Betrügen und lügen: Welche Rolle spielt Ethik im Karrierecoaching?

BookwormManchmal erfährt man im Karrierecoaching Dinge, die man besser nicht wüsste. Dabei gibt es kleine und große Themen, die heikel sind. Die kleinen Themen: Da lässt sich jemand krankschreiben, um mehr Zeit für Bewerbungen zu haben oder sich einem aktuellen Problem zu entziehen.  Da nimmt jemand formal einen Job an, um ihn sicher zu haben,  weiß aber schon, dass er/sie diese Stelle nicht antreten wird, wenn ein Arbeitgeber zusagt, der regional besser passt. Zu diesen Themen veröffentlichte Henrik Zaborowski gerade einen Leserbrief vom „Bewerber 2.0 – HR schlägt zurück“. Da erfinden Bewerber kranke Tanten und andere haarsträubende Geschichten, um Terminunpässlichkeiten, Verschiebungen oder Absagen zu tarnen.

Es gibt auch großen Themen: Da erzählt einem jemand, dass sein Unternehmen die Bilanz frisiert, sein Chef gegen Gesetz verstößt oder Maßnahmen nicht so sauber sind, wie sie in der Öffentlichkeit dargestellt werden. Da müsste jemand eigentlich seine Vorgesetzten über eine Entwicklung in der Forschung informieren, tut dies aber nicht, weil diese nur für kurzfristige Gewinnmaximierung genutzt würde. Im Buch „Das Neue und seine Feinde“ empfiehlt Gunter Dueck undercover zu arbeiten, um eigene Ziele – Innovationen – zu erreichen. Ein Verhalten, dass ethisch fragwürdig ist –wenn man den Kant´schen kategorischen Imperativ anlegt.

Ob Sie ein strenger Systemiker sind (wobei Luhmann strenggenommen keine Ethik beschreibt) oder eher einer Kant´schen Ethik folgen: Solche kleinen und großen Dinge bringen Sie als Karrierecoach in die Bedrouille. Natürlich ist Ihnen klar, dass Sie nichts mit diesen Informationen machen können, denn an dieser Stelle sind Sie wie der katholische Priester, der die Beichte entgegennimmt. Sie folgen natürlich dem Datenschutz.

Aber, was bitte sind die Grenzen?

Wo haben Sie die ethische Pflicht, zu intervenieren? Diese Frage ist alles andere als einfach, soviel ich weiß ist sie kein Thema von akademischen oder praktischen Coaching-Ausbildungen. Das wundert mich: Denn wenn man sich auf eine Systemtheorie beruft, kommt man an der Beschäftigung mit philosophischen Fragen nicht vorbei. Man muss doch wissen, wie sich etwas einordnet – und auch Grenzen kennen.

Eine häufige Frage lautet: „Was raten Sie mir?“

Auch, wenn Sie auf solche Fragen nichts raten, und dass auch sagen, könnte es sein, dass es Ihnen ähnlich geht wie mir. Es rumort im Innern, es beschäftigt sie. Man sieht Ihrem Gesicht an, dass Sie eigentlich etwas raten wollen. Das hat mit ihrem moralischen Empfinden  zu tun. Vielleicht sind sie religiös. Und selbst wenn nicht, Sie werden irgendein moralisches Empfinden haben.

Ist das korrekt? Ist das gut?

Um was geht es hier wirklich? Es geht NICHT um Moral, es geht um Ethik. Moral bewertet, auch ohne zu hinterfragen oder nach dem hinterfragt wurde. Ethik analysiert und hinterfragt. Moral ist praktisch, Ethik immer auch theoretisch.

Formaltethiken wie die von Kant bieten Entscheidungshilfen für moralisches Verhalten. Verantwortungsethiken erlauben uns Dinge nur dann tun, wenn wir seine Folgen sicher abschätzen können. Wendet man diese an, kann man Atomkraftwerke nicht zulassen, kommt aber möglicherweise auch zu dem Schluss, dass das Zulassen von Kinderarbeit in einem sozialen Rahmen ethischer ist als ein radikales Verbot – weil die Kinder so im entsprechenden Land ein besseres Leben haben.

Natürlich soll der Coach nicht seine eigenen moralischen (oder besser: ethischen) Wertmaßstäbe anlegen, sondern dem Klienten den Blick für seine eigenen öffnen und individuelle Entscheidungsparameter freilegen. Aber bisweilen sind Klienten wie die Höhlenmenschen im Höhlengleichnis von Platon: Sie sehen nur Schatten, Sie als Coach aber wissen, dass es Menschen sind. Was Sie vor diesem Hintergrund tun können: Wirkungen auf das System des Klienten besprechen, Werte freilegen –  sofern Sie Wege, aus der Höhle herauszukommen, aufzeigen, so müssen Sie auch die Konsequenzen besprechen. Wenn der Wissende zu den Dummen zurückkehrt und von seinem Wissen berichtet, wird er der Lüge bezichtigt und erschlagen.

Angenommen, Sie wären Hoeneß´ Coach gewesen: Was hätten Sie gemacht, wie interveniert? Hätten Sie überhaupt intervenieren müssen, wenn das gar nicht Ihr Auftrag gewesen wäre?

Schwierige Frage.

Angenommen, Sie hätten einen Kunden, der eine Firma bewusst und taktisch hinhalten will, um sich alle Optionen offen zu halten?

