Bildungsburger 2: Besser erst mal eine Lehre, danach kann man sich ein Studium auch kaufen (Streitgespräch)

Meine spitze Kolumne über Kaufstudien hat mir viele Protestmails eingebracht, ein Nachklapp findet sich hier. So ganz einverstanden war auch Weiterbildungsexperte Lars Hahn nicht mit meiner These, a.) dass die Ökonomisierung zu einer Benachteiligung von Haus aus schlechter gestellter Menschen führt und b.) dass die Qualitätsunterschiede in der Bildung, wirtschaftlich getrieben, immer größer werden. Bereits vor zwei Jahren hatten wir uns auf einen Bildungsburger getroffen. Dieses Mal war es eine Bildungs-Zitronentarte und ein doppelter Espresso Macchiato im Café Schmidt.

selfiemitlarsLars Hahn:  Willst du im Ernst eine Lanze für staatliche Bildung brechen? Das wäre ja die Konsequenz deiner Aussagen.

SH: Mir ging es darum, darauf aufmerksam zu machen, dass uns das Thema Bildung derzeit entgleitet. Da entsteht ganz viel Mist, was die etablierten Angebote – staatlich wie privat – herunterzieht. Es heißt ja alles Bachelor oder Master. Es ist auch unklar, wer da für was ausbildet. Und die Ursache ist, so meine ich, dass oft wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen. Nicht Bildung. Und auch nicht die Notwendigkeiten des Arbeitsmarktes. Da frage ich mich: Für was ist ein Studium gedacht? Im Moment werden Studiengänge, die eigentlich der höheren Bildung dienen und in meinen Augen auch ohne Arbeitsmarkt-Verwertbarkeit eine Berechtigung haben, für den Arbeitsmarkt „modelliert“. Das kann nicht funktionieren.

Lars Hahn: Es ist richtig, dass derzeit alle versuchen, Studiengänge als „berufsqualifizierend“ zu kennzeichnen, auch solche, die dazu gar nicht geeignet sind. Aber das geschieht von allen Seiten auch bei den staatlichen Angeboten. Ein staatliches Studium ist aber ganz sicher nicht das Gelbe vom Ei. Was ich da schon erlebt habe! Vergleichende Literaturwissenschaften als Bachelor oder Mix-Studiengänge aus 10 unterschiedlichen Fachdisziplinen. Alles nur angerissen, nichts vertieft. Was soll man da lernen? Das Niveau ist so unterschiedlich, dass man gar nicht vergleichen kann. Weder im staatlichen noch im privaten Bereich.

SH: Ich finde aber, dass der private, also kommerzielle Bereich der Problemverursachende ist. Weil jetzt alle ökonomisch denken, wird alles umettikettiert – was letztendlich zu einem enormen Qualitätsgefälle führt. Und weil Eltern denken, staatlich sei nicht gut, schicken sie ihre Kinder auf private Hochschulen. Da sind einige gut und etabliert, viele aber nicht. Der Stempel ist aber zunehmend „privat = besser“. Und das stimmt nicht. Wie „staatlich = besser“ auch nicht stimmt. Man muss jeder der 17.000 Studienangebote genau analysieren. Wer soll das machen? Das ist einfach zu viel Angebot!

Lars Hahn: Stimmt. Auch die Personalabteilungen sind damit überfordert. Das fängt bei seltsamen Namen der Abschlüsse an, führt über die Inhalte und endet beim Anbieter. Was hat eine Person studiert, wenn sie einen Bachelor für „interkulturelle Kommunikation“ hat? Wo kann ich diese Person als Arbeitgeber einsetzen? Und was bitte sagt mir die Hochschule, an der sie studiert hat?  Ist die gut? Und der Lehrstuhl?

