Generation Y: Zwischen Geld, Karriere und Sinn

sinnembraceAnna hat super Noten, einen tollen Lebenslauf und einen  genialen Job in Berlin. 70 Prozent ihrer Freunde hangeln sich dagegen von Projekt zu Projekt, Sozial- und Geisteswissenschaftler; auch BWLer haben ohne Berufserfahrung nicht mehr die unbegrenzte Wahl. Wollen halt alle in den coolen Städten bleiben und nicht aufs Land.

Früher hätte man gesagt: Anna hat´s geschafft. Sie selbst empfindet das nicht so. Sie langweilt sich, der Job scheint ihr zu wenig sinnvoll. Sie kündigt und wird demnächst durch die Welt reisen, für Dawanda basteln und sich so ein paar Euros verdienen. Ob das ihren Lebenslauf kaputt macht, fragt sie vorher noch. So ganz frei von Karrieredenken ist die Generation Y dann doch noch nicht. Anna ist eine Sinnsucherin, eine von ganz vielen. Aber Anna ist auch speziell.

Etwa 30 Prozent unserer Kunden sind unter 30, gehören also zur Generation Y der nach 1981 geborenen. Ich habe einige Annas erlebt, aber das alle gleich sind und genauso ticken wie dieses Fallbespiel, kann ich nun wirklich nicht sagen. Es gibt junge Männer, die wie eh und je nach Geld streben und ihre Entscheidungen vor allem finanziell motiviert treffen. Alles, was man bei ihnen von der medial gehypten Gen Y merkt, ist eine gewisse Verunsicherung, ob das mit der Karriere so wie früher gelingen kann. Wo man ja jetzt (leider) nicht mehr sicher sagen kann, dass eine Führungskarriere das Nonplusultra ist, weil manche Experten mehr Geld verdienen und hauptsächlich das attraktiv ist.

In der Oberpfalz, da gibt es keine Gen Y

Es gibt auch junge Männer, die im Job kürzertreten, weil sie sich um ein Baby kümmern möchten. Für sie ist es einigermaßen selbstverständlich, dass die Frau halt auch mal mehr verdienen kann (ganz auf Dauer angelegt sein soll das aber eher nicht). Das ist womöglich ein rein großstädtisches Phänomen. In der Oberpfalz, so klärte mich Regionalkenner kürzlich auf, sei die Welt ganz anders. Weit und breit keine Gen Y, die irgendwo ja auch die Gleichberechtigung von Mann und Frau karrieretechnisch umsetzt.

Ja, die Gen Y ist schon anders. Junge Frauen, so merke ich, wollen oft früher Kinder als das in meiner Generation – ich würde mich von der soziokulturellen Prägung zur Generation X zählen – noch der Fall war. Wir haben mit dem Kinderkriegen öfter mal gewartet, bis es zu spät war. In meinem Fall lag das nicht mal an einer bewussten Karriere-Entscheidung, ich habe einfach an diese Dinge vor meinem 34. Lebensjahr nie gedacht.

Karriereplanung gab´s früher nur für Männer

Bis  etwa 2005 habe ich nur Karriereplanung mit Männern gemacht, bis heute sind 95% der Outplacementkunden Männer. Dass  Frauen Karriereplanung suchen und wünschen (und bezahlen), ist ein neues Phänomen. In Familienpausen Stillstehen kommt nicht mehr in Frage: Im Zweifel studiert frau (noch mal). Und das will alles gut durchgetaktet sein, sinnvoll gefüllt und mit Ziel angegangen. Das war auch mal anders, da hat man sich einfach ein paar Jahre ausgeklinkt und nicht an später gedacht.

Karriere trifft Sinn?

Was meine praktischen Einblicke zeigen ist: Die Generation Y macht einiges anders, aber ob sie auch grundlegend anders tickt? Da bin ich nicht sicher. Gibt es Beweise? Hierzu hole ich eine neue Studie hervor. Vielleicht hilft die uns weiter.

Geld, Ich und Ihr: Die Studie „Karriere trifft Sinn“, die von der Medienfabrik embrace herausgegeben worden ist, einer Tochter von arvato, zeichnet drei große Sinnbereiche in ihren SINNdizes auf.  SINNDizes – das Wort ist eine kreative Wortschöpfung ähnlich Frechmut von Herrn Buckmann, aber dann auch wieder ganz anders (Frechmut klingt unschuldig, SINNdex irgendwie nicht…).