Auch eine schwierige Frage, wenn auch nicht ganz so weitreichend. Oder doch? Welche Konsequenzen hat es für eine Gesellschaft, wenn jeder eigene Interessen zur Maxime machen würde?

Zum Bewerber 2.0-Beitrag: Ja, nicht nur einmal kamen wir in einem Karrierecoaching-Prozess zu dem Ergebnis, dass ein Taktieren sinnvoll wäre, weil jemand einen klaren Favoriten hat und die Zusage von Firma B nur eine Notlösung wäre. Ich sage dann z.B. „Ich höre heraus: Sie würden diesen Job ohnehin nicht antreten. Was wäre die Konsequenz daraus für die Frage, die Sie mir gestellt haben?“

Es gibt Menschen, die hier sagen „ich muss eine E-Mail schreiben, und da erfinde ich mal die kranke Tante.“ Da kann ich dann noch mal versuchen zu intervenieren, indem ich sage: „Lassen Sie uns doch mal die Perspektiven wechseln. Wie würde das für Sie sein, wenn….“ So werden Sie  möglicherweise ein schlechtes Gewissen erzeugen und der Klient wird nicht mehr kommen oder etwas tun, was er/sie Ihnen nicht mitteilt. Da sind Sie transaktionsanalytisch ganz klassisch in der Mama-/Papa-Rolle, die auch nicht immer die schlechteste ist, um das ungezogene – unmoralische – Kind zu erziehen.

Manchmal kann man als Coach – jedenfalls wenn die Zielgruppe im Allgemeinen gebildet ist –  gerade in diesen relativ einfachen Themen fragen, ob sich der Klient an den kategorischen Imperativ erinnert: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Betonen Sie das Wort Maxime:  Hinter dem Taktieren in der beschriebenen Situation steckt die Ego-Maxime „ich bevorzuge es Dinge zu tun, die mir nutzen“. Die einfachen Fragestellungen beantworten sich dann leicht. Auch ein Höneß  hätte besser Kant befragen sollen.

Kants Formalethik hat indes Grenzen bei übergeordneten Fragestellungen wie Bilanzbetrug oder der Frage, ob man Instanzen umgehen kann, um der Gesellschaft oder Umwelt oder… zu nutzen. Antwort auf die ethische Kompatibilität dieser Fragestellungen findet sich bei den Verantwortungsethikern wie Hans Jonas. Dieser sagt: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz menschlichen Lebens auf Erden.“ Das erlaubt das Undercover-Arbeiten à la Dueck, siehe oben.

In meinem Seminar war ein Themenblock „die Persönlichkeit im Karrierecoaching“. Nicht nur bei den Big Five auch bei der Grundhaltung wird diese zum Tragen kommen. Ich bin überzeugt, die oben skizzierten Fragestellungen wird jeder anders gewichten und beantworten. Aber darüber Gedanken machen, sollte sich jeder.  Und darüber, welche Haltung er dazu hat, ebenso.

[für Spiral-Dynamics-Freunde: Man kann die philosophische-ethischen Haltungen auch mit Spiral Dynamics analysieren: Während Kant blau ist (Regeln), ist der Utilitarismus orange (Effizienz), Max Schelers Wertethik grün-gelb und die Verantwortungsethik gelb-türkis.]

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Ein Kommentar zu “Betrügen und lügen: Welche Rolle spielt Ethik im Karrierecoaching?

  1. Das Problem kommt mir immer wieder unter. Als Psychotherapeutin und Karrierecoach habe ich den Vorteil, dass Ethik in der Psychotherapie ein häufig diskutiertes Problem ist (man hat schließlich aus der Vergangenheit gelernt) und die gesetzliche Verschwiegenheitspflicht eindeutig ist (in Österreich über die von Ärzten hinausgeht und sogar im Zuge von Gerichtsverfahren nicht ausgesagt werden muss). Ich bediene mich zur Lösung von Dilemmata im Coaching also öfters meines zweiten beruflichen „Hutes“, weil hier die Diskussionsebene schon sehr weit entwickelt ist.

    Das allerdings löst auch nicht jede Zwickmühle. Aus der Gestalttherapie habe ich als hilfreich mitgenommen, meine persönliche Befindlichkeit als Coach/Therapeutin in den Raum zu stellen – „Ich fühle mich nicht wohl mit dieser Vorgangsweise, klarerweise ist es Ihre Entscheidung, aber ich kann/will Sie hier nicht weiter unterstützen. Da komme ich selbst in ein ethisches Dilemma“. Solche Interventionen weiten noch einmal den Raum des Diskutierten, und ich habe noch nie die Erfahrung gemacht, dass sie einer guten Coaching-Beziehung geschadet hätten.

    Mir ist mein Schlaf wichtig, und ich will mir selbst in die Augen sehen können. Andererseits weiß ich, dass auch von der „Gegenseite“, dh. von Unternehmen, vieles höchst fragwürdig verläuft. Rauhere Zeiten mögen im Einzelfall auch den Einsatz von Mitteln erfordern, an die in ruhigeren Zeiten wohl niemand gedacht hat.

    Ich denke auch, dass sich Moral aus dem speist, was jemand bisher erlebt und erfahren hat – damit bleibt sie höchstpersönlich. Die von meinen Klienten – und meine eigene.
    Dennoch sollte sie diskutiert werden dürfen – ein hochinteressantes Thema, denn hier spiegeln sich im Coaching aktuelle gesamtgesellschaftliche Fragestellungen, heruntergebrochen auf das Individuum.

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