SH: Selbst Experten blicken da nicht mehr durch. Die Abiturienten selbst sind vollkommen überfordert. Die reagieren auf Hochglanzbroschüren und Versprechen…wie die Eltern. Der freie Markt führt nicht zu einer Verbesserung, sondern zur Verunsicherung. Da lobe ich mir doch das (staatliche) Institut für Berufsbildung, die den Markt beobachten und Berufsbilder überarbeiten wenn es nötig ist. Bei Studiengängen gibt es sowas nicht mehr.

Lars Hahn: Es stimmt, da entsteht zu viel, was die Welt nicht braucht. Dabei wäre so wichtig, sich gut zu informieren. Im Bachelor braucht man keine Spezialisierung, das widerspricht schon dessen Anlage als Grundlagenstudium. Also machen alle Fächer, die mehr als zwei Disziplinen kombinieren keinen Sinn. Und alles, was neu ist und seltsam benannt, sollte mit absoluter Vorsicht betrachtet werden.

SH: Ich hatte hier Absolventen, die ein Jahr nach dem Studium etwas studiert hatten, was schon wieder abgeschafft war – die zweite Akkreditierung ging daneben. Andere merkten erst mit dem Abschluss in der Tasche, dass dieser nicht international anerkannt war und sie keinen Master im Ausland machen konnten! Und das passiert vor allem, weil mit dieser Bildung Geld zu verdienen ist!

Lars Hahn: Was sie aber nicht per se schlecht macht. Man muss sich doch auch die Frage stellen, wozu Bildung eigentlich gut ist. Soll sie für den Arbeitsmarkt vorbereiten oder soll sie die Persönlichkeit bilden? Wir haben während unseres Studiums noch viel Zeit mit Kaffee trinken verwendet!

SH: Oh ja, ich gebe zu, ich habe die Zeit an der Uni wenig mit Lernen verbracht, sondern unter anderem einen Science-Fiction-Roman geschrieben und viel Billard gespielt. Trotzdem war die Zeit einmalig und wichtig, gerade weil da so viel Freiheit war. Ich hatte beim Einführungskurs zu meinem 2. Studium (übrigens privat) das Gefühl, dass ich wissenschaftliches Arbeiten und ein kritisches, vernetztes Denken nach wie vor sehr verinnerlicht habe. Andere, die viel jünger waren, sagten: „Ich habe im Erststudium nichts gelernt, was nachhaltig wäre.“

Lars: Das liegt aber nicht daran, dass die einen privat und die anderen staatlich studieren, sondern dass Studieren heute generell ganz anders ist. Man will die Leute gezielt für den Arbeitsmarkt vorbereiten. Aber das klappt eben ganz oft nicht, weil ein erstes Studium eben grad nicht berufsqualifizierend sein kann. Und die Qualität driftet soweit auseinander, wie das vor 20 Jahren eben nicht war.

SH: Man lässt den Leuten keine Zeit mehr, sie sollen Nachschub für den Arbeitsmarkt sein. Auf Teufel komm raus wird selbst vergleichende Literaturwissenschaft praxiskompatibel geredet. Das ist der Punkt, den ich meine! Aber in all dem ist keine Konsequenz. Wenn man sich wenigstens darauf verlassen könnte, dass ein privates Studium besser auf den Arbeitsmarkt vorbereitet als ein staatliches. Teilweise ist das so: Bei WHU und Bucerius ist Ruf, Image und spätere Arbeitsmarktlage überdurchschnittlich. Doch es gibt Studiengänge, die bereiten schlechter auf den Beruf vor als es etwa eine Ausbildung tun würde. Von außen und ohne Jahrelange Erfahrung ist das überhaupt nicht mehr zu differenzieren. Auch die Bewertungsportale sagen letztendlich wenig aus: Es gibt bei Bewertungen immer eine Tendenz, sich den ersten Bewertungen anzuschließen – wenige werden bei durchschnittlich 4 Sternen plötzlich etwas Schlechtes schreiben, das erfordert eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur. Und die ersten Bewertungen sind meist nach höflicher Bitte entstanden. Hinzu kommt, dass sich Gut/schlecht meiner Meinung nach nicht an „gefällt mir“ orientieren kann.