Den SINNdex machen aus:

  1. Der SINNdex Ich: Hier geht es vor allem um Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung in der Arbeit.
  2. Der SINNdex Ihr:Wer ihn präferiert, möchte Menschen helfen und die Welt verbessern.
  3. Der SINNdex Geld. Hierunter lese ich lauter alte, oft als extrinsisch diffamierte Karriere-Werte, etwa Geld verdienen und Sachwerte wie Dienstwagen.

Diese SINNdizes bilden (Stereo-)Typen, je nachdem in welcher Kombination sie in einer Teilgruppe zu finden sind. Eine Präferenz für den SINNdex Geld kennzeichnet der so genannte “Karriere-Kai”. Die “Alles-Anna” will auf nichts verzichten, der Helfer-Hans will ganz viel “Ihr” und die “Familien-Franzi” Work-Life-Balance.

sindizes

aus der embrace-Studie Karriere trifft Sinn

Karriereorientierungen sind nicht neu

Wie ich die Studie lese, frage ich mich, ob hier wirklich herauskommt, was diese Generation ausmacht (wenn man es als Unterschied definiert) oder ob das nicht mal wieder eine großartige Marketing-Show ist. Man jongliert ein paar Zahlen und schon hat man ein paar Phänomene kreiiert – die Presseaufmerksamkeit ist einem mit “Karriere-Kai” fast sicher.

Mich erinnert die Aufteilung in Typen an Lutz von Rosenstiel, der 1993 drei Grundtypen der Karrieremotivation identifizierte:

  • „Karrieristen“ sind leistungsbereit und auf der Suche nach hierarchischem Aufstieg aus; hohe Entlohnung ist ihnen wichtig.
  • „Freizeitorientierte“ sind nicht bereit, zugunsten der Arbeitszeit auf Freizeit zu verzichten.
  • „Alternativ-Engagierte“ sind ähnlich Leistungsbereit wie die Karrieristen, verfolgen aber Ideale, deren Verwirklichungsmöglichkeiten sie außerhalb traditioneller Unternehmen sehen.

Edgar Schein entwickelte sechs Jahre später mit dem Karriereanker sieben Karrieremotivationen. Er erkannten die Karrieremotivation “Lebensstilintegration”, im Grunde Freizeitorientierung nach Rosenstiel oder/und Worklife-Balance (“Familien-Franzi”) nach Gen Y.  Rosenstiels Alternativ-Engagierte, so meine Hypothese, dürften sich in Scheins Karriereanker “Unabhängigkeit” wiederfinden. Das ist der Anker/die Karrieremotivation der oft etwas eigenwilligen Intrapreneure.

Den Wunsch sich nicht totzuarbeiten, neudeutsch Work-Life-Balance, gab es schon immer. Neu ist allerdings, dass dieses Work-Life-Balance-Ding allen Karriereorientierten irgendwie wichtig ist, auch den Karrieristen von heute (SINNdex Geld und/oder Ich). Doch ist das eigentlich wirklich ein Trend oder nur etwas, was man verinnerlicht hat? “Ich bin Gen Y”, also muss ich Work-Life-Balance fordern? Wenn Menschen mir off records verraten, dass sie liebend gern 12 Stunden arbeiten würden, sofern die Kohle stimmt (SINNdex Geld) oder von der Work-Life-Balance eigentlich nur ab und an einen freien Freitag wollen (SINNdex Ich), liegt die Vermutung nahe.

Früher musste man für viel Kohle viel Arbeiten, heute weniger

Allerdings haben sich Vorzeichen verändert, die Arbeitsumwelt ist eine andere, wenn auch das System Wirtschaft tickt wie immer – und den Karrieretakt vorgibt (nach Niklas Luhmann konsequent im binären Code Zahlung/keine Zahlung): Die Geldorientierten müssen heute nicht mehr unbedingt 12 Stunden am Tag reinhauen und schaffen, sofern sie die richtigen Laufbahnentscheidungen getroffen haben. Passt´s, können sie durchaus in Richtung Freizeitorientierung mutieren. Aber wehe wenn der Schweinezyklus kommt.

Die Ich-Orientierten wollen nicht stehenbleiben. Möglich, dass es immer mehr unter ihnen gibt, deren Engagement sich nicht mehr in Geld auszahlen wird (weil das System Wirtschaft nicht Bildung, sondern eben Zahlung will, welche verwertbare Arbeitskräfte eher verheißen). Denn wer nicht für sich und nicht für das Konto studiert, folgt oft seinen (Lern-)Interessen. Da hat man dann ruckzuck mehrere Studiengänge und nichts Monetäres davon.

