildete im Übrigen auch die Basis der Entwicklung des ViQ.

Herr Scheffer, Danke für das offene Gespräch.

 

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Über Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

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