Lars: Ich bin sowieso der Meinung, dass es für viele besser sein würde, erst mal eine Lehre zu machen. Nicht jedem, der Abitur hat, liegt ein Studium. Viele würden sicher viel lieber etwas Praktisches oder gar Handwerkliches machen. Aber nur weil durch Lehrer, Eltern und Gesellschaft das Studium gegenüber einer klassischen Berufsausbildung immer noch als erstrebenswert verkauft wird, lassen sich selbst Leute auf Uni ein, die viel lieber in der Praxis arbeiten würden.

Dabei könnte man später nach einer Ausbildung – viel bewusster immer noch studieren: Der zweite Bildungsweg hat viel Charme. Menschen, die ihn gegangen sind, sind oft fester im Sattel als Uni- und Hochschulabsolventen, gleich ob privat oder staatlich studiert – da entscheidet das einzelne Angebot.

SH: Das sehe ich auch so. Aber der Ruf nach Akademisierung klingt so stark nach, dass es ganz viele abhält. „Wenn ich weiter kommen will, muss ich studiert haben!“ Ja, das ist richtig, die Frage nur: wann passt das Studium? Und was? Ob das einseitige Setzen auf die MINT-Fächer auf Dauer die (einzige) Lösung ist bezweifle ich. Jetzt sucht man sogar im Journalismus nur noch Mediziner und Naturwissenschaftler! Wo bleiben da die Denker, die sich mit gesellschaftlichen Themen beschäftigen oder sich mit Laienaugen der Wissenschaft nähern? Ich finde, man müsste Journalisten, die das nicht gelernt haben, statistische Kenntnisse und das Lesen von Studien beinbringen, das würde reichen, um einen Gap zu schließen, die eine rein geisteswissenschaftliche Ausrichtung hinterlässt.

Lars Hahn: Ein starkes Argument für ein späteres  privates Studium ist doch auch, dass man es sich dann leisten kann, wenn man im Beruf steht. Was die MINT-Fächer  betrifft, sollte man sich mal die Frage stellen, ob wir auf dem richtigen Weg sind mit dieser Schiene. Das läuft auf einen Schweinezyklus zu. Einen wirklich flächendeckenden Fachkräftemangel gibt es da nicht. Es ist nur so, dass viele Ingenieure und Naturwissenschaftler nicht genau passend für die Stellen in diesem Bereich qualifiziert sind.

SH: De fakto gäbe es keinen Fachkräftemangel, würde man sich die Leute ausbilden und entwickeln, die z.B. Geisteswissenschaften studiert haben oder die in Jobs gearbeitet haben, die nicht eins zu eins verwertbar sind. Anpassungsqualifizierungen müssten viel wichtiger werden, auch auf akademischen Niveau. Vor allem aber müsste man mal anfangen, Potenziale von Menschen zu sehen und nicht nur  Qualifikationen.

Lars Hahn: Hier kann Weiterbildung ganz viel bewirken. Eine Weiterbildung kann auch eine Biologin zu einer vermeintlich notwendigen Qualitätsingenieurin machen oder gar einen Betriebswirt zum „Vertriebsingenieur“. Weiterbildungs-Institute könnten auch viel enger mit Arbeitgebern zusammenarbeiten, als viele staatliche Einrichtungen. Da ist viel möglich, was mit Weiterbildung zu tun hat. Und die muss vor allem gut sein, ob staatlich oder privat.

Richtig wichtig: Ob Berufsausbildung, Studium oder Weiterbildung: Das muss jeweils zu den Neigungen und zur Persönlichkeit passen. Deshalb ist es so hilfreich, vorher mit Menschen zu sprechen, die in dem Feld tätig sind, auf das mein Studium oder die Weiterbildung (angeblich) vorbereitet. Quasi per Systematisch Kaffeetrinken zur richtigen Studienentscheidung.