Idealisten gab´s schon immer

Diejenigen mit dem SINNdex Ihr könnten Edgar Scheins Idealisten („Dienst für die Sache“) sein. Immer schon wollten Idealisten die Welt verbessern, nur waren die Themen andere. In meiner Generation noch eher das Waldsterben und Tchernobyl. Inzwischen sind die Dinge, die man retten muss, erheblich größer und unüberschaubarer geworden. Es besteht ein sehr viel intensiverer Bedarf nach Rettung von allem Möglichen… (und irgendwie bin ich nicht zur Gen Y zu gehören, denn ich wüsste nicht, wo anfangen).

Werden sich die beruflichen Wege, die Irrungen und Wirrungen der Gen Y von unseren unterscheiden? Wenig, meine ich. Die Karrierelebensphasen scheinen genau dieselben sein werden, finden nur zu anderen Zeitpunkten statt. Es geht am Anfang des Berufslebens IMMER darum, Türen zu finden, durch die man beruflich gehen kann und hinter denen ein Zuhause wartet. Das war schon früher mit Umwegen verbunden, nur durfte man diese nicht so ungestraft gehen wie heute. Danach, in der Karrierephase, will man seine Schäfchen ins Trockene bringen, die einen mehr, die anderen weniger. Irgendwann kommt der Wunsch noch mal was anderes zu machen und schließlich holt einen die generelle Sinnfrage ein: warum lebe ich? Und wieso arbeite ich? Für das nächste LED TV?

Eins ist möglicherweise jedoch wirklich fundamental anders: Die erste Sinnkrise kommt deutlich früher. Siehe Anna. Malen in der Toskana ging früher erst ab 40.

About Svenja Hofert

Seit ich im Jahr 2000 meinen Job bei einem internationalen, börsennotierten Konzern aufgab, habe ich viel gemacht: Ich habe 35 Bücher geschrieben, mehrere Portale aufgebaut und Unternehmen gegründet. Mit allem unterstütze ich dabei den "nächsten Schritt" zu gehen - in der Karriere, als Team und auch als Berater, Trainer oder Coach. In diesem Blog verpacke ich meine Erfahrung aus mehr als 15.000 Beratungs- und Coachingsstunden in Impulse und Meinungen. Beratungsangebote finden Sie auf unserer Website Karriere & Entwicklung, Seminartermine auf www.karriereexperten.com.

Über Svenja Hofert

Seit ich im Jahr 2000 meinen Job bei einem internationalen, börsennotierten Konzern aufgab, habe ich viel gemacht: Ich habe 35 Bücher geschrieben, mehrere Portale aufgebaut und Unternehmen gegründet. Mit allem unterstütze ich dabei den "nächsten Schritt" zu gehen - in der Karriere, als Team und auch als Berater, Trainer oder Coach. In diesem Blog verpacke ich meine Erfahrung aus mehr als 15.000 Beratungs- und Coachingsstunden in Impulse und Meinungen. Beratungsangebote finden Sie auf unserer Website Karriere & Entwicklung, Seminartermine auf www.karriereexperten.com.

2 Kommentare zu “Generation Y: Zwischen Geld, Karriere und Sinn

  1. Pingback: Blogposting 05/21/2014 | Nur mein Standpunkt

  2. Sehr geehrte Frau Hofert, ^^

    ich danke Ihnen für diesen objektiven Blick und die realistische Darstellung dessen, was “meine” Generation ausmachen soll.

    Ich empfinde es ehrlich gesagt mittlerweile als höchst fragwürdig, die Forderungen in Generationen zu unterteilen. Und wie Sie ja treffend dargestellt haben, sind die Wünsche und Ziele allesamt gar nicht so wirklich neu, nur wurden Sie eben früher anders genannt.

    Und ich glaube hier liegt der Kern der Wahrheit. Es ist nicht eine bestimmte Altersklasse die möchte das etwas anders wird, es ist eine Gesellschaft die sich mehr und mehr differenziert und ihre Wünsche neu formuliert, auch wenn es im Vergleich zu früher “nur” neue Formulierungen sind.

    Alles neue auf eine Generation zu beziehen halte ich für zu kurzsichtig und einfach.

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