SH: Dann müsste man noch mal über die Finanzierung unterhalten… Denn lange nicht jeder kann sich das leisten. Firmen bezahlen nur, was ihnen direkt nützt, nicht dem Mitarbeiter. Und die Arbeitsagentur will oft eine Einstellungszusage, bevor sie zahlt und finanziert Studiengänge schon mal gar nicht… da beißt sich die Katze in den Schwanz.

About Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

Über Svenja Hofert

Ungefähr 35,4 Bücher geschrieben, einige Bestseller und Standardwerke, 5002 Kunden, ein halbes Leben Coaching, Beratung, Ausbildung. Viele Menschen weitergebracht, Neues entwickelt. Analytisch, hohe Komplexitätsakzeptanz; bei aller Menschenliebe mit Blick fürs Unternehmerische, für Talente, Visionen, Strategien. Einige nennen mich visionär, querdenkerisch, andere pragmatisch und bodenständig. Am Ende gilt beides?

5 Kommentare zu “Bildungsburger 2: Besser erst mal eine Lehre, danach kann man sich ein Studium auch kaufen (Streitgespräch)

  1. Tolles Foto von uns beiden! Richtig getroffen beim Kaffeetrinken im Café Schmidt.

    Jetzt hast Du ja in der schriftlichen Fassung doch das letzte Wort! 😉

    Und machst ein neues Fass auf für einen Folgeartikel oder den nächsten Bildungskaffee: Finanzierung von Weiterbildung. Darüber könnte man einen Roman schreiben. Über Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit aufgrund von Einkommen.

    Ansonsten: Danke für das tolle Gespräch. Daraus kann ja noch mehr werden!

    • Ja, dann lass uns mal loslegen. Und dass mit dem letzten Wort… fragt mal meinen Mann. Das ist eine furchtbare Krankheit von mir 😉 LG und bis bald, Svenja

  2. Man muss schon zugeben, dass der Artikel bei Spiegel Karriere ausserordentlich schlecht und einseitig war. Man wünscht sich, dass die Autorin sich das nächste Mal etwas besser informiert. Nur zwei Anmerkungen:

    1) An der privaten Bucerius Law School schreiben alle Studenten das staatliche (!) Staatsexamen. Da wird kein Studium gekauft.

    2) Sowohl an der Bucerius als auch an der WHU kann jeder unabhängig von seinen Finanzen studieren, da Stipendien und Darlehen vermittelt werden, und diese sind nicht an Leistung geknüpft (d.h., jeder der den Eintrittstest schafft, bekommt das Darlehen – no matter what). Die Bucerius Law School hat genau soviel Bafög Empfänger wie eine durchschnittliche staatliche Universität.

    Natürlich ist nicht jede private Institution Bucerius oder WHU. Aber mal die Bucerius/WHU, mal da private FH als Beispiel nehmen, je nachdem, was gerade passt, und dann zu Schluss alle „privaten Hochschulen“, die ein „Kaufstudium“ vermitteln, pauschal durch den Kakao zu ziehen, dass ist schlichtweg unausgewogen.

    • Noch mal: Es ging nicht um diese beiden Schulen, die sind Randaspekt. Es ging generell um Ökonomisierung und deren Phänomene, die zu einem einerseits-andrerseits führen. Ein wenig mehr Abstraktion und weniger Selbstbeschau und -Rechtfertigung würde der Diskussion sicher dienen. Ihre Argumente sind keine, die irgendetwas widerlegen. Natürlich durchlaufen Sie ein Staatsexamen, das ist so geregelt, hat aber mit der Kernaussage meines Artikels nun null zu tun. Jeder bekommt das Darlehen – es ist also ein Darlehen. Es geht um Geld – relativ eindeutig, nicht wahr? Womit wir beim Stichwort wären und der eigentlichen These.

  3. Sehr schöner Blogbeitrag den ich durch Zufall entdeckt habe. Er hat mir sehr viel Spaß gemacht zu lesen. Auch der Bericht Karriereplanung von Frauen ohne Kinder fand ich Klasse. Weiter so. Liebe Grüße Karin Taiber

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